Helgoland, oder: Vom Schwell


Atlantis

 

Noch jede Insel war Atlantis.

Doch diese ist absurd genug.

Ein roter Felsen, ausgesetzt, im blauen Meer.

Grün wächst der Klippenkohl.

Gelb leuchtet der Sand

hinüber von der Düne.

Grund-Farben.

        

Das Meer ist eine blaue Mauer.

Es trägt. Verbindet.

Es wehrt ab. Verschlingt.

(Und unten herrscht der Schwell,

Meeressensorik:

Längst ist der Wind schon abgeflaut,

die Wellen aber laufen weiter,

werden gespeist aus andern Räumen,

anderen Meeren. Ruhig

scheint nur die Oberfläche)

             

Schiffahrt tut not

 

Schifffahrt aber tut not.

(für Handel und für Krieg.

Mission und Nahrung.

Schmuggel und Erforschung)

Auf kleinen Booten kamen Missionare

Ins Heilige Land (und nannten es: Heligo-Land).

Mit großen Schiffen und Kanonen kamen

Wechselnde Nationen, immer neue Flaggen.

Dann kam der große Krieg.

Die Bewohner wurden

Ausgebootet. Verschickt aufs feste Land.

Die Soldaten kamen statt der Bädergäste.

Die Möwen kreischten höhnisch,

Atlantis

Zuckte mit den Schultern.

Der Schwell war groß wie nie zuvor.

                 

Atlantis überlebte alles.

Auch die großen Kriege, Weltereignisse

Mit stärkster Dünung.

Am Ende aber sollte

es selbst vernichtet werden. Völlig. Von Grund auf.

Nicht mal als Zielscheibe mehr tauglich

Für kreisende Zerstörer.

Versprengt für alle Zeiten.

         

Ob das Herz der Insel bebte? Sogar der Schwell

Versteckte sich. Die Felsen brachen

Hinab ins Meer, Zyklopenwürfel,

die Wellen türmten sich haushoch, die Möwen

Verließen ihre Nester

Sorgsam geflickt aus bunten Fischernetzen, stiegen auf,

ein dunkler Schwarm vor Gischt und Chaos, kreischend:

Wehe! Wehe! Wehe!

           

Die Spaßgesellschaft

 

Das alles ist vergessen, höchstens noch

Ein kleiner Schwell im Windfall der Geschichte.

Heut herrscht nur einer noch auf Helgoland:

Der Spaß!

(ein sehr ernsthaftes Geschäft)

Täglich kommen die Bäderschiffe gefahren,

bunt bewimpelt, umkreist von Segelyachten,

und dort, seht nur, wie er dahingleitet:

der Katamaran! Ein Rennläufer auf schmalen Kufen,

so elegant! Dass ein Schiff so schweben kann!

Die alten Fischerboote dümpeln vor sich hin.

Der Blechkochtopf im Krabbenkutter wird bewacht

Von arbeitslosen Möwen. Die Hummerbuden

Haben schon lange keinen Hummer mehr gesehen

Aus eignem Meer.

Die Dreimaster fahren Touristen. Oder Bierwerbung.

Sogar die Meerjungfrau am Bug

Sieht aus wie Barbie.

                   

Daneben schläft ein dunkles Monster:

Schwarz. Schnittig. Technisch.

(Festrumpfschlauchboot, verrät das Internet:
Ein Männerspielzeug, hochgerüstet,

für Kampfschwimmer und Bombenleger).

Ein Hubschrauber kreist weiter oben.

Schwarz. Klobig. Gefährlich.

Vielleicht sollte man

Das Festrumpfboot bewimpeln, bunt,

mit Gebetsfahnen, den Windpferden

des Hochgebirges, die die Gebete

der Seefahrenden ins Meer hinaus befördern, bis sie

ganz bleich sind von dem vielen Salz.

Ihr Stoßgebet: Schont Helgoland!

Ein jeder Spaß muss irgendwann ein Ende haben!

               

Doch immer weiter strömen Tagesgäste,

pünktlich zur Mittagszeit

vom Hafen aus, sternförmig, Angriffsformation,

leicht wankend noch vom Katamaran,

nichts ahnend von dem Schwell

ferner Geschichten und Bedrohungen.

(Außer bei Sturm: Dann hat Atlantis

Ruhetag)

Vermummt mit

Sonnenhüten, Sonnenbrillen,

zu bunten Kleidern und zu kurzen Hosen,

Fähnchen

von Sonnenmilch und Bier verbreitend.

Flipflops quietschen.

Die Stimmung riecht nach Schuleschwänzen:

Dem festen Land endlich entronnen!

Flucht in das Paradies: Und heute nur noch

Shoppen, shoppen, shoppen!

Die Läden warten schon, die Türen weit geöffnet,

Batterien aus Schnaps füllen die Fenster.

Whisky. Gin. Wodka. Rum. Wer

Zählt die Länder, kennt die Flaschen!

Schokolade! Zigaretten! Parfüm! Das gute Leben!

(doch keine Ansichtskarten mehr.

Atlantis hat heute flächendeckend W-LAN).

Noch eine kleine Robbe vielleicht obendrauf?

Beruhigend surren E-Motoren,

darüber kreischen Möwen, einzeln,

der Katamaran hupt

zum Abschied.

Ein letzter Flipflop quietscht.

(Atlantis atmet auf: Endlich Feierabend!

Die große Stille!)

                                  

Unterland, Oberland, Ende des Landes

 

Viele der Tagesgäste kommen nicht hinaus

Über das Unterland:

Die bunten Hummerbuden, Kneipen,

Hotels mit Seaview, Promenade,

dahinter schmale Gässchen, autolos,

mit Feigenbäumen und Vorgärten, über die

Betonseehunde wachen.

Farbabgestimmt, von schlichter Bauart,

langvergessen schon die mondäne Pracht

der Grandhotels. Damals war

Atlantis eine Extravaganz. Heute

Eine Vorortsiedlung.

Bauhauswürfel

Mit Appartements.

Auch im Oberland:

Die schmale Front des Menschlichen,

noch einmal dupliziert, am Klippenrand

(Whiskey. Gin. Wodka. Rum.

Und dann und wann ein Seehund).

                    

Doch gleich danach beginnt die Wildnis.

Weite. Ebene. Grünes Plateau mit Bombentrichtern,

in denen langhaarige Schafe grasen.

Und ganz am Ende, wo die Felsen hinunter-

Brechen in das blaue Meer, die Lange Anna winkt,

ein Zahn der Zeit, dort, ganz am Ende:

Apokalypse. Vogelschwärme, ungezählt.

Reine Masse. Schreie

Ohne Sinn. Gewagte Flugmanöver, pausenlos.

(Herrscht hier der Schwell? Sind es Strömungen

Aus andern Zeiten? Ländern? Winden?)

Torkalken.

Trottellummen.

Basstölpel.

Schwarm-Intelligentsia.

Flugkünstler. Nestbauer

(kein Bauhaus, weit und breit).

Schnabelhacker.

Flügelspreizer.

Volksredner.

Augenmasken. Flügelmuster. Farbschauer.

Und wenn die kleinen Lummen flügge werden

- aber nicht wollen, piepsen: nein, das will ich nicht! -,

dann werden sie geschubst: der Sprung ins Leben!

                         

Die Düne und der Schwell

 

Ob es die Robben auf der Düne spürten, damals als

Atlantis sterben sollte, untergehen, endgültig

Ausgelöscht aus allen Karten?

Die Düne döste vielleicht noch im Sonnenschein,

flach hingestreckt, mit ihren

Farbflecken aus Sanddorn, Hagebutten,

mit ihren

weißen Stränden, auf denen sich

ein endlos blauer Himmel spiegelt,

mit ihren

grauen Steinen,

braun gemustert,

feucht glitzernd,

bewegte Masse,

samtig stöhnend,

dahin dösend

Als gäbe es die Zeit nicht.

Gelegentlich ein kleines Flossenschlagen,

Schwanzspitzengymnastik,

behäbiges Gekugel.

(mehr Bauch als Kopf)

                      

Aber sie können auch tanzen!

Wenn die großen Bullen sich aufrichten,

brüllen, füllige Primadonnen,

aus Fisch und Meer und Gewalt und Anmut,

bebt Atlantis immer noch.

      

Das wahre Paradies: bei ihnen liegen,

nackt, händepatschend,

den Bauch wendend im warmen Sand,

die Füße wedelnd im streichelnden Meerwasser,

die Brise leicht kühlend auf dem feuchten Fell,

ein Teil der Herde, ein grauer Stein unter

grauen Steinen,

erkenntlich höchstens

an einigen braunen Flecken

auf blasser Haut.

Aus Knopfaugen schauen,

in endlose Weiten

(die man nicht erobern will),

die Barthaare zitternd,

erwartend

den großen Seegang,

ersehnend den Schwell.

                  

Atlantis war immer Atlantis wird sein

Noch tausend Sonnen später

(die Sonne geht auch dann unter, wenn keiner zuschaut)