Minutiae aktuell


 


08. Februar 2019, 16:30

Vorgarten

Man kannte keinen Namen.
Wollte ihn nicht wissen.
Man wusste nur:
Dies ist ein Gelb, so strahlend wie die Sonne
selbst. Und seine Strahlen
konnte man zählen: einzeln,
und nicht wissen wollen
wie viele genau. Und Weiche ohnegleichen,
in schlanken Gliedern, viele
(ungezählt) im Kreis geordnet, der
die Sonne war: mit Sonnenflecken,
Sommersprossen, leuchtend ganz von innen,
vor einem Grün, das weder tief war
noch bedeutete: nur Hintergrund allein
für dieses Gelb, und rauer Stengel
seinem runden Strahlen.

Hinter dem Haus aber
begann der große Garten:
Gemüse (mit Namen). Früchte,
die man nicht essen durfte,
nur heimlich, lange
vor der Reife,
im Übergang von hellem Grün zu hellem Rot,
mit Arbeit jeden Tag aufs Neue.

Vor-Garten aber: kleines Reich
jenseits des Wissens und des Wollens
aller Großen,
gut versteckt im Offenen,
geordnet in sehr kleinen Kreisen und Quadraten,
umhegt von weißen Latten hin zur grauen Straße,
die hinaus führte (wohin? Ins später).
Nie wieder wird der Flieder riechen
wie damals: als man ihn nicht kannte.

Jutta Heinz




01. Februar 2019, 16:13

Dahingetwittert

#faustreloaded. Hybris in Tüten: Wenn Goethe als alter Mann nicht den Faust II geschrieben hätte, wäre er an seinem Ego zerplatzt. Macht nichts, wir könnten auch heute noch von den Fetzen gut leben.

#faustreloaded. Ist eigentlich schon jemand aufgefallen, dass im ganzen dritten Akt fast ausschließlich Helena zu Wort kommt (na gut, und Phorkyas, ihre häßliche Schwester)? Der Mann war, zu allem Überfluss, auch noch Feminist!

#faustreloaded. Und wenn das Ende nun doch ironisch wäre, große Oper, Katholizismus-Zauber und Weihrauchgeruch? Mephisto ist gerade noch mal davongekommen und wischt sich den Schweiß von der Stirn: Den bin ich endlich los!

#whowassappho? Skript für eine soap: Frau, schön, gute Herkunft, macht Karriere in einem Männerjob, verliert den Ehemann, gründet eine Mädchenschule, gerät in den Verdacht homosexueller Umtriebe, springt aus unerwiderter Liebe vom Felsen. Ihr Werk wird verbrannt. Unsterblich!

Jutta Heinz




26. Januar 2019, 16:10

Mein Kanon

Natürlich ist die Idee absurd. Wie soll man die Weltliteratur auf eine abzählbare Liste von Titeln reduzieren, die von jeder und jedem, zu jeder Zeit, an jedem Ort, gelesen werden sollten, weil sie ein unsterbliches Substrat absoluter Weisheit, verpackt in ein Gewand von altersloser absoluter Schönheit präsentieren? Würde das nicht voraussetzen, dass es ein Substrat absoluter Menschheit gibt (Menschheit, nicht Menschlichkeit: das ist meist nur das Gewand einer Ideologie) und eine ideale Form, vollkommen, aber gleichzeitig anschaulich und individuell? Und doch, und doch – würde man an der Idee gern ein wenig festhalten. Vielleicht ein winziges, atomisches Quantum Menschheit, das in uns allen wohnt, es muss weder gut noch böse sein; allerdings muss es dann, da geht kein Weg vorbei, in Adolf Hitler ebenso wohnen wie in Mahatma Gandhi, weil: Sie waren Menschen und keine Monster oder Übermenschen.

Aber vielleicht wird es besser, wenn man die Frage ein wenig reformuliert, also nicht so arg substantialistisch, sondern eher pragmatisch und praktisch, nämlich: Von welchem Buch würde ich mir wünschen, dass es jede und jeder irgendwann liest, es muss auch nicht vollständig und von vorn bis hinten sein? Und dass es sogar aushält, dass man es mehrmals liest, zu verschiedenen Zeiten an verschiedenen Orten und in unterschiedlichen Altersstufen (denn schon ein Mensch selbst ist ein wenig schwer auf eine einfache Substanz zu reduzieren)? Da fällt mir immerhin einiges ein, es ist eine recht bunte Liste, und ich fange sie einfach mal an (die Reihenfolge stellt keine Wertung dar, das wäre nun endgültig zu viel verlangt; es sind alles große Brocken, darunter tue ich es nicht, und vielleicht wäre es sogar am weisesten, wenn man sie ein wenig mischte, wie noch jedes gute Ragout ….):

Robert Musil, <i>Der Mann ohne Eigenschaften</i> (ein Buch, das es ausgezeichnet verträgt, stückweise oder von hinten nach vorn oder im Zustand gedanklichster Klarheit oder im Zustand mäßigen Rausches zu lesen – ein Buch ohne Eigenschaften hält all das aus…)

Johann Wolfgang Goethe: <i>Faust</i> (und ich meine der Tragödie zweiten Teil, nicht die dumme Gretchen-Geschichte, die einen als Frau sowieso nur sinnlos empört und ärgert; nein, Goethes sehr ernste Scherze, die er am Ende seines Lebens in seinem Schreibtisch verschlossen hat, weil die Zeit noch nicht reif dafür war)

Terry Pratchett (irgendetwas aus dem <i>Scheibenwelt</i>-Zyklus, es kommt nicht so genau darauf an; lustiger ist Philosophie noch nie verpackt worden, und sie leidet dabei gar nicht so arg an der Substanz, wie man glauben sollte)

Tolkien, <i>Der Herr der Ringe</i> (das einzige und endgültige Buch über die dunkle Seite der Macht in uns allen)

George Eliot: <i>Middlemarch</i> (ja, weil es eine Frau geschrieben hat; ja, weil diese Frau unendlich klug war und eine hervorragende Beobachterin und weise und humorvoll wie die Hexen von Terry Pratchett; und ja, weil die Leute zu wenig über Orte wie Middlemarch nachdenken, aber gewöhnlich ihr Leben dort verbringen)

Virginia Woolf: <i>Orlando</i> (das ultimative Buch über Männer und Frauen und warum sie so unendlich unterschiedlich sind und warum das gut so ist. Dass es nebenbei auch noch viel über Literatur weiß, was man auch gern verschweigt, ist nur ein willkommener Nebeneffekt)

Gustave Flaubert: <i>Bouvard und Pecuchet</i> (es gibt so viele kluge Bücher, da kann man ruhig einmal eines über das monumentale Ausmaß der menschlichen Dummheit lesen, vor allem wenn sie sich als Wissenschaft verkleidet)

Fernando Pessao: <i>Das Buch der Unruhe</i> (besonders ragouthaft und irrelevant, das allein schon sollte es empfehlen)

Rousseau, <i>Emile</i> (viele Leute glauben, beim Erziehen kann man eigentlich nur alles falsch machen. Es spricht zwar viel dafür, aber es stimmt nicht, und Rousseau hat es gezeigt)

Miguel de Cervantes, <i>Don Quijote</i> (ein Buch, ich gebe es zu, dass ich noch niemals ganz gelesen habe, aber spricht das dagegen, es auf einen Kanon zu setzen ? Ich glaube, ich habe etwas davon verstanden, und die wesentliche Message ist : Vorsicht beim Lesen ! Kann etwas wichtiger sein für einen Kanon ?)

Rainer Maria Rilke, <i>Duineser Elegien</i> (Gedichte haben es schwer im Kanon. Gedichte haben es überhaupt schwer. Das sind keine einfachen Gedichte, aber manchmal muss man es sich schwer machen)

William Shakespeare, <i>Sommernachtstraum/Sturm</​i> (mit Shakespeare ist es fast noch schwieriger als mit Goethe, zumal es Dramen auch schwer haben im Kanon. Und ich Shakespeare nicht genug kenne, sein Englisch ist auch nicht einfach. Aber ich liebe den Sommernachtstraum seiner Verfilmung von Woody Allen wegen und den Sturm wegen Ariel. Ich arbeite noch an stichhaltigeren Gründen)

(to be continued...)

Redakteur




26. Januar 2019, 16:05

Die Grenzen der Unwirklichkeit

"Unwirklichkeiten" in der Malerei im Kurpfälzischen Museum Heidelberg: Während draußen der Herbst übergangslos in einen feuchtkalten Halbwinter übergegangen ist, bietet die Ausstellung einen nicht uninteressanten Gemischtwarenladen der Malerei seit 1800, bestückt mit wenigen Glanzstücken und viel Solidem. Schnell wird der Besucherin klar, dass "Unwirklichkeiten" hier ausstellungsstrategisch in einem sehr weiten Sinn verwendet wird: Unwirklich sind die Nachtbilder der Romantiker (ein wenig Mond), die Alpträume eines Goya (viel Psyche), die Mythenmalerei der Symbolisten (und ewig ruft das Weib) ebenso wie der abstrakte Expressionismus (wenn nichts zu erkennen ist, muss es wohl unwirklich sein) oder die eindrückliche Skulptur von Käthe Kollwitz (Moment mal, war das nicht eher realistisch?) Grübelnd und den Herbstwinter vermeidend streift man durch die restliche Ausstellung und verirrt sich in wenig besuchte Abteilungen, darunter die Sammlung Posselt. In intimen Kabinetten ist der Ertrag eines Sammlerlebens zu besichtigen: Es gibt hinreißend wirkliche Stillleben, bunte Bauernbilder, stürmische Seestücke, bei denen man die Wogen zu hören meint, ein wenig Historienmalerei, ein wenig Architekturmalerei - und noch während man die Stille und die Nahsicht genießt, beschleicht einen von hinten der Verdacht, dass die Wirklichkeit doch wohl die ungleich größere Vielfalt an Stoffen, Themen, Darstellungsweisen zu bieten hat. Unwirklichkeit hingegen ist natürlich begrenzt durch die eingeschränkte Kraft unserer Phantasie, die immer die gleichen Dinge imaginiert (ein wenig Mond, viel Psyche, und ewig ruft das Weib). Aber niemand würde wohl jemals wagen, eine Ausstellung "Wirklichkeiten" zu nennen - außer man würde wirklich gegenstandslose, konkrete Kunst zeigen wollen, im Modus der Ironie ist man immer modern. Aber die Ausstellung ist trotzdem hübsch (und Picassos 'Mann mit Schwert' ist sowieso eigentlich Don Quijote, das hat nur noch niemand gemerkt, weil man zu sehr im Imaginären versumpft war).

Redakteur




26. Januar 2019, 16:04

Philosophen-Quartett

Die Idee ist nicht neu, aber der Vorrat neuer Ideen ist, seien wir ehrlich, schon seit langem erschöpft; man ist schon froh, wenn man eine ordentlich wieder aufgefrischte, leicht anmodernisierte und nicht völlig verfälschte bekommt. Treffen sich also vier Philosophen, nennen wir sie Wittgenstein, Benjamin, Cassirer und Heidegger (und sind das nicht schöne, sprechende Namen, wie sie nur die Realität erfinden kann?), in bewegter Zwischenkriegszeit (1919-1929) in Davos, Freiburg oder auf dem Papier zu einem Philosophenpalaver über die Grundfragen der menschlichen Existenz (gibt es Sein oder vielmehr Nichts? Bedeutet die Sprache oder plappert sie nur? Und an welcher Universität bekomme ich endlich den ersehnten Lehrstuhl und meine Frauen/Kinder/Geliebten endlich wieder genug Geld zu leben?). Alle vier sind, nun, vielleicht kann man sagen: sehr gründliche Denker in dem Sinne, dass sie den Dingen auf den tiefen, tiefen Grund gehen wollen und es dem Normalsterblichen, der lieber auf der schönen friedlichen Oberfläche bleibt, ein wenig schwer machen ihnen zu folgen. Wolfram Eilenberger aber macht es uns leicht, und er ist dabei durchaus auch ein kleiner Zauberer: Leichtfüßig führt er uns durch schwergängiges philosophisches Gelände, scheut nicht die Anekdote, nicht ein wenig Pathos, kann Ironie und tiefere Bedeutung und präsentiert einen philosophischen Dialog auch einmal im Modus des Sportreporters. Hinterher fühlt man sich ein wenig, als hätte man die vier "Zauberer" persönlich gekannt. Man hat sogar einen kleinen Impuls bekommen, in Schriften zu schauen mit wenig attraktiven Titel wie Tractatus logico-philosophicus oder Sein und Zeit oder mal wieder durch das Passagenwerk zu streifen. Am liebsten jedoch würde man eine Runde Philosophen-Quartett spielen, in der anstelle von Pferdestärken zugkräftige Ideen und anstelle von Benzinverbrauch die zur Lektüre aufzuwendende geistige Eigenenergie trumpfen. Wer jedoch gewinnen würde, das lässt Wolfram Eilenberger, geschulter Philosophievermittler und -verkäufer, der er ist, ganz im Offenen: Das muss schon jeder Zauberlehrling selbst herausfinden.
(Wolfram Eilenberger: Zeit der Zauberer. Das große Jahrzehnt der Philosophie 1919-1929. Klett-Cotta 2018)

Redakteur




26. Januar 2019, 15:52

Hegel und die Currywurst, oder: Lob des Vorurteils

Worauf ich übrigens auch ziemlich stolz bin, ist, dass ich noch nie in meinem Leben eine Currywurst gegessen habe. Ich könnte das begründen, relativ rational, mit dem eher mangelhaften ästhetischen wie nutritiven Reiz einer blassen Wurst unter einer grellbunten Soße, die offensichtlich nur erfunden ist, um eine Vielzahl von Sünden unter Farbe und Geschmacksverstärkern zu verdecken, und das war anfangs wohl auch die Ursache meiner Abneigung. Aber irgendwann hat sich dieser absurde Stolz entwickelt, und heute prahle ich einfach völlig begründungsfrei damit, dass ich noch nie in meinem Leben eine Currywurst gegessen habe – man prahlt viel zu selten mit etwas, was man noch nie getan hat, dabei kann das doch auch eine Leistung sein und ein Verdienst! Aber Scherz beiseite, es geht um ernste Dinge, nämlich um Currywürste und Georg Friedrich Wilhelm Hegel! Genau, der Hegel, preußischer Staatsphilosoph und Erfinder des Weltgeistes, in dessen Mantel man ihn deshalb auch immer gehüllt sieht, aber wahrscheinlich hat sich heimlich das Bild von Napoleon in seinem Feldherrenmantel darüber geschoben, aber er kann die Tränensäcke und die Hängebäckchen nicht vertuschen, genauso wenig die grellbunte Sauce die blasse Wurst. Denn das ist mein zweiter Negativ-Stolz: Ich habe noch nie Hegel gelesen; nein, das stimmt nicht ganz, ich habe es mehrfach versucht, einzelne Sätze, aber ich bekomme sofort eine geistige Abstoßungsreaktion, die sich in dem Bedürfnis äußert loszuschreien: falsch, falsch, von Grunde auf falsch! Ich bin im Übrigen sonst weder besonders streng in meinen Urteilen über die Richtigkeit oder Falschheit von Dingen (natural born sceptic), noch besonders wählerisch in meinen Lektüren, ich habe schon ganz andere Philosophen verdaut und esse gelegentlich sogar Fastfood. Nein ich finde es einfach so schön, dass es zwei Dinge auf dieser Welt gibt, bei denen ich mir das Recht reserviere, bei meinem von keinerlei realer Erfahrung angefochtenen Vorurteil zu verweilen. Ich finde, jeder sollte ein kleines privates Reservat für Vorurteile haben. Ständig muss man Dinge überprüfen, liebgewordene Überzeugungen ablegen, vertraute Gewissheiten auf den Müllhaufen der persönlichen Illusionen entsorgen. Aber dann, ganz heimlich, geht man zwischendurch schnell in sein Reservat und sagt: „Currywurst, niemals! Weltgeist, du kannst mich mal!“ Und dann geht man wieder raus und verhält sich vernünftig.

Redakteur