Das Bella-Buch


Am Anfang hat man sie gar nicht gesehen. Sie hatte sich verkrochen, ganz tief in ihren Korb, so als wollte sie nie mehr wieder herauskommen. Das war nichts Besonderes, das machten die meisten ihrer – nein, man möchte nicht sagen: Leidens-Genossen, denn es war ja zu ihrem Besten, dass sie hier im Tierheim gelandet waren, viele tierliebende Menschen opferten hier ihre Freizeit und ihr Herzblut für diese verstoßenen Kreaturen. Aber leider litten sie dabei, offensichtlich, unvermeidlich, also: Sie litt, wie ihre Leidensgenossen, all die Katzen und Kater, die sich irgendwo versteckten in ihren vergitterten Käfigen, manche sogar im Katzenklo, andere hatten offensichtlich die Fähigkeit sich ganz und gar unsichtbar zu machen. Draußen kläfften die großen Hunde, die es auch schwer hatten, und im Büro trieb der gutherzige Dilettantismus Blüten und das Telefon klingelte unaufhörlich und gelegentlich im Takt zum Bellen der Hunde. Nur ganz hinten im Katzenhaus tollten einige ziemlich minderjährige Katzenkleinkinder mutwillig übereinander und untereinander, die natürlich jeder sofort mitgenommen hätte. Aber wir standen vor ihrem Käfig, irgendwie hatte es sich so ergeben; "Bella" stand auf dem Namensschild, wer hatte sie wohl so genannt, und was hatte er oder sie sich dabei gedacht? Konnte man nicht, wenn man ganz genau hinschaute, ganz hinten ein paar sehr große kugelrunde Augen sehen? Und war es nicht so, wenn man sich den Käfig aufsperren ließ und sich sehr vorsichtig näherte, dass einen die großen kugelrunden Augen fixierten und nicht mehr losließen, gar nicht wehleidig, eher aus Angst entschlossen, aus Schrecken gebannt, pupillenschwarz gewordene Panik? Bella starrte. Man konnte, stellte sich heraus, sehr vorsichtig eine Hand in den Korb stecken; man konnte, sehr vorsichtig, sie berühren, durch das dicke Fell tasten, das man jetzt erst bemerkte, und irgendwann, war es der Stress oder doch ein erstes Erkennen, begann der versteckte Körper hinter und unter den großen Augen sogar vorsichtig zu schnurren. Und dann streckte sie die Pfote ein klein wenig vor, es war die rechte. Mehr konnte man nicht erwarten. Aber es brach einem ein wenig das Herz, wieder zu gehen und die großen Augen zurückzulassen, die nun wieder ins Leere starren würden, auf das Gitter, ins eigene Innere, wer weiß das schon. Draußen kläfften die Hunde immer noch, und wir versprachen ihr, Bella, dass wir wiederkommen. Vielleicht hatten wir gewisse Zweifel, dass wir eine Katze wollten, die irgendjemand Bella genannt hatte, o.k., zugegeben; aber ihr Blick hatte sich irgendwohin gebohrt, zwischen Herz und Verstand, und blickte von innen aus weiter.

 

***

 

Beim zweiten Besuch war alles genauso. Sie saß im gleichen Korb, ganz weit hinten, aber man kannte die Augen ja jetzt schon. Und während die sehr umfangreichen Übergabeverhandlungen im Büro geführt wurden, unter dem ebenfalls schon bekannten rhythmischen Takt von Hundegebell und Telefongeläute, heute noch etwas stressiger als beim letzten Mal, aber mit einer bürokratischen Genauigkeit, die einen einfachen Autokauf als spontanen Feierabendeinkauf erscheinen ließ, taute Bella ein wenig auf. Sie drehte sich vorsichtig, man kam schon fast an den Bauch, er war sehr wollig, wie sich herausstellte. Die Pfote kam vor, man konnte auch sie anfassen. Natürlich würde es so sein, dass man eine Katze "kaufte", ohne sie besehen zu haben; woher sollten wir wissen, ob Bella klein oder groß, ein schlanker Räuber oder eine behäbige Wohnungsmieze war? Es war halt Bella. Man sah nur die Augen, sie bohrten sich dieses Mal noch ein wenig tiefer ein, das war durchaus kein ganz angenehmes Gefühl; Bella war nicht mitleiderregend, sie war nicht kläglich, sie war nur panisch und streng und vermittelte etwas, das man vielleicht, notwendig ungeschickt, in menschliche Worte fassen kann: Ich trau dir nicht. Ich behalte dich im Auge. Du bist wahrscheinlich auch nur einer von denen, die einem erst einen Namen geben und ein kuscheliges Körbchen und einen dann verlassen. Nein, du schaust jetzt nicht weg! Ich bin nicht niedlich, ich heiße zwar Bella, aber Namen kann man nicht trauen. Dann kam, endlich, die Tierheimleiterin, packte sie mit entschiedenem Griff im Genick – man sah, erstmals, eine ziemlich große Katze mit allen dazugehörigen Gliedern, die vor lauter Verwirrung noch nicht einmal zappelte – und packte sie in unseren sorgfältig ausgepolsterten Katzenkorb. Und wir fuhren mit Bella nach Hause.

 

***

 

Im Gegensatz zu Minka verhielt sich Bella vorbildlich beim Autofahren. Kein Murks, kein wildes Toben, kein Rütteln am Gitter. Wir fühlten uns sicher. Es war alles richtig gewesen. Das war, wie sich herausstellen sollte, ein klein wenig voreilig gefühlt. Bella blieb ruhig, als wir aus dem Auto ausstiegen und sie ins Wohnzimmer trugen. Dann öffneten wir die Tür des Katzenkorbes, sehr vorsichtig. Sie kam nicht heraus, na klar, konnte man verstehen. Wir ließen sie ein wenig in Ruhe. Und dann verschwand eine Katze. Es war wie ein Zaubertrick. Als wir einige Minuten später zurückkamen, war da nur noch ein leerer Katzenkorb und keine Spur einer Katze, nirgends, noch nicht einmal ein paar Haare. Nun gut, sie würde sich versteckt haben; das hatte die viel zu plapperige Inspektorin vom Tierheim, die uns einige Tage zuvor auf unsere Eignung als verantwortungsbewusste Katzenhalter geprüft hatte, ja angekündigt; wir hatten ihr zwar nicht so recht geglaubt, schließlich hatten wir schon eine Katze gehabt und wussten, wie Katzen funktionieren! Bella aber, so stellt sich jetzt heraus, funktionierte anders. Ganz anders. Sie konnte zum Beispiel spurlos verschwinden, das hatte Minka nie getan. Wir suchten, überall. Wir suchten an den Stellen, von denen man sich vorstellen konnte, dass sich eine Katze dort verstecken würde, und dann suchten wir an den Stellen, von denen wir uns nicht vorstellen konnten, dass sich dort eine Katze verstecken konnte; und schließlich, kurz vor der völligen Verzweiflung sogar in Räumen, die definitiv mit einer Tür verschlossen gewesen waren. Dann gaben wir auf. Wir setzten uns zum Abendessen, beunruhigt und mit wenig Appetit, und warfen immer wieder verstohlene Blicke in alle möglichen Ecken. Nichts. Wir standen auf und suchten nochmal an den gleichen Stellen, auch an den unmöglichen. Nichts, nichts, nichts. Es war bestimmt eine ganze Stunde später, als ich aus dem Augenwinkel eine Bewegung unten hinten im Bücherregal sah. Ich hätte schwören können, es sei gänzlich unmöglich sei, dass eine Katze – die zudem eine relativ massive Katze war, eher das Modell behäbige Zimmermieze – einen Platz zwischen den Büchern und der Wand finden könne. Es war nicht unmöglich. Bella hatte es bewiesen. Sie saß dort, die großen Augen starrten zwischen den Comics hervor, ironischerweise war es direkt neben den Garfield-Büchern. Aber nein, sie war kein Garfield, ganz sicher nicht. Sie war Bella, und wir würden schon lernen, sie zu finden.

 

***

 

Bella jedoch fand in den nächsten Tagen viele Orte, an denen man spurlos verschwinden konnte. Der erste Favorit war die Schublade unter dem Sofa im Wohnzimmer – eigentlich eine geschlossene Schublade, aber, aus welchem Grund auch immer, war eine der Ecken etwas offen, vielleicht zum Lüften der dort gelagerten Wolldecken, man hätte jedoch nicht geglaubt, dass eine Katze dort hindurch passte. Sie passte aber. Und wenn sie schlangenförmig hineingeschlupft war, wickelte sie sich in die Wolldecke ein, so dass man, wenn man die Schublade öffnete, keine Katze sah. Man sah eine etwas wulstige Wolldecke und dachte, komisch, habe ich die nicht ganz anders zusammengelegt? Dann schlug man die Decke vorsichtig zurück, und die schwarzen Augen starrten einen an. Vielleicht kam eine Pfote vor, dann und wann. Ansonsten ließ man Bella lieber in Ruhe. Des Nachts kam sie offensichtlich hervor, fraß ihren Futternapf leer, trank Wasser und benutzte, ohne jede Einweisung, korrekt ihr Katzenklo (sie war allerdings viel besser als Minka darin, die Streu anschließend in einem Umkreis von einem Quadratmeter fein zu verteilen). Zwischendurch schaute man mal wieder, sie war wieder eingewickelt. Eine Katzenmumie. Konnte sie nicht ersticken? Offensichtlich nicht. Es war der ideale Platz, man war dabei, aber unsichtbar. Wir saßen auf ihr, im wörtlichen Sinne, und überlegten, ob wir ihr nicht doch einen anderen Namen geben sollten. Bella, nun gut, wir hatten schon eine Ahnung davon, dass sie eine ziemlich fellreiche Katze mit einem ziemlich hinreißenden Gesicht war, einer feinen fedrigen Halskrause, dicken Samtpfötchen, pludrigen Ohren und langen weißen Schnurrhaaren. Aber war es nicht doch wichtig, ihr selbst einen Namen zu geben, sie damit erst wirklich zu unserer Katze zu machen, nicht zu einer Bella, die von irgend jemand verlassen wurde, der Katzen Bella nennt? Wir erwogen kurz, sie Eule zu nennen, des Starrens wegen, oder Hase, wegen ihrer Art, die Pfötchen vorzustrecken. Aber eigentlich war sie eher ein Enigma, das sich uns noch nicht recht erschloss, ein flüchtiger Besucher, mehr ein vorbeiblitzendes Augenpaar als eine Katze. Ach was, beschlossen wir irgendwann, ohne noch länger darüber zu reden; wir sind nicht die Leute, die meinen, einem selbstständigen Wesen ihren Charakter aufdrücken zu können, indem sie ihm einen Namen anhängen! Sie ist Bella. Minka hatte Charakter, Bella hat Schönheit. Beides ist anstrengend und eine Verpflichtung.

 

***

 

Dann fand Bella ihren Platz, endlich. Zwischendurch hatte sie das Gästebett ganz hinten im Gästezimmer erprobt, zwei oder drei Tage lang; wir hatten sie auch im Verdacht, im Kinderzimmer eine Ecke unter dem Bett gefunden zu haben, die tatsächlich für Menschen völlig uneinsehbar war. Aber dann hatten wir sie eines Tages überredet – schließlich sollte sie ihr Territorium langsam erweitern – uns auf den Dachboden zu folgen. Dort gibt es sehr viele Dinge, die für Katzen sehr interessant sind – für andere Katzen jedenfalls, wie zum Beispiel Kater, der sich dort sehr lange aufhielt und immer neue interessante Ecken fand, bis er mitten auf dem Wäschekorb glücklich wurde, dessen Durchmesser genau der gleiche war wie der seines imponierenden Kater-Körpers, wenn man ihn nur richtig kringelte. Bella jedoch erwählte den Billardtisch; unseren lange nicht benutzten, mit einer etwas staubigen gelbgrünen Samtdecke aus einem vorigen Jahrhundert und einer Vergangenheit als Vorhang bedeckten, etwas zu kleinen Billardtisch. Aber Bella fand ihn genau richtig; man konnte sich in eine Ecke setzen, oder auch legen (aber nur, wenn keiner schaute), gleich bei den Queues, und dort wohnte Bella nun. Den ganzen Tag lang. Man musste nicht mehr suchen, unter Betten krabbeln oder Schubladen öffnen – nein, man musste nur den Weg zum zunehmend kühler und ungemütlicher werdenden Dachboden auf sich nehmen, und dort saß, unfehlbar, eine Katze auf dem Billardtisch, immer noch großäugig und scheu. Aber dann hob sie ein wenig das Pfötchen, ihr Markenzeichen, und alles war gut, und man ging wieder runter und macht irgendetwas, und die Katze blieb oben und schaute. Manchmal hatte man das Bedürfnis, sich anzuschleichen und zu schauen, ob sie sich nicht doch heimlich hinlegte und die Augen schloss – irgendwann musste sie doch schlafen! Abends kam sie immerhin mit zu uns hinunter, drapierte sich auf einen Schoß und sah mit uns Fernsehen; und nachts aß sie weiterhin ihr Futter, benutzte ihr Katzenklo und verteilte die Katzenstreu in der Wohnung. Inzwischen fand man auch da und dort Knäuel von Katzenhaaren, vor allem auf der Treppe; irgendwann ging sie also im Haus umher. Aber kam man, auch zu überraschenden Zeiten, auf den Dachboden, saß Bella-Buddha hellwach auf dem Billardtisch und starrte.

 

***

 

Aber ansonsten machten wir kleine Fortschritte. Am Anfang war Bella stumm; sie schaute nur und schnurrte gelegentlich, ob aus Unsicherheit, Panik oder sanftem, widerwilligen Wohlbehagen, war schwer zu sagen. Irgendwann aber begann sie zu sprechen. Nein, sie begann nicht zu sprechen, wie Minka, die "Ja" sagen konnte (was "Miau" benachbart genug ist, um im richtigen Kontext wie "Ja" zu klingen). Sie begann eher – zu quietschen, etwas unglückliche Geräusche, schwer beschreibbar, eine Art "Knurz" oder "Gnu", aber offenbar eine Art von Kommunikation. Es war eine Fremdsprache, und wir mussten sie lernen. Bella aber auch, hatte man das Gefühl; wir arbeiten weiterhin daran. Das Geräusch hingegen, das eigentlich sofort Bellas Markenzeichen wurde, war ein sonores "Plopp". Es ist das Geräusch, das entsteht, wenn eine große, dicht befellte Katze sich von einem Moment zum anderen auf den Boden schmeißt und auf der Seite landet; was auch die Vorstufe dafür sein kann, sich ganz auf den Rücken zu wälzen, alle Beine in die Höhe zu strecken und einen wirklich sehr würdelosen Eindruck zu machen (man konnte aber gut sehen, wie ihr Fell auf dem Bach nachwuchs). Bella fällt wirklich um, man kann es nicht anders sagen. Man hört sie nie kommen, so wie man Minka kommen hörte, ungeschnittene Krallen auf Laminat, tippel-tippel. Nein, Bella schleicht perfekt auf ihren dicken Samtpfoten; sie macht sich dabei sogar klein, so dass die ganze Katze nur knapp über Bodenhöhe daherschlurft. Aber dann, auf einmal, macht es irgendwo "plopp", und die Katze ist umgefallen. Sogar dabei schafft sie es noch, das Pfötchen vorzustrecken. Vielleicht will sie irgendetwas damit sagen. Vielleicht will sie aber auch nur umfallen, weil es sich lustig anfühlt, wer weiß? Man wird ein wenig neidisch, wenn man ihr dabei zuschaut, und möchte sich gleich aufs nächste Sofa schmeißen. Aber wahrscheinlich würde es nicht "Plopp" machen, sondern Polter, und hinterher wäre entweder das Sofa dahin oder irgendein mäßig unbedeutender Knochen. Nein, nur Bella kann dieses sanfte "Plopp" erzeugen; es entspricht irgendwie ihrem sprunghaften Charakter, der ohne Zwischengänge von totaler Panik zu wohligem alle-viere-von-sich-Strecken umschalten kann. Wir hatten langsam den Verdacht, dass sie bei aller Behäbigkeit eine tückische Jägerin sein mochte, ein kompakter dickfelliger Bella-Bär.

 

***

 

Und dann kam der Sonntag, wo wir dachten, es sei eine gute Idee, wenn Bella einmal das Haus verlässt. Schließlich sollte sie eine Freigängerin werden, kein eingesperrter Stubentiger! Wir dachten, wir seien bereit dafür. Unsere Beziehung würde das verkraften. Das, so stellte sich schnell heraus, war ein Fehler. Denn Bella ging bereitwillig hinaus auf die Terrasse, oh ja, und wir freuten uns, schau, sie will ja! Bella aber wollte immer weiter. Es war, als hätte ein fremder Geist von ihr Besitz ergriffen, von dieser immer noch scheuen und viel zu leicht zu erschreckenden Katze, die tagsüber auf ihrem Billardtisch thronte und abends sich auf unseren Knien drapierte, zunehmend entspannt, manchmal schloss sie sogar schon die Augen für zwei oder drei Minuten. Und dieser fremde Geist trieb sie nun in den Garten hinaus, der voller fremdartiger Geräusche war, die uns auf einmal auch auffielen: Waren die Vögel wirklich immer schon so laut? Hörte man die Autos von der Hauptstraße denn so deutlich? Und was war das für ein Knacken im Gebüsch? Bella wurde ums Haus getrieben, schleichend, die Samtpfoten kaum vom Boden hebend. Wir folgen ihr, angetan von ihrem Eroberungstrieb, aber zunehmend unsicher: War es wirklich eine gute Idee, jetzt schon aufs Nachbargrundstück zu gehen? Musste sie sich unbedingt hinter dem Holzstapel verstecken? Wenn wir klug gewesen wären und nicht überehrgeizige Helikopter-Katzeneltern, hätten wir gemerkt, dass Bella nur das tat, was sie im Haus auch tat: Sie suchte das entlegenste und versteckteste Versteck, zielstrebig wie ein kleiner total panischer Roboter mit Samtpfötchen. Sie fand es, auf dem Nachbargrundstück, in einer dunklen Ecke unterhalb der Terrasse, gerade so schmal, dass ein Mensch kaum hineinlangen konnte. Genau das aber, so mussten wir nun, als der Sonntagabend begann sich in die Länge zu ziehen, jetzt aber tun: Wir mussten hineingreifen, um sie zurück ins Haus zu tragen. Allein würde sie nicht kommen, und wer weiß, wohin sie sich absetzen würden, wenn wir sie allein ließen. Also fasste Dieter hinein. Er hob aber nicht Bella hoch, sondern ein fauchendes, um sich schlagendes Monster, das nur noch aus Zähnen – sehr spitzen Zähnen, warum war uns das vorher noch nie aufgefallen? – bestand und kamikazemäßig rotierenden Krallen. Dieter war heldenhaft, er hielt vielleicht zwei Minuten aus, und in diesen zwei Minuten verlor er viel Blut. Ich übernahm, aus Verzweiflung, einen Moment war Bella still, wohl aus Verwirrung; dann mutierte sie wieder zum Monster, und ich hielt es kaum eine Minute aus, bevor ich sie losließ – und wie der Blitz war sie verschwunden. Wir humpelten zurück zum Haus, blutend, geschlagen, frustriert. Was war aus unserem schönen Sonntagsausflug geworden! Als wir das Wohnzimmer betraten, schon verzweifelt darüber grübelnd, wie wir nun unsere flüchtige Katze einfangen sollten, sahen wir gerade noch einen sehr gesträubten Schwanz um die Kurve vom Wohnzimmer in den Flur verschwinden. Bella war geflüchtet, und sie war geradeaus dorthin geflüchtet, wo sie sich am sichersten fühlte in dieser bösen, fremden Welt mit Geräuschen und Gärten und Autos: in unser Haus, in ihr Haus. Man konnte ihren Blutspuren durchs Haus folgen, offenbar hatte sie sich auch ein wenig verletzt bei ihrer Mutation zur Bella-Bestie. Sie war auf dem Dachboden, irgendwo versteckt, doch nach gar nicht allzu langer Zeit traute sie sich wieder hervor. Die Vorderpfote blutete noch etwas, wir hatten aber eindeutig die schwereren Verletzungen davongetragen. Bella war sehr friedlich, wir auch; ich hatte das Gefühl, wir schämten uns alle ein wenig. Keine Experimente, beschlossen wir stillschweigend; es reicht, morgens einige Minuten auf den Balkon zu gehen, das ist aufregend genug. Später vielleicht einmal wieder.

 

***

 

Es mag eine Woche später gewesen sein, dass endlich einmal Kater zu Besuch kam. Als er die Terrasse betrat, erkannte ich ihn erst gar nicht: Er sah so klein aus, und er hatte so glattes Fell! Mühsam erkannte ich, dass meine inneren Katzenproportionen sich verändert hatten: Bella war eine recht imponierende Katze, die durch ziemlich viel Fell noch vergrößert wurde, während Minka immer zierlich und zerbrechlich neben Kater gewirkt hatte (natürlich nicht neben Kater, so nah ließ sie ihn nie kommen, aber: im geistigen Maßstab). Kater jedoch war fröhlich wie immer; sehr vorsichtig schaute er auf die Terrasse, wo seines Wissens eine zierlich, aber ihm sehr wenig gewogene Katze wohnte, die ihn regelmäßig anfauchte. Dann ging er nicht etwa durch die geöffnete Terrassentür ins Haus, sondern durch die Haustür, wie wir es immer gemacht hatten, damit er Minka nicht im Wohnzimmer begegnen musste. Und dann gingen wir zusammen, wie sich das gehörte, zum Dachboden hoch, vielleicht freute er sich schon auf seinen Wäschekorb oder die Kiste mit den uralten Gardinen, die er vor einiger Zeit entdeckt hatte. Wir begegneten Bella, zufällig, schon beim Eingang zum Dachboden, offensichtlich wollte sie gerade eine Runde durchs Haus gehen. Und Bella verwandelte sich wie der Blitz wieder zur Bella-Bestie; nein, eigentlich fand ich sie sogar noch schreckenerregender als bei unserem misslungenen Sonntagsausflug, wie sie nun den armen, aber nicht aus der Ruhe zu bringenden Kater anfauchte, alle Haare von sich gestreckt, beinahe kochend vor Wut. Ich stellte mich zwischen die beiden, froh darüber, menschliche Größe zu haben. Kater rührte sich nicht, Bella kam näher, eine Furie. Ich drängte sie etwas mit dem Fuß zurück, das funktionierte – temporär. Aber die Situation war rettungslos; sie konnte nur weiter eskalieren. Ich musste einen verständnislosen, etwas verdatterten Kater wieder die Treppe hinuntertragen, zum Glück folgte die Furie uns nicht. Seitdem wissen wir, dass Bella eine Einzelkatze ist, genauso, nein: mehr noch als Minka. Sie macht auch keine Gefangenen. Nachdem der Eindringling entfernt war, war sie sofort wieder friedfertig. Wir beschlossen auch hierüber kein Wort mehr zu verlieren. Es sollte nicht wieder vorkommen, jedenfalls nicht auf dem begrenzten Raum eines Dachbodens.


***


Es begann damit, dass Dieter eines Abends, als er von der Arbeit heimkam, meine Bettsocken mitten auf dem Absatz der Treppe zwischen Erdgeschoß und ersten Stock fand. Natürlich hatte ich sie, schließlich bin ich ein Ordnungsfanatiker, am Morgen unten in den Nachttisch gelegt, wo sie immer griffbereit liegen, falls mich vor dem Einschlafen die eiskalten Füße überfallen, und dann war ich nach Freiburg gefahren und hatte, nachweislich, das Haus nicht mehr betreten. Aber irgendwie mussten die Bettsocken ja auf die Treppe gekommen sein? Wir wunderten uns ein wenig. Am zweiten Tag wunderten wir uns schon nicht mehr so sehr, dass die Bettsocken irgendwann im Laufe des Tages wieder zur Treppe gewandert waren; es war eher bemerkenswert, wie ordentlich sie da lagen, nebeneinander drapiert wie zwei kleine weiße wollige Füße. Danach machte ich einige kleine Experimente, aber im wesentlichen endeten sie immer gleich: Irgendwann lagen die Bettsocken nicht mehr im Schlafzimmer, sondern auf der Treppe, wie von Geisterpfoten bewegt. Heute hörte ich dann beim Mittagessen im Esszimmer merkwürdige Geräusche aus dem benachbarten Wohnzimmer: Offenbar fand eine Art Kampf statt, man hörte tobende Katzenpfoten auf Laminat, und ich vermutete, dass Bella sich mit einem der kleineren Wohnzimmerteppiche angelegt hatte; sie hat auch die Angewohnheit, den weißen Lämmchen-Vorleger vor dem Gästeklo zu zausen, ich ziehe es dann wieder glatt, und am nächsten Tag ist es wieder zerzaust (wahrscheinlich ist es doch heimlich ein in der Wolle gefärbtes schwarzes Schaf, wir haben es nur noch nicht gemerkt in unserer menschlichen Vertrauensseligkeit). Als ich dann nachschaute, lagen aber alle Teppiche ordentlich da, wo ich sie hingelegt hatte. Hingegen ruhte ein sehr zerzauster weißer Bettsocken mitten im Wohnzimmer. Das warf ein ganz neues Licht auf die Treppen-Episode: Bella war also gar nicht der Meinung, dass die Bettsocken einfach nur am falschen Ort lägen und gelegentlich durch das Haus an andere Orte bewegt werden müssten, auf Katzenpfötchen, ganz leise; nein, es waren böse Feinde, getarnte weiße, aber innerlich rabenschwarze Monster, genau wie das Bettvorleger-Lämmchen, und jeden Tag nahm sie erneut tapfer den Kampf mit ihnen auf! Ich lobte das Pantoffeltierchen, was sollte man schon tun. Die größten Heldentaten finden bekanntlich im Geiste statt. 


***


Shit happens. Diesmal leider wörtlich. An diesem Morgen stand Bella nicht bereit, als wir die Tür zum Schlafzimmer öffneten - sonst wartet sie treu und zuverlässig, manchmal klettert sie dann noch ein wenig aufs Bett und stiefelt auf uns herum. Ich fand sie auf dem Dachboden, sie saß auf ihrem Katzenklo und guckte belämmert. Nun gut, dachte ich, unangenehme Situation, so eine Katze braucht ja auch ihre Privatheit, und ging wieder. Die Katze kam nicht nach. Nun gut, dann nicht, dachten wir, hat sie wieder Hormone, was auch immer. Als wir jedoch das Haus verlassen wollten, fanden wir die eigentliche Katastrophe. Offensichtlich hatte die arme Bella eine harte Nacht gehabt; schwere Verdauungsprobleme, Erbrochenes, Durchfall, das ganze Programm, äußerst unschön über das Treppenhaus verteilt. Wir säuberten das Notdürftigste, es war ziemlich eklig, dann mussten wir los. Als ich mittags zurückkam, entdeckte ich aber erst das ganze Ausmass der Katastrophe: Bella, bekanntlich eine sehr langhaarige Langhaarkatze und dem Putzen gar nicht so sehr zugeneigt, trug deutliche Spuren der nächtlichen Katastrophe. Am Hintern und am Schwanz und am Bauch. Alles war verklebt, dicke Klumpen überall, vermischt mit Katzenstreu, ein entsetzlicher Geruch, eine zutiefst verstörte Katze. Das hatte sie uns also am Morgen sagen wollen, auf ihre etwas kryptische Bella-Art: Ich bin eine Stinkbombe, ich schäme mich unendlich, aber irgendwie muss man das hier gelöst bekommen! Das versuchte ich den Nachmittag über, mit viel Geduld, noch mehr heißem Wasser, vielen Tüchern, leider keiner Gasmaske und insgesamt nicht besonders viel Erfolg. Lösen könnte das Problem erst die Tierärztin am nächsten Morgen. Bella hat gelitten. Und gestunken. Uns allen hat es gestunken, aber was will man machen. (Lehre: keine Milch mehr!)


*** 


Inzwischen haben wir verstanden, dass Bella eine Gipfelkatze ist. Sie wohnt nicht deshalb auf dem Billardtisch auf dem Dachboden, weil sie eine heimliche Spielernatur ist, sondern weil es der höchste Punkt ist. Das Motto der Gipfelkatze ist nämlich: Oben bleiben! Oben hat man den besten Überblick, oben ist man der Chef, oben ist man einfach am sichersten vor den Wirren der Niederungen (am allersichersten aber ist man immer noch in der Unsichtbarkeit von Schubladen oder dunkeln Dachwinkeln). Deshalb sucht sie, wenn sie zu uns aufs Bett springt - was sie gelegentlich darf, wir sind ja keine Unmenschen, sondern nur gelegentlich etwas begriffsstutzig - auch immer zielsicher den höchsten Punkt, was bei Seitenschläfern und -lesern meist auf den Hüften ist - eine höchstens metastabile Lage, aber Gipfel. Deshalb verordnet sie auch selbst, wo sie gekuschelt werden will - nämlich auf dem oberen Treppenabsatz, etwas erhöht gegenüber dem Kuschelpersonal, das es sich zwei Stufen tiefer unbequem machen darf. Gemütlich im Wohnzimmer auf dem Sofa? - ach was, das ist für Normalkatzen mit mangelhaft ausgeprägtem Sicherheits- und Selbstbewusstsein und schlechtem Stilgefühl dazu. Die comfort zone beginnt in diesem Haus frühestens im ersten Stockwerk. 


***  


Sicherheitsbewusstsein andererseits - auch da hat Bella ihre eigenen Ansichten. Wir machten uns nämlich Sorgen wegen Silvester: Lärm, Kracher, Weltuntergang für sensible Hauskatzen, für die das Jahr still kommt und geht, und wer zählt die Jahre schon einzeln, wenn er sieben Leben hat! Zudem ist Bella hochsensibel, was Lärm angeht. Schon ein einfacher Nieser führt zu einer panischen Flucht über mindestens zwei Stockwerke, und am Morgen reicht es, dass wir nur einen Fuß aus dem Bett strecken, vermeintlich geräuschlos, doch die Katze sitzt vor der Tür mit diesem Blick: Jetzt warte ich schon seit Stunden auf euch! Stimmt aber gar nicht, bis vor einer Sekunde war sie in Jans Zimmer, der das bestätigen kann. Nein, das Fell an den Ohren stört offenbar nicht dabei, die Flöhe tanzen zu hören, selbst wenn es sehr leise, beinahe unsichtbare Flöhe sind, die einen elfenartigen Tanz vollführen, bei dem sie den Boden gar nicht berühren. Silvester also - wir fürchteten das Schlimmste und ordneten das Kind zur Katzenversorgung, -beobachtung und -tröstung ab. Entgegen aller Erwartung jedoch reagierte die Katze auf die schlimmsten Böller, Kracher, den direkt und unmittelbar bevorstehenden Weltuntergang - so gut wie gar nicht. Ein leichtes Zucken der Ohren vielleicht; als  das Kind aber zwei Minuten später nieste, war sie, zack, du hast es nicht gesehen, wieder unterm Bett verschwunden! Seitdem vermuten wir, dass Bella in einer Familie polnischer Feuerwerker groß geworden ist, die ihre lautesten und gefährlichsten Produkte im eigenen Hinterhof testeten. Oder in der Bronx, im Gebiet rivalisierender Gangs. Vielleicht weiß sie aber auch nur, dass dort, wo viel Geschrei ist, erfahrungsgemäss wenig Wolle ist; oder dass Hunde, die bellen, vielleicht andere Leute beißen, aber nicht sie. Menschen hingegen sind gemeingefährliche Leisetreter, und aus heiterem Himmel explodieren sie in Niesattacken. Übrigens kann sie auch selbst niesen; kleine niedliche Katzennieser, die besser zu einem harmlosen Kätzchen passen würden als zu unserem Bella-Bär mit dem weichen Bauch, auch gelegentlich Gnu-Gnu genannt. Wir springen aber nicht jedesmal panisch auf, wenn das passiert. 


***


Die Geschichte ist meinem Sohn etwas peinlich, also erzähle ich sie, als sei sie jemand anders passiert. Es ging bei einem dieser wirren Gespräche, die bei langen Autofahrten aus Sauerstoff- und Bewegungsmangel geboren werden, irgendwie um die sieben Todsünden, und Jemand sagte, dazu gehöre doch auch diese komische "Wöllerei", oder? Das fand ich spontan sehr lustig, lustiger eigentlich als den trivialen und in konsumfreudigen Zeiten ja eher zur neuen Tugend aufgestiegenen Tatbestand der "Völlerei". Aber weil die Friedhöfe der ewigen Rechthaber die größten sind, sagte ich belehrend, "Wöllerei" sei wohl eher etwas, was Schafe täten. Das fand ich auch selbst ziemlich lustig, aber mein Ehemann setzte noch einen darauf und ergänzte, sehr wahrheitsgemäß, es sei vor allem etwas, was unsere Katze täte. Seitdem haben wir ein schönes neues Wort für das, was Bella mindestens am zweitliebsten macht (nach Umfallen und dabei "Plopp" machen): nämlich das exzessive Verteilen von Körperhaaren, in Büscheln unterschiedlicher Größenordnung, auf sämtlichen Bodenflächen des Hauses, besonders gern aber auf Teppichen, weil sie da so schwer rausgehen, der Staubsauger versagt angesichts dieser Feinverschmelzung von Fabern, die sich elektrisch aufgeladen haben, kläglich. Bella wöllt – mit Hingabe und vor allem dann, wenn ich frisch gestaubsaugt habe und der Staubsauger noch ganz erschöpft ist vom Entwöllen. Ich nenne sie gern deshalb gelegentlich "Wölli" (ihr dritter Name nach Bella und Gnu-Gnu) und spreche von ihren Lieblings-Wöllstationen. Bella beeindruckt das wenig, sie hat eine Katzentugend daraus gemacht (von Katzentugenden ist nicht klar, wo sie zwischen Kardinaltugenden und Tod- und Erbsünden anzusiedeln sind, wahrscheinlich einfach jenseits), sich nicht angesprochen zu zeigen, wenn von ihr gesprochen wird. Allenfalls das kleinste Ohrenzucken zeigt an, dass sie durchaus weiß, dass von ihr die Rede ist. Ich verspreche ihr dann, dass ich bald lernen werde auch mit den Ohren zu wackeln, um unsere Kommunikation zu verbessern; aber meine Fortschritte sind zäh. Vielleicht sollte ich es lieber erstmal mit dem Wöllen versuchen.


***


Nun war es Frühling geworden, sehr heftig sogar, und wir waren der Meinung, dass die Katze endlich nicht mehr auf dem dunklen Dachboden eingesperrt sein sollte; sogar die Oleander und die Kakteen waren nämlich schon ins Freie ausgezogen, nur Bella brütete weiterhin auf ihrem Billardtisch vor sich hin. Wir nahmen also als erstes das schon erheblich prokrastinierte Unternehmen Katzenklappe in Angriff, bohrten ein dickes Loch in unsere etwas ältere Kellertür, setzten das relativ einfache Gerät ein, klapperten ein wenig damit und dachten, nun stehe Bellas Freiheitsdrang und Abenteuerlust nichts mehr im Wege. Weit gefehlt! Bella blieb standhaft ihrem Ruf als Gipfelkatze treu; schon das Erdgeschoss war ein gefährlicher Raum, nur durch unzuverlässige Türen und Fenster getrennt von den Gefahren der Außenwelt. Im Keller jedoch warteten geduldige Ungeheuer darauf, dass sich eine hilfslose Katze mit einem nur äußerlich sehr dicken Fell unbedacht dorthin verirrte, um sie zu dann zu verschlingen, zu terrorisieren, zu foltern, zu Hunden umzuprogrammieren, was auch immer. Bella ging jedenfalls nicht in den Keller, so sehr wir sie zu lockten versuchten. Wir stellten beispielsweise ihr Abendfutter vor die Katzenklappe; Bella sah uns durch die Treppenstufe im Erdgeschoß hindurch an, und ihre Augen brachten deutlich zum Ausdruck: Jetzt sind sie endgültig dement geworden, sie finden noch nicht mal die Futterstelle mehr! Nachts natürlich ging sie heimlich in den Keller und fraß ihr Futter, entweder in der ja wahrscheinlich richtigen Annahme, dass Kellermonster des Nachts schlafen; oder es waren die Kellermonster, die das Futter gefressen hatten, woher sollten wir das schon wissen, wir schliefen ja den Schlaf der Demnächst-Dementen!

 

Na gut, dachten wir, dann eben durch die Tür zur Terrasse, steht ja sowieso im Sommer eigentlich immer offen. Bella näherte sich immerhin an, sehr vorsichtig; irgendwann wagte sie den ersten Ausflug, immer auf der Suche nach dem nächst gelegenen Versteck. Über die nächsten Tage hinweg ging sie durchaus gelegentlich ins Freie, wo der Frühling inzwischen rasant zum Hochsommer mutiert war, die Obstbäume, die letztes Jahr um diese Zeit der Frost gekillt hatte, blühten so weiß, dass es die Augen blendete, und die Allergiker kamen aus dem Weinen nicht mehr heraus. Nur leider hatte auch Kater gleichzeitig wieder seine regelmäßigen Inspektionsgänge aufgenommen, und Begegnungen ließen sich nicht vermeiden. Sie waren dramatisch (von Bellas Seite) bzw. ernsthaft-interessiert (von Katers Seite), trugen aber insgesamt nicht direkt dazu bei, Bellas gleichermaßen unterentwickelten Freiheitsdrang oder ihre Frühlingsgefühle zu verstärken. Die Spaziergänge blieben kurz, bewegten sich im Wesentlichen von Versteck zu Versteck, mit etwas hektischem Grasfressen durch, und endeten allzu oft in der Rückkehr einer klettenbehafteten und stinkenden Katze, die bei all dem Stress ihre Verdauung nicht mehr ganz unter Kontrolle hatte. Es war – schade, eigentlich.

 

Dann passierte ein Unglück. Wir waren inzwischen dazu übergegangen, Bella auch den Balkon als eine Art stressreduzierte Übungszone im Umgang mit den Gefahren der Freiheit anzubieten; sie konnte morgens dort sitzen, während die kleinen Vögel ihre Frühlingsgefühle lautstark und halbwegs melodisch zum Ausdruck brachten und die großen Elstern in ein entsetzliches Gezeter angesichts der Anwesenheit einer mörderischen Katze auf dem Balkon ausbrachen. Das tat Bella auch ganz gern, man konnte am Balkongeländer die Krallen schärfen, anschließend schnell in die Sicherheit des Schlafzimmers mit dem dösenden halbdementen Betreuungspersonal zurückspringen und die tatsächlich vorhandene Jagdlust am Schlafzimmerteppich auslassen. Nun hatte ich sie auch an diesem Abend, als ich schlafen ging, noch einmal auf den Balkon geschickt, es war schön ruhig draußen und vielleicht hätte sie ja eine Sternschnuppe erhaschen können. Als Dieter wenig später nachkam und zur Kontrolle vom Schlafzimmer auf den Balkon schaute, fand er keine Katze (aber es war Nacht, und sind Nachts nicht alle Katzen grau?). Er schloss die Tür zum Balkon, und wir schliefen – genau, den Schlaf der usw. Als wir dann am nächsten Morgen zum morgendlichen Ritual die Katze in unser Schlafzimmer einladen wollten, war da keine Katze; normalerweise sitzt sie entweder vor dem Schlafzimmer und wartet geduldig, oder sie kommt schnell vom Billardtisch heruntergesprungen, oder sie flitzt von Jans Zimmer her um die Ecke. Aber an diesem Morgen – nichts, Stille. Wir standen auf und begannen unsere Katze zu suchen, sie war nicht da, im ganzen Haus nicht. Dass sie die Katzenklappe gefunden und vielleicht benutzt hätte – nun ja, es bestand die theoretische Möglichkeit. Die sehr theoretische Möglichkeit. Dann jedoch entdeckten wir ein Indiz: Auf dem Balkon, wo ich treusorgenderweise ein Katzenkörbchen mit Jans altem Baby-Schafffell hingestellt hatte, fand sich ein Schafffellfetzen, der am vorigen Tag noch nicht da gelegen hatte. Offensichtlich hatte sich eine Katze also zwischenzeitlich mit dem Schafffell beschäftigt. Auch auf dem Kissen, dass die Lücke zwischen Balkongeländer und Wand etwas arg provisorich verstopfte, fanden sich bei genauer Inspektion Katzenhaare. Wenn du das Unmögliche ausgeschlossen hast, so schlossen wir nun, etwas verzweifelt mit Sherlock, muss das, was übrig bleibt, die Wahrheit sein, auch wenn sie sehr, sehr unwahrscheinlich ist. Die Katze war also ausgesperrt worden, von den wohl doch nicht nur Halb-, sondern ganz Dementen; sie hatte sich eine Weile nächtlich nach Katzenart auf dem Balkon beschäftigt, aber an irgendeinem Punkt beschlossen, dass es zu langweilig war oder dass man, wenn man schon sterben sollte, dies genauso gut und schneller mit einem Sprung ins Unbekannte erledigen konnte, und war vom Balkon heruntergesprungen.


Immerhin, so redeten wir uns beim Frühstück Mut zu, lag keine zerschmetterte Katze auf der Terrasse oder in den Rosenbüschen. Es war aber auch keine Katze im Garten zu sehen; oder nein, hatte sich dort nicht etwas bewegt, war es nicht irgendwie katzenförmig gewesen, aber nein – es war Kater, der dort an den Büschen schnupperte! Andererseits, wenn Kater auf diese ernsthaft-interessierte Art und Weise an den Büschen schnupperte, sollte man doch eigentlich annehmen – und genau in diesem Moment stand die Katze im Esszimmer (die Tür zur Terrasse hatten wir natürlich einladend offenstehen lassen). Etwas gestresst und unangenehm riechend, aber offensichtlich unverletzt. Vielleicht hatte sie eines ihrer neun Leben eingehandelt, wir wissen es nicht. Wir waren vor allem erleichtert – und etwas verwundert, dass ein Sprung vom Balkon offenbar weniger Mut erforderte als ein einfacher Spaziergang durch einen frühlingshaften, wenn auch wenig Deckung bietenden Garten. Aber vielleicht hat Bella ja ein Flieger-Gen, und sie fühlt sich in der Luft wohler als auf der Erde (ein wolliger Bella-Bomber, sozusagen, oder: der Bella-Baron). Das Experiment Auswilderung wird jedenfalls fortgesetzt.

 

***


Die Katzenklappen-Eroberung. Endlich ist es geschafft! Bella benutzt ihre Katzenklappe, und zwar in beide Richtungen! Es war ein längeres Erziehungsprojekt, und bis heute wissen wir nicht, ob sie nur, wie üblich, überängstlich war oder ob sie uns vielleicht doch reinlegen wollte. Denn Bella ging bekanntlich nicht freiwillig in den Keller, da ihrer Höhenlogik zufolge nur der Dachboden sicheres Terrain ist und die persönliche comfort zone die ultima ratio (Bellas Fremdsprachen sind im übrigen weiterhin wechselweise Gnugnu oder, gelegentlich, Miauisch); die Katzenklappe aber war im Keller. Also setzten wir uns abends freundlich auf die Kellerstufen und sprachen der Katze gut zu, die uns durch eine obere Treppenstufe hindurch verständnislos anglotzte. Es war ziemlich kalt auf die Dauer, wenn man auf so einer Kellerstufe vor einer sicherheitshalber auf Durchzug gestellten Katzenklappe saß, dämlich mit ihr hin– und herklapperte und einer begriffsstutzigen Katze dabei Vorträge über den Wert der Freiheit und das selbstbestimmte Katzensein und die zwei Seiten einer jeden Katzenklappe hielt. Gelegentlich gnugnute sie dazwischen, aber mehr passierte nicht. Irgendwann kam sie dann doch, Stufe für Stufe. Irgendwann streckte sie eine Katzenpfote durch das seltsame Loch in der Tür, Jubelgeschrei unsererseits, schneller Rückzug ihrerseits. Wir fürchteten derweil, dass Kater die Katzenklappe zuerst entdecken würde, von der anderen Seite aus; aber zum Glück gehören dunkle und feuchte Kellertreppen auch nicht zu Katers Lieblingsorten. Weiter passierte längere Zeit nichts, Doch dann, es war an Muttertag, waren wir den ganzen Sonntag unterwegs gewesen. Und als wir abends spät zurückkamen, war keine Katze in der Wohnung zu finden, auch nicht in allen möglichen comfort zones, aber als wir die Terrassentür öffneten, um ein wenig Luft zu schnappen, kam uns eine Katze von draußen entgegen. Sie musste also zumindest hinausgefunden haben. Als ich sie wenige Tage später, eher zufällig, an einem Vormittag dabei erwischte, wie sie ganz selbstverständlich von außen durch die Katzenklappe hineinspazierte und mir beim Wäscheabholen auf der Treppe begegnete, schien es mir beinahe so, dass Bella blinzelte, auf Gnugnu natürlich, was so viel heißen mochte wie: Erzähl es keinem, aber ich hab’s natürlich schon lange kapiert! Es war aber immer so nett und gemütlich, wenn ihr auf den kalten Treppenstufen saßt und mir Vorträge hieltet und mit der dämlichen Klappe klappertet! Oder mir die Terrassentür aufmachtet, das hält ja allseits bei Laune und euch in Bewegung! Ach, Bella. Heute Nacht hat sie dann übrigens den endgültigen Beweis erbracht: Am Morgen war sie recht aufgeregt, als sie über unser Bett spazierte, und beim Hinuntergehen zum Frühstück fand ich eine kleine Spitzmaus genau dort auf dem Treppenabsatz, wo sonst meine Bettsocken liegen, wenn Bella sie wieder einmal getötet hat. Es war eine sehr, sehr kleine Spitzmaus, aber es war ihre erste; und sie war immerhin schlau genug, sie nicht zu essen. Wir erwarten weiter Großes von ihr!


***


Maine-Coon. Endlich haben wir unsere Katze erkannt. Bisher dachten wir, sie sei ein ziemlich seltsames Tier mit vielen eher katzenuntypischen Eigenschaften; unsere Bella halt, ein bisschen verrückt und ein bisschen daneben und, natürlich, eine Primadonna. Jetzt wissen wir: Sie ist eine Maine-Coon-Katze und das erklärt alles (na gut, fast alles)! Maine-Coon-Katzen waren in der dunklen Vorzeit des Anthropozäns, wo alle Menschen noch grau waren und nur die Katzen bunt, einmal wilde Waldkatzen. Deshalb sind sie „großrahmig“ (ein Wort, für das das Internet eine englische Übersetzung verweigert), haben Haarbüschel in den Ohren („Luchspinsel“!) und Fellbüschel an den Pfoten („Schneeschuhe“!); ihr Fell ist wasserabweisend, und, wie schon mehrfach hier erwähnt, sehr dick und langhaarig. Während wir all das lasen auf Wikipedia und uns mit all den neuen Worten brüsteten, wurden wir immer stolzer auf unsere Katze: War sie nicht geradezu ein Musterexemplar einer Maine-Coon? Sollten wir sie vielleicht auf Katzenshows tragen, die Halskrause zur vollen Schönheit drapiert und die Barthaare mit Pomade gezwirbelt? Würde sie nicht entzückend aussehen mit einer kleinen Siegeskokarde im dichten Fell und einem Pokal daneben, den wir ihr natürlich auf ihren Billardtisch stellen würden, gleich neben ihrem Pappkarton-Haus (ok, natürlich müssten dann auch ihre Gemächer etwas aufgewertet werden, vielleicht ein Spitzekassen anstelle der etwas modrigen Wolldecken?)? War es nicht faszinierend, dass sie vielleicht schon mit den Wikingern nach Amerika gekommen waren, sanfte Riesen mit kleinen Katzen-Wikingerhelmen? Oder sollten wir doch lieber der anderen Geschichte Glauben schenken, derzufolge die französische Kaiserin Marie Antoinette (die mit dem Kuchen), als sie noch glaubte, der Guillotine entgehen zu können, alle ihre wertvollsten Besitztümer – darunter sechs ihrer Lieblingskatzen – einem Schiff anvertraute, selbst aber nicht mit dem Leben davonkam, wohl aber ihre fussy friends, die es heil bis nach Maine schafften – und was haben sie nicht durchmachen müssen, die kleinen Lieblinge, die es gewöhnt waren, mit silbernen Kämmen gebürstet zu werden, ihr Geschäft in einen königlichen Katzennapf zu verrichten und die natürlich Kuchen bekamen, soviel sie nur in ihren dicken Pfoten, den Schneeschuhen, davontragen konnten? Natürlich war es auch eine interessante Idee, dass irgendwann einmal sich ein Waschbär an einer Waldkatze vergangen haben könnte (aber vielleicht waren es ja auch consenting animal adults?); nun gut, biologisch unmöglich, aber wer weiß, was die Gentechnik zukünftig möglich machen wird? Ach, sie hatten viel gesehen, die Vorfahren unserer kleinen Bella, die zum Glück noch nicht wirklich ein gentle giant geworden ist. Aber man sieht deutlich, wenn man ihr tief in die Augen schaut, dass die die Potenz dazu hat, oh ja; innerlich ist sie das schon lange, den äußerlichen Rest aber, das „Großrahmige“, überlässt sie souverän den Katern. Was sie allerdings davon halten würde, dass man Maine-Coons auch gern als „Hundekatzen“ charakterisiert (sie apportieren Dinge, sie hängen sich an Menschen, sie spielen gern im Wasser), darüber sind wir ein wenig im Zweifel. Sicher, sie versteckt meine Bettsocken, immer noch, und jeden Abend gehe ich durchs Haus, sammle sie wieder ein und bedanke mich freundlich bei Bella mit einer kleinen Verbeugung; ich habe beschlossen, das als ein Ritual aufzufassen, bei dem sie mir etwas schenkt, und nicht als schnödes Instinkt- oder Jagdverhalten. Das Jagen von Bettsocken ist ja nun auch kein wirklich gefährliches oder ruhmvolles Geschäft, und wenig wurde gesehen, dass Bettsocken geweihartig als Trophäen an die Wand genagelt wurden. Nein, es ist ein freundliches Spiel, und auch Hunde apportieren nun wahrlich nicht nur heldenhaft erlegte Enten, sondern in den meisten Fällen sinnfrei in die Wiese geworfene Stöcke – und werden trotzdem dafür über den grünen Klee gelobt. Wahrscheinlich bleiben wir doch besser dabei, dass unsere Bella eine sehr besondere Katze ist, die uns gleichmäßig verwirrt und erfreut. Aber nebenbei ist sie auch ein Prunkstück ihrer Art und wäre es ganz bestimmt wert gewesen, dass Marie Antoinette ihr ihr ganz spezielles Katzenklo mit dem leicht golden schimmernden Katzenstreu mit auf die Reise gegeben hätte!


***


Die Stundenkatze. Zum Glück sind wir ja ältere Menschen, bekanntlich demnächst dement und gewohnt an einen geregelten Tagesablauf. Unsere Bella aber übertrifft uns bei weitem. Ohne jede Uhr weiß sie jederzeit, was die Stunde geschlagen hat; wobei die Uhr allerdings zwischen 10 Uhr morgens und 18 Uhr abends aussetzt, zu dieser Zeit wird sie nicht gesehen und wir wissen nicht, ob sie auch dafür einen Zeitplan hat. Punkt 18 Uhr jedoch steht Bella in der Tür (je nach Jahreszeit in der Küchentür oder der Tür zur Terrasse), streckt sich noch ein wenig wohlig, setzt sich dann adrett hin und setzt ihren besten Bella-Blick auf, er heißt: Hier bin ich, das Programm kann beginnen! Es begann früher einmal damit, als sie noch eine junge und unsichere Katze war, dass man ihr einen Topf Feuchtfutter hinstellte und daraufhin einen kleinen begeisterten Dankesvortrag erhielt – also nicht das übliche Gnu-Gnu, Bella kann durchaus in ganzen Sätzen mit artikulierten Lauten sprechen, sie hält es aber für eine von Menschen überbewertete Form der Kommunikation. Darüber sind wir hinweg. Essen ist eine Selbstverständlichkeit und passiert in der zweiten Phase, in der wir keine Aussagen über Bellas Stundenplan machen können, nämlich irgendwann zwischen 23 und 6 Uhr. 18 Uhr heißt jetzt hingegen: Das Abendprogramm kann beginnen! Natürlich müssen die Versorger erstmal kochen und essen und sich über den Tag austauschen, in ganzen Sätzen sogar, aber das sind Menschendinge, man ignoriert sie am besten. Die Katze macht derweil den ersten Kontrollgang durch den Garten und frisst, zum Glück, wieder einmal nicht die freche Amsel, die schon lange in unserem Garten zetert (hat sie auch einen Stundenplan? Der Verdacht drängt sich auf). Aber spätestens ab 19 Uhr wird Bella etwas aufdringlich deutlich: Könntet ihr jetzt bitte mal ruhig werden und euch hinsetzen, damit ich auf den Schoss kommen kann? Ein wenig Bürsten wäre auch in Ordnung, durchaus, dankeschön! Und dann schaltet ihr schön dieses komische Gerät an, auf das ihr immer am Abend eine Stunde lang starrt, so dass ich mich daneben oder dazu oder unter den Tisch setzen kann und gelegentlich umfallen, plopp!, oder ein wenig Gnu-Gnu machen, so zur akustischen Hintergrunduntermalung! Wir sind uns sicher, dass die Katze, auch wenn wir ausnahmsweise mal nicht abends im Wohnzimmer vor der Glotze sitzen und uns unser verdientes Serienfutter reinziehen, trotzdem dort sitzt und schaut und gnut. Es gehört sich einfach so. Genauso, wie es sich gehört, dass man danach entweder zu Bett oder an den Computer, aber ganz sicher ins obere Stockwerk des Hauses geht. Sicherheitshalber sitzt die Katze schon an der Treppe, damit man es nicht vergisst, und steigt einem sieben Mal quer über die Füße bei insgesamt kaum Treppenstufen (wir werden bald über einen Treppenlift nachdenken müssen). Auf jeden Fall sind 22 Uhr und das erste Stockwerk so stark verdrahtet in ihrem entzückenden Katzenkopf, dass nur ein mittlerer Weltuntergang diese Verbindung unterbrechen könnte (oder Kater, der gelegentlich plötzlich im Wohnzimmer oder im Treppenhaus steht, weil er nun leider auch weiß, wie eine Katzenklappe funktioniert; Kater kann alles unterbrechen und führt zum völligen Reboot). Nachdem das nun also auch bewältigt ist und wir endlich die umständlichen hygienischen Prozeduren älterer Menschen vor dem Schlafengehen hinter uns gebracht haben, zeigt die Katze uns großzügig wieder den Weg. Er möge ins Schlafzimmer gehen, wo sie schon auf der Schwelle liegt, sie ist nämlich auch eine Schwellenkatze. Und dann – wir geben es nicht gern zu, aber es ist nun einmal passiert und seitdem nicht mehr zu verhindern – legt sie sich sehr entspannt parallel zur Bettkante hin (also oben auf dem Bett, nicht daneben oder darunter); so, dass man eigentlich fast das Buch auf ihr ablegen könnte, es ist aber meist nur ein E-Book und das kann man auch in älteren Händen ohne Unterstützung halten. Und bald ist es schon Zeit, das Licht auszumachen, und zu unserer großen Erleichterung hat Bella das verstanden und akzeptiert: Es gibt noch eine Schonfrist, fünf Minuten ungefähr, und dann hat sie unaufgefordert das Bett und den Raum zu verlassen, damit wir die Tür schließen können und unsere wohlverdiente Nachtruhe genießen – bis sechs Uhr morgens nämlich, wo die Tür gefälligst wieder geöffnet zu werden hat, pünktlich natürlich, damit eine ziemlich wache Katze von ihrem ersten – oder letzten – Morgenspaziergang mit noch feuchten Füßen wieder auf das Bett springen kann. Inzwischen können wir ohne jeden Wecker am frühen Morgen schlaftrunken aufstehen, automatisch uns bis zur Tür tasten, diese kurz öffnen und erschöpft wieder ins Bett fallen; ein paar Sekunden später hört man ein klitzekleines Knistern, wie wenn eine Katze mit spitzen Krallen über den Boden schleicht, ganz kurz darauf verändert sich die Gleichgewichtslage des Bettes und die Welt ist wieder in Ordnung. Katzen wissen einfach besser Bescheid über die gleichmäßigen Rhythmen des Lebens und ihre wohltuende Wirkung auf Geist und Körper; und sie teilen ihr Wissen gern, auch mit unverständigen Zeit-Idioten!

 

Wovon wir jetzt nicht erzählen, sind die Abende, wo sie uns reinlegt. Wo sie scheinbar raushuscht, im Dunkel des nächtlichen Schlafzimmers, man meint noch die Schwanzspitze um die Kurve verschwinden zu sehen, erleichtert schließt man die Tür, legt sich hin – um kaum drei Minuten später ein vertrautes Gnu zu hören, vielleicht mit einem leicht spöttischen Unterton; es kommt direkt unter der Bett hervor, wo sich soeben magisch eine Katze materialisiert hat, dessen Schwanz man doch noch soeben in die richtige Richtung, nämlich aus dem Raum hinaus, meint verschwinden zu sehen haben; es war aber wahrscheinlich nur das Grinsen einer inzwischen schon unter dem Bett verschwundenen Katze. Die Stundenkatze kann nämlich auch anders, sie hat einen kleinen anarchischen Ableger in ihrem entzückenden Katzenkopf, und das erst ist wahre Katzenweisheit: zu wissen, was die Stunde geschlagen hat, und es dann gelegentlich zu ignorieren.


Home