Essayistisches


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Was ist Aufklärung?

Acht Antworten auf eine alte Frage

  

 

                   

Was ist Aufklärung? Je nachdem, in welchem Kontext man diese Frage stellt, wird die Antwort wohl unterschiedlich ausfallen: Man wird auf kichernde Kinder und errötende Eltern stoßen, die Dinge über Bienen und Blumen daherstammeln (na gut, heute vielleicht nicht mehr…). Man könnte auf ernsthaft dreinblickende Politiker stoßen, die ‚lückenlose Aufklärung‘ nach einem Skandal fordern. Oder man könnte auch auf Literaturwissenschaftlerinnen stoßen, die einen Vortrag über Wieland, Kant und Lessing halten und über die Aufklärung des 18. Jahrhunderts als geistige und literarische Bewegung, die unser modernes Selbstverständnis als aufgeklärte Menschen bis heute prägt. So weit, so gut, aber noch etwas unscharf. Fragen wir weiter: 

 

1. Was ist Aufklärung? Eine Metapher

  

Was also ist Aufklärung, verstanden nun als geistesgeschichtlicher Prozess oder als historische Epoche, die sich ungefähr über das gesamte 18. Jahrhundert erstreckt und dabei verschiedene Phasen durchläuft? Sagen wir zunächst das Offensichtliche: Es ist eine Metapher, also ein sprachliches Bild. Etwas klärt sich auf, wenn die Dunkelheit heller wird, der Nebel verschwindet, die Sonne immer stärker wird und alles in ihr helles Licht taucht. Eben dieses tut das ‚Licht der Vernunft‘ in der schon von den Zeitgenossen selbst ‚Aufklärung‘ genannten Epoche der menschlichen Geschichte: Es leuchtet dorthin, wo dunkle Gesellen wie der Aberglaube und das Vorurteil ihr Unwesen treiben; es bringt dabei ans Licht, was für alle Menschen nützlich, ja unentbehrlich zu wissen ist, um sich in der Welt orientieren zu können. Doch kann es nicht auch zu hell werden? Setzen wir nicht Sonnenbrillen auf, wenn die Sonne allzu grell vom Himmel scheint, und suchen den sanften, versöhnlichen Schatten? Das ist das Gute wie das Schlechte an Metaphern: Sie machen etwas anschaulich, sie lassen uns einen Gedanken sinnlich erfahren; aber sie zeigen gleichzeitig dort Grenzen auf, wo der Begriff sie normalerweise nonchalant überspielen würde.

        

Kann es zu viel Aufklärung geben? Georg Christoph Lichtenberg, ein skeptischer Aufklärer und großer Liebhaber von Metaphern samt ihrer Übersetzung ins Begriffliche, sinniert beispielsweise:

 

 „Was man von dem Vorteile und Schaden der Aufklärung sagt, ließe sich gewiß gut in einer Fabel vom Feuer darstellen. Es ist die Seele der unorganischen Natur, sein mäßiger Gebrauch macht uns das Leben angenehm, es erwärmt unsere Winter und erleuchtet unsere Nächte. Aber das müssen Lichter und Fackeln sein, die Straßenerleuchtung durch angezündete Häuser ist eine sehr böse Erleuchtung. Auch muß man Kinder damit nicht spielen lassen“.

  

Es ist denkbar, dass diese Passage nach der Französischen Revolution geschrieben wurde, die sich eine einigermaßen radikale Aufklärung auf ihre Fahnen geschrieben hatte und sie mit angesteckten Häusern illustrierte. Es ist aber auch denkbar, dass Lichtenberg überhaupt ein wenig skeptisch war, ob sich alle Dinge wirklich immer und in jeder Hinsicht durch bessere Beleuchtung aufklären lassen!

 

2. Was ist Aufklärung? Lexikondefinitionen

 

Was also, fragen wir erneut, ist Aufklärung, und wo vielleicht sind ihre Grenzen und Gefahren? Wie bei den meisten Begriffen, die man auch gern zu ideologischen Zwecken benutzt, ist ihr Inhalt nicht gerade in Stein gemeißelt; jeder benutzt solche Begriffe zwar gern, aber jeder denkt sich etwas anderes dabei (und manchmal auch gar nichts; je allgemeiner der Begriff, desto größer die Gefahr, dass er zur leeren Formel wird). Je mehr man meint, einen solchen Allgemein- und Kampfbegriff auf Anhieb verstehen zu können, desto stärker zeigt der zweite Hieb, dass der Begriff selbst eher schwammartigen Charakter zu haben scheint und in seiner Geschichte auch sehr fragwürdige Dinge aufgesogen hat.

    

Fragen wir also Leute, deren Job es ist, Begriffe möglichst präzise zu definieren; fragen wir Lexikonmacher, Wörterbuchautoren. Beginnen wir damit im 18. Jahrhundert selbst, also der Zeitspanne, die den Begriff sozusagen „erfunden hat“ (der Sachverhalt selbst ist natürlich viel älter, schon die Antike hatte ihre Aufklärung), und befragen als ersten Kronzeugen Johann Christoph Adelung, Sprachforscher, Philologe und eben Lexikonmacher. In seinem ‚Grammatisch-Kritischen Wörterbuch der deutschen Sprache‘, einem damaligen Standardwerk, definiert er, kurz und bündig: Aufklärung sei

 

„1) Die Handlung des Aufklärens, besonders im figürlichen Verstande [also: eine Metapher]. 2) Der Zustand, da man mehr klare und deutliche, als dunkle Begriffe und Vorurtheile hat“.

 

Aufklärung ist also nicht nur abstraktes Denken, sondern auch konkretes Tun, Handlung, schon vom grammatischen Sinn des Wortes her. Ist die Handlung aber einmal in Gang gesetzt, ist die Aufklärung in Schwung gekommen, dann etabliert sie einen Zustand, in dem Vorurteile und unklaren Begriffe immer stärker durch „klare und deutliche“ Begriffe ersetzt worden sind; Begriffsklärung selbst ist also ein ur-aufklärerischer Zweck! Ob dieser Prozess dabei jemals an sein Ende kommt, lässt Adelung klugerweise offen: Er spricht nur von „mehr“ klaren und deutlichen Begriffen, und man muss wohl kein Skeptiker sein, um hier im Blick auf unsere eigene Zeit zu sehen, dass ein Endstadium dieser Entwicklung wohl noch nicht in greifbare Nähe gerückt worden ist, eher: im Gegenteil.

 

Halten wir jedoch vorläufig fest: Aufklärung wird von Adelung mit der Handlung des Aufklärens und einem Zustand der Aufgeklärtheit in Bezug auf den Sprachgebrauch und das Erkenntnisvermögen verbunden. Der Begriff selbst wird dabei in keinerlei Weise inhaltlich gefüllt, es geht weder um Menschenrechte, Toleranz oder sonstige inhaltlich definierbare Ziele. Das ist noch mehr oder weniger genauso im Deutschen Wörterbuch der Brüder Grimm, dem lexikalischen Mammutprogramm des 19. Jahrhunderts. Dort wird lakonisch Kant zitiert: „Aufklärung ist die Maxime, jederzeit selbst zu denken“. Eine Maxime ist Aufklärung also, ein Leitsatz, an dem man sich im täglichen Handeln orientieren kann; kein ehernes Gesetz, sondern ein etwas erweiterter ins Prinzipielle ausgeweiteter guter Vorsatz. Und auch hier finden wir nur eine rein formale Bestimmung: Man möge bitteschön – und zwar jederzeit, darauf kommt es an! – selbst denken. Von Ergebnissen des Selbstdenkens ist nicht die Rede.

 

Das ändert sich mit zunehmender historischer Distanz. Ein aktueller Duden bestimmt Aufklärung als „von Rationalismus und Fortschrittsglauben bestimmte europäische geistige Strömung des 17. und besonders des 18. Jahrhunderts, die sich gegen Aberglauben, Vorurteile und Autoritätsdenken wendet“. Wir haben nun erstmals zwei inhaltliche Bestimmungen: Aufklärung wird verbunden mit (1) Rationalismus (also, im weitesten Sinne: Orientierung an der menschlichen Vernunft, nicht mehr beispielsweise an Gottes Offenbarung, wie bisher üblich) und (2) Fortschrittsglauben (die Menschheit entwickelt sich, und zwar zu ihrem Besseren). Dazu bekommen wir eine örtliche Situierung in Europa (diskutierbar; schon die Aufklärung selbst hielt das China des Konfuzius teilweise für aufgeklärter als die eigene Welt) und wir bekommen die Hauptgegner (Aberglauben, Vorurteile, Autoritätsdenken).

    

Ähnlich formuliert auch Wikipedia: „Der Begriff Aufklärung […] bezeichnet die um das Jahr 1700 einsetzende Entwicklung, durch rationales Denken alle den Fortschritt behindernden Strukturen zu überwinden. Es galt Akzeptanz für neu erlangtes Wissen zu schaffen“. Dazu gehörten beispielsweise „die Hinwendung zu den Naturwissenschaften, das Plädoyer für religiöse Toleranz und die Orientierung am Naturrecht. Gesellschaftspolitisch zielte die Aufklärung auf mehr persönliche Handlungsfreiheit, Bildung, Bürgerrechte, allgemeine Menschenrechte und das Gemeinwohl als Staatspflicht“. Das sind nun schon eine ganze Reihe inhaltlicher Bestimmungen, und man könnte die Liste zweifellos auch weiterführen; denn wie alle Listen ist sie ein wenig beliebig, und die Zeitgenossen des 18. Jahrhunderts hätten wahrscheinlich schon beim dem Wort „Naturwissenschaften“ zweifelnd die Stirn in Falten gelegt, es gab das Wort nämlich noch gar nicht (und die Sache erst in Ansätzen). Zudem sagt ein Begriff wie „Naturrecht“ auch den heutigen Gebildeten kaum noch etwas, so sehr ist uns die Überzeugung, dass alle Menschen von Natur aus gleiche Rechte haben, in Fleisch und Blut übergegangen. Hingegen ist die formale Bestimmung hier sehr weit zurückgetreten: Vom „Selbstdenken“ ist beinahe überhaupt nicht mehr die Rede. Ist es inzwischen auch selbstverständlich geworden – oder nur in den Hintergrund gerückt? Sind, polemisch gefragt, die Menschenrechte und die Toleranzforderung wichtiger als das Selbstdenken?

 

 

3. Was ist Aufklärung? Die berühmte Frage in der ‚Berliner Monatsschrift‘

   

Fragen wir also noch einmal, fragen wir die Zeitgenossen des 18. Jahrhunderts nun selbst: Was ist Aufklärung? Gehen wir dabei zurück an den Anfangspunkt; gehen wir ins Jahr 1783, als eine damals sehr berühmte Zeitschrift, die Berlinische Monatsschrift (sie galt sozusagen als Kampfblatt der aggressiven Berliner Aufklärung), in ihrer Dezember-Ausgabe eine Frage an das gebildete Publikum stellt (auch das war damals durchaus üblich, manchmal gab es sogar Preise für die beste Antwort). Der Anlass war ein eher anti-aufklärerischer Beitrag eines Berliner Pastors zur Zivilehe, und in einer Fußnote, ausgerechnet, hatte er ein wenig polemisch gefragt: „Was ist Aufklärung? Diese Frage, die beinahe so wichtig ist, als: Was ist Wahrheit? Sollte doch wohl beantwortet werden, ehe man aufzuklären anfinge. Und doch habe ich sie nirgends beantwortet gefunden!“ Das konnten die Herausgeber nicht auf sich sitzen lassen, galten sie doch als Speerspitze der Aufklärung schlechthin! Und so baten sie ihre Leser um Klärung, und gleich zwei der berühmtesten Philosophen der Zeit fühlten sich angesprochen: Moses Mendelssohn (auf dessen Antwort ich hier nicht eingehe, weil sie sich eher auf die Begriffe Kultur und Bildung konzentriert) und kein Geringerer als der Königsberger Philosoph Immanuel Kant, der seit seiner Kritik der reinen Vernunft (erschienen 1781) zum unbestrittenen  philosophischen Leitwolf der Zeit aufgestiegen war.

 

4. Immanuel Kant: Aufklärung braucht Mut!

 

Und so erschien genau ein Jahr später, unter den Christbaum sozusagen, Immanuel Kants Antwort in der Berlinischen Monatsschrift, und sie hat sich bis heute als die haltbarste Formel zur Bestimmung des schwammigen Begriffs Aufklärung erwiesen. Programmatisch bestimmt Kant (und gibt dabei gleichzeitig ein Beispiel dafür, wie eine ordentliche aufklärerische Begriffsdefinition aussehen sollte):

 

„Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Selbstverschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Muthes liegt, sich seiner ohne Leitung eines andern zu bedienen. Sapere aude! Habe Muth dich deines eigenen Verstandes zu bedienen! Ist also der Wahlspruch der Aufklärung!“

 

Das ist ziemlich nahe an dem, was wir von Adelung gehört hatten; Aufklärung ist die Handlung des Aufklärens durch die Tätigkeit des eigenen Verstandes. Auch Kant gibt dabei keine einzige inhaltliche Bestimmung; er fordert einfach nur von jedem sich seines ihm von der Natur oder von Gott gegebenen Verstandes auch zu bedienen, und zwar selbständig, ganz allein, ohne Anleitung und ohne Netz und doppelten Boden. Tue er dies jedoch nicht, bleibe er nicht nur ewig unmündig, sondern er sei auch noch selbst schuld: Denken, so Kant, erfordert vor allem eines: Nicht Ausbildung, nicht Anleitung, nicht Brillanz, sondern – Mut! Angeborene Dummheit ist verzeihlich, nicht aber Furcht. sapere aude, so zitiert Kant Horaz und damit einen der zentralen Denker der antiken Aufklärung (die noch nicht so hieß natürlich); die vollständige Formulierung lautet: „Einmal begonnen ist halb schon getan. Entschließ dich zur Einsicht! Fange nur an!“ Schiller übersetzt: „Erkühne dich, weise zu sein!“ Auf den Anfang des Erkennens kommt es an; nicht auf das Ende.

 

Denn wir Menschen, so Kant im nächsten Passus ziemlich realistisch, sind gar nicht so ungern unmündig: „Es ist so bequem, unmündig zu sein. Habe ich ein Buch, das für mich Verstand hat, einen Seelsorger, der für mich Gewissen hat, einen Arzt, der für mich die Diät beureilt usw. so brauche mich ja nicht selbst zu bemühen. Ich habe nicht nöthig zu denken, wenn ich nur bezahlen kann“. Das sind klare und harte Worte, daran ist wenig misszuverstehen. Kant nimmt jeden Einzelnen in die Pflicht und in die Verantwortung; und er verschweigt nicht, dass der Prozess der Aufklärung lebenslange Mühe und Arbeit ist. Denn die Freiheit des Denkens, sie ist so ungewohnt; niemand hat uns dazu erzogen, und sie ist ein Risiko, wer selbst denkt, irrt selbst, auf eigene Rechnung; er kann sich hinterher nicht damit herausreden, jemand anderes hätte ihn böswillig in die Irre geführt. Denn selbst wenn man so weit gekommen sei, sich durch einen Akt des mutigen Entschlusses aus der Unmündigkeit zu verabschieden, in der man es sich so wohnlich eingerichtet hatte, kann man nach Kant nicht sofortige Erfolge erwarten: Der des Selbstdenkens noch Ungewohnte würde „dennoch auch über den schmalsten Graben einen nur unsicheren Sprung thun, weil er zu dergleichen freier Bewegung nicht gewöhnt ist“. Fragen wir uns das, jede und jeder einzeln für sich: Sind wir zu „dergleichen freier Bewegung“ wirklich gewöhnt? Glauben und vertrauen wir nicht immer noch allzu gern selbst ernannten Sachverständigen, Experten, Vormündern und Vordenkern, Leitartiklern und Think tanks? Lehren wir unsere Kinder in Schulen wirklich das Selbstdenken, eine rein formale Fähigkeit, die trainiert und geübt werden will, ganz unabhängig von ihren Ergebnissen – oder lehren wir sie nicht doch eher das, was sie zu denken haben, wenn sie als aufgeklärt gelten sollen?

 

Kants Antwort ist damit aber noch nicht beendet. Er diskutiert noch eine Reihe von wichtigen Fragen – über das Verhältnis öffentlicher und privater Aufklärung, über die Grenzen der Aufklärung im Autoritätsstaat Preußen, sogar über die Notwendigkeit, gelegentlich die Aufklärung gezielt zurückzustellen (zum Beispiel im Militär, wo es wenig Sinn macht, Soldaten in Kampfsituationen zu ihrer Meinung zu befragen, und mag sie noch so selbstgedacht sein). Völlig überzeugt davon ist er jedoch, dass die Aufklärung als historischer Prozess der Emanzipation des Menschengeschlechts von seinen Vormündern zwar nicht aufzuhalten sei; aber keinesfalls über Nacht geschehe. Und der Text endet in  einem beinahe poetischen Bild des Königsberger Meisterdenkers:

 

„Wenn denn die Natur unter dieser harten Hülle den Keim, für den sich am zärtlichsten sorgt, nämlich den Hang und Beruf zum freien Denken, ausgewickelt hat; so wirkt dieser allmählich auf die Sinnesart des Volkes […] und endlich sogar auch auf die Grundsätze der Regierung, die es ihr selbst zuträglich findet, den Menschen, der nun mehr als eine Maschine ist, seiner Würde gemäß zu behandeln“.

 

Sogar die Regierung! Das muss man sich ein wenig auf der Zunge zergehen lassen. Aber immerhin bietet Kant damit auch endlich einen inhaltlichen Begriff zur Bestimmung der Aufklärung an: Es ist die Menschenwürde; sie jedoch ergibt sich logisch erst daraus, dass der Mensch über das Maschinenstudium herausgekommen ist, indem er damit begonnen hat, selbständig zu denken! Menschenwürde ist das Ergebnis von Aufklärung, nicht ihre Voraussetzung.

 

5. Christoph Martin Wieland: Aufklärung ist eine Selbstverständlichkeit

 

Kant ist insgesamt jedoch, im Wesentlichen, optimistisch: Die Aufklärung des Publikums lässt sich nicht endlos aufhalten, und irgendwann wird auch ein Zustand erreicht sein, der dieser Aufgeklärtheit einen politischen Rahmen gibt. Aber vielleicht nicht schon übermorgen; übermorgen hingegen wird die Französische Revolution stattfinden und nicht nur für Kant seinen grundlegenden Optimismus über den Fortschritt der Menschheit massiv in Frage stellen, da sie zwar heroische Ziele verkündete, sie aber durch einen bisher ungesehenen Terror durchzusetzen versuchte (wir erinnern uns an Lichtenberg: Aufklärung geschieht nicht durch angezündete Häuser!). Wieland hingegen – nun, er gilt mindestens ebenso als Musteraufklärer wie Kant, und das durchaus zu Recht. Aber auch er ist sich bewusst, dass es mit der Sache einige Schwierigkeiten hat. Seine eigene Antwort zur Berliner Frage „Was ist Aufklärung?“ findet sich sechs Jahre später in seiner eigenen Zeitschrift, dem Teutschen Merkur; also genau im Revolutionsjahr 1789. Und sie kommt ein wenig verwickelt und verschroben daher: Es ist ein Beitrag mit dem merkwürdigen Titel „Ein paar Goldkörner aus – Maculatur oder Sechs Antworten auf sechs Fragen“; geschrieben hat ihn, angeblich, ein gewisser Timalethes (ein offensichtliches Pseudonym, das als „Weisheitslehrer“ aus dem Griechischen übersetzen kann). Da sich Wieland jedoch mehrere Jahre später persönlich als Timalethes geoutet hat, können wir ihn als eine ironisch verklausulierte Äußerung Wielands lesen. Aber können wir wirklich?

 

Der Text beginnt zunächst mit einer Art Rahmenhandlung, in der seine Entstehung mit einer etwas bizarren Geschichte verbunden wird: Der Autor habe, wie es ja durchaus üblich sei, mal wieder einen Bogen Makulaturbögen (also schadhafte oder veraltete Druckbögen) zu seinem üblichen Zweck nutzen wollen (der Leser darf assoziieren: an einem gewissen Örtlein). Da sei ihm irgendwie aufgefallen, dass gerade dieser Bogen sechs Fragen zum Wesen von Aufklärung enthalte (es war also ein Bogen aus der Berlinischen Monatschrift, sogar die korrekte Seitenzahl wird genannt). Und da man schließlich von den Weisheitslehrern alter Zeiten wisse, dass man auch „aus einer gewissen unnennbaren Materie den Stein der Weisen“ ziehen – also Gold machen könne -, habe er, Timalethes/Wieland, doch auch einmal den Versuch unternommen, aus diesen Bögen Makulatur das Gold (der Weisheit nämlich) zu ziehen. Darauf folgen sechs Antworten auf sechs Fragen; sie sind kurz, knapp und auf den Punkt und illustrieren des Verfassers Hauptthese, nämlich: dass diese Fragen „schon seit einigen tausend Jahren für alle verständige Menschen keine Fragen mehr“ seien! Darüber aber sowie den Goldgehalt der aus dieser Makulatur gewonnenen Weisheiten möge doch gefälligst – der Leser dieser Bögen selbst urteilen!

 

Das ist eine klare Aufforderung zum Selbstdenken, hören wir uns also an, was uns Timalethes/Wieland zu sagen haben und urteilen wir dann selbst! Was Aufklärung sei, so werden wir von Timalethes zunächst belehrt, wisse jeder, der Augen habe und hell und dunkel unterscheiden könne und insofern ein natürliches Wissen darüber habe, dass man die Dinge im Hellen besser sehe als im Dunkeln (wir wiederholen: Aufklärung als Metapher). Daraus ergebe sich auch schon die Antwort auf die zweite Frage, nämlich welche Gegenstände Objekt der Aufklärung sei? – alle sichtbaren, natürlich, da man im Dunklen nur – nun gut, der Leser wisse schon was – tun könne und alles andere das Licht nicht scheue; und zwar auch und gerade (jetzt gehen wir zum ersten Mal über die Bildebene der Metapher heraus) das „Licht des Geistes“, das nämlich das Wahre vom Falschen, das Gute vom Bösen scheiden könne und als solche der natürliche Agent der Aufklärung sei. Aber es gebe selbstverständlich Leute, die Grund hätten, dieses Licht des Geistes zu scheuen, und zwar nicht nur Betrüger. Zu ihnen gehörten vielmehr beispielsweise (und bitte jetzt auf die Beispiele achten!) jeder, „der Grillen fängt, Luftschlösser baut, und Reisen ins Schlaraffenland oder in die glücklichen Inseln macht“; haltlose Idealisten also, Phantasten und Schwätzer! Das ist mutig gesagt von jemand, der selbst als Dichter gelegentlich das eine oder andere Luftschloss gebaut hat und gelegentlich auch eine unschuldige Grille fängt! Wir als Leser beginnen derweil nachdenklich zu werden; spricht hier nicht doch ein gewisser ironischer Unterton mit?

 

Demgegenüber gibt es auf die dritte Frage – „wo sind die Grenzen der Aufklärung?“, also eine durchaus berechtigte und auch von Kant thematisierte Frage – nur zwei, drei lakonische Sätze: dort, wo man eben nichts sehen könnte, egal bei welchem Licht (was unschuldig klingt, aber ein wenig zum Denken herausfordert: Wie ist es beispielsweise mit metaphysischen Fragen? Mit religiösen? Ist hier eine absichtliche Leerstelle?). Etwas ausführlicher wendet sich unser Timalethes hingegen der vierten Frage zu, durch welche „sicheren Mittel“ Aufklärung befördert werde: Man mache eben Licht! Himmel nein, möchte man an dieser Stelle sagen, da waren wir auch schon selbst drauf gekommen. Timalethes jedoch wird an dieser Stelle sogar ungewöhnlich ausführlich: Er nimmt eine systematische Unterscheidung zwischen Gegenständen sinnlicher Erkenntnis und Vorstellungen als Objekten einer geistigen Erkenntnis vor. Letztere würden aufgeklärt, in dem man „das Wahre vom Falschen daran absondert, das Zusammengesetze in seine einfachen Bestandtheile auflöst, das Einfache bis zu seinem Ursprung verfolgt, und überhaupt, keiner Vorstellung oder Behauptung, die jemals von Menschen für Wahrheit ausgegeben worden ist, ein Freybrief gegen die uneingeschränkeste Untersuchung gestattet wird“. Dann aber doch, könnte vielleicht der an dieser Stelle schon etwas gewitzigte Leser einwenden, gilt das doch auch für die als so einleuchtend und unmittelbar präsentierten Weisheiten des – Timalethes? Man wird sehen.

 

Denn unter dem fünften Punkt wird die Sache, bei allem immer strahlendem Licht des Autors, nicht eben deutlicher. Wer berechtigt sei, die Menschheit aufzuklären? Jeder natürlich, lässt Timalethes den dummen Frager wissen, denn welches oberaufgeklärte Obertribunal solle denn sonst bitte entscheiden, wer aufklären darf oder wer nicht? Nein, es werde wohl dabei bleiben müssen, „daß jedermann – von Sokrates oder Kant bis zum obscursten aller übernatürlich erleuchteten Schneider und Schuster, ohne Ausnahme berechtigt ist, die Menschheit aufzuklären“. Natürlich leuchtet das ein in Falle von Sokrates oder Kant, beide sind Kronzeugen der Aufklärung in der Philosophie. Aber etwas verwirrender ist der Punkt mit dem Schneider und dem Schuster. Denn worum es hier, zumindest halboffen geht, ist nicht die Rehabilitierung von Unterschichten in ihrem natürlichen Urteilsvermögen; nein, jeder aufgeklärte Zeitgenosse Wielands denkt natürlich sofort an den wesentlichen philosophischen Schuster der Philosophiegeschichte, nämlich den mystischen Esoteriker Jakob Böhme, und bei seinem Kollegen, dem Schneider, an den Wiedertäufer Jan von Leiden, also den Anführer einer fanatische Glaubensbewegung des Mittelalters – beide geradezu Antipoden einer Aufklärung, in jeder Hinsicht! Was will uns Timalethes damit sagen? Dass die Anti-Aufklärer die besseren Aufklärer sind? Dass man den Trank der Aufklärung bis zur bitteren Neige leeren muss, und wer einmal ein Prinzip geheiligt habe – lückenlose, unbegrenzte Aufklärung – auch mit den Konsequenzen wird leben müssen, nämlich: Aufklärung durch Anti-Aufklärer? Timalethes lehnt sich jedoch zurück und schreibt noch ein wenig darüber, dass zu erwartende Schäden durch unfähige Aufklärer leichter zu verkraften seien als nun ein Aufklärungstribunal, dass öffentlich zugelassene Aufklärer zertifiziert. Zudem habe man ja die Buchdruckerpresse, und jeder Unsinn, der veröffentlicht werde, erhalte schon die nötige Antwort. Man könnte meinen, er habe das Internet vorausgesehen!

 

Damit aber schnell zum sechsten und letzten Punkt: Woran erkennt man nun den jeweiligen Stand der Aufklärung? Natürlich, sagen wir in Chor, daran, dass es heller geworden ist; aber Timalethes geht wenigstens noch ein bisschen mehr ins Detail. Man erkenne es natürlich daran, dass die „Masse der Vorurtheile und Wahnbegriffe zusehends immer kleiner wird“ (Wahnbegriffe, schönes Wort, was meint er wohl damit?); aber auch wenn „die Schaam vor Unwissenheit und Unvernunft, die Begierde nach nützlichen und edeln Kenntnissen, und besonders wenn der Respect vor der menschlichen Natur und ihren Rechten unter allen Ständen unvermerkt zunimmt“. Aufgeklärt ist, so könnte man sagen, wenn man aufgeklärt werden will; und schon sind wir unversehens bei Kant, der in der Aufklärung vor allem eine Frage des Mutes und des Entschlusses sah. Timalethes ergänzt: Es ist eine Frage des Respekts. Selbstdenken + Respekt, das wäre wohl die Formel, auf die das zu bringen wäre.

 

An dieser Stelle und mit einer kleinen Schluss-Sottise gegen die Anti-Aufklärer und ihre Pamphlete endet die Goldmacherei aus Makulatur; und dazu als Bonus sozusagen einem kleinen provozierenden Vers des Timalethes: „Sagt, hab ich recht? Was dünkt euch von der Sache / Herr Nachbar mit dem langen Ohr?“ Der Weise macht sich also lustig, über sein Gegenteil, den Narren mit den langen Ohren; aber wer ist nun genau der Weise und der Narr? Denn der phasenweise so übereindeutige und dann wieder so verzwickt-ironische Text lässt jeden nur halbwegs aufgeklärten Leser mit einem Unbehagen zurück. Goldkörner? Nun ja. Das eine oder andere Katzengold vielleicht. Aber was erwartet man auch von Makulatur? Alle Bücher, auch die klügsten und besten und weisesten, werden irgendwann zu Makulatur; alle Fragen, auch die aufgeklärtesten, landen samt ihren Antworten auf dem Müllhaufen der Geschichte, egal ob sie Kant oder Sokrates oder Jakob Böhme geschrieben haben, egal ob sie die Aufklärung gefeiert oder sie verdammt haben. Das Leben nämlich, so Timalethes, sei die „Capelle“, in der das geschürfte Gold geprüft wird, und nicht der Buchdruck. (Hier haben wir, beiläufig gesagt, ein letztes Beispiel für die tiefe Ironie und Doppeldeutigkeit, die dem Artikel zugrunde liegt. Denn die „Capelle“ lässt uns natürlich an eine kleine Kirche denken; der zweite Wortsinn jedoch, den Adelung (unser Lexikograph aus dem 18. Jahrhundert) noch kennt, ist: Capellen sind „in der Chymie und Schmelzkunst, flache Tiegel von Asche und gebrannten Knochen, Silber und Gold darauf abzutreiben“). Denn nur Narren glauben, endgültige Weisheiten aus Druckerzeugnissen gewinnen zu können; nur einfältige Weisheitslehrer bedienen ihr Bedürfnis nach einfachen Antworten.

 

Ich bin mir inzwischen fast sicher, dass Wieland mit diesem Text (vor allem, aber vielleicht nicht nur) – ärgern wollte, provozieren wollte, in gewissem Sinne auch eine unnötige Debatte beenden wollte: Wenn ihr nach all dieser Zeit und alle diesen Schriften immer noch nicht verstanden habt, was Aufklärung ist – nämlich eine zu jeder Zeit mögliche Selbstaufklärung durch Nachdenken, Unterscheiden, Respekt – und wenn ihr darauf besteht, einfache Antworten auf einfache Fragen zu bekommen – bitte schön, da habt ihr sie! Erwartet aber keine goldenen Weisheiten. Erwartet, bestenfalls, Katzengold! Und dann geht hinaus und praktiziert Aufklärung! (Wieland hat den Text selbst übrigens, als einige Jahre später und damit nach der Französischen Revolution, dieser aufklärerischen Zeitwende, ein Streit darüber ausbrach, als „Diatribe“ bezeichnet: also als eine Form moralphilosophischer Lehre in einfacher Sprache, die sich an ein breites Publikum richtet; gelegentlich aber auch eine gelehrte Schmährede. Beides macht Sinn. Der Leser, die Leserin, entscheide selbst; so geht Selbstdenken!).

 

6. Gotthold Ephraim Lessing: Aufklärung ist, lieber weiter zu irren als aufhören zu suchen

 

Für mich hat, um zum abschließenden Teil und zur letzten Antwort auf die Frage „Was ist Aufklärung?“ zu kommen, immer Gotthold Ephraim Lessing die beste Antwort gegeben. Das vor allem, weil er sich niemals auf die Frage eingelassen hat, sie war aber auch vor seiner Zeit (Lessing starb 1781, das war vor der Frage in der Berlinischen Monatsschrift). Er hat jedoch einen kleinen Text geschrieben, unter dem Titel „Über die Wahrheit“, und schon aus der Frage in der Berlinischen Monatsschrift wissen wir, dass beide Fragen, die nach der Wahrheit und die nach der Aufklärung, eng zusammenhängen (man könnte vermuten: Vielleicht ist Wahrheit und nicht Menschenwürde der eigentliche Inhalt von Aufklärung?). Lessing schrieb also, es war im Rahmen der endlosen gelehrten und publizistischen Streitereien, die er so gern und so souverän führte, eine Art kleines Glaubensbekenntnis. Es beginnt nicht mit einer Frage, sondern mit einer Feststellung, einer These, die ohne jede Einschränkung im Format des ultimativen Rechtshabens, ja sogar versehen mit einer Reihe von Superlativen daherkommt:

 

„Ein Mann, der Unwahrheit unter entgegengesetzter Überzeugung in guter Absicht ebenso scharfsinnig als bescheiden durchzusetzen versucht, ist unendlich mehr wert, als ein Mann, der die beste, edelste Wahrheit aus Vorurteil, mit Verschreiung seiner Gegner, auf alltägliche Weise verteidigt.“

 

Lessing begründet das im Weiteren noch, aber wir bleiben erstmals bei diesem wie gemeißelten Satz; es kommt auf jedes Wort an. Lessing skizziert also einen Mann, der von einer Unwahrheit persönlich überzeugt ist und sie deshalb für eine Wahrheit hält (es darf auch gern eine Frau sein; wenn Sie den Test im Ernst machen wollen, stellen Sie sich einfach einen Afd-Wähler vor…), die als Wahrheit auch verdient, dass man sie verteidigt und verbreitet. Unser Mann hat dabei, da er ja ehrlich von ihrer Geltung überzeugt ist, keine bösen Motive; er versucht vielmehr, mit all seinen Kräften ihr ebenso „scharfsinnig“ (er ist kein Dummer, Dumpfer) wie „bescheiden“ (also auch kein Superman der Erkenntnis) zur Geltung zu verhelfen.

 

Ihm gegenüber stellt Lessing einen zweiten Mann (es darf auch gern eine Frau sein), der zwar die Wahrheit sagt, sogar die „beste, edelste“. Er sagt sie aber nur aus Vorurteil, also ohne sich persönlich durch Selbstdenken von ihrer Wahrheit überzeugt zu haben, bedient sich also einer gängigen, allgemein akzeptierten und im mainstream unproblematischen Formel. Zudem benutzt er als wesentliches Argument die Denunzierung der Gegner (meist als Dumme, Dumpfe); er selbst bringt es aber nicht über ein „alltägliches“, triviales, abgelutschtes Argument hinaus (woher auch, er hat ja nicht darüber nachgedacht). Und Lessing nun sagt, und das muss man sich wirklich in aller Konsequenz vorstellen: Ersterer ist ihm lieber. Lieber eine persönlich erzeugte, eigenständig und bescheiden vorgetragene Unwahrheit als eine allgemein akzeptierte Globalwahrheit auf der Basis der Denunziation der Gegner und ohne jegliche Originalität im Ausdruck.

 

Lessing hat aber auch eine Begründung parat, eine komplizierte und eine einfache (das ist durchaus ein wenig wie bei Wieland, sie können den Text sozusagen wörtlich und symbolisch lesen). Ich bleibe aus Zeitgründen und auch, weil sie mir einleuchtet, bei der einfachen Begründung (den Rest können Sie selbst nachlesen, es steht überall im großen weiten Internet unter dem Titel „Über die Wahrheit“). Lessing sagt nämlich, dass der Wert eines Menschen (der moralische, können wir ergänzen, oder auch: seine Aufgeklärtheit) nicht im Besitz von Wahrheiten bestehe. Er bestehe vielmehr in der Mühe, die sich jemand gegeben habe, um die Wahrheit zu finden. Unversehens sind wir also wieder bei Kant angekommen und auch ein wenig bei Wieland: Auf Selbstdenken kommt es an, nicht aufs Finden und Haben von vermeintlich endgültigen Wahrheiten! Denn, so Lessing ganz konkret und unmetaphysisch: Niemand wachse dadurch, dass er einen Besitz angenommen habe; Besitz mache, so wörtlich „ruhig, träge, stolz“ (und stimmt das nicht, wird das nicht von der einfachsten Erfahrung bestätigt? Was du ererbt von deinen Vätern, erwirb es, um es zu besitzen, hat Goethe gesagt, und in meiner Jugend habe ich das nicht verstanden. Man muss den Satz eben erst erwerben). Bemühung aber, persönliche Anstrengung, die man auf sich nehme, um eine kleine Wahrheit zu finden und dann vielleicht noch eine (es müssen durchaus nicht immer die größten Wahrheiten sein), daran wachse man, daran schule man seine Kräfte, dadurch werde man, so Lessing im aufklärerischen Sprachgebrauch: „vollkommener“. It’s a process, würde man heute sagen.

 

Deshalb aber, in diesen Satz mündet Lessings kleiner Text, deshalb gibt es eine Art Lackmus-Test für die eigene Aufgeklärtheit oder vielleicht besser: Aufklärbarkeit. Er geht so:

    

„Wenn Gott in seiner Rechten alle Wahrheit und in seiner Linken den einzigen immer regen Trieb nach Wahrheit, obschon mit dem Zusatze, mich immer und ewig zu irren, verschlossen hielte und spräche zu mir: wähle! Ich fiele ihm mit Demut in seine Linke und sagte: Vater gib! Die reine Wahrheit ist ja doch nur für dich allein“.

 

Einiges mag sich in uns gegen diese Szenario sträuben, zum Beispiel gegen die ja durchaus konventionelle Auffassung eines allmächtigen und allweisen Gottes, der im alleinigen Besitz der ganzen Wahrheit ist; ist das nicht eben die von Wikipedia beispielsweise festgemachte „Autoritätsgläubigkeit“, gegen die sich der wahrhaft Aufgeklärte wenden soll? Aber vielleicht könnte es einen zum Nachdenken bringen, dass Kant, Wieland und Lessing, die ich durchaus für die wichtigsten Kronzeugen der historischen Aufklärung in Deutschland halte, gläubige Menschen waren. Sie waren darin nicht nur Kinder ihrer Zeit, oh nein; sie hatten auch darüber gründlich nachgedacht, weil sie aufgeklärt genug waren, um über alles gründlich nachzudenken. Und dann hatten sie sich für den persönlichen Glauben entschieden, ob an einen christlichen Gott, ist dabei eher nachgeordnet. Es war ein Ausdruck ihrer Bescheidenheit als Erkennende, ihrer Anerkennung ihrer Schwäche als Mensch. Sie glaubten an die Vervollkommnungsfähigkeit, an die Perfektibilität des Menschen, das war ihr aufklärerisches Credo (was man übrigens auch mit Grund bestreiten kann, es gibt jede Menge gute Argumente dagegen, dass die Menschheit sich jemals vollständig perfektionieren wird!). Aber sie glaubten nicht daran, dass Menschen, einzelne Menschen oder das Gattungssubjekt Menschheit, jemals vollkommen sein würden. Vollkommenheit jedoch – nun, wenn es sie geben muss, dann nennen wir sie eben Gott. Eine regulative Idee, hätte Kant gesagt. Ein schöner Gedanke, hätte Wieland gesagt, schöner jedenfalls als sein Gegenteil. Ein Aufruf zur Demut, hat Lessing gesagt, und wer meint, das nicht nötig zu haben, hat schon demonstriert, wie dringend er es braucht.

 

7. Lessing, zum Zweiten: Aufklärung ist nicht besser denken, sondern besser handeln

 

Wer es lieber ein wenig anschaulicher mag, nicht mit so großen Worten, für den hat Lessing die Ringparabel in seinem dramatischen Gedicht Nathan der Weise geschrieben. Sie wird vielgelesen, noch heute, gern in den Schulen, und gedeutet und hochgelobt als energischer Aufruf zur religiösen Toleranz, und das ist sie zweifellos – auch. Sie ist aber mehr, und das wird seltener gesehen.

 

Ich rekonstruiere ganz kurz zur Erinnerung die Handlung. Das dramatische Gedicht Nathan der Weise spielt zur Zeit der religiösen Kreuzzüge im Mittelalter, also einer Zeit großer religiöser Konflikte. In seinem Zentrum steht die Ringparabel: Der weise Jude Nathan wird zum Sultan Saladin gerufen, und um ihn auf die Probe zu stellen, stellt Saladin die Frage, welche der monotheistischen Religionen er aufgrund seiner Weisheit und persönlichen Prüfung für die beste halte, die jüdische, die christliche oder die muslimische? Nathan ist klug genug, die Falle zu wittern, und rettet sich deshalb in eine Geschichte, die sog. Ringparabel (eine Erzählung, die er sich nicht ausgedacht hat, sie geisterte schon lange vorher durch die Literatur). In der Parabel geht es um einen Mann vor Urzeiten im Osten, der einen Ring von unschätzbarem Wert „von lieber Hand“ besaß, der die Fähigkeit besaß, seinen Träger „vor Gott und den Menschen angenehm zu machen“ (jeder darf auch gern an Tolkiens Herrn der Ringe denken, die Moral dort ist durchaus ähnlich: der eine Ring ist immer verderblich und korrumpiert denjenigen, der ihn trägt). Der Vater vererbte diesen Ring jeweils an den Sohn, der ihm der liebste war – bis der Ring auf einen Vater kam, der drei Söhne hatte, alle gleich lieb, alle gleich wert, und der Vater kommt auf die – seien wir ehrlich, weder besonders kluge noch besonders moralische Idee, drei Fälschungen anfertigen zu lassen und jedem der Söhne in dem Glauben zu lassen, er habe den einen Ring bekommen. Der Betrug fliegt natürlich auf nach dem Tod des Vaters, und die Söhne gehen vor Gericht (das Szenario mutet hier geradezu modern an!).

 

Der Richter lässt die Ringe untersuchen, man stellt aber aufgrund von Sachverständigengutachten fest, dass die Echtheit bei keinem feststellbar ist; worauf der weise Richter den Schluss zieht, dass das Original wahrscheinlich schon lange verloren gegangen war. Zudem, und hier erst erweist er sich als wahrhaft weiser Richter, führt er an, dass man den echten Ring an seinen Wirkungen ja zweifellos erkennen müsste; sein Besitzer müsste ja am meisten geliebt werden, und so müssten schon zwei von den drei Brüdern einen am meisten lieben! Tun sie aber nicht, und der Richter zieht den einzig möglichen Schluss: „Die Ringe wirken nur zurück? Und nicht / nach außen? Jeder liebt sich selber nur / am meisten? – O so seid ihr alle drei Betrogene Betrüger!“ Und die Empfehlung, die er den drei Söhnen mitgibt, lautet: Dann werdet ihr wohl jeder so handeln müssen, als hättet ihr den einen Ring! „Es eifre jeder seiner freien / unbestochnen Liebe nach“, ist die Maxime. Denn, seien wir ehrlich, was für eine moralische Leistung wäre es, aufgrund des ererbten Besitzes eines magischen Ringes aufgeklärt und menschenfreundlich zu sein? Schon das Geschenk selbst ist vergiftet, Produkt einer früheren Entwicklungsstufe der Menschheit und ihrer früheren Götter, die Günstlinge hatten, magische Geschenke willkürlich verteilten und durch Wunder wirkten.

 

8. Was ist Aufklärung? Aufklärung ist, wenn man trotzdem denkt

    

Was also ist Aufklärung? Aufklärung ist, für Wirkungen des eigenen Handelns selbst verantwortlich zu sein – im Bewusstsein der eigenen Fehlbarkeit und der Möglichkeit des Irrtums selbst bei allerbesten Bemühungen; das könnten wir mit Lessings Ringparabel sagen. Und sie zeigt sich nicht nur im Selbstdenken, sondern vor allem im Handeln. Denn was Aufklärung ist, allgemein und als Definition von Goldwert – ich kann es Ihnen nicht sagen. Kant kann es Ihnen nicht sagen. Wieland kann es nicht, noch nicht einmal Lessing kann es. Das einzige, was man mit einem gewissen Allgemeinheitsanspruch sagen kann ist: Aufklären beginnt mit Selbstdenken. Mut haben. Liebgewordene Überzeugungen überprüfen, immer wieder, das Vorurteil wohnt oft da, wo man es gerade nicht vermutet. Jedem das Recht zum Irrtum zugestehen, sich selbst und anderen. Keine Wunder erwarten, keine Erleuchtungen, keine Patentrezepte. Und am wichtigsten: Endlich anfangen mit Denken und niemals damit aufhören. Aufklärung hat kein Ende, weder ein gutes noch ein schlechtes. 

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Walter Benjamins ‚Kritik der Gewalt‘, oder: Wie Wesentliches über Gewalt nicht gesagt wird


Natürlich war die Gewalt allgegenwärtig damals. Die erste Weltkrieg war gerade zu Ende gegangen, die politische Situation höchst instabil; es war noch nicht eigentlich Frieden (an sich schon ein instabiler Zustand), sondern eher ein Machtvakuum, das von Männern gefüllt würde – Männern mit Gewehren vor allem, den Freicorps, man sollte meinen, sie hätten genug davon gehabt, aber eine Tagebuch aus dem Ruhrkampf verzeichnet: Pardon werde nicht gegeben. Mit den Franzosen, im Krieg, sei man nicht so brutal gewesen, wie jetzt mit dem Klassenfeind.  Man erschieße sogar Verwundete, gerade gestern noch habe man zwölf Krankenschwestern erschossen; sie seien bewaffnet gewesen, man stelle sich das vor, und hätten um ihr Leben gefleht. Umsonst, und der Unterton des Eintrags ist deutlich: Froh sollen sie sein, dass wir sie nicht auch noch vergewaltigt haben (oder wie immer Männer das formulieren, wenn sie prahlen mit dem Unsagbaren; denn lebt nicht in ver-gewalt-igen die schiere, rohe Gewalt allzu offensichtlich). Auf den Straßen wurde gekämpft, aber ebenso, immer noch, in den Köpfen. Und so ist es nicht erstaunlich, dass sich ein junger Autor mit überschüssiger Energie und einem gewissen Geltungsbedürfnis (kann man Testosteron in Sprache verwandeln? Oh ja, man kann!) hinsetzt und über Gewalt schreibt. Vielleicht kann man sich sogar vorstellen, dass er den Essay, den er in drei Wochen zu Papier bringt, ‚Kritik der Gewalt‘ nennt; zwar sei er keineswegs vollendet, so der Autor in einem Brief, aber er meine doch, „Wesentliches zur Gewalt“ gesagt zu haben. Man sieht Kant den Kopf schütteln, diese jungen Leute, drei Wochen, Wesentliches gesagt! Wie viele Jahre ist er an seinem kritischen Projekt gesessen, wie fundamental ist er es angegangen, wie sorgfältig hat er daran gebaut, wie hat er versucht zu retten, was an der Vernunft zu retten war! Aber so sind sie, die jungen Leute, da kommen sie daher und reden von Kritik und meinen den Kategorischen Imperativ mit einem Nebensatz erledigen zu können, die uralte goldene Regel, die man doch nur kritisch verfeinert, geschärft hatte, und die bei nur mäßig begabter Anwendung noch jeden Krieg dieser Welt verhindert hätte und ziemlich viel der sinnlosen Gewalt! Das aber ist, immerhin, Benjamins Ausgangspunkt und vielleicht sogar eine sinnvolle Frage: Gibt es ihn überhaupt, diesen Unterschied zwischen sinnloser und sinnvoller, weil im Interesse des guten Endzweckes gerechtfertigter Gewalt? Oder ist das nicht nur ein billiger Trick der Geschichte unter dem Diktat der herrschenden Klasen, Gewalt als Mittel zu rechtfertigen, solange der Zweck, der achso heilige Zweck, es denn: ent-schuldigt?


Zur Beantwortung dieser Frage macht unser Autor einen kurzen Streifzug durch – nein, nicht durch die Realgeschichte, die sich gerade auf den europäischen Schlachtfeldern ausgetobt hatte, wo kämen wir da denn hin! Ja, wo wohl: vielleicht in die Realität, das bloße Leben von Individuen in Schützengräben beim Giftgasangriff; oder zu zwölf Krankenschwestern, um ihr Leben flehend vor den Herren der Freicorps? Nein, wir streifen vielmehr, ziemlich verwegen und mit der einen oder anderen begrifflichen Mine ungeschärft im Gepäck, durch die Rechtsgeschichte: Gewalt sei nämlich, und das behaupten wir einfach mal im Modus des kategorischen Apriori, jederzeit untrennbar mit dem Recht verknüpft; und sie sei dabei entweder „rechtsetzend“ oder „rechtserhaltend“ (immer noch stehen die zwölf Krankenschwestern und flehen um ihr Leben, war das nun rechtssetzende oder rechtserhaltende Gewalt?) Aber Benjamin spricht ja nicht von Krieg oder der allgegenwärtigen sexualisierten Gewalt, oh nein, er spricht von der Gewalt als einer Art Monster des Gesetzes, einer selbst erzeugten Kreatur, die das Recht nun nicht mehr abschütteln kann. Nun gut, etwas mag an diesem Gedanken dran sein, auch wenn man er seltsam abgehoben daherkommt und eine Drohkulisse aufbaut, wo man bisher naiv einen friedlichen Konsens vermutet hätte, sind denn die Gesetze nicht eine Vereinbarung zum Schutze aller, die vor ihnen bekanntlich, theoretisch zumindest, gleich sind? Und der junge Mann versucht ja auch historisch zu argumentieren; vom Naturrecht ist kurz die Rede, einer Rechtstradition, die man auch einmal naiv geneigt war für revolutionär und emanzipatorisch zu halten; man erwartet jederzeit das Wort vom bellum iustum, dem historischen Musterbeispiel einer Rechtfertigung von Gewalt durch einen guten Zweck, aber man wartet vergeblich, es fällt nicht. Spinoza wird stattdessen ein wenig an den Schläfenlocken herbeizitiert, im Hintergrund taucht vage drohend ein gewaltiger Gott auf, was einen schon misstrauisch stimmen könnten, was hat denn das nun mit Naturrecht zu tun? Aber nie, niemals, das fällt einem an dieser Stelle auf einmal geradezu schlagartig auf, taucht der Mensch auf, der konkrete Mensch, der den Menschen bekanntlich ein Wolf ist, der Aggressionen und Triebe hat und gelegentlich auch gern Krankenschwestern erschießt, was die Naturrechtler natürlich wussten, so aufgeklärt waren sie schon! Die Faszination durch Gewalt, durch den Großen Verbrecher, scheint immerhin kurz auf, um sofort wieder im Dickicht der Begriffe zu verschwinden. Derweil wird aber der angeblich kritisch fundierte Gewaltbegriff immer schwammiger; Streik ist Gewalt (Gandhi hätte vielleicht, sehr sanft, protestiert), Polizei ist Gewalt (naja, vielleicht, aber man möchte sie deshalb doch nicht unbedingt missen), Vertrag ist Gewalt – Moment, horcht man auf, Vertrag ist Gewalt? Der contrat social, angetreten um die rohen Kräfte des Menschen durch Übereinkunft zu bändigen, ein Gewaltakt? Ja Himmel, was bleibt denn da noch?


Aber Benjamin ist, wenn schon für wenig wahrhaft kritisches oder historisches Denken, immer für eine Überraschung gut. Die Sprache sei es beispielsweise, die reine Sprache, die irgendwie der Ursünde der Vergewaltigung der Gewalt durch das Recht (sei es nun natürlich oder positiv begründet, was macht das schon für einen Unterschied!) entkommen sein muss, wie genau, bleibt schleierhaft: denn wenn dieser Text nicht geradezu ein Paradebeispiel für die Vergewaltigung von historischem Sinn und kritisch geschärfter Bedeutung durch die Sprache ist, eine testosterongeladene Propaganda-Schrift unter dem Mäntelchen der ‚Kritik‘, dann müssen wir uns doch im Paradies und nicht in der gewalt-durchtränkten Nachkriegsgesellschaft der frühen 20er Jahre befinden. Aber diesen – Gedanken? – lässt Benjamin sowieso links liegen, oder auch rechts (unschuldige Wörter natürlich) und kommt beschleunigt-beflügelt endlich dorthin, wo die wahre Gewalt wartet, nein: waltet, kleiner Unterschied im Wort, aber welch gewaltiger Unterschied im Milieu: Von der Welt des Rechts bewegen wir uns nun nämlich, mit dem für metaphysische Unternehmungen dieser Art üblichen Salto mortale (mortale, war das nicht einmal: tödlich?) in die Welt der Mythologie und der Religion. Die Mythologie, nun, zweifellos, ein Gewaltschauplatz archaisch-titanischen Ausmaßes; und immerhin taucht mit Niobe endlich einmal eine Frau auf, die fassungslos zusehen muss, wie ihre Kinder gemeuchelt werden, sieben Söhne, sieben Töchter, nicht einmal eine lässt man ihr; grundlos, dahingestreckt von der Willkür einer Göttin, die sich beleidigt fühlte und den Mob aussandte (ja, es waren Apollo und Artemis. Ja, es war der Mob). Das ist ultimative Gewalt, jenseits jeden denkbaren Rechts, tödlich und blutig im Extrem. No argument here. Oder doch, vielleicht, wenn man darüber nachdenkt -? Die Krankenschwestern sind wieder aufgetaucht, zwölf an der Zahl (Gewalt kommt gern in Zahlensymbolik verkleidet, das wertet irgendwie auf), und man könnte darüber nachdenken, ob diese Götter nicht allzu-menschlich sind: Denn ist Niobe nicht eine Frau, eine Mutter, der ihre Fruchtbarkeit, ihre vermehrtes Fortbestehen geneidet wird? Natürlich strecken die antiken Götter auch Männer nieder ohne jeden Grund, mythologische Gewalt ist nicht wählerisch, sondern ein Naturphänomen – aber ist es nicht, in diesem speziellen Fall, eine Form von sexualisierter Gewalt, die zudem in äußerster Perfidie nicht die Mutter selbst tötet, sondern sie den Tod ihrer Kinder mit ansehen ließ, erst sieben und dann noch einmal sieben? Verschwiegen soll nicht werden, dass auch der Vater das nicht überlebte, er richtete sein Schwert gegen sich selbst. Niobe aber erstarrte, sie erstarrte zu Stein; und als sie der Wind auf den Berg Sipylos versetzte, hörte der Stein nicht auf Tränen zu vergießen.


Niobes unermessliches Leid ist ein menschliches Leid; aber war nicht auch die Tat der Titanin Leto, die sich als Mutter gedemütigt fühlte und als Göttin nicht hinreichend verehrt mehr, eine ziemlich menschliche Tat? Zeugt sie nicht gerade von der Komplexität menschlicher Motive, ihrer Vielgründigkeit? Mythologische Gewalt, verniedlicht man sie nicht zu einer Geschichte, einem Gedankenspiel, wenn man sie zur reinen, grundlosen Willkür erklärt? Gewalt braucht, das könnte man stattdessen auch sehen, Gewalt braucht immer Gründe, und meist eben nicht nur einen. Es reicht, wenn sie nachträglich sind. Noch der psychopathische Serienmörder (ein anderes Musterexempel von Gewalt, das innerhalb des eingehegten ‚kritischen‘ Gewaltbegriffs keinen Platz finden kann) konstruiert sich seine Gründe und seine Regeln. Es sind seine eigenen, und sie folgen einer sehr seltsamen, aber nachvollziehbaren Logik. Willkür? Ach, wenn es sie doch gäbe. Willkür ist nur noch nicht hinreichend erkannte (Multi-)Kausalität, mit einer Neigung zur chaotischen Selbstverstärkung.


Aber deshalb ist ja auch für Benjamin mythologische Gewalt nicht reine Gewalt. Reine Gewalt nämlich, und hier nähern wir uns endlich dem versteckten gedanklichen Gravitationszentrum dieses so merkwürdig zwischen Metaphysik und Ideologiekritik schwankenden Denkens, ist natürlich Gott vorbehalten. Nur Gott waltet rein, jenseits der Gewalt in ihren menschlich-mythologisch-gesellschaftlichen Abformen, er ist schaffende Gewalt und zerstörende Gewalt zugleich, Gewaltessenz, genauso tödlich wie die antiken Götter, aber: unblutig. Unblutig? Krankenschwestern bluten, wenn man sie erschießt. Niobes Kinder haben geblutet und bluten weiter, im Stein und allen sinnlosen Kriegen dieser Welt. Gott? Er möge sich verantworten oder nicht, es ist von eher schwachem Interesse, außer: für Metaphysiker, die sich als Kritiker verkaufen wollen. Es gibt keine reine Gewalt, so wenig wie es reine Vernunft gibt. Wenn er doch nur wenigstens Kant gründlich gelesen hätte…

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Weiter denken. 
Polemische Essays und Listen der Vernunft 



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Weiter denken.

Essays wider die Kurzsichtigkeit
der Moderne

 

Klappentext:

Am schnellsten, am besten, am größten – die Moderne ist süchtig nach Superlativen . Philosophische, aber auch lebensweltliche Erfahrungen und Erkenntnisse vergangener Jahrhunderte interessieren sie nicht mehr: Der moderne Mensch hat zu allem eine "eigene Meinung" zu haben,und zwar sofort und in drei Sätzen. Deshalb blüht der Meinungsmarkt: Vorgefertigte Gewissheiten und variabel verwendbare Totschlagargumente ersetzen die zeitraubende eigene Urteilsbildung. "Weiter denken" hingegen fordert dazu auf, sich nicht mit Fertigurteilen zu begnügen. Der Band versammelt Essays, die das Denken bei der Arbeit zeigen, die Urteilskraft bei ihrer täglichen Gymnastik: Es geht um Alltägliches und um philosophische Grundfragen, um das Leben als Frau und als Katze, um die Notwendigkeit von Neiddebatten, Wortklaubereien und Weihnachtsfreude. 

 

Inhalt:  


Denken Frauen anders? Statt einer Einleitung 
Raffaels Schule von Athen und die verborgene Schule der Athene. Eine philosophische Bildbetrachtung 

I. POLEMISCHE ESSAYS

Der alltägliche Wahnsinn: Von Katzen, Krimis und Kaffee

Katzen-Philosophie 
Aufgeklärt. Warum wir Krimis lieben

Kleine Fluchten: Kein kalter Kaffee! 
Froh sein. Vom Geist der Weihnacht 
Mit System zu spät oder: kleine Dialektik der Hochgeschwindigkeitszüge 
Geförderte Unterforderung. 


Beim Wort genommen: Reizwörter

Auf Augenhöhe herabgelassen 
Gut aufgestellt oder gut aufgelegt?
Abgezockt? 
Wer die Pfeife bläst 
Der weiße Ritter und die Wahrheit: Experten 
Es sprach die Rabenmutter: Nimmermehr! 


Totschlag-Argumente: Rhetorische Wunderwaffen, entschärft


Das ist doch Wortklauberei!
Der arme Oberlehrer, oder: Von der Last, Recht zu haben 
Das wird man doch noch sagen dürfen! Die Meinungsfreiheit der Anderen 
Die Notwendigkeit von Neiddebatten 
Das ist aber populistisch! 


Grundfragen: Vom kleinen Glück und der Größe der Philosophie

Zarathustra in der Wellness-Oase 
Marke und Metaphysik: Neue und alte Hinterwelten 


II. LISTEN DER VERNUNFT

Aufgelistet. Warum Listen menschlich sind 
Denken leicht gemacht. Zur geistigen Fitness in fünf Schritten
Ausgedacht. Archetypen des Denkens 
Episch. Zwanzig Regeln für Krimi-Serien 
Abgefahren. Acht Regeln zum Bahnfahren 
Ausgelacht. Zehn Gründe gegen das Lachen 
Kinder sind auch Menschen. Zwölf Regeln für den Umgang mit Kindern
Wer ist schuld? Zwölf Kandidaten für das blame game
You've gotta learn to listen, man! Neun Verständnishindernisse
Wofür der brave Bürger zahlt. Zehn Anschläge auf das Portemonnaie 


Rettet die Mitte! Statt eines Schlusswortes 


_____________________

Leseproben: 

 

Der alltägliche Wahnsinn  

 

Geförderte Unterforderung - ein Wettbewerb

 

Tatsächlich soll es ja Kinder und Jugendliche geben, die trotz des ach so schrecklichen G8-Stress,ihrer Hubschrauber-Mutter und der Notwendigkeit, mehrere Stunden täglich mit Computerspielen zuzubringen, um von der Peer Group nicht völlig gemobbt zu werden, nicht ausgelastet sind. Für diese bemitleidenswerten Wesen hat die Bildungspolitik die Wettbewerbe erfunden. Jugend trainiert für Olympia, Jugend forscht, Jugend debattiert, Jugend musiziert; für die technisch-naturwissenschaftlich Orientierten dazu das Känguru der Mathematik, die Mathematik-Olympiade oder die Physik-Olympiade. Die Programmatik der entsprechenden Internet-Portale schäumt vor Förder-Ambition geradezu über: Hier sollen sich die versteckten Talente entfalten, die künftigen Genies schon einmal Anlauf nehmen, Höhenluft schnuppern, auf dass sie auch weiter streben und später einmal die krankende Wirtschaft und das aussterbende Vaterland mit neuen Ideen, hoch innovativen und kreativen natürlich, retten. (Nebenbei bieten Förderwettbewerbe auch eine prächtige Gelegenheit zur Profilierung der weiterführenden Schulen und der jeweils zuständigen Fachlehrer im Kollegenkreis; aber das sind natürlich höchstens sekundäre Motive).

[...]    

Mit System zu spät. K(ein) Trost für Bahnfahrer

 

Früher hießen die Züge noch nicht Hochgeschwindigkeitszüge (oder: Train à Grande Vitesse), sondern D-(für Durchgangs-) oder E-(fürEil-)Zug; und alles darunter war ganz einfach ein Bummelzug. Man konnte die Wagenfenster noch öffnen und geruhsam die Landschaft betrachten, und, wenn die Eltern oder der strenge Schaffner (der noch kein Zugbegleiter war oder gar ein Zug-Chef) nicht schauten, die Haare im Wind flattern lassen und den Kühen winken. Dann kamen die IC-(für Inter City)-Züge, und natürlich hielten sie nicht mehr an jeder Milchkanne, sondern nur noch in ordentlichen Städten, dort wo die fleißigen und eiligen Menschen wohnten. Ihnen folgten die ICE-(für Inter City Express)-Züge, mit Superhochgeschwindigkeit fuhr man nun begradigt über hohe Brücken und durch lange Tunnel, die Landschaft raste nur so vorbei, und um die Haare im Wind wehen zu lassen, musste man schon die Scheiben im vollklimatisierten Zug einschlagen. Stattdessen kühlte die Klimaanlage – so sie funktioniert, aber dazu kommen wir erst an der übernächsten Station – auf derartige frische Innentemperaturen, dass fröstelig veranlagte Zugfahrerinnen gezwungen sind, auch bei hochsommerlichen Außentemperaturen den Wollpulli nicht zu vergessen. Aber dafür fuhr man ja auch ICE, schnell, schneller, am schnellsten! 

Oder etwa doch nicht? Regelmäßige Zugfahrer konnten über die letzten Jahre hinweg eine seltsame Erfahrung machen: Je höhere Geschwindigkeitsrekorde die Zugpferde einfuhren, desto größer wurde auch das Risiko, mit einer empfindlichen Verspätung am Zielort einzutreffen. Klingt unlogisch? Ist es aber, bei genauerer Betrachtung und der Anwendung einiger Grundgesetze moderner Systemtheorie eigentlich gar nicht. [...]

 

Kleine Fluchten. Kein kalter Kaffee

 

Man kann es morgens tun, man kann es nachmittags tun; einige tun es nach jedem Essen, andere zu jeder Zigarette,wieder andere – überhaupt nicht. Natürlich kann man es auch nachts tun, zumal er zutiefst schwarz sein kann: schwarz wie die Nacht, heiß wie die Hölle, süß wie die Sünde oder bitter wie das Leben. Aber am besten ist er am Morgen, möglichst bald nach dem Aufstehen, noch im Schlafanzug mit der Lieblingstasse, aber notfalls auch in Pappbechern auf dem Weg zur Arbeit. Der erste ist ein Versprechen – du wirst auch diesen Tag überstehen; es ist zwar ein Tag wie alle anderen, du wirst die gleichen Gesichter sehen, die gleichen Wege gehen, die gleichen Geschichten hören, die gleichen Fehler machen – aber für einen Kaffee lang gehörst du noch dir, dir allein und dem unergründlichen Getränk, das sich warm deinem Gaumen anschmeichelt und milchig durch die Kehle rinnt; vielleicht mit einem kleinen weißen Schaumberg darauf, der mit lockeren Wölkchen die Leichtigkeit des Seins vorgaukelt; oder mit einem Schokoladenstupfer, der gerade eben an die süßen Versprechungen des schönen Lebens erinnert, ohne sie schon allzu sehr ins Dumpf-Süchtige zu vertiefen. Der Moment scheint zu stehen– aber nur für eine kleine Ewigkeit; wenn die Wärme schwindet, ist auch der Zauber dahin, die Bitterkeit verdrängt das Aroma, und nichts ist langweiliger, unbefriedigender und frustrierender als der sprichwörtlich kalte Kaffee. [...] 

   


Beim Wort genommen


Wer die Pfeife bläst

 

Niemand mag Whistleblower so richtig leiden. Sie stehen auf dem Sportplatz, meist in für ihr Alter etwas zu kurzen schwarzen Hosen, und pfeifen eigentlich nie an der richtigen Stelle (meint jedenfalls die eine Hälfte des Publikums; aber das nächste Mal ist es die andere Hälfte, und so sind alle unzufrieden). Oder ganz früher, als die Polizisten noch komische Hüte trugen und statt elektronischer Schlagstöcke einen guten alten Knüppel, da pfiffen sie den Verbrechern auf der Straße hinterher; „verpfeifen“ nannte man das, und natürlich will bis heute niemand verpfiffen werden (egal, was für Katastrophen er gerade angerichtet hat). Pfeifen klingen schrill und laut – sie sollen schließlich aufschrecken und für jeden unüberhörbar anzeigen, dass gerade etwas passiert ist, was den Regeln nach nicht geschehen hätten solle. Wir lieben unsere Pfeifenköpfe, sei es auf dem Sportplatz oder in Polizeiuniform, nicht gerade; aber wenigstens respektieren wir sie!

[...]


Drittklassig*

 

Drittklassig. Jetzt wissen wir es also. „Partner dritter Klasse“ sind wir; wir sitzen auf den Holzbänken, eng aneinander gedrängt, mit steifem Rücken und ungewaschenen Mänteln, dazwischen das ein oder andere Huhn, und es ist unklar, ob der Zug jemals ankommen wird, wo auch immer. Der Lärm ist beinahe unerträglich – neben den Hühnern gibt es auch noch Hunde und Katzen -, die Leute lärmen, manche singen Lieder, andere schnarchen oder husten oder geben sonstige unerfreuliche Lebenszeichen von sich. Was auch immer jedoch sie tun, alle anderen bekommen es mit; jeder Pfurz wird belauscht, jedes Flüstern behorcht, ja, vielleicht werden sogar die dunklen Gedanken gelesen, die sich vergeblich hinter gekrausten Stirnen und geföhnten Locken zu verbergen versuchen. So ist das nun einmal in der dritten Klasse! 


Oder reden wir gar nicht von Zügen aus der Zeit, als es noch keine ICEs mit versagenden Klimaanlagen, gebaute oder nur geplante europäische Magistralen und kein Thank-you-for-traveling-Deutsche-Bahn-today gab? Reden wir eher von – drittklassigen Etablissements? Räumen, in denen immer ein schummriges Halbdunkel herrscht, die Luft noch rauchgeschwängert ist und der billige Fusel das letzte Fünkchen Geistesblitz gelöscht hat? In denen Exzesse und Ekstasen stattfinden, heimlich natürlich, hinter verschlossenen Türen und roten Gardinen – oder doch, heimlich natürlich, bewacht von Sicherheitskameras, der letzte Voyeur selbst ausspioniert und nach und nach um seinen letzten Cent gebracht? Tja, so ist das halt in drittklassigen Etablissements! 

Oder, nein, war die Rede etwa von Schulklassen? Erinnern wir uns noch an die dritte Klasse, in der zum ersten Mal eine Ahnung vom „Ernst des Lebens“ aufkam, das Spielen endgültig ein Ende hatte und die nette Lehrerin auf einmal zur strengen Domina wurde? Gell, ihr wollt doch aufs Gymnasium, ihr wollt doch nicht ewig bildungsferne Schichten bleiben, Manövriermasse für die Manipulateure der Medien und der Politik, Stimmvieh, ferngelenkt von TV und Internet? Nein, wollt ihr doch? Dann ab, nach hinten in die dritte Reihe, ihr werdet schon sehen, wo ihr bleibt! Die erste Reihe ist reserviert für die Erstklassigen, die bleiben besser unter sich! 


Aber nein, es war ja die Rede von Partnern, nicht von überfüllten Zügen, unterbelichteten Bordellen oder unwilligen Schülern! Partner, immerhin; das klingt nach – Sport vielleicht? Tennispartner? Man trifft sich regelmäßig auf dem Platz, bei gutem Wetter häufiger, und tauscht mehr oder weniger heftige Schläge aus; und am Ende gewinnt einer, und der andere verliert, der eine steigt auf und der andere steigt ab, denn im Sport gibt es immer einen Gewinner und einen Verlierer: Ende der Partnerschaft! 

Oder vielleicht eher: Geschäftspartner? Man trifft sich regelmäßig, bei guten Geschäften häufiger in teureren Restaurants, und tauscht Visitenkarten und Floskeln aus; und am Ende macht einer ein Geschäft, der andere vielleicht auch nicht; denn immer, wenn einer einen Gewinn macht, macht ein anderer einen Verlust, auch die Finanzwelt ist ein geschlossenes System, da hilft kein ewig steigender DAX, und Geschäftspartner sind nur solange Partner, wie das Geschäft stimmt! 


Oder sind gar Lebenspartner - naja, oder wenigstens Lebensabschnittspartner gemeint? Ersteres nannte man früher Ehe, und der Staat förderte es, und es sparte Steuern, und vielleicht hatte man Kinder oder auch nicht, aber es war für gute Zeiten, schlechte Zeiten(was noch keine Vorabendserie war). Heute steigt die Scheidungsrate mit dem DAX, und die Abschnitte tendieren dazu, kürzer zu werden – alles geht schneller heutzutage, auch das Auseinanderleben -, und die Partnerschaft wird am besten vertraglich festgehalten, prenuptial, postnuptial, vielleicht demnächst auch internuptial? Egal, die Partnerschaft ist von vornherein begrenzt, das Leben ist ja auch begrenzt, und die Kinder (oder auch nicht) wandern als Patchworkflecken durch die Welt und werden immer neu vernäht, je bunter desto besser. Die Liebe geht nicht mehr durch den Magen, sondern rennt (dafür gibt es ja Fastfood), und wenn sie erschlafft, bekommt sie Viagra und einen neuen Partner (aber wenn man heiratet, kriegt man auch Steuerklasse 3, wenn das kein Zeichen ist!). 

Alles in allem: Soll man doch froh sein, wenn man überhaupt einen Partner hat, und sei es nur einen dritter Klasse! Erstklassig – wer will das schon? Teuer und überbewertet. Das Leben ist, seien wir ehrlich, meistens drittklassig. Aber meistens hört sowieso keiner zu.   


*  Deutschland ist den Enthüllungen von Edward Snowden zufolge für den amerikanischen Geheimdienst ein „third party partner“; in den deutschen Nachrichten wurde der Begriff als „drittklassige Partner“ übersetzt (was den Sinn wahrscheinlich nicht ganz korrekt wiedergibt: ein „third party country“ ist im Amerikanischen einfach ein Drittland).  


Auf Augenhöhe?

 

Früher, in den guten alten Zeiten, hat man sich noch gebückt oder ist hingekniet, wenn man mit Kleinkindern Kontakt aufnehmen wollte. Sieh her, sagte die Geste, ich bin gar nicht größer, stärker, erwachsener, klüger als du! Schau mir in die Augen, ganz nah, wir sind Freunde, wir können uns vertrauen; hör mir zu, wir können auch flüstern, damit die Großen uns nicht verstehen; fass mich an, du darfst mich auch an der Nase krabbeln oder an den Haaren ziehen! Und es stellte sich heraus, dass die Welt aus der Hocke gleich ganz anders aussah. Das Gras war näher, die Blumen sprangen einem verführerisch in die Hand, und unter dem Tisch konnte ein neues Leben beginnen. Zwar waren die Möbel auf einmal größer und die Fahrzeuge gefährlicher, alles war einem auf einmal über den Kopf gewachsen; aber man konnte sich auch vorstellen, unten durchzuschlüpfen, unbemerkt, neben Kindern und Katzen und anderen Kleinlebewesen. Es war eine Erfahrung der Demut. Nicht umsonst kniete man auch in den guten alten Religionen vor seinem Gott oder seinen Göttern und senkte seinen Kopf und empfand seine Kleinheit. [...]  


Gut aufgestellt oder gut aufgelegt?

 

Wir alle sind gut aufgestellt heutzutage. Früher war man vielleicht noch gut aufgelegt, aber das reicht offensichtlich nicht mehr: Nur wer gut aufgestellt ist, kann sich durchsetzen (eigentlich eine veraltete Metapher: wer sitzt, hat schon verloren); nur wer gut aufgestellt ist, hat eine Chance im globalen Wettbewerb, wird seine Konkurrenten ausschalten, wird der Sieger sein und am Ende: überleben. Wer hingegen schlecht aufgestellt ist, hat die Zeichen der Zeit nicht erkannt, setzt die falschen Prioritäten, wird am Ende: nicht überleben, nicht bestehen, untergehen. Die Metapher signalisiert: Strategie ist alles! Analysiere deine eigenen Stärken, erkenne die Schwächen deiner Gegner;kontrolliere die Gegenwart, beherrsche die Zukunft; sei flexibel, wenn sich die Situation ändert, aber behalte immer eines im Auge: Das Ziel ist der Erfolg,die Durchsetzung der eigenen Interessen gegen eine niemals schlafende Konkurrenz. Nur wer gut aufgestellt ist, überlebt, sei es als internationaler Konzern oder als professioneller Selbstvermarkter in der globalisierten Ego-Gesellschaft.

[...] 


Abgezockt?

 

 

Das Wort stammt eigentlich, über viele politisch nicht besonders korrekte Um- und Schleichwege, aus dem Hebräischen: „zocken“ war ursprünglich „tskhoken“ für „spielen“, aber auch für andere harmlose Menschlichkeiten wie „lachen“ oder „unterhalten“. Daraus wurde in der Gaunersprache des Rotwelsch der „Zocker“, der mit hohem Risiko und am Rande der Legalität  und heute auch gern am Computer operierende Spieler; und daraus wurde schließlich die moralisch hoch anrüchige, wenn auch nicht immer gesetzeswidrige „Abzocke“. Abgezockt wird, wer für eine Sache einen überhöhten Preis bezahlen muss;  der Vorteil ist also immer auf Seiten des Abzockers, der mit wertloser Ware handelt, dafür aber, und zwar gänzlich ohne Mühe und Arbeit, jede Menge Cash kassiert. In letzter Zeit stellen sich beim "Abzocken" zwanglos Assoziationen zum „Banker“ ein. Ein älterer, sozusagen chronischer Verdächtiger ist jedoch von ganz anderem Kaliber: Es ist der Staat. Zockt er uns alle nicht alle täglich ab? Erfindet er nicht immer neue Steuern und Gebühren für alles und jedes und vorzugsweise für Dinge, die Spaß machen? Ist aus dem mündigen Bürger nicht längst der bevormundete, ausgebeutete und eben abgezockte Bürger geworden? [...]


Der weiße Ritter, oder:
Gibt es den unabhängigen Experten?

 

Er ist ein Liebling der Schlagzeilen. Wo immer sich zwei streitende Parteien nicht einigen können und es nicht nur um immer beliebige Meinungen, sondern um so etwas wie die „Sache selbst“ geht, wird nach ihm gerufen, aus welcher Partei auch immer: der "unabhängige Experte". Offensichtlich ist die Vorstellung, dass ein ganz in eine schwarze – oder, je nach Parteipräferenz auch rote, gelbe, grüne - Rüstung aus fundiertem Wissen und langjähriger Erfahrung gehüllter Ritter in den Ring tritt, um für seine Dame – die "objektive Wahrheit" – siegreich zu streiten, nicht auszurotten. Auch wenn wir inzwischen längst wissen, dass alle (oder die meisten) Profi-Radrennfahrer dopen, viele (oder zumindest einige) Politiker den Versuchungen von Reichtum und Glamour nicht widerstehen können und auch die jugendlichste Hollywood-Schönheit irgendwann unters Messer (oder, schlimmer noch, ins Dschungelcamp) kommt – die Experten bleiben unabhängig und im alleinigen Besitz der Wahrheit, punktum. [...] 

  


 

Totschlagargumente 

  

"Das ist doch Wortklauberei!"
 

Jeder kennt das: Viele Diskussionen, je kontroverser und erbitterter sie geführt werden, kommen irgendwann an den Punkt, wo einer der Teilnehmer im Brustton der Überzeugung verkündet: „Das ist doch Wortklauberei!“ Wahrscheinlich weiß zwar kaum jemand zu sagen, was "klauben" eigentlich genau ist; höchstens Ältere werden sich noch daran erinnern, dass man früher einmal, beispielsweise, Äpfel vom Boden „aufgeklaubt“, also mühevoll zusammengesucht und aufgehoben hat. Das Wort ist damit, wie die meisten Dinge, die mit Mühe und Arbeit und Geduld zusammenhängen, wohl kaum positiv assoziiert. Und allein von dieser dunkel gespeicherten negativen Assoziation zehrt noch der Vorwurf der „Wortklauberei“: Man suche nämlich mühsam nach völlig überflüssigen Definitionen oder Worterklärungen, obwohl doch die Sache selbst längst klar sei; man lenke damit vom eigentlichen Ziel der Diskussion ab, indem man sich auf Feinheiten wie diffizile Unterschiede in der Wortbedeutung stürze, wo es doch um das Große und Ganze gehe. Wortklauberei steht damit in einem engen Verwandtschaftsverhältnis zur "Erbsenzählerei" (Erbsen klaubt heutzutage auch niemand mehr zusammen, noch nicht mal Aschenputtel, sie kommen im Kilopack aus der Tiefkühltruhe), "Haarspalterei" (davon profitieren nur Friseure) oder anderen Varianten nervigen Pedantentums. Wer Worte klaubt, so die Unterstellung im Totschlagargument, ist sowieso viel zu kleingeistig und engstirnig, um an großen und wichtigen Diskussionen überhaupt teilnehmen zu dürfen. Schon in der Bibel ist in diesem Zusammenhang vom Unterschied zwischen „Geist“ und „Buchstabe“ die Rede: "Der Buchstabe tötet, der Geist aber macht lebendig", soll der Apostel Paulus verkündet haben. Die genaue theologische Interpretation des Satzes ist, wen wundert's, umstritten (natürlich von pedantischen und sowieso schon toten Gelehrten), seine allereinfachste Deutung trifft aber genau den Kern des Wortklauberei-Vorwurfs: Wer sich nur an den "Buchstaben" klammere, werde nie zum "Geist" des Gesagten vorstoßen, der sich nämlich nur demjenigen erschließe, der großzügig über buchstäbliche Inkonsistenzen oder Unklarheiten oder gar Widersprüche hinwegsieht. Also ab in den Obstgarten, ihr Klauber, wenn die großen Geister reden!

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Der arme Oberlehrer, oder: Von der Last, Recht zu haben

 

Oberlehrer? Echt ätzend. Will doch keiner hören, diese ewigen Besserwisser. Müssen ihren Senf zu allem dazugeben, ob die Wurst will oder nicht. Und so obermoralisch mit ihrem ewigen erhobenen Zeigefinger! Macht dies nicht, macht das nicht, seid brave Musterschüler und macht euren Lehrern und Eltern Freude! Da könnt ihr lange drauf warten, sowas von uncool! Und dann haben sie auch noch ewig Recht, das ist wirklich das Allerschlimmste! 

Die armen Oberlehrer. Sie können einem wirklich Leid tun. Da sind sie nun vorbildlich, rechtschaffen und arbeiten sich die Hucke krumm, ja, erreichen damit sogar etwas (werden nämlich Oberlehrer und bleiben nicht schlechtbezahlte Hilfslehrer) – und sobald sie nur anzudeuten wagen, dass man von anderen ja irgendwie auch etwas Einsatz – oder richtiges Handeln – oder wenigstens verschärftes Nachdenken – erwarten könnte, dann hagelt es von allen Seiten auf sie ein: Wer seid ihr denn eigentlich, dass ihr uns Vorschriften machen wollte? Dass ihr unsere persönliche Freiheit  oder auch nur unsere Faulheit einschränkt? Dass ihr uns unter Druck setzt mit eurer achso stupiden und langweiligen Alleswisserei und Vorbildlichkeit?  Der „Oberlehrer“-Vorwurf  gehört nämlich zu den rhetorischen Wunderwaffen, sehr einfach zu benutzen und gleichwohl hunderprozentig wirksam. Und sie wird mit großem Gestus gezückt, sobald jemanden eine Auseinandersetzung auf der Sachebene zu kompliziert oder zu unangenehm wegen möglicherweise daraus zu ziehender Konsequenzen geworden ist: So kann man doch nicht miteinander reden unter Erwachsenen! Das ist doch Bevormundung (gern auch neudeutsch und wegen der Anspielung auf gender-Missverhalten doppelt tödlich: patronizing! )

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"Das wird man doch noch sagen dürfen!", oder: Die Meinungsfreiheit der Anderen 

  

Ich werde ungern persönlich, aber diesmal muss ich wohl mit einem Bekenntnis beginnen, damit überhaupt noch jemand zuhört und es nicht gleich Schläge mit der Meinungskeule gibt: Ich habe keinerlei Problem mit Homosexualität oder Menschen mit Migrationshintergrund; die Gleichberechtigung der Geschlechter ist mir eine Herzensangelegenheit, der Schutz sozialer Minderheiten und die Menschenrechte sind mir selbstverständlich. Ich habe sozialdemokratisch gewählt, ich habe Grün gewählt, und ich hätte mich früher als progressiv bezeichnet. Womit ich aber ein immer größeres, inzwischen geradezu schmerzhaftes Problem habe, das sind die selbsternannten öffentlichen Verteidiger der Meinungsfreiheit. Denn Meinungsfreiheit ist ein hohes Gut. Dass man sie aber wirklich als solches erkennt und vor allem ausübt, zeigt sich erst, wenn man mit grundsätzlich anderen Meinungen konfrontiert wird. Von einem der energischsten Verteidiger der Meinungsfreiheit, dem französischen Philosophen Voltaire, ist das Zitat überliefert: "Ich lehne zwar ab, was Sie sagen, aber ich werde bis auf den Tod Ihr Recht verteidigen, es zu sagen!" Wahrscheinlich ist das Zitat nicht von ihm, sondern von einer seiner Biographinnen, aber egal, wer es nun gesagt hat: Es bringt unüberbietbar klar zum Ausdruck, was Meinungsfreiheit, in ihrer vollen Konsequenz und zu Ende gedacht, wirklich sein sollte: Immer die Freiheit der Anderen, und zwar auf eine gänzlich andere Meinung, und auch, wenn sie noch so abwegig oder abschreckend ist! 


Das aber ist offenbar nicht nur vollständig in Vergessenheit geraten, sondern die öffentlichen Diskussionen der letzten Zeit bewegen sich geradezu in die entgegengesetzte Richtung. Sobald ein Thema etwas heikler wird – und welches wichtige und interessante Thema wird das nicht in unseren medial hypersensibilierten Zeiten! –, entsteht sofort ein öffentlicher Aufruhr, wenn jemand eine politisch nicht korrekte, von dem aufgeklärten mainstream der Gebildeten und Wohlinformierten abweichende Ansicht äußert. Dabei verwenden die rhetorisch meist ungleich besser ausgebildeten, intellektuell überlegenen Vertreter dieses (vermeintlich) aufgeklärten mainstreams gern – weil es so schön ironisch ist, und wie kann man sich besser dem dumpfen Mob überlegen fühlen als durch eine feine Ironie! – die (vermeintlich) entlarvende Floskel der Abweichler: "Das wird man doch noch sagen dürfen!" So wird der Volkszorn dann mit hämischem Unterton zitiert und damit gleich doppelt mundtot gemacht: Denn jeder Satz, der fortan so eingeleitet wird – nämlich mit einer Berufung auf die Meinungsfreiheit, ironischerweise! – wird unter den Generalverdacht gestellt, dass er garantiert im folgenden Nachsatz zwangsläufig dumpfe, unbedachte, menschenfeindliche Parolen enthalten werde. Man muss dann gar nicht mehr weiterreden, man hat sowieso schon verloren. Debatte aus. Glückwunsch, das ist echte Meinungsfreiheit! (ja, Ironie) Voltaire (oder jeder andere wirkliche Aufklärer) hätte gesagt: Mit meinem Leben verteidige ich dein Recht darauf, diesen Satz unbelästigt zu Ende führen zu dürfen – und anschließend ernsthaft mit dir darüber zu diskutieren, und wenn es der größte Quark ist! Nur so geht Aufklärung! 


Aber nein, das, was der moderne Outrageism lieber öffentlich mit großem Medienecho zelebriert, ist eine Gesinnungsdemonstration. Jemand hat also, ganz unvorsichtig, mal wieder was gesagt, was gegen die derzeitigen Sprachregeln verstößt – lassen wir es ruhig böse oder menschenfeindlich oder auch nur dumm sein – und hätte gerade deshalb eigentlich eine ordentliche Antwort verdient, mit guten Gegenargumenten. Aber gefordert wird stattdessen geradezu ritualisiert, dass alle Recht- und Richtigdenkenden dagegen unverzüglich "ein Zeichen setzen". Um noch einmal in den Bekennerton zu verfallen: Mir graut inzwischen vor dieser Lieblingsplatitüde der Medien und der Politik und jedes beliebigen Shitstorms im Internet! Gesinnungsdemonstrationen werden nicht unbedingt besser dadurch, dass man statt schwarze Kapuzen und Sturmstiefel Kerzen in den Händen trägt und Birkenstock an den Füssen, oder dass man eine Menschenkette bildet und sich gegenseitig dafür auf die Schultern klopft, dass man so schön richtig denkt (was man denkt, wird meist nicht so genau gesagt). "Ein Zeichen setzen" ist die perfekte Ausflucht dafür, kein lästiges Gespräch führen zu müssen - es reicht ja, dass man demonstriert hat, dass man wie so viele andere richtig denkt; wozu soll da bitteschön eine Begründung nötig sein? Zeichen aber sind beliebig und vieldeutig und tun keinem weh; sie kosten meist auch nichts. Würde man hingegen mit jedem reden, wie verbohrt und verkehrt einem seine Meinung auch scheinen mag, wäre das natürlich mühevoll und gefährlich; möglicherweise muss man dann sogar ab und zu etwas von liebgewordenen Meinungen abrücken. Oder man ist nicht mehr in der Mehrheit. Aber man könnte ihn ja auch, vielleicht, eines Besseren überzeugen - mit Argumenten und nicht mit Denunziationen und Vorverurteilungen.  


Es werden ein oder zwei Beispiele nötig sein, um diese heutzutage wirklich unpopuläre Meinung zur Meinungsfreiheit ein wenig zu erläutern. Und natürlich wähle ich aus Veranschaulichungsgründen zwei etwas extreme Beispiele aus – einfach, weil man an ihnen am besten zeigen kann, wie angebliche Meinungsfreiheit in öffentlich sanktionierten Meinungsterror mit persönlich tragischen Folgen nicht nur umschlagen kann, sondern das immer häufiger auch tut.

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Die "Neiddebatte"

 

 

Der Neid ist ein grässliches Ungeheuer, ein schleichendes Gift, eine unheilbare Seuche, die Mutter aller Laster. Wo er seinen heimtückischen Schlangenkopf erhebt, werden Menschen zu Bestien: Nichts gönnen sie einander, alles wollen sie für sich allein – Schönheit und Klugheit, Gesundheit und langes Leben, Lob und Anerkennung, die Gunst der Götter und die Liebe der Frauen - vor allem aber, in unseren vollständig säkularisierten und durchgängig ökonomisierten Zeiten: Luxus und Reichtum. Nichts macht heutzutage so begehrlich wie der wirtschaftliche Erfolg der Anderen, zumal wenn er öffentlich zur Schau gestellt wird. Kaum jedoch erheben die neuen Armen – vom Hartz-IV-Empfänger über den Minijobber und den prekären Praktikanten bis hin zum Niedriglohnbezieher (der vorzugsweise weiblich ist: die Friseuse, die Krankenschwester, die Erzieherin, die Altenpflegerin, die Kassiererin im Billig-Discount) - ihre neidverzerrten Stimmen, werden sie von den neuen und alten Reichen (vorzugsweise männlich und in Banken oder multinationalen Konzernen als Manager beschäftigt) mit einem einzigen Wort von oben herab lässig abgefertigt: Da habe man nun wieder einmal eine typische „Neiddebatte“! Und schon stehen die armen Armen da, wie die zweifach begossenen Pudel: Nicht nur haben sie kein Geld und deshalb kein schönes Leben (was schon ziemlich gegen sie spricht); sie haben auch noch einen schlechten Charakter. Ab in die Ecke und schämen! Mit solchen Leuten diskutieren wir nicht!

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"Das ist aber populistisch!"

 

Die Welt ist nicht einfach. Wahrscheinlich war sie das noch nie, aber heute ist sie es erst recht nicht. Früher war sie vielleicht einfach nur kompliziert; aber zum Glück wussten die Meisten sowieso nicht allzu viel von ihr. Es gab noch weiße Flecken auf der Landkarte, keine Telekommunikation und keine Massenmedien, und eigentlich war es schwierig genug, mit seinen Nachbarn in Frieden auszukommen, die Kinder großzukriegen und vielleicht dann und wann zu den Sternen aufzusehen und von der großen weiten Welt zu träumen. Heute jedoch ist die Welt komplex, was nicht nur ein modisches Wort für kompliziert ist. Ein komplexes System besteht aus unübersichtlich vielen, ineinander „zusammengeflochtenen“ (so die Grundbedeutung aus dem Lateinischen) Elementen, das der menschliche Verstand, trotz der zweifellos höchst komplexen Struktur des Gehirns selbst, nicht mehr vollständig gedanklich beherrschen kann: zu verknotet und verstrickt die Abhängigkeiten, zu klein- und vielteilig die Details, zu unabsehbar die entlegenen Ursachen und die entfernten Folgen, von deren Rückkopplungen und Wechselwirkungen untereinander ganz zu schweigen. Und je mehr wir von der Welt wissen, desto komplexer wird sie; der Schlag eines Schmetterlingsflügels in Brasilien kann nicht nur einen Tornado in Texas auslösen, sondern wahrscheinlich auch eine Ehekrise in Ermelskirchen, einen Bankrott in Buxtehude oder einen Hustenanfall in Hamburg. Oder ist das zu stark vereinfacht? Sie können es nicht mehr hören, und der arme brasilianische Schmetterling soll endlich in Ruhe mit seinen Flügeln schlagen, soviel er will, ohne dass ihm alles Elend der Welt angelastet wird? Aber so ist das eben mit der Popularisierung komplexer wissenschaftlicher Theorien: Um sie passend für den Allgemeinverstand zu machen, werden sie so lange vereinfacht, bis sie eigentlich nicht mehr stimmen; zumindest nicht mehr in jenem exakten Sinn stimmen, auf den es in der Wissenschaft bekanntlich ankommt, und für den der Wissenschaftler seinen ganzen mühsam hochtrainierten Spezialistenverstand braucht.

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