Literarische Skizzen

  • Der Tag, an dem ich meinen freien Willen bei Ebay verkaufte

  • Der Reigen (frei nach Arthur Schnitzler)

  • Vollständiger und wahrheits-gemässer Bericht über die Bücherschlacht,
    die gestern Nacht 
    im Zentrallager von
    amazon bei Bad Hersfeld stattfand
    (frei nach Jonathan Swift)

  • Die Parabel vom Weltgarten
    (frei nach Lessing)
  • Die Spiegelparabel (frei nach Lessing)
  • "Es ist als ob es tausend Bücher gebe".
    Porträt eines Kritikers
  • Die Schweigerunde
  • Beim Bau der Bibliothek
    (frei nach Kafka)
  • Die Parabel vom Schuhmacher


Der Tag, an dem ich meinen freien Willen bei Ebay verkaufte

 

Alles fing damit an, dass ich meinen Kleiderschrank ausmisten wollte. Es ist ein sehr großer Massivholzkleiderschrank, mit Schubladen und Stangen intelligent und übersichtlich gegliedert, aber irgendwann ist auch die Kapazität großer Massivholzkleiderschränke erschöpft. Nun gehöre ich gar nicht zu den Frauen, die jeder neuen Mode hysterisch hinterherhinken; eher im Gegenteil. Ich kaufe brave, haltbare, der Euphemismus der Werbeindustrie ist: „klassisch-zeitlose“ Bekleidung, mit der man nicht auffällt, aber die ich leiden mag. Da ich sie aber leiden mag, mag ich mich nicht von ihr trennen. Es gibt Pullover, die sind inzwischen eher wollene Erinnerungsspeicher denn Kleidungsstücke; den Norwegerpullover beispielsweise, den ich in meiner Jugend selbst gestrickt hatte, er war aus Schafwolle, die man auf einem Bauernhof kaufte und die ziemlich kratzig war, aber ich hatte die Raglanärmel gemeistert, und das Muster war nun wieder klassisch-zeitlos, und ich würde ihn nie, nie wieder tragen, weil er inzwischen viel zu klein war, von seinem kratzigen Charakter ganz abgesehen. Immerhin habe ich vor einiger Zeit eine Art Zwischenstufe oder Vorhölle auf dem Weg zum Altkleidercontainer angelegt, für Klamotten, die noch gut genug sind für die Gartenarbeit oder zum Renovieren (Endstation). Das eigentliche Problem ist auch nicht, dass man nichts mehr hineinbekommt in das Schrankmonster. Nein, die Simplify-your-Live-Ratgeber haben einfach Recht: Wer nicht einmal Kleiderschrank nicht unter Kontrolle bekommt, wird demnächst auch die über sein Leben verlieren. Ich bin eigentlich sogar ein Kontrollfreak. Ich habe nur einige Schwächen.


An diesem Tag also hatte ich all mein Pflichtgefühl zusammengenommen (es hat eine ziemlich große Kammer in meinem Kopf und ist von dominanter Natur), mir jegliche sentimentale Regung verboten und mich mit dem Sack vor den Schrank gestellt. Und während ich zögerlich Schubladen aufzog, dieses oder jenes vorsichtig in die Hand nahm, abwägend, bedenkend – begann mein Gehirn eine vertraute Ausweichbewegung, die mich häufig bei der Hausarbeit oder beim Zähneputzen überfällt: Es beginnt nämlich angesichts des Unbedeutenden und der Lappalie über wichtige Prinzipienfragen nachzudenken. Man kann es auch philosophieren nennen, und da in meinem durchgetakteten Tag zwar Slots fürs Zähneputzen oder die Hausarbeit reserviert sind, hingegen keiner für außerberufliches, freies Philosophieren, ist es eigentliche eine sehr sinnvolle Form von Multitasking (doch, gibt es wirklich, aber nur mit bestimmten Tasks, beim Zähneputzen reicht es eigentlich erfahrungsgemäß für ein oder zwei Aphorismen). Mein Gehirn begann also naheliegender Weise, darüber nachzudenken, ob man nicht gelegentlich auch innere Kleiderschränke ausmisten sollte, was schon fast ein Aphorismus war, aber man soll Ordnung halten in seinen inneren Kleiderschränken und ich war ja nicht beim Zähneputzen. Nun war ich mir ziemlich sicher, dass ich ein solches geistigen Ausputzen regelmäßig vornahm und schon einige jugendliche Überzeugungen und Irrtümer (beide hatten einen erstaunlichen Überschneidungsbereich) entsorgt hatte; es war im Übrigen nicht minder schmerzhaft wie die Kleiderschrankrevision und vielleicht noch stärker sentimental überlagert. Aber gab es nicht doch, irgendwo, ganz versteckt hinter der Schublade mit den Sockenwaisen, etwas in meinem Kopf und meinem Leben, was ich partout nicht brauchte, nach der goldenen Simplify-Regel: Wenn du es im letzten Jahr nicht benutzt hast, brauchst du es offensichtlich nicht? Und ich weiß nicht, aus welcher dunklen Ecke mir der Gedanke in den Kopf sprang, der auf einmal sagte: Nun, offensichtlich hast du schon seit längerem auf die Benutzung deines „freien Willens“ (ich setze diesen Begriff hier einmal in die Anführungszeichen, in die er aufgrund seiner wesenhaften Uneigentlichkeit eigentlich gehört, man möge sie sich künftig hinzudenken) verzichtet, oder? Denk doch mal gründlich nach. Wann hast du das letzte Mal –irgendetwas völlig Spontanes, Abwegiges und Unberechenbares getan, das auch mit größter Mühe nicht auf eine hinreichende Ursache zurückzuführen oder auf einen begründbaren Zweck hin ausgerichtet war?


Nun bin ich zwar ein Kontrollfreak, aber weil ich eine philosophische Kontrollfreakin bin und weiß, dass man Einseitigkeit jeglicher Art vermeiden kann und soll, kann ich spontan sein. Ziemlich sogar. Mein Tag ist nämlich gar nicht restlos durchgetaktet, er hat geplanten Raum für Spontaneität, so komisch das klingt. Es ist eine Art – beherrschbare Spontaneität, und ich genieße sie sehr, wenn sie mir gelingt. Aber sie ist, ehrlich gesagt, nicht direkt: unberechenbar, unbegründbar, frei von Ursache und Wirkung und dem großen Determinismus-aller-Dinge, wie immer wir ihn nennen mögen. Sie sagt, zum Beispiel: Ach, schau, was für ein schöner Tag, du könntest heute Mittag einen Spaziergang machen anstelle des power naps, und es reicht auch, wenn du morgen die Bettwäsche wechselst! Freier Wille hat eher wenig damit zu tun. Wie mit den meisten Dingen überhaupt, und damit kehrte mein Gehirn wieder auf seinen gewohnten Denkpfad zurück, er hieß: „Freier Wille ist eine Fiktion von Leuten, die sonst arbeitslos wären (Philosophen, Theologen, Ideologen) oder eine Schutzbehauptung von Menschen, die damit ihre Gemeinsamkeit mit den Tieren vertuschen wollen“. Genau, sagte ich mir; und ergo: egal ob es ihn gibt oder nicht, ich brauche ihn jedenfalls nicht! Bin sowieso schon arbeitslos, bleibe das als Berufsphilosophin wahrscheinlich auch auf absehbare Zeit und habe eigentlich kein Problem damit, dass ich meine Katze Bella ab und zu für wesentlich schlauer halte als mich selbst! Weg damit, weg mit diesem dummen freien Willen, der, seien wir ehrlich, eine ernsthafte Behinderung beim Denken und vor allem beim Handeln ist! (beim Fühlen hingegen scheint seltsamerweise allgemein akzeptiert zu sein, dass es keinen freien Willen gibt, sonst könnte man sich ja beispielsweise entlieben, was aber gemeinhin als Zumutung empfunden wird; sorry, Abweg, meiner inneren Rechthaberin!).


Ich freute mich sehr, als ich diesen Gedanken gefasst hatte und auch keinerlei inneren Widerspruch von den verschiedenen Instanzen meines Gehirns hörte (der Pflichtteil nickte geradezu energisch, der Lustteil war völlig fasziniert von den neu sich eröffnenden Möglichkeiten). Aber dann sah ich auf meinen immer noch spärlich gefüllten Altkleidersack mit ein paar wollenen Dingen, die mir seltsam vertraut vorkamen; es zuckte in wenig in den Fingern, aber ich überwand die Versuchung, indem ich mich auf die unabweisbar in mir aufsteigende Frage konzentrierte: Wohin damit? (mit dem freien Willen, nicht mit dem Altkleidersack) Auf den Müllplatz der falschen Ideen in der Geschichte, damit er schlummere neben dem geozentrischen Weltbild, der Überlegenheit des Mannes und dem dialektisch unvermeidlichen Endsieg des Weltgeistes? Das hatte noch nicht einmal der freie Wille verdient. In ein Recycling-Verfahren gebrauchter Konzepte, vielleicht könnte irgendein Entwicklungsland noch etwas damit anfangen? Oder man könnte noch einige wiederverwertbare Elemente extrahieren (den Willen zum Beispiel) und den Rest auf den Müllhaufen der Geschichte werfen (die Freiheit also)? Oder doch besser zum Sondermüll, die Strahlungsgefahr schien mir nicht unbeträchtlich? Doch dann hatte ich die erlösende Idee: Ich würde es genauso machen, wie es alle mit den getragenen Schuhen machten und den ungelesenen Büchern und dem ererbten falschen Orientteppich: Ich würde meinen freien Willen bei Ebay versteigern!


Schnurstracks, so spontan kann ich nämlich sein, ließ ich Säcke und Kleiderschrank und alle angefangenen anderen Ideen liegen und rannte zum Computer. Ich hatte schon das ein oder andere bei Ebay verkauft, meist sehr unter Preis in den Kleinanzeigen, und meinte also mit dem Verfahren vertraut zu sein. Allein, kaum hatte ich das Fenster geöffnet, begannen die Schwierigkeiten. Welcher Kategorie war der freie Wille wohl zuzuordnen? Gewohnt systematisch ging ich die Liste durch. „Beauty und Gesundheit“, könnte man vielleicht sagen; aber dann schien es mir doch eher so zu sein, dass die meisten Leute ihren freien Willen (immer schön die Anführungszeichen mitdenken!) genau dann aus der Tasche zogen, wenn sie etwas extrem Unvernünftiges machen wollten, Rauchen zum Beispiel oder Bungee-Springen oder eine extreme politische Partei wählen. „Handy und Kommunikation“ erwog ich kurz, im Wesentlichen, weil ich mir dadurch eine erhöhte Trefferrate erhoffte; aber dann würde sicherlich irgendein babybärtiger Nerd meinen schönen freien Willen ersteigern und entweder eine süchtig machende App auf seiner Basis entwickeln oder gar eine KI entwickeln, die sich dann prompt gegen die Menschheit wenden würde und sie aus freien Willen, einfach so, mit den eigenen Atomwaffen in die Luft sprengen würde (na gut, das wäre schon ziemlich logisch folgerichtig, da braucht man gar nicht so viel freien Willen, sagte meine innere Zynikerin)! Auch „Heimwerker“ brachte mich einen Moment in Versuchung: Wir basteln uns einen freien Willen, zum Hausgebrauch, mit Anleitung in nur sieben Schritten und ohne zusätzliches Werkzeug, beispielsweise Verstand! Oder gar „Spielzeug“, aber dann dachte ich daran, wie schön unser Sohn früher spielen konnte, ganz ernsthaft und natürlich und folgerichtig, und man soll nicht die wenigen Dinge zerstören, die noch uninfiziert sind von der großen Bullshit-Blase, die sich inzwischen auf jeden einzelnen Lebensbereich gestürzt hat und wie ein Krebs immer weiter wuchert, Phrase um Phrase. Aber „Sammeln und Seltenes“, war das nicht eigentlich das Beste? „Selten“ war immerhin der nächste Nachbar von „nie“, wo meines Erachtens der freie Wille eigentlich wohnte; und es würde sich sicherlich ein Exzentriker finden, der einen kleinen freien Willen, sauber eingeglast (es schwebte mir ein Bild von diesen seltsam bleichen Homunculi, die früher in Naturaliensammlungen in Gläsern aufbewahrt wurden, vor meinem inneren Auge) neben – was weiß ich, ein seltenes Fabergé-Ei oder die Blaue Mauritius oder den letzten Nacktmull, bevor sie alle von Google in einem fehlgeschlagenen Experiment über die Unsterblichkeit verbraucht wurden? – stellen würde. Aber wer würde schon suchen in „Sammeln und Seltenes“? Nein, die innere Pragmatikerin sagte: Sei vernünftig, du willst das Ding schließlich los sein, oder? Also, ab unter „Verschiedenes“! (die Pragmatikerin war sehr interessiert daran, den freien Willen los zu werden; sie hatte ihn seit jeher als eine Art Konkurrenz aufgefasst, es sei aber kein fairer Wettbewerb, so lamentierte sie immer wieder).


Aber damit nicht genug der Entscheidungen! Als nächstes drohte das Feld „Zustand“. Nun, wahrscheinlich lügen hier alle ein bisschen, flüsterte die Pragmatikerin. Warum also sollte ich nicht herzhaft hinschreiben: „Neu, praktisch unbenutzt, in Originalverpackung?“ Ich verfiel in ein kurzes Brüten. Wenn ich wirklich noch nie meinen freien Willen eingesetzt zu haben glaubte, was sagte das über mich als Person? Über mein Leben? Auf die Welt gekommen, geschrien und von da an unbeirrt ihren Weg gegangen. Ein Tag nach dem anderen genommen, nie ein Ziel gehabt, versehentlich einige erreicht. Irgendwann verstanden, dass nicht wir die Dinge formen, sondern die Dinge uns. Verstanden, dass wir nicht Entscheidungen treffen, sondern unser Bewusstsein uns Entscheidungen vorspiegelt, die unser Gehirn längst getroffen hat, mit der nötigen zeitlichen Verzögerung für langsame Einbahndenker. Verstanden, dass Menschen hilflose Wesen sind, die auf den Tod zu rennen, indem sie versuchen, ihm aus dem Weg gehen; am Ende aber steht der TOD, sehr sanftmütig, klopft einem auf die Schulter und sagt: Gell, war doch gar nicht so schlimm, wozu nun all das Gestrampel? Mein freier Wille, so könnte man vielleicht sagen, war geschont worden; so wie meine Oma immer ihre Bettwäsche schonte, die sie sich alle Jahre wieder zu Weihnachten wünschte und auch bekam. Und dann stapelte sie sie in einen Massivholzschrank, den mein Großvater noch selbst gezimmert hatte, und als sie starb und wir den Schrank öffneten, lagen da schneeweiße, bügelfrisch gefaltete Berge von Bettwäsche und rochen wie am ersten Tag. Man hätte ein wenig weinen können bei dem Anblick, aber damals war ich noch dumm und überheblich und dachte, was für ein verschenktes Leben und wer braucht schon weiße Bettwäsche? Heute hätte ich gern welche, bügelfrisch gefaltet von meiner schon lange verstorbenen Oma. Ich würde sie auch nicht unter „Sammeln und Seltenes“ bei Ebay verkaufen.

Wie war ich nun wieder auf diesen seltsamen Abweg geraten? Nun, offensichtlich über eine sehr nachvollziehbare Assoziationskette (Gebrauchsspuren-Bettwäsche-Oma) und nicht über freien Willen. Würde er, also der freie Wille, sich vielleicht in Luft auflösen, wenn man ihn jeweils auf die ihm zugrunde liegende Assoziationskette zurückführte, in der nur ein paar Glieder ein wenig übersprungen wurden, fragte mein innerer Aphorismengenerator, so nach dem Motto: „Ein freier Wille entsteht durch fehlende Glieder in der Assoziationskette“, na gut, müssen wir noch dran arbeiten, sagte ich, und wir sind hier nicht beim Zähneputzen! Stattdessen versuchte ich, mich wieder auf das Ebay-Fenster zu konzentrieren und beschloss: „Sehr gut erhalten, leichte Gebrauchsspuren“ einzutragen, das schien mir nahe genug an der Wahrheit, und bei einem völlig ungebrauchten freien Willen würden die Kaufinteressenten vielleicht auf den Verdacht kommen, dass er gar nicht funktionierte. 


Und schon stieg die nächste Hürde auf: die Verkaufsmodalitäten. Sollte ich ihn auf „sofort kaufen“ setzen und auf kurz entschlossene Spontankäufer setzen; dann aber zu welchem fixen Preis? Oder sollte ich auf das freie Spiel der Kräfte setzen, die unsichtbare Hand des Marktes, den freien Willen der Bieter und einen Startpreis samt einer Laufzeit angeben? Ach, Entscheidungen. Ach, wenn man doch einen freien Willen hätte, sagte die innere Spötterin verschmitzt. Lustig, sagte ich. Echt witzig. Also, spielen wir das mal durch. So ein freier Wille ist ja schon etwas ziemlich Wertvolles, also wenn man ihn glaubt natürlich nur, aber die Leute glauben ja an alles, was Geld kostet. Sie glauben prinzipiell auch, dass etwas, das mehr kostet, automatisch mehr wert ist. Aber natürlich wäre es sozial ungerecht, wenn sich nur die Reichen einen freien Willen leisten können. Schließlich können die auch das meiste andere für Geld kaufen, Reichtum ist überhaupt ein guter Ersatz für einen freien Willen und wird deshalb auch häufig mit ihm verwechselt! Andererseits: Wäre das nicht jetzt eine wirklich gute Gelegenheit endlich einmal experimentell herauszufinden, was den Leuten ein freier Wille so wert ist? In Geld, nicht in billigen Worten und Bullshit-Phrasen? Du willst ja nicht reich werden damit, sagte mein soziales Gewissen (das auch ziemlich geschont ist, aber ich bin noch nicht so weit, es zu verkaufen). Stimmt, sagte ich. Ein Euro ist es! Und, weil gute Entscheidungen reifen wollen und der Gedanke, einen freien Willen käuflich zu erwerben, vielleicht etwas gewöhnungsbedürftig ist, setzen wir die Laufzeit auf drei Tage. In sieben Tagen hat Gott die Welt geschaffen, da wird man ja wohl auch in drei Tagen zu einer Entscheidung über den freien Willen kommen können!


Natürlich war mir zu diesem Zeitpunkt schon klar geworden, dass dies eine etwas ungewöhnliche Anzeige sein würde. Wie sollte ich zum Beispiel ein Foto einstellen? Ach, wenn wir noch in den guten alten Zeiten gelebt hätten, wo die Gebildeten schon zum Frühstück in der neuesten Ikonographie lasen und selbstverständlich wussten, wie man eine Allegorie des freien Willens entwerfen würde: ein kleiner Genius mit Flügeln vielleicht, für die Freiheit, und einem Würfel, für das Unberechenbare, das Geworfene, das Nicht-Berechenbare? Man würde ihn doch wieder für Amor halten, wie man das meiste für Amor hält, es sind aber nur die Hormone. Oder eine Fortuna-Variante, aber Fortuna ist blind, wie Justitia, und das Glücksrad, auf dem sie steht, wird von einem Wirbelsturm hinweggefegt, während ein Schmetterling am Bildrand fröhlich die unschuldigen Flügel schlägt? Nein, offenbar hatte ich mich in eine Sackgasse manövriert. Es würde eine Anzeige ohne Foto sein; schließlich ging es mir um ernsthafte Kaufinteressenten, die die Größe und Besonderheit, um nicht zu sagen: die Einmaligkeit dieses Angebots zu schätzen wüssten! Bilder, ach wer brauchte denn Bilder, wenn es um Gedanken ging, Ideen, Konzepte, Theorien, ganze Systeme! Schließlich hatte auch Platon keine Comics geschrieben (aus der Assoziations-Rumpelkammer sprang mich eine Vision an, ein Cartoon, gezeichnet von Uderzo, mit einem Sokrates, der Asterix verdächtig ähnlich sah, und einem Obelix-artigen tumben Gesprächspartner, aber ich scheuchte sie schnell wieder weg)!


Also kein Bild. Aber eine Beschreibung musste ja wohl sein. Ich erwog kurz, schwergewichtige philosophische Zitate aufzufahren; das war schließlich mein Job und ich arbeitete sowieso gerade an einer wissenschaftlichen Abhandlung zum Thema Kausalität und Freiheit in Schillers Spieltheorie, wie wieder einmal niemand lesen würde. Als Master-Googlerin würde es mir ein leichtes sein, schnell ein paar Sätze bei den üblichen Verdächtigen aufzutreiben! Aber das erschien mir dann doch zu leichtherzig; schließlich ging es nicht um irgendeinen freien Willen, sondern um meinen ganz persönlichen, ein – wie soll ich sagen: Wesen durchaus mit Entwicklungspotential, wenn auch etwas vernachlässigt in der Ausbildung? Die Formel „Umständehalber abzugeben“ sprang mir in die Finger und von dort ohne meinen Willen auf die Tastatur, aber hörte sich das nicht an, als ginge es um eine nicht ganz stubenreine Katze, die man endlich loswerden wollte? „Nur ernsthafte Zuschriften erwünscht“, ja klar, aber eine Partnerschaftsanzeige schien mir letztlich auch kein geeignetes Vorbild. Vielleicht sollte ich eher zu den Mitteln zeitloser Propaganda oder, besser noch: Missionierung greifen? Einstiegen mit einer Fangfrage, für die Naiven: „Glauben Sie, dass Sie einen freien Willen haben?“ Genau, das war gut, das war genau der richtige Ton! „Beweisen Sie es sich und allen Zweiflern und Kleingläubigen!“ Ich war jetzt in Fahrt geraten und die Sätze sprudelten nur so: „Kaufen Sie einen original-zertifizierten (ich überlegte kurz, ob ich ein Öko-Label erfinden sollte, aber man soll nicht übertreiben, vor allem, wenn man übertreibt), wenig benutzten, aber selbstbewussten und energischen Freien Willen (sollte ich wirklich die Bedeutungsgroßschreibung benutzen, die nach den Hausarbeiten meiner Studenten auch die sich frei dünkenden Qualitäts-Medien zu erobern drohte? Ja, Ich Sollte!) mit hohem Entwicklungspotential! Befreien Sie Sich Selbst!“ Das sollte reichen. Oder? Na gut: „Umständehalber abzugeben. Nur ernsthafte Zuschriften erwünscht!“ Zufrieden lehnte ich mich zurück. Er würde in gute Hände kommen, dessen war ich mir in diesem Moment ganz sicher.


Aber ich hatte mich zu früh zurückgelehnt. „Versand“ stand da im nächsten Feld, und ich merkte, dass ich die Sache doch noch nicht ganz zu Ende gedacht hatte. Natürlich würde ich irgendetwas verschicken müssen, etwas, was man in die Hand nehmen könnte, etwas, das man vorzeigen könnte mit den Worten: „Guck mal, hab ich für zwei Euro bei Ebay ersteigert, eins, zwei, drei meins!“ Wie verschickte man immaterielle Güter, und warum hatte darüber noch niemand nachgedacht? Andererseits, vielleicht ja doch. Die Idee mit der Kirche war ja gar nicht so schlecht gewesen, und war es nicht die Kirche, die mit solchen immateriellen Gütern seit jeher gehandelt hatte, Ablassbriefe hier und Klingelbeutel dort? Die heilige Kommunion, was war sie anders als die Mit-Teilung der Sakramente, übersetzt in Materie, in Dinge, die man real inkorporieren konnte und die deshalb tiefer gingen als jeder noch so substantielle Gedanke? Oblaten, dachte ich, und schämte mich ein wenig, ich hatte eine pseudo-christliche Erziehung, das sitzt tief. Der innere Spötterin kicherte hysterisch und rief: Willens-Oblaten! Freier Wille in Keksform! Das wird die cookie-generation mit Freuden schlucken! Na gut, vielleicht doch lieber Pillen. Pillen konnten ja für alles Mögliche gut sein, und notfalls sollte man halt seinen Arzt oder Apotheker oder Lieblings-Lebenshilfe-Pseudo-Philosophen fragen! Lifestyle-Pillen, konzentrierte Willenskraft, Tests an unabhängigen Versuchsgruppen haben gezeigt, dass bei regelmäßiger Einnahme des Präparats die Überzeugung, einen freien Willen zu haben, messbar ansteigt! Aber es würde nur eine Pille sein. Eine Super-Pille. Schließlich war der freie Wille unteilbar! Und natürlich, und jetzt erst überkam mich die wahre Erleuchtung, würde sie unsichtbar sein. Ihre volle Wirkung würde sich nur dem wahrhaft Gläubigen erschließen! War es nicht wissenschaftlich erwiesen, dass Placebos wirkten und die Einbildung genauso krank machen konnte wie Krankheiten heilen? Und hatte nicht, seit Anbeginn aller Philosophie, noch nie jemand den freien Willen beweisen können? Hieß das nicht, dass er – eben unbeweisbar war, dass darin seine ganze Kraft lag?


Der freie Wille würde also in einer sehr kleinen, aber feinen Schachtel verschickt werden; vielleicht würde ich einen kleinen fortune cookie beilegen, mit einem Spruch drin, aber das wäre natürlich nur eine symbolische Nettigkeit, um mehr Punkte bei der Bewertung zu bekommen. Das würde auch die Versandkosten erfreulich gering halten. Kurz erwog ich, daraus ein Geschäftsmodell zu entwickeln, aber den Gedanken erstickte mein soziales Gewissen dann doch vorgeburtlich: Ich hatte einen freien Willen, er war mein eigener und er war unteilbar (allerdings war sein Geschlecht nicht ganz klar, fiel mir in diesem Moment ein, war es nicht vielleicht eine freie Wille?) und er war deshalb nur einmal verkäuflich. Zahlungen über alle gängigen Zahlungsmethoden, gern auch Kreditkarte oder Paypal, erleichtert drückte ich auf Return, und mein freier Wille ging online.


Ich stand vom Computer auf und beschloss mir einen Kaffee zu holen, vielleicht sogar mit einem kleinen Schokoladenstückchen dazu, hatte ich mir das nicht verdient? Das ist ja wohl kein Akt des freien Willens, sagte ich mir, während ich in die Küche ging; nein, es gibt eine völlig rationale Begründung, es ist nämlich die Befriedigung eines biologisch begründbaren Bedürfnisses, das Gehirn braucht Zucker beim Denken, ich hatte viel nachdenken müssen und deshalb schrie mein Organismus jetzt nach Zucker, und ich war nur folgsam. Andererseits könnte ich auch jederzeit beschließen, das Schokoladenstückchen wegzulassen. Oder ein größeres zu nehmen. Oder den Kaffee wegzulassen, flüsterte eine dämonische Stimme in mir, was ist dann? Hast du dafür nicht deinen freien Willen benutzt? Solltest du ihn nicht doch lieber behalten? Nein, hätte und würde ich nicht, antwortete eine vernünftige Stimme. Schließlich wäre das wie bei all diesen dämlichen Experimenten zum freien Willen, wo man meint, freier Wille sei schon sich irgendwie irrational zu verhalten und das Vernünftige nicht zu tun! Nein, allein durch den Vorsatz, jetzt einen Akt des freien Willens zu begehen, wird der freie Wille schon ausgeschlossen! Denn dieser Vorsatz ist ja nur eine Demonstration unseres ewigen menschlichen Grundbedürfnisses Recht haben zu müssen, von dem ich gelegentlich vermute, dass es in den meisten Menschen stärker ist als der Sexualtrieb! Alle Rechthaber handeln aus Instinkt, nicht aus freier Wahl!


Aber, nahm die dämonische Stimme Anlauf –bevor wir uns jedoch weiter in den Untiefen der philosophischen Debatte verstricken konnten, begegnete mir unsere Katze. Sie heißt Bella, sie ist eine sehr schöne Langhaarkatze und der pure triebgesteuerte Wille auf Samtpfoten. Bella, sagte ich zu ihr in dem speziellen etwas debilen Katzentonfall, den Leute meist annehmen, wenn sie mit vermeintlichen willen- und schutzlosen Wesen sprechen, Bella, sagte ich säuselnd, gell, du hast keinen freien Willen, oder? Und du vermisst ihn auch gar nicht, oder? Bella warf sich auf den Rücken und streckte die vier Pfoten in die Höhe. Das tut sie häufig, und es ist auch nicht schwer zu verstehen, es heißt: Kraul mir den Bauch, jetzt sofort, über deinen freien Willen darfst du später weiterphilosophieren! Ich beugte mich nieder und kraulte Bella den Bauch, sie machte „gnu“ (das ist ihr Lieblingsgeräusch) und ich genoss, wie immer, dass man im Umgang mit Katzen so gut wie nie eine Entscheidung treffen muss. Sie entscheiden. Aus schierem – Instinkt, von außen kann es aber aussehen wie freier Wille. Ist es aber nicht. Schließlich ist freier Wille bekanntermaßen etwas, das nur Menschen zukommt, der Krone der –


In diesem Moment pingte mein Handy. Auf mein Ebay-Angebot war eine Rückfrage gekommen, kaum zwei Minuten, nachdem es online gegangen war! Momo75 fragte, ob ich nicht doch ein Foto einstellen könnte, sie habe etwas Probleme, sich den freien Willen vorzustellen, und man würde ja doch gern sehen, wofür man sein Geld ausgeben soll! Geboten hatte sie noch nicht, das Mindestgebot stand immer noch bei 1 Euro. Ich beschloss, die Anfrage zu ignorieren, im Wesentlichen aus Faulheit, und mir stattdessen lieber endlich den Kaffee zu holen (mit wieviel Schokoladenstückchen? Gar keinem, eins, zwei, drei, meins?) Doch schon pingte es wieder. Dass man gegenüber diesen elektronischen Geräten keinen freien Willen hat, ist allgemein bekannt und in den letzten Jahrzehnten in einem gigantischen Feldversuch bewiesen; warum sollte ich gerade eine Ausnahme sein? Jemand mit dem Benutzernamen „DFTTWTF“ – was sollte das um Himmelswillen denn sein? – hatte in sehr mangelhafter Rechtschreibung geschrieben: „das ist doch wieder nur so eine verarsche von diesen scheiß-intelektuelen! Weist du wohin du dir deinen freien willen stecken kannst?“ Er hatte nichts geboten, wir waren immer noch bei 1 Euro. Während ich noch überlegte, wie ich darauf nun reagieren sollte, hatte DFTTWTF schon weitergeschrieben: „und poste wenigstens ein foto schnepfe!“ Ein Foto. Die Welt, wie wir sie kennen, könnte untergehen, und alle würden dastehen und fotografieren.


Aber nun gut, ich hatte damit angefangen, also sollte ich die Sache wohl auch zu Ende führen. Wenn sie ein Foto wollten, sollten sie ein Foto bekommen! Natürlich konnte ich kein Bild von der unsichtbaren Pille machen; aber auch unsichtbare Pillen wollten schließlich verpackt werden. Und eigentlich war es doch ganz einfach: Ich würde meinen freien Willen einfach – in eine schwarze Schachtel packen; schließlich beruhte die ganze Idee der Willensfreiheit doch darauf, dass in uns, dort, wo wir nicht hinsehen können, ganz innen, wo es ganz dunkel wird, noch weit jenseits der Sockenkammer irgendein kleiner Dämon oder Genius sitzt (je nachdem, ob es eine gute oder eine schlechte Entscheidung werden soll) und einfach so sagt, was der freie Wille jetzt tut. Eine black box auf zwei Beinen mit Haaren, was sind Menschen schon anderes? Ich hatte sogar noch eine ganz schöne, glänzende kleine Kiste, sie steht auf meinem Nachttisch, und man konnte sich ganz leicht vorstellen, dass innen auf den Samtpolstern der freie Wille ruht, gut geschützt und erholt für neue Taten. Aber das Innere würde ich natürlich nicht zeigen. Ich würde die hübsche rote Schleife drumwickeln, die dabei war und die ich natürlich aufgehoben hatte (sagte ich schon, dass ich willenlos an Dingen hänge?), und dann ein schönes Foto von ihr machen!


Eine Viertelstunde später saß ich, endlich mit Kaffee und einem (einem! Einzigen!) kleinem Schokoladenstück versorgt, wieder vor meinem Computer und das Bild ging online; es sah sehr würdig aus, fand ich, ein wenig wie ein kleiner feiner Sarg. Sekunden später pingte eine neue Anfrage. Mollimaus4711 wollte wissen, ob so ein freier Wille auch beim Abnehmen helfen würde, sie habe schon so viele Diäten probiert, aber sie würde immer wieder schwach Könnte ich vielleicht garantieren, dass sie mit meinem freien Willen mindestens drei Kilo in der Woche abnehmen würde? Melancholisch schaute ich auf mein Schokoladenstückchen. Dann gab ich mir einen Schubs, warf es in den Mund und schrieb zurück: „mollimaus, ich fürchte, das wird nicht funktionieren. Es ist ein Freier (ich verwendete Bedeutungsgroßschreibung, kursivierte das Wort und setzte es Fett) Wille, und wenn er beschließt, dass er mehr Schokolade will, hast du keine Chance gegen ihn. Versuch es mal mit Vernunft! 😊“ Als hätte er zugehört, meldete sich DFTTWTF wieder zu Wort: „ist das ein sarg oder was? totale verahrsche! es lebe die revohlution!“ Ich wusste nicht, was ich darauf sagen sollte. Die Katze hatte inzwischen das Arbeitszimmer betreten und gähnte, ich sagte: „Genau, Bella, das lassen wir jetzt einfach mal laufen. Heute Abend schau ich wieder, dann hat hoffentlich endlich jemand was geboten!“ Die Katze schaute skeptisch und ging wieder, sie hatte wohl dringende Geschäfte zu erledigen.


Na gut, zwei Stunden später, es war kaum später Nachmittag, saß ich wieder vor meiner Anzeige. Inzwischen war eine ganze Reihe von Anfragen aufgelaufen. mollimaus bedankte sich für mein Verständnis und bot mir eine facebook-Freundschaft an. DFTTWTF hatte irgendwas geschrieben, ich beschloss ihn zu ignorieren. Drei Personen fragten, ob ich noch ein weiteres Foto einstellen könnte? Sie hätten einfach Schwierigkeiten sich zu entscheiden. Jemand mit dem Benutzernamen madmen62 hatte geschrieben: „Würde gern mit dem Rauchen aufhören. Hilft dein freier Wille dabei, und wieviel brauche ich täglich davon?“ Ich überlegte kurz, ob ich ihm das gleiche schreiben sollte wie mollimaus, entschied mich aber dagegen. „Wenn du heutzutage der Statistik, den ewigen Preiserhöhungen, den Horrorbildern und dem sozialen Stigma zum Trotz immer noch rauchst, hast du schon den stärksten vorstellbaren freien Willen der Welt“, schrieb ich stattdessen; „spar dein Geld lieber für Zigaretten!“ Hm, irgendwie funktionierte das nicht so, wie ich es mir vorgestellt hatte. Aber immerhin war der Preis inzwischen auf 1,49 Euro gestiegen, ein erstes Gebot! Na gut, reichte kaum für eine Viertel Zigarettenpackung oder eine halbe Tafel mittelguter Schweizer Schokolade. Aber es war ja erst der erste Tag!


Erfolgreich unterdrückte ich die Impulse noch schnell einmal nachzuschauen (ich hatte das Handy auf stumm geschaltet) bis kurz vor dem Schlafengehen. Als ich vor Mitternacht mein Angebot wieder aufrief, stand es auf 1,67 Euro (mehrere einzelne Gebote). Madmen62 hatte sich nicht bedankt, mollimaus fragte noch einmal nach wegen der facebook-Freundschaft, es sei ihr echt total wichtig! Ich blockierte sie im Adressbuch. Fünf Anfragen baten um weitere Fotos. Ich hatte die Kamera schon bereitgelegt und machte ein spektakuläres Nachtfoto von der blackbox aus einer anderen Perspektive. DFTTWTF hatte stündlich neue Anfragen geschickt, die letzte lautete: „und iss sowieso alles gehirnwäsche der intelektuel-lieberale komplex wil die weltherrschaft“ – ich überlegte kurz, ob ich den Troll nicht auch sperren sollte, fand ihn aber eigentlich ganz lustig. Und Troll, gab es da nicht irgend so eine Abkürzung? Musste ich meinen Sohn mal fragen. Und dann war da noch eine Anfrage, sie war gerade eben erst gekommen, der Absender nannte sich „schopenhauer_reborn“ und das machte mich natürlich extrem neugierig. schopenhauer_reborn hatte geschrieben: „Freiheit des Willens bedeutet nicht Philosophieprofessorenwortkram, sondern daß einem gegebenen Menschen, in einer gegebenen Lage, zwei verschiedene Handlungen möglich seien. Daß aber dies zu behaupten vollkommen absurd sei, ist eine so sicher und klar bewiesene Wahrheit, wie irgend eine über das Gebiet der reinen Mathematik hinausgehende es sein kann“. Beinahe hätte ich mich an meinem Wein verschluckt (ohne Schokolade, übrigens, quod demonstrandum erat!). Philosophieprofessorenwortkram? Wer dachte sich denn solche Wörter aus? Behände fragte ich Google (eigentlich besteht mein Tag zu relativ großen Teilen daraus, google solche Dinge zu fragen), und, hatte ich es nicht geahnt! Schopenhauer, es war ein reines Schopenhauer-Zitat, aus „Über die vierfache Wurzel des Satzes vom zureichenden Grunde“! Schopenhauer reborn, indeed! Ich war beeindruckt. Das hatte eine Antwort verdient. Aber inzwischen war es kurz nach Mitternacht, der Wein ging zur Neige, die Katze wollte ins Bett und ich googelte schnell ein passendes Antwortzitat aus meiner philosophischen Hausbibliothek zusammen: „Bequemer ist es aber, sich kurzweg daran zu halten, daß die Freiheit als eine Tatsache des Bewußtseins gegeben sei und an sie geglaubt werden müsse“. Hegel, mein philosophischer Lieblingsfeind, aber das hatte er hübsch auf den Punkt gebracht. Und weil es mir so gut gefiel, schrieb ich es gleich auch an DFTTWTF, mit dem Vermerk: „Grüße vom intelektuel-lieberalen komplex!“ Dann ging ich schlafen.


Nein, ich träumte in dieser Nacht nicht von meinem Ebay-Angebot, jedenfalls erinnerte ich mich am nächsten Morgen nicht mehr daran. Ich widerstand auch der Versuchung, noch vor dem Frühstück den Stand der Angebote zu überprüfen, aber bevor ich mit der Arbeit begann, riskierte ich einen Blick. Nun gut, 2,04 Euro, aber eigentlich interessierte mich das gar nicht so sehr. Gespannt ging ich die Liste der neuen Anfragen durch, natürlich waren die alten Bekannten dabei, und da, tatsächlich auch mitten in der Nacht, 3.05 Uhr, schopenhauer_reborn! 12 Anfragen wegen weiterer Fotos, ich hatte ja mit Bella auf 13 gewettet, aber sie hatte nur geblinzelt. Ich war schon gerüstet, der Fotoapparat lag samt black box griffbereit, und ich machte ein Foto, bei dem der Deckel der Schachtel ein ganz winziges Stück geöffnet war; seltsamerweise kam ich mir dabei vor, als würde ich etwas anrüchig-Verbotenes tun, eine Art – intellektuellen Striptease, oder, wie DFTTWTF sagen wahrscheinlich sagen würde: „mindfuck“? Egal. Er hatte natürlich auch gemailt, ungefähr stündlich, aber das sparte ich mir für später. Erst einmal mussten schließlich die ernsthaften Anfragen bearbeitet werden; hier die zum Beispiel, von „oma_erna“: „Sehr geehrte Frau Verkäuferin, ich würde gern meinem Enkel zum Abitur ein ganz besonderes Geschenk machen. Leider weiß er immer noch nicht, was er nach der Schule machen will, er sagt immer nur, er habe keine Idee oder keine Ahnung, manchmal sagt er auch: irgendwas mit Medien! Da dachte ich, ich schenke ihm einen schönen neuen freien Willen, damit er endlich einmal weiß, was er will! Aber ich kenne mich nicht so gut aus mit dem Internet, bin ja eine alte Frau. Können Sie mir versichern, dass Ihr freier Wille ganz sicher eine anständige Angelegenheit ist und etwas, auf das man sich wirklich verlassen kann?“ Ach, die Arme, dachte ich, und beinahe ohne nachzudenken, tippte ich: „Liebe Oma Erna, zwar ist mein freier Wille wirklich recht neu und schön und familienfreundlich, aber für junge Menschen, die noch gar nicht wissen, was sie wollen, vielleicht etwas zu gefährlich. Ihr Enkel sollte erst einmal ein wenig üben. Es gibt auch im Internet ganz nützliche Programme; lassen Sie ihn doch einmal einen Wahl-O-Maten ausfüllen? Irgendwo wird immer gerade gewählt, und schließlich beruht unsere Demokratie auf der Annahme eines freien Willens des mündigen, unbeeinflussten, gut informierten Wählers, der nach seinem wohlverstandenen Interesse entscheidet!“ Ich hielt kurz inne, konnte mich dann aber doch nicht beherrschen und fügte hinzu: „Und sagen Sie ihm, dass „etwas mit Medien“ total uncool ist; wenn er wirklich etwas Cooles machen will, soll er programmieren lernen!“ Demnächst wird uns die Künstliche Intelligenz das Problem mit dem freien Willen sowieso ganz abnehmen, rief die Zynikerin in meinem Kopf, aber das schrieb ich natürlich nicht an Oma Erna.


Dann gönnte ich mir endlich einen kurzen Blick auf schopenhauer_reborn. Er hatte, wie nicht anders zu erwarten, mit einem Schopenhauer-Zitat geantwortet: „Sie wissen natürlich, dass gerade Hegel-Zitate mich aufs äußerste provozieren? Bequemlichkeit – ich hätte Besseres von Ihnen erwartet! Gerade von Hegel scheint mir doch zu gelten, was Schopenhauer so unvergleichlich über das Verhältnis von Willen und Charakter sagt: „Jeder Mensch ist demnach das, was er ist, durch seinen Willen, und sein Charakter ist ursprünglich; da Wollen die Basis seines Wesens ist. Durch die hinzugekommene Erkenntniß erfährt er, im Laufe der Erfahrung, was er ist, d.h. er lernt seinen Charakter kennen. Er erkennt sich also in Folge und Gemäßheit der Beschaffenheit seines Willens; statt daß er, nach der alten Ansicht, will in Folge und Gemäßheit seines Erkennens. Nach dieser dürfte er nur überlegen, wie er am liebsten seyn möchte, und er wäre es: das ist ihre Willensfreiheit. Sie besteht also eigentlich darin, daß der Mensch sein eigenes Werk ist, am Lichte der Erkenntniß. Ich hingegen sage: er ist sein eigenes Werk vor aller Erkenntniß, und diese kommt bloß hinzu, es zu beleuchten.“ Starker Tobak, murmelte ich; aber mein Charakter gebot mir, jetzt endlich an die Arbeit zu gehen, Kausalität und Notwendigkeit bei Schiller wartete schon. Draußen schien die Herbstsonne, und ein später Schmetterling taumelte an den letzten Rosen entlang.

In der Mittagspause gönnte ich mir einen kurzen Blick. Das Gebot stand unverändert auf 2,04 Euro, es gab einige neue Anfragen, ich war immer noch stolz auf das neue Foto, und das Zitat von schopenhauer_reborn nagte an mir. War es wirklich so, dass das Wollen vor dem Denken kam? War das Denken nur eine „Beleuchtung“, ein Licht, womöglich ein gedämpftes, in dem alle Schwächen und Makel gnädig verschwanden, sobald man es nur ein wenig dimmte? Unser Bewusstsein, unser Selbstbewusstsein gar, das Sahnestückchen auf der Krone der Schöpfung – ich kicherte ein wenig über das verworrene Bild und sagte zu Bella, die auf einen Happen vorbeigekommen war: „Hast du auch ein Sahnestückchen auf deinem entzückenden Katzenkopf?“ Bella gnute, frei übersetzt hieß das wohl: Das letzte Mal, als du mir ein Milchprodukt gegeben hast, hatten wir ein ziemlich übelriechendes hygienisches Problem anschließend, Sahnestückchen sind für keinen gut, sondern nur für Menschen, die sich einbilden, einen freien Willen zu haben und darauf demonstrativ verzichten zu können, essen tun sie es dann aber trotzdem! – wo war ich? Also, kurz gesagt: Erst kommt das Wollen, und dann kommt die Moral? Ach, sagte ich seufzend, diesmal zu mir selbst, die Weltgeschichte spricht durchaus dafür. 


Aber so leicht wollte ich dann doch nicht aufgeben. Ich verschob also – war das nun freier Wille oder doch nur Rechthabenwollen? – meine gewöhnliche Nachmittagsarbeit und machte mich auf die Suche nach philosophischen Kampfgenossen, die für den freien Willen kompetenter streiten würden als ich. Fündig wurde ich, es war schon gegen fünf Uhr, bei Aristoteles, immerhin; und so kopierte ich flink eine Textpassage für schopenhauer_reborn: „Da den eigentlichen Inhalt des Wollens der Zweck bildet, das was man beschließt und im Vorsatz erfaßt aber die Mittel zum Zweck betrifft, so ergibt sich, daß die daraus entspringenden Handlungen einem Vorsatz entsprechen und mithin frei gewollt sind. Gerade solche Handlungen nun bilden das Gebiet der Sittlichkeit. Das Sittliche steht demnach ebenso wie das Unsittliche in unserer Macht. Denn wo das Handeln bei uns steht, steht bei uns auch das Unterlassen, und umgekehrt, wo das Unterlassen, da steht auch das Handeln bei uns“. Da, dachte ich, da wird dein Schopenhauer dran zu knabbern haben! Und weil ich mich gerade so sittlich erhoben fühlte, nahm ich mir gleich vor, noch mindestens eine der Anfragen zu beantworten und DFTTWTF ein nettes Wort zu sagen, auf dass er sich daran verschlucken konnte.


Dabei fiel mein Auge, geleitet von meinem Wollen oder meinem Denken, wie auch immer, auf eine Nachricht von einem „saulus_paulus“: „Liebe Verkäuferin, bekanntlich war schon Luther der Meinung, es könne keinen freien Willen geben, weder für Menschen noch für Engel (noch für Katzen, fügte ich in Gedanken hinzu), da dieser nur Gott allein zukomme. Denn wie könne Gott allwissend und allmächtig sein, aber nicht wissen, welche Sünden jeder Einzelne, in jedem Augenblick seines sündhaften Daseins, in sündhafter Verwirrung begehen würde? Und was würde aus seiner Gnade werden, wenn jedes sündhafte Wesen sie sich dadurch erwerben könnte, dass es aus freiem Willen von sündhaften Handeln Abstand nehme? Aber bestand der Sündenfall nicht daraus, dass Eva (natürlich, Eva, dachte ich!) aus freiem Willen den Apfel vom Sündenbaum brach und Adam zur Sünde verführte? Ist die Erbsünde nicht eigentlich der sündhafte Wahn des Menschen, Gott erkennen zu wollen, Gott, der doch so weit über unserem sündhaften Tun und Leiden in diesem Sündenbabel“ – ich brach die Lektüre ab, mir war ganz schwindelig von all dem „Sündigen“, ich stellte mir vor, wie saulus_paulus (oder war er nicht eigentlich paulus_saulus, und was würde Schopenhauer dazu sagen?) es aussprach mit einem sehr langgezogenen Üüüüü und gespitztem Mund. „Lieber saulus_paulus“, tippte ich stattdessen, „mein freier Wille ist nicht käuflich für Ketzer, die ihn verleugnen“ Ich dachte ein wenig nach, dann ergänzte ich: „Sollten Sie allerdings daran interessiert sein, doch einen Happen vom Baum der Erkenntnis versuchen zu wollen (versuchen, genau!), suche Sie sich eine Eva!“ Und da ich gerade so schön in Schwung war, schaute ich noch auf die letzte Nachricht von DFTTWTF, sie endete mit: „… die prohletarier irem autentischn freien willen zu entfremden und sie zu mario-netten des intelektuel-lieberalen komplexes zu machen und durch konsuhm zu versklaven!!!“ Die Katze stupste mich ans Bein, sie verlangte ihr Abendessen, und ich hatte endlich eine Erleuchtung: „Don’t feed the troll“, das war es, das waren zumindestens die ersten vier Buchstaben, nämlich: „Do feed the troll“, und folgsam warf ich meinem persönlichen Troll ein Häppchen hin: „es gibt keine authentischen bedürfnisse im unauthentischen leben!“ Dann ging ich die Katze füttern.


In dieser Nacht träumte ich dann von meiner Ebay-Anzeige. Es begann wie einer meiner Standard-Träume, ich war also wieder einmal dabei, einen Zug zu verpassen, den ich natürlich unbedingt kriegen musste, warum war wie immer etwas unklar, als plötzlich der Troll um die Ecke bog. Er war von kleiner Gestalt, ging gebückt und trug schmutzige, zerrissene, übelriechende Kleider. Am meisten aber erschreckte mich seine riesengroße Nase, sie hatte noch dazu eine Warze ganz genau in der Mitte und sein übergroßer, schief verzogener Mund; die Mischung aus Symmetrie und Asymmetrie in einem einzelnen Gesicht machte mich ganz krank. Erstaunlicherweise hatte er aber sehr kleine und feine Füße und bewegte sich beinahe tänzerisch; und die Beleidigungen und Anschuldigungen, die dem schiefen Mund in einem beständigen Strom entflossen, bildeten im gleichen Moment kleine bunte Seifenblasen, die unschuldig aufstiegen. Aber er stand mir im Weg, wie er dort tänzelte auf seinen kleinen Füssen und unanständige Dinge in die Luft blies; sollte ich die Luftblasen einfach zerstechen? Zaghaft pikste ich eine mit dem kleinen Finger an, sie löste sich mit einem schwachen Seufzen in Nichts auf, aber mein Finger fühlte sich seltsam an, als ich ihn genauer ansah, sah ich, dass er blutüberströmt war, und der Troll wand sich in Schmerzen. Ich ergriff die Flucht, musste ich halt einen anderen Weg suchen, aber es wurde immer später und später, ich sah eine Uhr an einem Gebäude, es war natürlich nicht der ersehnte Bahnhof, auf ihr tickte ein großer Zeiger immer weiter, gerade stand er auf 2.04 Uhr. Mir fiel plötzlich auf, dass ich mein Gepäck ja vergessen hatte; ich rannte zurück zu der Straße, wo der Troll immer noch stand und stöhnte, aber schon neue Seifenblasen produzierte hatte, noch größer schienen sie mir nun und ein wenig bedrohlich. Ich packte schnell meine blackbox, sie fühlte sich schwer an und auf ihrer roten Schleife waren einige Bluttropfen mehr zu ahnen als zu sehen. In ihr rumorte es, als sei dort etwas Lebendiges eingesperrt, aber ich durfte sie nicht aufmachen, ich war mir ganz sicher, dass ich dann nie mehr zum Bahnhof gekommen wäre, was dringender und dringender wurde, die Zeiger waren schon wieder weitergesprungen, jetzt standen sie auf 3.88! Ich rannte los, doch nun stand auf einmal ein Mann mitten auf der Straße; er hatte die Hände zum Himmel gehoben, als flehe er um etwas, bitterlich, dringend, aber bevor ich ihm meine Hilfe anbieten konnte, hatte ihn schon ein Blitz getroffen, er kam aus heiterem Himmel und trennte ihn in zwei Hälften, aber beide sprangen fröhlich und wie befreit auseinander und gingen ihre getrennten Wege. Von weitem sah ich nun endlich den Bahnhof, ich lief auf ihn zu, aber ich hatte natürlich noch keine Fahrkarte (das gehört zum Standardrepertoire dieses Traums), und alle Fahrkartenschalter waren geschlossen. Doch nein, da, ganz in der Ecke, dort war noch einer! Am Schalter saß ein älterer Mann, er hatte einen weißen Backenbart und eine schlohweiße Haarkrone über der hohen Stirn, und er sah düster auf mich herab und sagte mit tiefer Stimme: „Philosophieprofessorenwortkram!“ Hinter mir kicherte der Troll, er war aus dem Nichts aufgetaucht, drängelte sich leichtfüßigst und schwerststinkend an mir vorbei und erhielt problemlos eine Fahrkarte von dem diabolischen weißhaarigen Herrn ausgehändigt. Mit einem geschickten Griff seiner klauenartigen Hände entriss er mir meine blackbox, die rote Schleife löste sich und heraus fiel – natürlich wachte ich in diesem Moment auf, die Katze war aufs Bett gesprungen und hatte begonnen sich zu putzen. Es war auch Zeit zum Aufstehen, den Zug hätte ich sowieso wieder einmal verpasst (im wahren, „autentischen“ Leben, wie DTFFWTF gesagt hätte, verpasse ich übrigens niemals den Zug. Noch nicht einmal freiwillig könnte ich einen Zug verpassen, meine innere Pünktlichkeit liegt jenseits meines Willens).


Ich hatte mir heute einen freien Tag gegönnt; immerhin, eine Lebenswende stand an, die Brotarbeit würde warten können! Die Frist würde heute Nacht ablaufen, und die Leute sollten endlich bieten, nicht immer nur reden, reden, reden. Ich begann mir auszumalen, was ich tun würde, sobald ich meinen freien Willen endlich los war: Ich würde nicht mehr nachdenken müssen, nichts entscheiden, keine Wahl treffen, einfach nur – nun ja, sein, mich beeinflussen lassen von allem, was mir in die Quere kam (ich sah mich um nach der Katze, und tatsächlich, da war sie, es war schon ein wenig dämonisch), das friedliche Leben einer Vollzeit-Determinierten führen. Soll die Welt ihren Gang gehen, ich werfe mich ihr nicht mehr in den Weg! Umarmen würde ich mein Schicksal, bejubeln meine Unfreiheit, mich hingeben meiner völligen, ziellosen, endlosen Willenlosigkeit, Schwachheit, Manipulierbarkeit! Ach – aber nun gut, der heutige Tag war noch zu überstehen, und ich machte mich auf dem Weg zum Computer. Zuerst machte ich ein letztes Foto meiner blackbox; es war eine Nahaufnahme, die Schleife hatte ich noch weiter gelöst, und innen hatte ich einen kleinen Spiegel platziert; es war ein hübscher Effekt mit dem Blitz. Zur Sicherheit hatte ich außerdem Bella dazu überredet, sich hinter die Schachtel zu setzen; mit Katzenfotos verkauft sich einfach alles besser. Dann nahm ich mich der ersten Anfrage an; der Preis stand inzwischen auf 3,88 Euro, das kam mir seltsam bekannt vor. Der Absender, nein, die Absenderin war lillifee_2012, und während des Lesens stieg das Bild einer kleinen Prinzessin mit rosa Haarschleife vor mir auf: „hallo, ich bin die lillifee, und meine eltern sind totaal blöd!! Immer wollen sie, das ich meinen freien willen durchsetze, nie verbieten sie mir was!!! Meine bff hat viel tollere eltern, die sagen ihr immer, was sie machen soll! Ich will keinen blöden freien willen! Aber deine schachtel finde ich total toll, das mit der schleife ist obercool, und eigentlich will ich nur die schachtel für meine haargummis. Emoji, emoji, emoji mit Krönchen, lillifee!“ Lillifee hatte auch geboten, der Preis stand jetzt auf 3,90. „Arme Lillifee“, schrieb ich, „emoji, emoji, emoji, du hast es echt nicht leicht! Aber, weißt du was? Das mit dem freien willen ist auch nur so eine erwachsenenerfindung, um sich das leben leicht zu machen. Deine eltern sind einfach zu faul um dich ordentlich zu erziehen. erziehen heißt nämlich: entscheidungen treffen (verstehst du später, einfach merken!) Und weißt du, womit du sie echt total ärgern kannst? Sag das nächste mal einfach, wenn du mal wieder freien willen zeigen sollst, dein freier wille hätte dir gerade gesagt, dass du jetzt freiwillig nicht deinen freien willen einsetzen willst! Ist kompliziert, ich weiß, kannst du ja vor dem spiegel üben: „rein freiwillig werde ich jetzt meinen freien willen nicht benutzen!“ und schreib mal, wie es funktioniert hat! P.s. die schwarze schachtel gibt es bei amazon, nimm die mit dem samt innen, die ist viel schöner!“


Ich streichelte versonnen meine kleine blackbox, früher hatte ich tatsächlich auch immer schöne Kästchen gehabt, wo man schöne Sachen reintut, das machen nämlich alle kleinen Mädchen, wahrscheinlich ist das, bevor mit der Pubertät der freie Wille über sie kommt. Dann öffnete ich noch eine Anfrage, sie trug den vielversprechenden Absender „free_will@libet“. „Wir führen eine Studie zum freien Willen bei Internet-Verkäufen durch. Wir haben schon eine Reihe sehr willensstarker Persönlichkeiten für eine neue Versuchsreihe in der Tradition des Libet-Experiments engagiert und sind jetzt noch daran interessiert, eine möglichst willensschwache Kontrollgruppe zusammenzustellen. Das Experiment erfordert keinen großen Zeitaufwand und kann digital durchgeführt werden. Die Sicherheit Ihrer persönlichen Daten wird natürlich garantiert. Zur Motivation bekommen Sie nach Abschluss des Experiments einen Amazon-Gutschein. Wenn Sie interessiert sind, öffnen Sie bitte die angehängte Datei!“ Die angehängte Datei öffnen! Für wie blöd haltet ihr mich eigentlich? Aber interessant, dachte ich. Wahrscheinlich besteht das Experiment schon darin, ob ich die Datei öffne. Weil ich geschmeichelt bin, auserwählt zu sein? Weil ich auf alles scharf bin, was Gutschein heißt und dann sofort meinen Verstand an der Kasse abgebe? Oder aus natürlich rein wissenschaftlicher Neugier? Ach, der Mensch ist ein undurchschaubares Wesen, und die Motive seiner Handlungen spielen Fangen im Kopf und verstecken sich und wechseln die Gestalt, hast du nicht gesehen, eben noch trugen sie ein ehrbares Gewand, und jetzt sind sie nackt, roh, lüstern. Aber sie sind auf jeden Fall immer schneller als unsere Gedanken, die ihnen mühsam hinterherhinken und versuchen, sie in einem Moment zu erwischen, wo sie präsentabel sind und nicht peinlich. Ein Mäntelchen, das ist der freie Wille, weil wir uns nicht nackt sehen mögen. (War das schon wieder ein Aphorismus?) Aber nein, keine Experimente. Ich löschte die Anfrage.


Inzwischen waren die ersten Reaktionen auf mein Katzenfoto mit blackbox eingetrudelt, sie strotzten vor Ausrufungszeichen, Smileys und entzückten Oh- und Ah-Lauten. Der Preis war auf erstaunliche 11,11 Euro angestiegen, mehrere Interessenten fragten an, ob die Katze auch mit verkauft würde? Ich lief schnell zu Bella auf den Dachboden (dort wohnt sie nämlich, mitten auf dem Billardtisch), drückte sie ein wenig (das mag sie nicht) und versicherte ihr, sie würde immer unsere Katze bleiben, und nie, nie, niemals würde ich sie bei Ebay verkaufen, auch wenn die hygienischen Probleme wieder aufträten! Bella gnute müde und etwas unbeteiligt, es war die falsche Uhrzeit für sie. Ich ging runter und löschte das Katzenfoto wieder, auch wenn es die Gebote sicherlich noch weiter in die Höhe getrieben hätte. Natürlich hatte schopenhauer_reborn geantwortet, kurz nach Mitternacht, das war seine Zeit; aber ich riss mich zusammen und schauten zuerst nach DFTTWTF; sein letzter Post endete mit den Worten: ….“mit katzenfotos die gehirne waschen, da sind sublimenale botschaften drin gecodet, willenlos und däbil schnurend, so hätte der intelektuel-lieberahle komplex uns gern!“ Immerhin hatte er nicht angekündigt, alle Katzen zu vergiften. Sollte ich ihn füttern? Immerhin war ich im Traum ziemlich böse zu ihm gewesen. Na gut. Ich suchte ein besonders liebreizendes Bild von Bella aus meiner persönlichen Katzenfoto-Sammlung heraus und mailte es ihm, mit der Unterschrift: „durchschaut! die Katzen beherrschen längst die Welt, es sind aber eigentlich Aliens, die in Katzenform unsere Zivilisation unterwandert haben und uns nun durch Impfinfizierung unterworfen haben. Sie ernähren sich von unserem freien Willen, den sie ähnlich wie die Dementoren bei Harry Potter direkt aus unserer Seele saugen. Sie waren auch vor uns auf dem Mond und haben Kennedy erschossen, weil er ihnen gefährlich wurde (Lee Harvey Oswald war einer von ihnen, nicht weitersagen!). Ihr Erkennungszeichen ist ein Freimaurer-Symbol, das unter ihrem dichten Bauchfell versteckt ist. Beware of Cats!“ (sollte ich vielleicht ein kurzes Fake-Foto mit Bella…? nein, nein, nein). Dann ging ich Mittagessen, um mich danach gestärkt schopenhauer_reborn zu widmen.


Am späten Abend setzte ich mich erschöpft wieder vor meine Ebay-Anzeige. Es war einer dieser Tage gewesen. Bella hatte ein kleines hygienisches Problem gehabt, das dringend beseitigt werden musste; wahrscheinlich hatten wir zu viel von Sahnestückchen gesprochen. Im Dorf-Supermarkt, wo ich nur Milch einkaufen wollte, war eingebrochen worden, es herrschte Ausnahmezustand und ich musste zu einem anderen Supermarkt im Nachbardorf. Auf dem Weg dorthin fuhr ich zu dicht am wie immer überquellenden Altglascontainer vorbei und mein Vorderreifen ließ von einem Moment auf den anderen seine gesamte Luft ab; ich musste den ganzen Weg zurück schieben. Als ich mich am späten Nachmittag wieder meiner Anzeige widmen wollte, war das Internet ausgefallen. War das jetzt die Katzen-Weltverschwörung? Hatte DFTTWTF doch recht? Während der Mittagspause hatte ich nämlich, ich gestehe, kurz „Katzen+Weltverschwörung“ gegoogelt und eine beängstigende Anzahl von Treffern erhalten! Wie immer fühlte ich mich hilflos so ganz offline. Fragen drängten in mir empor, die nur Google oder Wikipedia beantworten konnten. Und was ging mit meiner Anzeige vor sich? Waren inzwischen, schließlich endeten wir uns dem Ende der Bieterphase, neue Gebote eingegangen, die endlich dem wahren Preis meines freien Willens wenigstens annäherungsweise entsprachen? Und was hatte schopenhauer_reborn geschrieben in der letzten Nacht, warum hatte ich nur nicht schon heute Morgen danach gesehen? Aber nun, endlich, eine Stunde vor Mitternacht war mein Computer wieder online, ich ignorierte alle Anfragen und Kommentare und stürzte mich auf schopenhauer_reborn. Mit keinem Wort war er auf mein schönes Aristoteles-Zitat eingegangen, und irgendwie hatte ich beim Lesen seiner neuen Mail das Gefühl, dass das auch nicht Schopenhauer-O-Ton sein konnte; da stand nämlich: „Sollte nicht jene so verwegene, so verhängnisvolle Philosophen-Erfindung, welche damals zuerst für Europa gemacht wurde, die vom »freien Willen«, von der absoluten Spontaneität des Menschen im Guten und im Bösen, nicht vor allem gemacht sein, um sich ein Recht zu der Vorstellung zu schaffen, daß das Interesse der Götter am Menschen, an der menschlichen Tugend sich nie erschöpfen könne? Auf dieser Erden-Bühne sollte es niemals an wirklich Neuem, an wirklich unerhörten Spannungen, Verwicklungen, Katastrophen gebrechen: eine vollkommen deterministisch gedachte Welt würde für Götter erratbar und folglich in Kürze auch ermüdend gewesen sein - Grund genug für diese Freunde der Götter, die Philosophen, ihren Göttern eine solche deterministische Welt nicht zuzumuten!“ Roch das nicht – schnell googelte ich ein wenig -, jawohl, es roch nach Nietzsche! Nun gut, Nietzsche, ich muss zugeben, ich habe einen kleinen soft spot in meinem Philosophinnen-Herz für diesen bärtigen Zausel, der die Frauen hasste und die Berufsphilosophen, der Gott für tot erklären und sich einem geschundenen Pferd um den Hals werfen konnte, der das Meer liebte und das Gebirge, vor allem: der tanzen konnte (welcher Philosoph konnte jemals tanzen? Kann man sich Kant beim Menuett vorstellen, Hegel beim Dreischritt eines Walzers?) und schreiben. Und die Idee, sie war seiner wahrhaft würdig: der freie Wille als Spektakel für die Götter, eine human-interest-Serie, die soeben in die tausendste Staffel ging, die menschliche Tugend wurde zum hunderttausendsten Mal auf die Probe gestellt, und, wer hätte das gedacht! – sie scheiterte, zum Millionsten Male, und die Götter schlugen sich auf die Schenkel und zeigten mit den Fingern auf den riesigen Flachbildschirm (denn, wie DFTTWTF weiß, die Erde ist natürlich eine Scheibe!) und erstarben in homerischem Gelächter. Derweil schrieben die Berufs-Philosophen an ihren Drehbüchern, aber keiner wollte sie verfilmen; Nietzsche hatte immerhin einmal eine Anfrage bekommen von Netflix, sie wollten aus Zarathustra ein Musical machen, und Nietzsche hatte ihnen vor die Füße gekotzt (virtuell, natürlich).


Während ich noch dieser Vorstellung nachhing und vor meinem Auge ein Nietzsche entfernt ähnelnder Zarathustra im neckischen Kleidchen mit einer Zierpeitsche in der Hand eine Show-Treppe hinuntertänzelte, näherte sich der Zeiger der Uhr – der Mitternacht. In wenigen Minuten würde meine Auktion auslaufen! Der Preis hatte sich tagsüber in kleinen Schritten bewegt, er war sozusagen gegenläufig die Show-Treppe hinaufgeklettert und stand jetzt bei 18,99. Fieberhaft schrieb ich an schopenhauer_reborn ein Nietzsche-Zitat, das ich soeben ergoogelt hatte: „An einer Theorie ist es wahrhaftig nicht ihr geringster Reiz, daß sie widerlegbar ist: gerade damit zieht sie feinere Köpfe an. Es scheint, daß die hundertfach widerlegte Theorie vom ‚freien Willen‘ ihre Fortdauer nur diesem Reize verdankt -: immer wieder kommt jemand und führt sich stark genug, sie zu widerlegen“; in Sekunden hatte ich meine Antwort: „Daher kommt, daß jeder Roheste, seinem Gefühl folgend, die völlige Freiheit in den einzelnen Handlungen aufs heftigste vertheidigt, während die großen Denker aller Zeiten, ja sogar die tiefsinnigeren Glaubenslehren, sie geleugnet haben“. Ich schluckte ein wenig, das war ja schon fast philosophisches Troll-Niveau! Und wie auf Kommando meldete sich nun DFTTWTF aus dem nächtlichen Nichts; er schrieb „Cats forever!“ und erhöhte das Gebot auf stattliche 25,99. Im Sekundentakt liefen jetzt die Gebote ein, schopenhauer_reborn und DFTTWTF hatten alle anderen Bewerber aus dem Feld geschlagen, und während die Zahlen kletterten, zuckte es mir in den Fingern: Sollte ich das grausame Spiel im letzten Moment abbrechen? Würde ich ihn nicht doch vermissen, meinen so gut geschonten und gehüteten freien Willen? War es nicht irgendwie – frevlerisch, ketzerisch, obszön, das ganze Unternehmen, konnte man denn einfach so ein Preisschild auf etwas kleben, dass doch eigentlich immateriell war, unveräußerlich? Würden mir andere folgen, die dann demnächst ihr Gewissen, ihre unsterbliche Seele, ihre Menschenwürde verkaufen würden? Aber während zwei Seelen in meiner Brust stritten, oder waren es gar noch mehr? – egal, genau in diesem Moment: war mein freier Wille verkauft. Für 42 Euro (wirklich), an – DFTTWTF. What the fuck, murmelte ich in einem Moment der Erleuchtung, jetzt hat ein Troll deinen freien Willen gekauft! Erschrocken sprang Bella von meinem Schoß herunter, ich musste unwillkürlich zusammengezuckt sein; sie sah mich böse an und begann sich energisch den Schwanz zu putzen.


Während ich mich noch schämte, kam eine E-Mail von schopenhauer_reborn: „Es hat nicht sein sollen. Darf ich zum Abschied, mit Leibniz, sagen: ‚Gott wirkt dabei nur in verborgener Weise, indem er dem Menschen das Sein, das Leben, die Vernunft gewährt, ohne sich sehen zu lassen. Hier treibt der freie Wille sein Spiel und Gott erfreut sich, so zu sagen, an diesen kleinen Göttern, deren Erschaffung er für gut befunden, so wie wir uns an den Tätigkeiten der Kinder erfreuen, die wir unter der Hand bald befördern, bald hemmen, wie es uns gefällt‘. Ich hätte Ihnen Ihren freien Willen übrigens gern zurückerstattet“. Ich war gerührt und erstaunt; wenn Leibniz fast das gleiche sagte wie Nietzsche, dann musste wohl etwas daran sein, und ich würde später darüber gründlicher nachdenken. Vorerst aber war ich erschöpft. Wie ausgelaugt fühlte ich mich, war das nun der schreckliche Tag oder fühlte ich schon den Verlust? Ich war zu schwach um aufzustehen. Um den Rechner auszustellen. Um die Katze zurechtzuweisen, die ihre Krallen mal wieder am Sofa schärfte.


Während ich immer tiefer in meine post-merkantile Depression versank, poppte auf einmal eine neue Nachricht von DFTTWTF auf. Nee, nicht wirklich, dachte ich, das ist jetzt echt zu viel. Aber ich raffte mich auf, vielleicht hatte er ja eine Frage zum Versand oder zur Zahlung, und wir sollten die Sache jetzt wirklich hinter uns bringen. DFTTWTF schrieb: „nee, lass stecken, ich brauch deinen blöden lieberalen gebrauchten pseudo-scheiß-willen echt nicht! war nur ein eksperiment. ich überweis die kohle, und du kaufst deiner blöden katze futter, die guckt schon ganz mager, ey!“ Ich traute meinen Augen nicht. Ohne nachzudenken, nahm ich meine blackbox in die Hand, zog an der roten Schleife, öffnete den Deckel und holte die Murmel heraus. Es war eine große tiefblaue Glasmurmel mit schillernden gelb-grünen Farbstreifen, ich hatte sie noch aus meiner Kindheit, und sie erinnerte mich an unsere Erde, wie man sie aus dem All sieht, aus der Ferne, ohne Menschen. Ich war mir nicht sicher, ob ich sie mitgeschickt hätte; sie war eine meiner schönsten Gedanken und damit muss man sparsam umgehen. Schnell machte ich ein Foto von ihr, wie sie da glitzernd und schimmernd lag auf ihrem dunklen Samtpolster in der blackbox, und schickte es an DFTTWTF: „du bist echt eine vollpflaume, aber danke, ey!“ Dann ging ich mit Bella schlafen.


Ich schlief traumlos. Am nächsten Morgen stand ich auf, kündigte meinen Ebay-Account und löschte meinen Aufsatz über Kausalität und Notwendigkeit in Schillers Spieltheorie. Dann setzte ich eine neue Homepage auf. Ich nannte sie, aber das war nur vorläufig: „Probleme mit dem Freien Willen? Fragen Sie jemand, der sich garantiert nicht damit auskennt!“ Als Logo verwendete ich meine schöne blaue Muschel, fotografiert in der geöffneten blackbox; die rote Schleife hatte ich Bella umgebunden, die sich nur schwach gewehrt hatte, und die ich wieder hinter der Schachtel platziert hatte; es war ein wunderschönes Arrangement. Interessenten versprach ich umgehende Antworten auf all ihre Fragen, natürlich unter Zusicherung völliger Anonymität; ich überlegte, ob ich eine Seite mit unseren philosophischen Zitaten aus der Korrespondenz mit schopenhauer_reborn dazustellen sollte, aber erfahrungsgemäß wirkt Philosophie eher abschreckend auf die meisten Menschen. Dann ging ich einen Kaffee trinken (zwei Stück Schokolade).

Heute habe ich eine florierende Lebenshilfe-Beratung im Internet, ich nenne sie aber nicht so; sie heißt: „Spiele mit Grenzen“. Viele Menschen kommen mit ähnlichen Fragen wie oma_erna, lillifee, saulus_paulus, madmen62 oder mollimaus (deren Freundschaftsangebot auf facebook ich natürlich angenommen habe, wir haben inzwischen viele gemeinsame Freunde, sie hat mir eine Menge Follower für meine Seite verschafft und wir tauschen Schokoladen-Tips aus). Ich verspreche ihnen nicht, dass ihr Leben besser wird oder dass ich die Lösung für alle Probleme habe. Ich höre ihnen einfach zu und sie erzählen mir ihre Geschichten, und mit jeder ihrer Geschichten werde ich eine bessere Philosophin (Philosophie ist wie birdwatching: Man muss lange auf der Lauer sitzen, man muss seine Beobachtungskräfte schulen und seine Werkzeuge pflegen, man darf sich nicht langweilen und man muss sich selbst ganz vergessen; und dann wird man sie sehen, die scheuen, flüchtigen, schimmernd-lebendigen Gedanken, aber bevor man sie in einen Begriff gepackt hat, sind sie schon wieder aufgeflogen. Nee, Zu lang für einen Aphorismus). 


Viele von den Leuten, die meine Homepage besuchen, empfinden übrigens ihre Freiheit als die größte Last in ihrem Leben; ein Pauschalversprechen, das so groß ist, dass es niemals eingelöst werden kann; eine angebliche Vergünstigung, die in Wirklichkeit eine Quelle endloser Frustrationen ist und die Sicht verstellt auf das, was man nicht geschenkt bekommt und was man deshalb umso lieber hat, weil man es sich selbst erarbeitet hat. Mit DFTTWTF tausche ich gelegentlich kleine, mäßig beleidigende Posts, und wir diskutieren die Katzen-Weltherrschafts-Verschwörungstheorie sehr ernsthaft. Jeder sollte einen halbzivilisierten Troll haben, finde ich, der seine Blasen gelegentlich zerpikst, vor allem jeder, der sich beruflich im „intelektuel-lieberalen komplex“ angesiedelt hat und dort sein Bekehrungswerk betreibt. Meinen freien Willen habe ich wieder eingemottet, hinter dem Norwegerpullover im Massivholz-Kleiderschrank, der immer noch überquillt; vielleicht kann man ihn ja noch einmal gebrauchen, wer weiß das schon? Vielleicht finden ihn auch meine (sehr theoretischen) Enkel eines Tages, wenn sie nach meinem Tod den Schrank ausmisten, und sie werden sagen: Schau mal, was ist das denn? 


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Der Reigen.

Frei nach Arthur Schnitzler

     

In der überfüllten S-Bahn am frühen Abend sitzt Bertolt, ein mittelalter, mittelschlanker und überhaupt in jeglicher Hinsicht durchschnittlicher Mann auf dem Heimweg von seinem mittelmäßig bezahlten Bürojob. Er ist früher gegangen heute, weil er am Abend ein Date hat, und er beginnt gerade, sich davor zu fürchten. Er wird wohl wieder romantisch sein müssen, das hat er ja auch ins Profil der Dating-App geschrieben: „ein unheilbarer Romantiker im besten Alter“; aber das muss man halt schreiben, wenn man nicht nur die ansprechen wollte, die sowieso nur Geld oder Sex wollen! Himmel, wie oft schon hat er romantische Blumensträuße gekauft, wieviel Sonnenuntergänge hat er abgesessen, wieviel Wünsche schon von den Augen abgelesen! Wenn man jung ist, glaubt man ja eine Weile selbst daran, aber alles nutzt ab durch Wiederholung. Irgendjemand, so erinnert er sich vage, hat einmal gesagt, dass der erste, der Herz auf Schmerz reimte, eine Genie war und der tausendste – nun ja, ein Kretin, so hieß es wohl, falls er sich richtig erinnerte, und genauso fühlt sich Bertold inzwischen, wenn er wieder einmal romantisch schauen soll. Ihm gegenüber sitzt eine Dame, ebenfalls mittleres Alter, sie trägt die obligatorische Business-Uniform und versucht heimlich die High Heels auszuziehen. Dabei blättert sie in einer Zeitschrift mit der Aufschrift „Liebe“, zwei schöne rote Lippen sieht man darauf, und Bertolt denkt: „Rote Liebe soll man küssen“ – und schämt sich dann, ach, wie altmodisch er doch ist, und wahrscheinlich würde er mit dem Spruch gleich eine #Metoo-Debatte auslösen. Nein, bitte nicht wieder eine, die auf romantisch steht; er weiß zwar auch nicht so genau, was er will, aber das ganz sicher nicht….

 

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Die Schuhe mit den blöden High Heels drücken mal wieder, sie streift sie heimlich ab und hofft, dass es keiner merkt. Albertine ist nervös; sie fürchtet sich vor dem Date heute Abend. Natürlich, sie ist eine erfolgreiche Frau, tough, wie man so sagt; in ihrem mittelständischen Werbebetrieb ist sie die unbestrittene Leitwölfin, und alle Männer kuschen vor ihr. Aber das hilft nicht direkt, wenn man nach einem Partner sucht, das weiß Albertine aus leidvoller Erfahrung. Das hat man nun davon, eine emanzipierte Frau zu sein, denkt sie. Heute Abend wird sie mal wieder die etwas angejahrte romantische Prinzessin spielen müssen, die kein Wässerchen trüben kann und verführt und umschmeichelt werden muss, wie sie das hasst! Aber wenn man nicht „romantisch“ ins Profil schreibt, kommen nur die Perversen. Sie weiß zwar auch nicht so genau, was sie eigentlich will, aber das auf jeden Fall nicht. Vielleicht ist ja diese Zeitschrift klüger, die sie eben auf dem Sitz neben sich gefunden hat. Zwei schöne rote Lippen sind darauf abgebildet, nee, die Lippenstiftfarbe würde ich mich nie trauen, denkt Albertine, viel zu aggressiv, dann bekommen sie gleich noch mehr Angst vor mir; dann doch lieber ein besänftigendes Rosé!

 

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Beate sucht ihre Zeitschrift, sie muss sie wohl beim Umsteigen in der vorigen S-Bahn vergessen haben. Schade, sie hatte sie doch extra gekauft, um herauszufinden, was die Philosophen zu diesem ewigen Liebesthema zu sagen haben! Früher hatte sie ja selbst noch Illusionen, doch jetzt mit ihren gesetzten 21 Jahren und einem Gemischtwarenlager an gescheiterten Beziehungen könnte sie ein ganz anderes Lied singen; es geht: „One more stupid lovesong, and I’ll be sick“, genau! Aber irgendwie gab man die Hoffnung nicht auf, warum eigentlich? Sie tut ein Stück Süßstoff in ihren doppelten Espresso, früher hatte sie ihn ja lieber schwarz und stark, aber nun, mit ihren gesetzten 21 Jahren – und da überfällt sie auf einmal die Einsicht, dass die romantische Liebe genau das ist: ein künstlicher Zucker, der verdecken soll, worum es eigentlich geht bei diesem, nun ja, ziemlich starken und gelegentlich schwarzen und überhaupt ziemlich peinlichen Akt! Menschen vertragen einfach keine reinen Dinge, sie wollen alles immer hübsch verpackt und pappsüß und irgendwie harmlos haben. Angeekelt schmeißt sie die ganze Süßstoffpackung weg. Sie sollte sowieso nicht so viel Espresso trinken, heute Abend hat sie noch ein Date, irgendein Werbefritze, dem muss man sowieso nicht mit Philosophie kommen. Hoffentlich ist er wenigstens nicht süßlich, sondern …. Aber sie weiß nicht so genau, wie er eigentlich sein soll.

 

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Bertram findet eine beinahe neue Packung Süßstoff auf dem Sitz neben sich in der S-Bahn, warum hat die wohl jemand weggeworfen? Er hat es ja nicht so mit Süßem. Manchmal denkt er, das kommt von seinem Job, er arbeitet nämlich in einer Werbeagentur, und den lieben langen Tag muss er die idiotischsten Produkte so anpreisen, dass jeder meint, nicht mehr ohne sie leben zu können. Das beste Verkaufsmittel ist immer noch die Romantik, man sollte es nicht glauben im 21. Jahrhundert! Was hat er schon alles für „romantisch“ erklärt, sogar Teebeutel können romantisch sein (das weiche, beutelhafte, aromatische), einmal hat er auch, obwohl das sehr gegen seine Prinzipien ging, das Romantische kleiner niedlicher Handfeuerwaffen betextet ("Mitten ins Herz!") In einer Schublade hat er eine kleine Sammlung von Sprüchen für besondere Herausforderungen: Klopapier – "seien Sie lieb zu Ihrem Allerwertesten, er hat es verdient"! Heute Abend hat er endlich mal wieder ein Date, vielleicht sollte er ihr das Päckchen Süßstoff schenken mit einer roten Schleife und einem Spruch dazu: "Nichts ist süßer als ein Kuss deiner Lippen, gepflegt mit Lubello, dem süßesten aller Lippenbekenntnisse!" Wohl besser nicht. Ach, wenn er doch nur wüsste, was er will, aber er weiß nur, was er nicht will.

 

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Auf der S-Bahn ist eine große, sehr teure Werbeanzeige aufgedruckt, sie wirbt für Partnerschaftsvermittlung im Internet. Zu sehen sind sehr junge, sehr schöne, sehr gesunde, rundum glückliche Menschen. Es sind Frauen, bei denen jeder sofort sehen kann, dass sie sich eigentlich nur auf eine mäßig belebte Straße stellen müssten und ein Taschentuch fallen lassen, und schon würden sich Heere von Männern verschiedensten Alters um ein Lächeln von ihr prügeln. Die Männer tragen kaum Make-Up, aber einen Dreitagebart und das romantischste Lächeln der Welt, es tropft geradezu aus ihren Augen, aus ihren Mundwinkeln, aus der leicht geöffneten Hemdenbrust, und jede Frau würde ihnen besinnungslos in die starken Arme fallen. Daneben wirbt ein Restaurant für romantische Candle-Light-Dinner; ein Reiseunternehmer preist das romantische Hide-away-Weekend für Zwei an, dazu gibt es auch passende Unterwäsche, verspielt-romantisch und nicht allzu sexy. Innen in der S-Bahn hängt ein kleines Gedicht, es geht so: „Als sie einander acht Jahre kannten (und man darf sagen, sie kannten sich gut), kam ihre Liebe plötzlich abhanden, wie andern Leuten ein Stock oder Hut“. Daneben steht, aber das ist sicherlich reiner Zufall, der Werbetext einer Detektei: „Wir finden alles! Diskret, seriös, kompetent!“ Darunter liegt ein einsames Zeitschriftenheft, vorn ist ein knallroter Kussmund abgebildet.

 

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Bruno steht an der S-Bahn-Station. Gerade hat er den Zug verpasst, nur noch im Vorbeifahren meint er eine Anzeige für Partnerschaftsvermittlung im Internet zu sehen. Wie albern, denkt er, so hübsche junge Menschen müssen doch nicht extra dafür Geld bezahlen, dass ihnen ein Computer einen passenden Partner ausspuckt! Noch etwas verschwitzt setzt er sich auf die Bank, legt einen bunten Blumenstrauß neben sich und zieht ein zerlesenes Reclam-Bändchen aus der Tasche. Bruno ist Lehrer, seit langem schon, und gerade wieder hat er versucht, lehrplangemäß seinen gelangweilten Schülern Shakespeares Romeo und Julia nahezubringen, die unvergänglichste, herzrührendste, wahrste und tiefste Liebesgeschichten aller Zeiten, angeblich! Blödsinn, denkt er, während er halbherzig durch die Seiten blättert, das ist doch wirklich der allergrößte, unvergänglichste, steinerweichendste Blödsinn der Welt! Natürlich war Shakespeare ein großer Autor, und heimlich hat er sich wahrscheinlich totgelacht, als er Romeo und Julia geschrieben hat, er wusste ja schon immer, was die Leute sehen und hören wollten! Aber dass sie noch gut vierhundert Jahre später glauben würden, die hormonellen Verirrungen zwei unreifer Kinder aus verfeindeten Familien – natürlich sind sie verfeindet, wo wäre denn sonst der Reiz, wenn Romeo einfach der Cousin wäre, den man sowieso von Kind an heiraten sollte! – seien der Stoff, aus dem das Leben und die große Liebe gemacht sind! Die Sonette sollten sie lesen, dann wüssten sie, worum es bei der Liebe wirklich geht. Aber nein, Romeo und Julia, seit vierhundert Jahren. Er blickt auf eine Zeitung, die neben ihm auf der Bank liegt; dort steht in den Schlagzeilen: „Barack Obamas Rezept für eine glückliche Ehe!“ Interessiert nimmt er sich die Zeitung und beginnt zu lesen. Vielleicht kann er seiner Frau heute Abend davon erzählen, sie haben nämlich den 17ten Hochzeitstag.

 

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Birgit guckt noch schnell ins Internet, bevor sie anfängt, die Kartoffeln für die Bratkartoffeln zu schälen. Ihr Ehemann und sie haben heute den 17ten Hochzeitstag; aber wie immer werden sie das nicht groß feiern. Vielleicht gehen sie am Wochenende noch schick essen, aber heute ist dafür keine Zeit, Bruno hatte noch Konferenz in der Schule und die Kinder kommen auch gleich vom Fußball. Als sie „Hochzeitstag“ bei google eingibt, nur aus Neugierde, bekommt sie eine ganze Hitparade der üblichen Beziehungsbinsen: Machen Sie sich extra schön für ihn/sie! Überraschen Sie ihn/sie mit seinem Lieblingsessen! Sagen Sie ihm/ihr, dass Sie ihn lieb haben und blicken ihr/ihm tief in die Augen! Erst lacht sie, ist ja auch wirklich zu blöd, aber dann beginnt sie sich ein wenig zu ärgern. Offensichtlich ist es ja kein Liebesbeweis, dass man die letzten 17 Jahre mehr oder weniger jeden Tag am Herd stand und bemüht war, ein halbwegs gesundes Essen für eine mehrköpfige Familie zu kochen, in dem genug Bestandteile vorkommen, die alle mögen! Nee, nicht romantisch genug. Oder dass man sich zusammenreißt und was Nettes anzieht, auch wenn keiner guckt, einfach aus Respekt, falls doch einer guckt. Und ach, Liebesschwüre, Worte, Worte, Worte! Kann man sich auch nichts kaufen für, noch nicht mal Bratkartoffeln. Aber darunter, guck mal, da steht ja ein Artikel, der sieht wirklich interessant aus: "Barack Obamas Rezept für eine glückliche Ehe!" Und sie beginnt zu lesen.

 

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Kurt ist unterwegs, in amtlicher Mission. Er geht durch die stille Vorortsiedlung, aus einem Fenster dringt ihm der Geruch frischgebratener Bratkartoffeln entgegen, das erinnert ihn an seine Oma und macht ihn melancholisch. Es stimmt ihn aber auch auf seine Mission ein, er ist nämlich Bürgermeister und muss, selten genug kommt das vor, einem alten Ehepaar zur diamantenen Hochzeit gratulieren. Den Präsentkorb hat er natürlich dabei und außerdem einen interessanten Artikel, den er gerade gefunden hat. Er hat schon die unterschiedlichsten Ehepaare gesehen bei solchen Gelegenheiten; einige, die offensichtlich mehr der Hass zusammengeschweißt hat als die Liebe, viele, bei denen es die Gewohnheit war, und wenige, bei denen man, irgendwie, spürte, dass sich da wirklich zwei gefunden und aufgehoben und behalten hatten. Er ist gespannt, was sie zu dem Artikel sagen werden. Er heißt, etwas reißerisch, „Barack Obamas Rezept für eine glückliche Ehe“, und darin steht, dass der ehemalige amerikanische Präsident jedem rate, sich drei Fragen zu stellen, bevor er den Schritt fürs Leben mache: 1) Finden Sie die Person, mit der sie sich verheiraten wollen, interessant? 2) Bringt sie sie zum Lachen? Und wäre sie, 3) eine gute Mutter oder ein guter Vater? Das war schon ziemlich weise. Vielleicht hätte er sich auch drei Fragen stellen sollen, bevor er Drohnen auf Leute abschoss, aber den Gedanken wischt Kurt schnell zur Seite, bevor er ihm die sentimentale Stimmung verderben kann.

 

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Erst hatten sie ja nicht genau verstanden, wovon der junge Mann da eigentlich gesprochen hatte; ach so, um Barack Obama war es gegangen, diesen Jungspund, der amerikanischer Präsident geworden war, als er praktisch gerade aus den Windeln war, und der viel zu früh den Friedensnobelpreis bekommen hatte, was sich hinterher ja auch als voreilig herausgestellt hatte. Aber er hatte ihnen ja den Artikel dagelassen, oben auf dem Präsentkorb liegt er, und Adolf hat inzwischen auch seine Brille gefunden. Jetzt liest er seiner Ada, die vom Besuch noch etwas erschöpft ist, aber sich extra schön gemacht und selbstgebackene Kekse aufgetischt hat, noch einmal vor, was der junge Präsident so meint: Man sollte nur jemand heiraten, den man interessant und witzig fände und von dessen elterlichen Qualitäten man überzeugt sei. Gemeinsam kichern sie ein wenig, und Ada sagt: Ach, was sich die jungen Leute heute so einbilden. Als hätte man eine Wahl gehabt, damals, kurz vor den Krieg. Aber wenn du mir damals so einen albernen romantischen Hochzeitsantrag gemacht hättest, mit Niederknien und roten Rosen und all dem Unsinn, nie und nimmer hätte ich dich nie genommen! Du hast es völlig vermurkst, aber was haben wir gelacht! Und Adolf sagt: Aber in einem hat er auf jeden Fall Recht. Ich habe immer gewusst, dass du eine gute Mutter werden würdest. Ich hab es einfach gewusst, und fertig. Bekomme ich dafür noch einen Keks? Gemeinsam mümmeln sie einen Keks. Draußen läuft ein Hund vorbei, er hat die Nase ganz dicht am Boden und schnüffelt aufgeregt.

 

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Im Internet hat sich eine Debatte über die Eheratschläge von Ex-Präsident Obama entwickelt, unter dem Hashtag #funnyorwhat? Vor allem die Frauen fühlen sich, irgendwie, provoziert und, irgendwie, empört: "Interessant" sein, was soll denn daran toll sein? Interessant war doch, irgendwie, alles heutzutage, und wahrscheinlich wolle man doch nur ihnen wieder den schwarzen Peter zuschieben, typisch Mann, irgendwie, dass die Frauen jetzt auch noch für die Unterhaltung zuständig sein sollten, neben all dem Hausputz und der Karriere und der Kinderunterbringung? Und zum Lachen bringen, hahaha; man wisse doch, was Männer für Humor halten, das sei ja nun, irgendwie, nicht besonders komisch. Am schlimmsten kommt aber die dritte Frage an: Natürlich solle man dann noch Kinderkriegen, ohne Kinder keine ordentliche Ehe, was sei denn das bitte für ein stereotypes, überholtes, spießbürgerliches Familienbild? Aber auch viele Männer melden sich zu Wort, einige mit Beiträgen, die hier nicht wiedergegeben werden können, weil sie unter die Zensurschwelle fallen. Ob es nicht schon reiche, dass Mann sanftmütig, gesprächsbereit, sensibel und einfühlsam geworden sei? Jetzt solle er auch noch „interessant“ werden! Gäbe es dann demnächst so eine Art Fitness-Center, interessant in dreißig Doppelstunden, samt personal coach? Fänden sie jedenfalls nicht witzig, hahaha, nein, das Leben sei eine ernste Angelegenheit, als Neuer Mann sowieso! Und dann noch Kinder, natürlich, am Ende laufe es dann doch immer wieder darauf hinaus, Mann sei bindungsunfähig und -unwillig, und eigentlich berechne jede schon heimlich beim zweiten Date den zu erwartenden Kindesunterhalt! Aber nun gut, jetzt wisse man wenigstens, was man bei den Partnerschafts-Apps einzugeben habe ins Profil, um besser anzukommen: nicht nur romantisch, nein, interessant, witzig, bestes Vaterschaftsmaterial!

 

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Hunde. Hunde hatten es ja wenigstens einfach. Schiere Biologie. Erwin ist Verhaltensbiologe, und sein Mops Emil hat gerade die Spur einer läufigen Hündin aufgenommen; er bekommt die Nase dann gar nicht mehr vom Boden hoch und zieht so mächtig wie sonst nur, wenn er einen verlassenen Hähnchenschenkel wittert. Andererseits, denkt Emil, ist bei uns ja gar nicht so viel anders, das bildet man sich ja auch nur ein, weil es sonst alles so peinlich ist. Natürlich muss man den anderen riechen können, hat die Natur ja klug gemacht: Nur, wenn die Immunsysteme sich gut ergänzen, wird man „magisch“ angezogen; von wegen magisch, Instinkte sind das, reine Instinkte. Und damit man schön beieinander bleibt und den Nachwuchs nicht allzu früh vor die Tür setzt, eine Dosis Oxytocin. Ach, wenn doch alles so einfach wäre! Aber heute Abend würde er doch wieder ein Parfum auflegen, sicherheitshalber; obwohl der Kerl wirklich scharf aufgesehen hatte auf dem Dating-Portal! Derweil hat Emil endlich das Objekt seiner Begierde gesichtet, es ist eine rattenscharfe – Yorkshire-Dame??? Was ist denn das für eine Verirrung, denkt Erwin, und dann ruft er sich zur Ordnung und sagt sich: Ein Riechhirn mit 180 Millionen Riechzellen mehr als ein Mensch irrt nicht…. Aber der Typ am anderen Ende der Leine sieht eigentlich gut aus, so ein bisschen nerdmäßig, sollte er vielleicht doch kurz auf Grindr?

 

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Holger zieht seine Yorkshire-Dame Bella schnell in die andere Richtung; da späht doch tatsächlich so ein blöder Mops von der anderen Straßenseite her, wie kann man nur einen Mops haben? Obwohl, der Kerl, den der Mops an der Leine hält, sieht ja eigentlich ganz gut aus; so ein bisschen akademisch unterkühlt, aber er ist sich fast sicher, dass – sollte er vielleicht kurz nachschauen auf Grindr? - aber er hat ja heute Abend schon ein Date, angeblich ja auch ein Akademiker. Aber was die Leute so alles angeben in ihren Profilen – Holger kennt sich da aus, er ist Informatiker und programmiert Suchalgorithmen für Dating Apps. Er kennt die großen Lieblingslügen: Jeder macht sich gern ein wenig größer. Ein wenig reicher. Ein wenig liberaler und sexuell experimentierfreudiger. Natürlich ist das Foto nie ein aktuelles, ein paar Jährchen weniger sind immer von Vorteil. Und am Ende, worauf kommt es an? Auf das Foto, nur auf das Foto. All das Geschwätz von Interessen und Hobbys und Überzeugungen, mag ja schön sein fürs Selbstbild, aber einen Unterschied macht es nicht, wenn es an die Wäsche gehen soll. Nicht, dass man das nicht schon vorher geahnt hätte, aber wenn man es so ein Zahlen vor sich sah, war es schon ein wenig desillusionierend … Himmel, wenn das, was die Leute in ihre Profile schreiben, auf einmal durch einen Zaubertrick wirklich würde, in was für einer wunderbaren Welt würden wir leben! Aber jetzt müssen wir nach Hause, Bella, sagt Holger und zieht Bella in die andere Richtung; ich muss mich noch duschen und aufbrezeln für heute Abend!

 

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Lea hält ihre Katze auf dem Schoss und tröstet sie, armer Schatz, das Tier zittert noch ganz arg! War doch aus dem Nichts dieser blöde Köter aufgetaucht, ein Mops, ausgerechnet ein Mops! und hatte ihre Lucy auf den Apfelbaum gejagt! Wie Hund und Katze, murmelt Lea vor sich hin, kichert ein wenig und streichelt weiter sanft das Fell; es ist eine Art Mantra von ihr, wie Hund und Katze. Lea ist nämlich Paartherapeutin, und eine sehr gesuchte und auf Jahre hin ausgebuchte außerdem. Weißt du, murmelt sie ihrem Schatz ins Ohr, du müsstest jetzt sagen: Das hat mich jetzt sehr gekränkt, wie du hechelnd auf mich zugerannt bist, da habe ich mich echt bedrängt gefühlt und, irgendwie, nicht in meiner Persönlichkeit wertgeschätzt! Nein, du sollst nicht sagen: Du blöder Mops, was bildest du dir eigentlich ein, du stinkendes Hundevieh? Ich-Aussagen, bringe deine Bedürfnisse zum Ausdruck! Wir können auch gern, und Lea vergräbt ihre Nase versonnen noch ein Stück weiter in das flauschige Fell, ein kleines Rollenspiel machen, und du spielst jetzt den Hund, ja, genau, den blöden Mops, und er spielt jetzt dich, eine superliebe Kuschelkatze, und ihr werdet sehen, wie das eure Beziehung weiterbringt! Die Katze springt empört vom Schoß herunter und verschwindet. Lea seufzt resigniert; siehst du, sagt sie, so geht das bei meinen Therapie-Gesprächen auch meist aus!

 

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Mia stellt Lucy ein Schälchen Milch hin, und Lucy schnurrt dankbar. Sie sollte das zwar eigentlich nicht tun, schließlich ist es die Katze ihrer Nachbarin, aber die hat ewig Termine und ist furchtbar gestresst, hat wahrscheinlich irgendeinen blöden Karrierejob. Mia hat sie noch nie mit einem Mann gesehen, komisch eigentlich. Obwohl, was soll sie schon sagen, ich sehe mich ja auch ziemlich selten mit einem Mann, oder?, sagt sie zu sich selbst und zu Lucy. Mia weiß, dass die meisten Männer sich vor ihr fürchten; sie ist promovierte Philosophin und leider, leider, viel zu klug für die meisten Männer, selbst für die Akademiker, die am Ende dann doch lieber eine sanfte Krankenschwester oder eine nette Grundschullehrerin heiraten. Mia kennt alle Gründe dafür, die guten und die schlechten, aber das löst das Problem nicht. Philosophen sind halt, sagt sie zu sich selbst und zu Lucy, nicht so gut im Probleme beheben! Neulich aber hat sie eine sehr, sehr kluge Idee gehabt. Sie schreibt jetzt ein Lebenshilfebuch, anonym natürlich, es wäre ihr Tod, wenn die Kollegen davon erführen: 'Die Liebes-Diät. In nur sechs Wochen zur amourösen Unabhängigkeit!' Was würde man nicht an Zeit, Geld und Sorgen sparen, wenn man sich einfach – für unabhängig erklärte von dieser ganzen Beziehungsdramatik? Einfach mal sechs Woche – nicht an das L-Wort denken; immer wenn es sich vordrängelt im Kopf oder im Bauch, gezielt an etwas anderes denken, es musste ja nicht gleich etwas Wichtiges sein oder gar etwas Kluges, aber allein die frei werdenden Gehirnkapazitäten! Aber ihr, sagt sie zu Lucy, wisst das sowieso schon, oder? Man soll einfach nicht über die Liebe nachdenken. Es gibt so viel Wichtigeres auf der Welt. Draußen ist der Wind aufgefrischt.

 

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In Verlagsprospekt steht, groß und seltsamerweise in einer romantisch verschlungenen, rosafarbenen Schrift: „Die Liebes-Diät. In nur sechs Wochen zur amourösen Unabhängigkeit! Bestellen Sie jetzt vor und erproben Sie die neue, sensationelle Diät, die ihr Leben auf den Kopf stellen wird! Die promovierte Philosophin, Diplom-Psychologin und langjährige Paartherapeutin Hersilie Stumm zeigt Ihnen, wie Sie die Romantikerin in Ihnen ein- für allemal zum Schweigen bringen! In nur sechs Schritten lernen Sie, mit anschaulichen Illustrationen und in einfacher Sprache, ihre antrainierten amourösen Reflexe zu bemerken und zu kontrollieren. Sie werden ungeahnte Ressourcen in sich entdecken, wenn Sie sich vom Zwang zur romantischen Liebe freimachen – geistige, kreative, finanzielle! Auch geeignet für Bindungsverweigerer, Mehrfachgeschiedene und Sexsüchtige! Erhältlich als E-Book und Hörbuch“. Niemand nimmt die Prospekte mit. Als ein Windstoß sie wegweht, läuft ihnen ein Yorkshire-Terrier hinterher und schnappt nach ihnen.

 

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Emma bückt sich etwas angestrengt nach dem bunten Papier, das ihr gerade vor die Füße geflattert ist. 'Die Liebes-Diät', was soll das denn nun wieder sein, sechs Wochen nur Aphrodisiaka, oder was, Sellerie soll ja gut sein, Himmel, woher weiß sie das eigentlich? Die Autorin hätte doch einfach nur sie fragen können; sie ist das, was weniger politisch korrekte Zeiten eine „alte Jungfer“ genannt hat, also: eine alleinlebende Frau, kurz vor der Rente, und natürlich Lehrerin, wie sich das gehört für eine alte Jungfer. Emma findet das schon seit längerem gar nicht so schlimm; klar, als sie jung war, war sie natürlich verliebt, das gehörte ja dazu, und beinahe wäre es ja auch so weit gewesen, Himmel, sie kann sich schon gar nicht mehr richtig an sein Gesicht erinnern, aber an seinen Namen natürlich, es war ein schöner altmodischer Name gewesen, Anton, Anton und Emma. Manchmal malt sie sich aus, wie ihr Leben heute wäre, wenn es alles anders gekommen wäre. Aber dann sieht sie sich um in ihrer gemütlichen kleinen Wohnung, alles ist so, wie es sein soll, keine zerknüllte Männersocke räkelt sich auf dem sorgsam gepflegten Teppich, keine ewig aufgeschraubte Zahnpastatube im Bad, keine leeren Bierflaschen in der Küche. Nur auf dem Couchtisch liegt ein aufgeschlagener Roman, von Jane Austen, einer alten Jungfer natürlich; aber wie konnte sie über die Ehe schreiben und die Männer und die Frauen und die ewigen Missverständnisse! Mit Büchern konnte Emma sich schon immer besser unterhalten als mit Menschen. 'Liebes-Diät', ach was; man konnte sich von der Liebe entwöhnen wie von jedem eingebildeten und anerzogenen Laster, langsam, mit einem eisernen Willen und genug Selbstbewusstsein um zu wissen, dass man auch allein eine vollständige Person war. Und immerhin, sie hat ja ihre Neffen; hat ihr nicht neulich noch einer gezeigt, wie man einen Papierflieger bastelt? Und Emma beginnt, den Prospekt in scharfe Falten zu knicken.

 

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Was für ein professionell gefalteter Papierflieger! Anerkennend nimmt Anton das bunte Gebilde, in seinem früheren Leben war es wohl einmal ein Verlagsprospekt gewesen, er kann gerade noch die Worte „Lieb“ und „Diät“ entziffern. Mit Diäten kennt er sich aus, seitdem er auf der Straße lebt; aber er hatte es nicht anders gewollt. Früher hatte er noch gedacht, sein Leben würde in normalen Bahnen verlaufen, mit einem guten Job und einer guten Frau – dunkel erinnerte er sich, Emma hatte sie gehießen, und sie war klug gewesen und hatte gern Bücher gelesen, während er ja eher – ach, er kann sich schon selbst nicht mehr genau erinnern, was er damals eigentlich wollte, er war halt anders. Anton spricht seit langer Zeit mit niemanden mehr, außer es muss unbedingt sein. Worüber sollte man auch sprechen, es war ja doch immer das gleiche: Geld, Geld, Geld, Sex, Sex, Sex, Macht, Macht, Macht! Das brabbelt er auch gelegentlich vor sich hin, die Worte hart aneinander reihend und in einem sich immer mehr steigernden Tempo, bis die Worte wie Pistolenkugeln aus seinem schmalen ungepflegten Mund fliegen. Dann geben ihm die Leute Geld, damit er schnell wieder ruhig ist. Sorgfältig faltet er den Papierflieger auseinander; er kann ihn gut als Unterlage für sein spartanisches Mittagessen gebrauchen.

 

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Dass die Leute überall ihren Müll rumliegen lassen müssen! Angewidert nimmt Klaus das leicht angefettete Stück Papier von der Bank; komischerweise steht groß das Wort „Liebe“ gerade dort, wo der Fettfleck ist. Klaus ist eigentlich guter Stimmung; er kommt gerade von seinem Scheidungstermin, und wie schon bei den letzten vier Mal fühlt er sich geradezu physisch befreit: Die Welt liegt vor ihm, voller schöner Frauen und ungeahnter Möglichkeiten! Na gut, man wird nicht gerade jünger, und die Unterhaltszahlungen waren inzwischen ein echtes Problem; wenigstens hatte er sich nicht dazu hinreißen lassen, auch noch eine Schar Kinder in die Welt zu setzen, die ihm jetzt auch noch auf der Tasche lägen! Aber Klaus ist sich sicher, dass seine Wirkung auf Frauen ungebrochen ist; und der Aktienmarkt würde schon das Übrige tun. Und waren es nicht gerade die großen, berühmten Männer, die sich nicht auf die eine bürgerliche Normalehe, "bis dass der Tod uns scheidet", hatten festlegen lassen? Immerhin, er war ja nicht Heinrich VIII., der zwei seiner Ehefrauen köpfen ließ und es immerhin auf sechs Ehen insgesamt gebracht hatte. Hatte er nicht gerade irgendwo gelesen, dass Gerhard Schröder auch wieder geheiratet hatte, die wievielte Ehe war das eigentlich genau? Er sollte sich schnell eine Notiz machen. Heimlich sammelt Klaus nämlich Beispiele der notorischen „Ja-Sager“ in Geschichte und Politik. Er nimmt das angefettete Papier noch einmal in die Hand und zieht einen silbernen Stift mit Monogramm aus der Tische.

 

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Sollte sie oder sollte sie nicht? Eva kann sich nicht entscheiden. Trotz des Trennungsjahres und obwohl sie wirklich, wirklich froh ist, Klaus endlich los zu sein mit seinem Macho-Gehabe und seinem Heinrich-VIII-Tick, geht ihr das jetzt doch zu schnell. Natürlich hat sie sich gut verstanden mit dem Scheidungsanwalt, ein bisschen sieht er so aus wie in diesen amerikanischen Anwaltsserien, denkt sie, immer im schicken Anzug und so charmant, dass sogar die Richterinnen ihnen gleich verfallen. Aber sie will auf keinen Fall wieder etwas Festes. Es gab ja heute so viele Möglichkeiten, das hatte sie jedenfalls gelesen; friends with benefits, klingt eigentlich ganz einleuchtend, vielleicht hätte sie sowieso bei ihren bisherigen Männern darauf achten sollen, ob sie eigentlich als Freunde getaugt hätten! "Lebensabschnittspartnerschaft", Gott, das klingt so furchtbar nach Behörde und Steuererklärung und Ehe für alle, nee, das will sie nun auch nicht. Oder, ganz neu: "Polyamorie"! Ist wenigstens ein schöneres Wort, auch wenn sie sich nicht sicher ist, ob sie das Ganze verstanden hat. Vielleicht sollte sie mal in eine Buchhandlung geben, es gab doch Ratgeber für alles heutzutage! Zufällig fällt ihren Blick auf ein angefettetes, scharfkantig gefaltetes Stück Papier, über das groß gedruckte Wort „Liebe“ steht in einer Schrift, die ihr bekannt vorkommt, „Gerhard Schröder“ gekritzelt. Lachend nimmt Eva das Stück Paper in die Hand, faltet es wieder zu einem Flieger und lässt ihn fliegen.

 

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Der Verlag hat die Ankündigung für den neuen Ratgeber 'Die Liebes-Diät' gleich in die Eropedia eingestellt, Stichwort: „Asexualität“. Das noch neue Wiki erfreut sich steigender Beliebtheit bei den NutzernInnen, auch wenn die „Putztruppe“ kaum mit der Arbeit nachkommt. Natürlich würde die Plattform besonders viele Trolle, Perverse und Vandalen anziehen, das war den GründerInnen von Anfang an klar; aber vom Ausmass des Missbrauchs sind sie doch etwas überrascht worden. Aber es gibt auch viele enthusiastische neue Autoren und Autorinnen, die gute Arbeit leisten. Der Artikel ‚romantische Liebe‘ war soeben ausgezeichnet worden wegen seiner historisch belegten, sachlich und allgemein verständlich gehaltenen, reich illustrierten, aber auch kritisch reflektierenden Darstellungsweise. Der Artikel des Tages ist heute: „Die Liebe im Rechtssystem“, ein umfassender Überblick über die Rechtsnormen der Beziehungsformen von der Frühzeit der Menschheit bis ins 21. Jahrhundert.

 

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Melinda hat, gegen besseres Wissen, „#metoo“ in der neuen Eropedia angeklickt. Der Artikel ist riesenlang und hat eine noch längere, von der Putztruppe heftig zensierte Diskussionsseite. Natürlich ist sie auch schon begrapscht worden, das erste Mal damals in der Seilbahn, sie war so 15 Jahre vielleicht, und der Kerl hat ihr doch tatsächlich in der Enge an den Po gegriffen! Sie war eher, naja, so eine Mischung aus verwirrt und mitleidig gewesen; was für ein erbärmlicher Typ, und sie hatte noch nicht mal einen besonders attraktiven Hintern gehabt! Aber klar, es war ein ernstes Thema; es war nur alles so schwierig, wie immer, wenn es um Sex ging und eigentlich doch, wenn man ehrlich war, keiner so recht wusste, was er wollte oder sie dachte oder beide irgendwie noch gerade verantworten konnten. Es sollte ja inzwischen schon Apps oder gar Formulare für einvernehmlichen Sex geben, um all diese Missverständnisse zu vermeiden! Melinda ist froh, dass sie nicht mehr jung ist und in einer festen Beziehung lebt. Sie stellt sich vor, wie es damals gewesen wäre, in der Schulzeit, wenn beim Rumknutschen immer irgendwann einer das Handy gezückt hätte und, äh, könntest du hier vielleicht mal klicken? gesagt hätte. Und in jedem Auto hätte neben Fahrzeugschein und Kondompackung ein Vertragsformular gelegen, natürliche volle Amtssprache, sie war Rechtsanwaltsgehilfin und kannte sich aus mit sowas; also beispielsweise: "der/die/das Sexualpartner*in" (Name einfüllen), im folgenden genannt SP 1, vereinbart mit der/die/das Sexualpartner*in für die im folgenden benannte Zeitspanne (genaues Datum einfüllen, Form: Stunde-Tag-Monat-Jahr bis Stunde-Tag-Monat-Jahr) den einvernehmlichen Vollzug folgender sexueller Handlungen (Liste, zum Ankreuzen)"; dann Gerichtsstand (sie muss etwas kichern) etc. pp. Gibt es bestimmt auch schon einen Artikel zu in der Eropedia, gleich mal gucken! Der von der Redaktion ausgezeichnete Artikel zur ‚Romantischen Liebe‘ ist ihr sowieso zu lang; und wen interessiert das eigentlich noch?

 

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Bastian muss eine Seminararbeit schreiben, und er verflucht sich seit Tagen, dass er sich auf dieses dämliche Thema eingelassen hat, es ist der reine Dynamit, aber die Sozialkunde-Lehrerin findet er ziemlich süß, und es war ihr so wichtig, dass „ein Mann“ dieses sensible Thema übernahm! „Die Kulturgeschichte der Vergewaltigung“, ehrlich, geht’s noch? Aber nun gut, dafür gibt es ja dieses neue Wiki, Eropedia, genau, gleich mal gucken. Och nee, der Artikel des Tages ist ‚romantische Liebe‘, das kann er nun wirklich gerade nicht brauchen! So, ‚Vergewaltigung‘ – oops, ist ja auch mächtig lang! Und er beginnt zu lesen. Als Bastian seinen Blick zehn Minuten später wieder hebt, steht Verzweiflung in ihm zu lesen. Er hat gelernt, dass Vergewaltigungen die Geschichte der Menschheit begleiten, von ihren dokumentierten Anfängen an (und also höchstwahrscheinlich auch vorher). Dass das kulturell und historisch übergreifende Auftauchen von Vergewaltigungen dazu führt, dass sie einen vorderen Platz in der Liste allgemeiner kultureller Universalien einnimmt (die Liste wird im Übrigen angeführt von Mord). Vergewaltigung war über lange Zeit hinweg weder gesetzlich verboten noch moralisch geächtet; wenn man Frauen kaufen konnte, konnte Mann offensichtlich ja auch über seinen Besitz verfügen. Vergewaltigung spielte nicht direkt eine Nebenrolle in den großen Mythen, und schon der Trojanische Krieg war im Endeffekt der Kollateralschaden einer gewaltsamen Entführung einer Frau. Und natürlich waren, da waren die Zahlen statistisch eindeutig genug, die Rollen klar verteilt: Männer waren und sind die Vergewaltiger, Frauen waren und sind die Opfer. Bastian schämt sich, fremd und selbst. Er erwägt kurz die Möglichkeit, das Geschlecht zu wechseln, entscheidet sich aber dagegen. Morgen wird er zur Sozialkunde-Lehrerin gehen und um ein neues Thema bitten; romantische Liebe, denkt er, die Kulturgeschichte der romantischen Liebe, genau!

 

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Martin bereitet sich auf sein Examen in Familienrecht vor. Im Moment sitzt er in der Bibliothek und starrt auf den immergleichen Satz. Er steht in dem Artikel „Ehe für alle“ auf Eropedia und lautet seit vergangenem Jahr: „Die Ehe wird von zwei Personen verschiedenen oder gleichen Geschlechts auf Lebenszeit geschlossen". Früher war es der gleiche Satz, aber einfach nur „zwei Personen“. Wenn nun also, so überlegt Martin, zwei Personen beliebigen Geschlechts eine Partnerschaft schließen wollen, so können sie heiraten. Also, gute Freunde beispielsweise. Oder Geschwister. Oder – naja, irgendwelche Leute, die gern Steuern sparen wollen. Denn, so hat sich Martin gerade informiert: Der „eheliche Beischlaf“ (eigener Artikel auf Eropedia, früher auch genannt: Konkumbenz) gehört zwar irgendwie zu den Ehepflichten, man kann ihn aber nicht direkt einklagen; jedenfalls ist die Rechtsprechung da ziemlich uneindeutig. Und wie sollte man sich das auch vorstellen? Da kommt also der Standesbeamte einmal im Jahr zu Besuch und sagt: Haben Sie auch schön gemeinsam Ihre ehelichen Pflichten vollzogen oder mal wieder nur Steuern gespart? Was aber macht denn nun die Ehe aus, die vom Staat doch geschützt werden soll, stand das nicht irgendwo in der Verfassung? Ach gut, dazu gibt es auch einen Artikel auf Eropedia, und Martin liest: Die Verfassung schützt tatsächlich nur die „Lebensgemeinschaft von Mann und Frau“; weil sie nämlich als notwendige Vorstufe zum Schutz der Familie gesehen wird, die erst dann gegeben ist, wenn ein Kind aus ihr hervorgeht. Macht ja auch irgendwie Sinn, denkt Martin; Kinder sind wichtig für den Staat, wegen der Renten und überhaupt. Aber Ehen? Und überhaupt: „auf Lebenszeit?“ Manchmal ist das BGB ja wirklich nicht mehr ganz auf der Höhe der Zeit. Aber was soll man sich wundern, sogar bei Eropedia ist es ja nicht anders: Der Artikel des Tages war doch tatsächlich „romantische Liebe“! Soooo 20. Jahrhundert!

 

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LGBT. Oder doch GLBT? Besser jedenfalls als LSBTTIQ! Lisa könnte verzweifeln. Sie ist freischaffende Architektin und plant gerade ein kommunales Zentrum für Integration (aus nachvollziehbaren Gründen haben die Auftraggeber davon abgesehen, dafür ein Akronym zu bilden). Und wie jedes Gebäude braucht auch dieses Orte – für das natürlichste aller Bedürfnisse; oder ist es gar nicht das Natürlichste? Der Gedanke schießt Lisa nur kurz durch den Kopf, sie zwingt sich schnell, wieder auf ArchiCad zu schauen; die Frage muss jetzt ein für- allemal gelöst werden! Also, wie viel verschiedene Toiletten für wie viele verschiedene Geschlechter? Als sie auf diese neue Plattform, Eropedia, schaut, trifft sie beinahe der Schlag: 60 verschiedene Geschlechtstypen bei facebook! Das wären dann 60 Klos in einem Gebäude mit fünf Zimmern. Wenigstens scheinen die Buchstaben in allen größeren europäischen Sprachen die gleichen zu sein, auch wenn gelegentlich in anderer Reihenfolge. Andererseits, so überlegt Lisa, wird ein größerer Teil der Kundschaft eher aus dem arabischen Raum stammen. Eine etwas komplexere Recherche – Eropedia hat noch keinen arabischen Artikel – erbringt, dass es im Arabischen zwar eine sehr große Zahl von Bezeichnungen für Homosexuelle gibt, die meisten sind aber sehr, sehr beleidigend und kaum übersetzbar. Afrika? Sie mag schon gar nicht mehr nachsehen; gab es nicht mehrere tausend afrikanische Sprachen? Verzweifelt schlägt sie ihr Laptop zu. Soll der Auftraggeber das doch bestimmen! Das sind schließlich die Integrationsspezialisten! Früher war doch alles einfacher, denkt Lisa etwas melancholisch; auf der Schule zum Beispiel waren eh die Jungenklos ständig kaputt, und auf die Mädchenklos ist auch keine freiwillig gegangen. Da fällt ihr ein, sie hat doch gerade auf Eropedia gesehen, dass der Artikel des Tages ‚Romantische Liebe‘ heißt; vielleicht hat der ja ein paar gute Hinweise auf altmodische, strikt zweigeschlechtliche Liebesromane? Zum Arbeiten hat sie heute eh keine Lust mehr. Oder vielleicht ins Kino? Gab es da nicht so ein Sommernachts-Programm?

 

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Im Sommernachts-Programm des lokalen Kinos steht auch dieses Jahr wieder die Reihe „Klassische Liebesfilme“ an. Sie richtet sich eher an das ältere Publikum, die Kids gehen ja sowieso nicht mehr ins Kino. Deshalb gibt es an den Premium-Terminen für die Bestagers ‚Casablanca‘ und ‚Vom Winde verweht‘; und für die Mittelalten ‚Harry und Sally‘ und ‚Schlaflos in Seattle‘. Dazu haben die Veranstalter ganz wagemutig eine Mitternachtsvorstellung angesetzt: ‚Shades of Grey‘, mit gedämpftem Rotlicht, obwohl einige der Sponsoren da doch Bedenken hatten. Auch bei anderen Klassikern wurden ganz neue Einwände vorgetragen: ‚Out of Africa‘ – sei das nicht eine Spur rassistisch? Früher wurde auch gern ‚Sissi‘ gezeigt, alle drei Filme in einer Nacht; aber das ist heutzutage einfach nicht mehr möglich: eine magersüchtige 16jährige, die den Kaiser anhimmelt, was ist denn das für ein Frauenbild? Stattdessen haben die Veranstalter ein paar Disney-Filme mit eingeschmuggelt: Aber zu ‚Shrek‘ kommen Jung und Alt genauso gern wie zu ‚Cinderella‘ und ‚Die Schöne und das Biest‘. Und außerdem gibt es noch ‚Harry Potter und der Feuerkelch‘ –einfach, weil es Harry Potter ist.

 

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Natürlich hat sie den Film schon mindestens siebenmal gesehen, sie ist ja auch nicht mehr die Jüngste. Trotzdem überlegt Luise, als sie den Prospekt für das Sommernachts-Kino aus der Post holt, ob sie nicht dieses Jahr wieder zu 'Vom Winde verweht' geht und ein achtes Mal zusieht, wie sich Scarlett O’Hara selbst betrügt und dem todlangweiligen und moralisch ach so überlegenen Ashley hinterherläuft, der ja nun wirklich, das sieht man nach einer Minute, ausschließlich zu der genauso blassen und beinahe schon heiligenmäßigen Melanie gehört. Es ist schon erstaunlich, denkt sie, wie man sich über seine wahren Gefühle täuschen kann, wenn der Kopf dazwischen redet! Aber dann lacht sie, weil sie sich erinnert, dass sie früher – ungefähr die ersten drei Male vielleicht, als sie den Film gesehen hat, mit wechselnden Partner, meist eher blassen und sehr idealistischen Jungmännern – genau den gleichen Fehler gemacht hat; Rhett war ihr irgendwie unheimlich, Ashley hingegen – naja, er wirkte so harmlos. Danach kam die Phase, wo sie zwischen Rhett und Ashley hin- und hergerissen war; inzwischen hatte sie auch andere Begleiter, wenn auch, leider, leider, niemals ein echter Rhett Butler darunter war. Dieses Jahr nun würde sie – allein dorthin gehen, und Luise gesteht sich ein, dass sie das eigentlich für einen Fortschritt hält; eigentlich sollte sie schon deswegen zum achten Mal hingehen! Vielleicht würde sie dieses Mal sogar den Schluss verstehen, ohne einen nervig vor sich hin zappelnden Mann an ihrer Seite; die Szene also, wo Scarlett über das zerstörte Tara schaut und feststellt, dass sie eigentlich – gar nichts anderes braucht als Tara. Ob Rhett Butler zurückkommt oder nicht, was spielt das für eine Rolle? Soll er zum braven Farmer werden und sie zur hingebungsvollen kuchenbackenden und marmeladeproduzierenden Landfrau? Ach was. Tara. Die Erde. Da, wo man hingehört. Darauf kommt es an.

 

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Meistens hatte ihn eine Frau gezwungen, den Film anzuschauen, wenn er wie jedes Jahr im Sommernachtskino auf dem Programm stand: 'Casablanca', ich schau dir in die Augen, Kleines, und nie hatte er gewusst, wo er hinsollte mit seinen Augen in dieser Szene. Leo ist sich nicht sicher, wie oft er den Film schon gesehen hat; er kennt Rick’s Café jedenfalls wie seine Lieblingskneipe und würde sich in den nächtlichen Straßen der Filmstadt perfekt zurechtfinden, während die Leuchtscheinwerfer der deutschen Besatzer irrlichternd darüber hinweg streifen. Wenn er es ganz furchtbar langweilig fand, hat er sich früher damit beschäftigt, andere Enden für den Film auszudenken: Rick und Ilsa eröffnen eine neue Bar in Casablanca und werben Sam ab; es wird aber ein Reinfall, weil die Drinks nicht gut genug sind. Oder: Rick tötet Laszlo und steigt stattdessen mit Ilsa in das bereitstehende Flugzeug; sie zerstreiten sich aber schon während des Flugs darüber, wer am Fenster sitzen darf. As time goes by – passieren bekanntlich die seltsamsten Dinge. Heute ist keine Frau mehr da, die ihn zwingt, sich 'Casablanca' zum sieben oder achten Mal anzuschauen; und Leo beschließt, dass das ein hinreichender Grund ist, sich den Film das erste Mal allein anzuschauen. Er freut sich schon jetzt auf die Schlussszene, die ihm als einzige an dem ganzen Film immer eingeleuchtet hat: „Ich denke, das ist der Beginn einer wunderbaren Freundschaft“. Auf die Freundschaft kommt es an, unter Männern sowieso, denkt er. Der Rest ist nur Vorspiel.

 

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Natürlich ist sie mit Harry Potter groß geworden, sie kann jede Station ihrer Kindheit mit einem der herbeigefieberten Erscheinungstermine der sieben Bände verbinden, vom Lesenlernen bis zum Abi-Ball, an dem sie ein ähnliches Kleid trug wie Hermine beim Ball nach dem Quidditch-Turnier. Natürlich hat sie auch alle Filme gesehen, im Kino und zuhause auf DVD. Aber vielleicht sollte sie doch noch einmal hingehen zum Sommernachtskino, jetzt, wo sie beinahe erwachsen ist und eigentlich über so etwas heraus? Lilli dreht den Kinoprospekt unentschlossen in den wohlmanikürierten Fingern. Ist ja komisch, der Film ist doch eigentlich gar kein Liebesfilm; und was sie sowieso immer ein wenig gestört hat an der ganzen Geschichte ist, dass Harry und Hermine nicht zusammengekommen sind. Ich meine, denkt sie, Hermine und Ron – schon ganz lustig, aber wie soll er es bloß aushalten mit einer Frau, die ihm intellektuell ungefähr hundertfach überlegen ist? Und wie lange wird sie seine kindischen Scherze und Streiche noch komisch finden? Ach, Harry und Hermine, es wäre so schön gewesen. Beinahe ohne nachzudenken nimmt sie ihr Handy zur Hand und googelt „Harry Hermine Paar“. Schon der erste Treffer ist ein Interview mit der Autorin, und Lilli traut ihren Augen kaum: Klar, sagt Frau Rowling, natürlich sind Harry und Hermine das eigentliche Paar und Hermine und Ron ein potentieller Fall für die Eheberatung; sie habe aber persönliche Gründe gehabt, genau diese Konstellation zu wählen, über die sie jetzt nicht sprechen wolle. Ok, denkt Lilli erleichtert, man kann einen Welterfolg schreiben und dabei das falsche Liebespaar in den Mittelpunkt stellen! Die Leute merken es einfach nicht; wahrscheinlich, weil sie sowieso gewohnt sind, dass immer die Falschen zusammenkommen!

 

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Luis schaut auf seine Star-Wars-DVD-Sammlung. Eigentlich möchte er zusammen mit seiner neuen Freundin Lilli einen Star-Wars-Filmeabend machen, sie hat sie nämlich alle noch nicht gesehen, totale Bildungslücke! Doch jetzt, wo er darüber nachdenkt, was sie denn an all den Raumschiffen und Gefechten und Männern in komischen Uniformen interessant finden sollte, fällt ihm etwas auf, was er vorher noch nie bemerkt hat: Es gibt gar keine richtige Liebesgeschichte! Ich meine, denkt er, natürlich gibt es Liebesgeschichten, aber sie sind doch irgendwie – nebensächlich und auch reichlich seltsam! Dass aus Han Solo und Leia nichts werden konnte, dafür brauchte man wirklich nicht erst ihren verkorksten Sohn zu sehen, und mit Anakin und Padme war es ja nun genauso. Vater-Sohn-Konflikte, natürlich; und echte, tiefe Freundschaft, wie zwischen Luke und Chewbacca, ganz klar, das war wichtig! Und wenn man sich unbedingt verlieben wollte, hatte sich doch noch jeder in Meister Yoda verliebt! Genauso, fällt ihm jetzt ein, wie beim ‚Herrn der Ringe‘ – wo es mit Liebesgeschichten insgesamt noch schlechter aussah, schon, dass Frodo solo war und nur Sam eine tapsige Hobbit-Liebesgeschichte abbekommen hat! Aber dafür gab es ja Gandalf. Genau, so würde er es Lilli verkaufen, sie war schließlich eine intelligente Frau und wusste, was sie wollte: Die Jedis und Zauberer dieser Welt waren die eigentlichen Traummänner! Was waren schon ein Clark Gable oder Humphrey Bogart – Luis war einen Moment stolz auf sich selbst, dass ihm diese geradezu historischen Beispiele für Traummänner einfielen – gegen Gandalf oder Yoda? Bubis.

 

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Der Autor des Artikels 'Romantische Liebe' kratzt sich am Kopf. So hatte er sich das nicht vorgestellt! Er hatte gedacht, das sei ein schönes altmodisches Thema, das man ein- für allemal abhandeln könnte; schließlich glaubte doch sowieso keiner mehr daran außer der Werbe- und Hochzeitsindustrie! Aber ständig muss er nun die Seite aktualisieren. Jetzt war gerade wieder eine philosophische Zeitschrift erschienen, die ein ganzes Heft der "Liebe" gewidmet hatte; ein roter Kussmund strahlt ihm vom Cover entgegen und Romeo murmelt vor sich hin: Lippenstift, künstliche Farbe, angeblich kussecht, aber sonst nichts! Da hielt er es doch lieber mit Barack Obama und seinen drei Ratschlägen für eine gute Ehe, die er gestern gelesen hatte; da war weder von Lippenstift noch von romantischer Kuschelmusik, Liebesfilmen (angewidert schiebt er einen Kino-Prospekt beiseite, nein, nicht zum achten Mal 'Casablanca'!) oder Dating Apps die Rede. Aber natürlich hatte das gleich wieder eine Schlammschlacht im Internet ausgelöst, #funnyorwhat, Geschlechterkrieg 4.0 hätten sie es nennen sollen; vielleicht waren ja irgendwann wenigstens Küchengeräte smart genug, um diese ewige Kabbelei zu vermeiden! Oder dieses neue Buch, das er tückischerweise und an den Moderatoren vorbei in die Literaturliste zum Artikel 'Romantische Liebe' geschmuggelt hatte: 'Die Liebes-Diät. In nur sechs Wochen zur amourösen Unabhängigkeit'. Ach, wenn Diäten doch nur helfen würden! Romeo klappt den Laptop zu. Morgen will er noch an seine Ex-Frau Julia schreiben und sie bitten, den Artikel aus weiblicher Sicht zu lesen. Sie ist eine vernünftige Frau und vielleicht hätte ja aus ihnen beiden etwas werden können, sogar Bratkartoffeln konnte sie machen, denkt Romeo melancholisch. Aber viel zu jung waren sie gewesen, und viel zu viele dumme Filme hatten sie gesehen, in denen immer die Falschen zusammenkommen. Was eigentlich wichtig wäre, denkt Romeo, während er sich die Zähne putzt, wäre eine Art – Liebeserziehung. Beziehungsunterricht. Partnerschaftstraining. Aber eine vernünftige, keine romantische! Aber auch daraus würden sie wieder nur ein Geschäft machen, wie aus allem. Geld, Liebe, Macht, nur darum ging es; und eigentlich waren die ersten beiden auch nur eine Variante des dritten. Seufzend schlägt Romeo seine Bettdecke zurück und verjagt die Katze. Vielleicht, wenn er großes Glück hätte, würde er etwas Schönes träumen. Im Traum, ganz selten, hatte man ein Gefühl von wahrer Liebe; aber man konnte es nicht festhalten. 

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Vollständiger und wahrheitsgemässer Bericht über die Bücherschlacht, die gestern Nacht im Zentrallager von amazon bei Bad Hersfeld stattfand (garantiert fake-free©)

 

(frei nach Jonathan Swift, Originaltext auf: https://archive.org/details/battlebooks00swifgoog)

 

      

Gestern Abend brachen im zentralen Auslieferungslager von amazon bei Bad Hersfeld Scharmützel zwischen den dort gelagerten gedruckten Büchern und den elektronischen Lesegeräten aus. Die Datenbank war abgestürzt (später vermutete man einen Angriff russischer Hacker) und hatte beide Bucharten, die normalerweise aus Sicherheitsgründen streng getrennt aufbewahrt wurden, heillos miteinander vermischt. Kindles in verschiedenen Versionen und Größen fanden sich nun bei den Taschenbüchern wieder, die Tolinos waren zu den Hardcovers geraten, und Fire-Tablets, iPads, Alexas und Smartphones unterschiedlicher Abstammung waren überall verstreut. Das Bestellsystem hatte zudem aus ungeklärten Gründen eine Verbindung zu Google Books aufgebaut, und immer wieder erschienen nun lückenhafte Volltexte zwischen den Print-on-Demand-Büchern oder akademische Datenbanken unter den Fachbüchern. Die Verwirrung wurde noch durch einen Streik der Mitarbeiter vermehrt, die nicht mehr als Packsklaven, sondern als digitale Buchhändler bezahlt werden wollten. Sie hatten alles stehen und liegen gelassen, halb verpackte Bücherpakete stapelten sich in den Gängen, und die Fließbänder drehten sich sinnlos im Kreis.


Dadurch kam es zu einer bedrohlichen Eskalation der schon seit längerer Zeit schwelenden Streitigkeiten zwischen den verschiedenen Buchformen, ihren jeweiligen Produzenten und Anhängern. Die eBooks warfen den gedruckten Büchern pauschal vor, dass sie viel zu viel Platz in den Regalen in Anspruch nähmen. Vor allem die großen Bildbände und Prachtausgaben waren üblen Anwürfen der kleinen mobilen Geräte ausgesetzt, einer Herde lästig summender Mücken, die zwischen den Großformaten herumschwirrte und diese als „Printosaurier“ und „Staubmonster“ verhöhnten. Die Taschenbücher, bei weitem die größte Abteilung der gedruckten Bücher, schlugen zurück: Sie seien wenigstens autark und müssten nicht ständig an die Steckdose; Anwürfe wie „Datenjunkies“ oder „Stromfresser“ waren zu hören. Am lautesten führten sich die Bestseller mit ihren grellbunten Covers auf, sie waren jedoch nicht besonders angesehen und galten als Emporkömmlinge. „Aber dafür vergilben wir nicht“, gaben die eBooks zurück, „wir bekommen auch keine Eselsohren, nur Esel bekommen Eselsohren! Und wir können ins große weite Internet, ein Fingerdruck nur, und wir sind verbunden mit dem unerschöpflichen Wissen der Welt!“ „Eselsohren“, piepste ein Gedichtband aus handgeschöpftem Papier zurück, „ihr habt es nötig, mit all den fettigen Fingerabdrücke von den ungewaschenen Fingern ungewaschener Benutzer auf euren Displays! Da sträubt sich ja mein Lesebändchen!“ „Lesebändchen“, pfiff ein frecher Tolino, „wer braucht denn so etwas? Bei uns kann der Leser einfach markieren, wo er ist! Wir sagen ihm sogar, wie lange er noch lesen muss bis zum Ende des Kapitels, des ganzen Buches, ach was, seines ganzen Lebens! Und wir sind flexibel, jeder kann die Buchstaben so groß einstellen, wie er will, man kann eine Schrift wählen mit oder ohne Se –„ „Flexibel!“ rief ein Klassiker dazwischen, man erkannte ihn an dem Ledereinband (eigentlich war es aber Kunststoff) und dem Goldrand: „Überhaupt keinen Inhalt habt ihr, das ist die Wahrheit! Heute liest man ein wenig dies, und morgen ein paar Zeilen jenes, man hüpft von Buch zu Buch, nur noch nippen muss der Leser, ihr seid,“ – und nun lief er ein wenig rotbraun an unter seinem Kunstleder – „ihr seid Huren, genau das seid ihr, euch kann man einfach für alles kaufen! Wo bleibt da der Ernst des Lesens, die Würde des Buches, die“ – aber da wurde er schon von einer Herde wutschnaubender Smartphones umzingelt, die bösartig grinsende Emoticons mit Clownsgesichtern auf ihn abschossen. Derweil hatten sich die Tablets untereinander verschworen: Sie wollten das Licht in der Halle abschalten, um ihre gedruckten Gegner blind zu machen, fanden aber den Schalter nicht. Die wissenschaftlichen Bücher hingegen hatten einen anderen Plan ausgeheckt, stritten jedoch noch über die Details der Ausführung und den Anführer: Sie wollten die Stromversorgung kappen und damit ihre elektronischen Gegner lahmlegen.


Während sich die unterschiedlichen Truppenteile sammelten und ihre Strategien planten, waren durch ein offen stehendes Fenster im winzigen Pausenraum des Personals eine Eule und ein ganzer Schwarm Stare in das Zentrallager geraten. Die Eule war ein imponierender Vogel: Ruckartig bewegte sich ihr großer Kopf im Kreis, ihre riesigen Augen wirkten durch den brillenartigen Schleier noch größer und schienen alles zu durchbohren, was in ihr Gesichtsfeld kam. Mit schweren Flügelschlägen umkreiste sie den sich zur Formation ordnenden Schwarm und verhöhnte die Staren mit dröhnender Stimme: „Da fliegt ihr sinnlos hin und her, folgt blind eurem Anführer, habt ihr denn gar keinen eigenen Verstand?“ („stand, stand, stand“, hallte es durch den Raum). „Verstand“, zwitscherten die Staren hell und vielstimmig zurück, „wir brauchen deinen Verstand nicht! Unserer Führer weiß, woher der Wind weht! Wir folgen ihm freiwillig! Wir alle sind unser Verstand!“ „Kleinvieh“, giftete die Eule zurück, ihre Augen schienen noch größer zu werden und die Federn an ihren feinen Ohren sträubten sich, „Massenware, das seid ihr! Einer ist wie die andere, kein Unterschied, keine Individualität, kein Verstand!“ („stand, stand, stand“, hallte es wieder) „Individualität“, tönte es melodisch zurück, während nun die Staren die Eule immer enger umkreisten, ein einziger Strudel schwirrender Flügel, „wer braucht In-di-vi-du-a-li-tät? Wir sind Stare, in uns lebt Starenblut, Starenherz, Stareninstinkt von Jahrtausenden“! „Rhythmus“ summten sie, „Muster“ sangen sie, dabei wechselten sie die Formation: Jetzt raste eine kompakte pulsierende Kugel auf die Eule zu. Sie zog den Kopf unter einen Flügel ein, streckte ihn aber sofort wieder hervor, als die Kugel über sie hinweggerauscht war, und krähte herausfordernd hinter ihr her: „Und die Menschen in ihrer Einfalt glauben sogar, eure Muster hätten Bedeutung! Alles dumpfer Instinkt nur, alles Daten, Windrichtung, Flughöhe, Geschwindigkeit, Daten-Daten-Daten!“ „Aber dich, dich hassen alle Vögel“, schrien die Staren im wilden Chor, während sie in V-Formation wieder auf sie zurasten, „hast du schon einmal darüber nachgedacht mit all deinem Verstand-stand-stand, warum deine ganze Tierfamilie dich hasst?“ „Neid“, unkte die Eule zurück, die schwerfällig zur Seite ausgewichen war und nur knapp ein Hochregal mit Stapeln von Shades-of-Grey-Exemplaren verfehlt hatte, „Neid-Neid-Neid, nichts anderes! Ich bin der heilige Vogel der Göttin Athene, ich jage in der Nacht, wenn die anderen Vögel schlafen in ihrer Schwarmdummheit, ich bin weise, ich bin mächtig, ich bin“ – „gar nichts bist du!“ heulten die Staren, sie umkreisten die Eule nun in Wellen, so dass sich ihr Kopf ruckartig immer weiter nach hinten drehte, um im letzten Moment wieder nach vorn zurück zu schnellen; „ein Unglücksbote bist du, du bringst Tod und Verderben, die Menschen fürchten dich! Wir, wir werden immer mehr und mehr, ihr aber werdet immer weniger, weniger, weniger, ihr werdet aussterben, das werdet ihr, mit all eurer Weisheit!“ „Ungeziefer“, schrie die Eule, die sich ein Fach weiter hinter eine verstaubte Hegel-Werkausgabe gerettet hatte, „ihr seid nicht besser als Heuschreckenschwärme, eine Plage seid ihr, ihr überfallt die Plantagen und die Haine, unzählbar, massenhaft, bald werdet ihr den Himmel verdunkeln und“ – aber da war der Schwarm schon abgedreht und in eleganter Linie zurück durchs Fenster entwischt. Der Eule starrte ihnen mit übergroßen Augen hinterher, während sie weiter „Verstand! Verstand! Verstand“ rief, und es hallte von den Hochregalen wider: „stand – stand – stand“.


Inzwischen hatte sich der erste Vertreter der Medien eingefunden, ein Reporter von arte, der eigentlich über den Streik berichten sollte. Nun war jedoch schnell eine Sondersendung geschaltet worden, aktuell und live, so flatterte es im Newsticker über die Bildschirme, Streitigkeiten eskalieren bei amazon, Endkampf steht unmittelbar bevor! Der aufgeregte Reporter gab den Zuschauern zunächst einen kurzen Überblick über die sich zwischen eBooks und gedruckten Büchern formierenden Kampffronten; man werde selbstverständlich im Zentrum des Geschehens bleiben und die Zuschauer brandaktuell auf dem Laufenden halten. Zuerst aber wolle man in einem Hintergrundgespräch die Frage diskutieren, ob das gedruckte Buch noch lebensnotwendig, ja überhaupt lebensfähig sei, oder ob die eBooks es nicht für alle Zeit überflüssig und unnötig machen würden – „eine Schicksalsfrage unserer Zivilisation“, wie er mit trainiertem Bedeutungstremolo in der Stimme wiederholte, „eine wahre Schicksalsfrage!“ Als Experten zugeschaltet waren ihm ein berühmter Literaturkritiker und eine Literatur-Bloggerin, die sich „aMazone“ nannte.


Der Reporter erteilte feierlich zunächst dem Literaturkritiker das Wort. Mit seiner Hornbrille und den weißen Haarbüscheln hinter den Ohren sah er ein wenig wie eine Eule aus; und er sprach auch ein wenig ruckartig, als er nun anhob: „Na-tür-lich, ganz selbst-verständ-lich, das ist eine Schicksalsfrage unserer Zeit, ganz selbstverständlich, aber die Antwort liegt doch wohl auf der Hand, mein junger Freund! Gedruckte Bücher sind zu bevorzugen, das versteht sich doch von selbst für jeden kultivierten Menschen! Das Buch ist, fast würde ich sagen: der beste Freund des Menschen! Ohne Buchdruck hätten wir weder Kultur noch Zivilisation! (in einer Unterzeile erschien eine Anmerkung der Redaktion: Kultur ist geistiger Fortschritt, Zivilisation ist technischer Fortschritt) Ohne Bücher würde die Menschheit noch in den Bäumen hocken und sich gegenseitig mit Keulen die Schädel“ – bevor er aber noch weiter ausholen konnte, fiel ihm der Reporter ins Wort: Ja, nun, das sei alles ganz schön und altbekannt, aber was genau spräche denn bitte für gedruckte Bücher? „Das Haptische“, rief der Literaturkritiker hektisch aus (in einer Unterzeile erschien eine Anmerkung der Redaktion: haptisch, das sinnliche Fühlen, Greifen), „das sinnliche Total-Erlebnis! Sie haben kein Buch in den Händen, wenn sie lesen, sondern ein Lebewesen, Sie riechen und fühlen das Papier“ (im Hintergrund konnte man aMazone murmeln hören: „und den Staub“), „Sie fühlen die Schwere, das Gewicht der Seiten, Sie sehen vielleicht Altersspuren, Spuren voriger Leser, ihre Gedanken“ – da konnte aMazone nicht mehr an sich halten und rief dazwischen: „Und das soll gut sein? Alter? Die Schwere des Buches? Ein eBook ist nicht betonschwer, nein danke! Man kann es überall hin mitnehmen, in der Handtasche, in der Hosentasche, ja sogar in der Badehose! Wir haben die Bücher befreit von der Schwere, wir haben sie blattdünn gemacht, aber unendlich inhaltsschwer, ganze Bibliotheken passen in ein winziges Gerät! Und von wegen sinnliches Erlebnis: Das bestimmt die LeserIn ganz allein!“ (sie sprach das I deutlich als Versalie) „Schriftart, Schriftgröße, Helligkeit – alles selbstbestimmt! Da schicke ich doch jede Bibliothek zum Teufel, die mir vorschreibt, wann ich was lesen darf und in welcher total überteuerten Ausgabe! Wir haben die Bücher befreit, ich kann es gar nicht oft genug wiederholen: BEFREIT, jawohl!“


„Nun, nun“, versuchte der Reporter zu vermitteln, während im Newsticker schon die ersten Schlagzeilen vom Kampfplatz sowie Prognosen verschiedener Experten und die ersten Reaktionen der internationalen Börsen vorbeiflimmerten; die Verlagsaktien waren gefallen – „haben denn nicht beide, eBooks und Printbooks, Vor- und Nachteile? Muss man denn gleich so extrem“ – „Ja, man muss, mein lieber junger Freund, man muss“, ließ sich der Literaturkritiker sonor vernehmen; seine Augenbrauen hatten sich eulenartig zusammengezogen und er ruckte wieder etwas mit dem Kopf, „man muss sogar un-be-dingt! Meine geschätzte Kontrahentin“ (im Newsticker flickerte es: Kontrahentin, Gegenspielerein), er räusperte sich ein wenig ironisch, „spricht von Befreiung, das sind ja große Worte! Was ist denn bitteschön frei daran, wenn man einen kleinen grauen Kasten in der Hosentasche hat, der ständig nach Strom verlangt! Ein Buch können Sie immer lesen, Steckdose hin oder her! Nein, das alles führt uns nur weiter in die Abhängigkeit von der Technik, dem sogenannten „Fortschritt“ (er rümpfte die Nase ein wenig, während der „Fort-schritt“ sagte), der seelenlosen Zivilisation, dem, ja ich wage es zu sagen: totalen Staat der Ingenieure, der Weltherrschaft von google und apple und wie die Herrschaften alle heißen! Aber was geht nicht alles verloren dabei, unwiederbringlich verloren? Nicht nur altehrwürdige Bibliotheken, die Brutstätten des Geistes seit Jahrtausenden, nicht nur der schöne, stille Beruf des Buchhändlers – haben Sie schon einmal gesehen, was in unseren Städten aus den Buchhandlungen geworden ist? Handyläden, einer hässlicher als der andere, Boutiquen, Konsumtempel, jawohl, Tempel des neuen Aberglaubens an den Gott des grenzenlosen materiellen Konsums! Es ist auch eine ganze Ästhetik“ (im Untertitel flimmerte es auf: Ästhetik, die Wissenschaft vom Schönen), „die für immer untergeht! Und dann steckt man die dummen grauen Kästen auch noch in bunte Plastikumschläge, ein ästhetisches und haptisches Verbrechen ist das, und warum sind auf den meisten eigentlich Katzen abgebildet?“ Beinahe schienen sich Tränen in seinen großen Eulen-Augen abzuzeichnen, aber vielleicht war es auch nur der hochscharf auflösende Bildschirm, der seine dicken Tränensäcke vergrößerte und die zitternden Büschel hinter seinen Ohren.


Seine Gegnerin zeigte sich unberührt. Sie war jung, trug eine knappe Designerbrille zu ihrem schrägen Kurzhaarschnitt und hatte kleine glitzernde Piercings in der Oberlippe. „Jaja“, sagte sie gelangweilt, „das beklagen die alten Leute immer – Entschuldigung“, verbesserte sie sich auf ein Stirnrunzeln des Reporters hin – „die Senioren, nein: Bestagers meine ich natürlich. Man könnte meinen, die Welt ginge unter, weil die Leute statt Goethe zu lesen Katzenvideos schauen! Aber kein Wort davon, dass die eBooks endlich das Lesen demokratisch gemacht haben! Keine Bildungsschwellenangst mehr, niemand muss sich vor dem ewig missgelaunten Bibliothekar fürchten oder dem oberschlauen Buchhändler! eBooks sind nicht nur billiger, sie sind barrierefrei und schulen die Medienkompetenz! Das isolierte Buch ist kein Einzelkämpfer mehr, sondern immer mit dem großen weiten Internet verbunden, der neuen Schatzkammer des Wissens der Menschheit!“ Der Literaturkritiker, der bei ‚Internet‘ wiederum die Nase gerümpft hatte, hatte zu einem Gegenschlag ausholen wollen, wurde vom Reporter aber mit einer Handbewegung beschwichtigt, und aMazone setzte ihre Kampfrede fort: „Man versteht ein Fremdwort nicht? Das eBook hat Wörterbücher in allen Sprachen der Welt, es hat Zugriff auf Wikipedia und jedes anderes Nachschlagwerk. Man will unterwegs etwas in einem Buch nachschauen? Kein Problem, man hat ja seine Bibliothek immer dabei! Gerade die Klassiker sind längst urheberrechtsfrei, Sie können den ganzen Goethe herunterladen, für null Euro, und Schiller noch dazu, und, wenn es wirklich sein muss, sogar Hegel“ – „aber in welcher Form!“ rief der Literaturkritiker nun doch dazwischen, während der Reporter nervös auf seine Uhr schaute, „in welcher tragisch verunstalteten, verkrüppelten, geradezu bemitleidenswert jämmerlichen Form! Haben Sie schon gesehen, wie sie aussehen, unsere schönsten klassischen Texte, in elektronischer Form? Die Tränen können einem kommen! Dieser“ – er verschluckte sich ein wenig vor Eifer und fuchtelte mit den Händen –, „dieser Flattersatz macht mich beim Lesen ganz nervös, all diese Riesenlücken! Und die ganzen Fehler vom maschinellen Einlesen, es tut einem weh, richtig weh beim Lesen! Nein, gerade unseren Klassikern, die an jedem einzelnen Wort, jedem Satz gefeilt haben, darf man das doch nicht antun! Und nun kommen unbedarfte, kaum des Lesens mächtige funktionelle Analphabeten“ – „ich muss doch wohl bitten“! fiel ihm der Reporter empört ins Wort. „Wir laufen auch langsam aus der Zeit, wir hören, dass der Beginn der Kampfhandlungen unmittelbar bevorsteht; also bitte, von jedem von Ihnen ein kurzes Statement zum Abschluss! aMazone, was sagen Sie?“ „Alles spricht für das eBook“, rief Amazone energisch aus, die nun ihre Brille abgenommen hatte, ihre ganz tränensackfreien Augen glitzerten, und sie schob sich das kurze Haar mit einer energischen Bewegung in die rechte Schiefe: „Es ist leicht, bedienerfreundlich, barrierefrei, und, ich kann es nicht genug wiederholen, de-mo-kra-tisch! Man kann es sogar im Dunkeln benutzen, ohne eine Eule oder eine Katze zu sein! Freiheit für die Bücher!“ Der Literaturkritiker hatte sichtlich Mühe, sich kurz zu fassen; er ruckte ein wenig mit dem Kopf und sagte dann, jedes Wort betonend: „Gedruckte Bücher sind unersetzlich. Wer meint, jeder könne lesen, nur weil er einen Berg Daten herunterladen kann, hat aber auch gar nichts verstanden! Lesen ist eine Kulturtechnik, und kein Computer wird das jemals“ – „wir sind soweit“, rief der Reporter aufgeregt dazwischen, „die Kampfhandlungen haben offiziell begonnen! Wir schalten live um in Gang 42C, direkt ins Zentrum des Geschehens! Bleiben Sie bis uns bis nach der Werbepause!“


In Gang 42C übernahm eine jugendliche Reporterin die Berichterstattung; man hatte sie zum Schutz mit einer Weste versehen, in großen Buchstaben stand JOURNALISTiN! darauf. „Selten nur“, so hauchte sie ins Mikrofon, „sehr selten sieht man sich einer solchen journalistischen Herausforderung gegenüber wie bei der Live-Berichterstattung vom Kriegsgeschehen!“ Wie die Zuschauer sicherlich wüssten, sei die Wahrheit gewöhnlich das erste Opfer in einer solchen Situation, und es sei nun ihre Aufgabe – „ihre schwere, schwere Aufgabe“, sagte sie –,den Überblick zu behalten, Neutralität zu bewahren, und trotzdem die Zuschauer ganz dicht ans Geschehen heran zu führen. Die Kamera ging direkt auf sie zu, man sah, dass ihre grellrot bemalten Lippen ein wenig zitterten. Es rührte sich jedoch kein Haar in ihrer blonden Lockenpracht, als sie ihre Schutzweste noch einmal zurechtrückte, während bereits einzelne Buchseiten und Umschläge um sie herum schwirrten und die Displays der eBooks im Hintergrund ein hektisches Störfeuer schossen.


In der Mitte des Gangs hatte sich die schwere Infanterie aufgestellt. Vielbändige Werkausgaben und Lexika, vom Brockhaus über die Encyclopedia Britannica bis hin zu weit in die Tiefe gestaffelten Fachlexika standen einem Trupp beweglicher eBook-Reader gegenüber, deren Speicher mit gemeinfreien Werkausgaben bis zum Rand aufgeladen waren. Sie wurden durch die elektronischen Lexika unterstützt. Die erste Angriffswelle übernahmen die Werkausgaben: Sie schossen dichte Salven mit schwergewichtigen Zitaten und goldenen Worten ab; flink antworteten die eBooks mit Stellenangaben und Zitatnachweisen in ihren gemeinfreien Texten. Als geheimes Sonder-Einsatzkommando hatten sie außerdem ein Bataillon dabei, das gezielt die Druckfehlerverzeichnisse der Werkausgaben von der Flanke her ins Feuer nahm; diese antworteten flink mit Lesefehlern in eingescannten Texten bei Google Books, einer wahren Armada des Missverstehens. Die Lexika feuerten derweil aus allen Rohren umfangreiche Fachartikel auf ein kleines Heer von Wikis, die mit reich bebilderten, wenn auch gelegentlich etwas ungenauen Artikeln antworteten. Während sich beide Seiten noch gegenseitig grobe Auslassungen und Inkorrektheiten vorwarfen, aktualisierten sich die Wikipedia-Seiten ständig; ein ganzes Heer von Moderatoren war im Hintergrund an die Arbeit gegangen und hatte im Angesicht der Krise sogar alle internen Streitigkeiten beigelegt. Die Konfrontation entwickelte sich zunehmend zu einer Materialschlacht: Immer ältere Lexika, die sich schon seit ewigen Zeiten unter Staubbergen in den hinteren Regalgängen vor dem Einstampfen versteckt hatten, wurden in den Kampf geschickt, waren aber viel zu langsam und verhedderten sich in ihren verschiedenen Auflagen. Die eBooks und Wikis hingegen verbrauchten ihre Energie zu schnell und wurden immer instabiler. Teilweise waren sie schon auf atemlose Twitter-Angriffe übergegangen, die wegen ihrer zu geringen Reichweite jedoch größtenteils wirkungslos verpufften.


Inzwischen waren bereits diverse Unterstützer der kämpfenden Fraktionen sowie weitere Reporter aufgetaucht. Sie alle konzentrierten sich im Eingangsbereich der Halle, wo sich die Taschenbücher als leichte Infanterie aufgestellt hatten, eine äußerlich uneinheitliche, aber allein durch ihre Größe ehrfurchtgebietende Masse, die bis in die hintersten Regalgänge reichte. Am stärksten vertreten waren die Kriminalromane, ein dunkles Heer schwarzer Cover mit einzelnen grellroten Akzenten; man konnte ihre Aggressivität förmlich in der Luft spüren. Unterstützt wurden sie an der einen Flanke von historischen Schmökern; in der ersten Reihe stand imposant Krieg und Frieden und erteilte Befehle nach allen Seiten. Die andere Flanke wurde von erotischen Romanen in sorgsam neutral gehaltenen Umschlägen gebildet; sie sollten die Gegner durch das Verlesen anrüchiger „Stellen“ ablenken. Unterstützt wurden die Taschenbücher von einem Freiwilligen-Corps aus Buchhändlern und Bibliothekaren, die im Hintergrund emsig für die Logistik sorgten und bereits angefangen hatten, den Schlachtverlauf zu dokumentieren, inventarisieren und katalogisieren.


Doch die Gegner der Taschenbücher waren schwer zu fassen. Eine unübersehbare Schar von Kindles, Tolinos und Pocketbooks hatten sich bereits die Lufthoheit über die Regale verschafft. Unterstützt von zahlreichen IT-Experten aus ihren eigenen Reihen hatten sie in der Bestellsoftware dafür gesorgt, dass alle Lagerpläne durcheinander geraten waren. Nun waren alle Aufmarschpläne Makulatur und die mit Hilfe der Strategie- und Kriegsbücher sorgfältig ausgetüftelten Schlachtpläne der Taschenbücher gerieten völlig durcheinander; ja, die einzelnen Truppenteile begannen sogar hier und da, sich gegenseitig zu bekriegen. Fantasy-Romane hatten die Fächer der schwarzen edition suhrkamp infiltriert, und zwischen beiden entspann sich ein heftiger Disput über das Verhältnis von Fiktion und Realität, bei dem vor dem Einsatz magischer Kampfmittel und schwersten Jargons nicht zurückgeschreckt wurde. Auf einem anderen Regal waren die Philosophie-Klassiker zwischen die Ratgeberliteratur verlegt worden, und nun schleuderten sie sich gegenseitig Argumente und Allerweltsweisheiten an den Kopf: „Ich bin gedruckt, also bin ich!“ – „aber, wenn ja, wie viele?“ tönte es hin und her. Zudem waren sich vor allem die Bestseller nicht sicher, auf welcher Seite ihre Sympathien lagen, da sie sowohl als gedruckte Bücher als auch als eBooks erfolgreich waren; viele von ihnen versuchten heimlich zu desertieren und wurden von erbosten Hardcore-Thrillern von hinten in den Rücken geschossen.


Am härtesten gerieten jedoch die ernsthafte und die Unterhaltungsliteratur aneinander, die normalerweise aus Sicherheitsgründen weit voneinander entfernt gelagert wurden und sich nun einige wenige Regale teilen mussten. Man stinke förmlich die Trivialität, die aus jeder Seite tropfe, flüsterten sich die Vertreter der E-Literatur zu, und das billige graue Papier erst! Während dessen machten die Vertreter der U-Literatur obszöne Scherze über die seltsam bedeutungsschweren, aber doch so inhaltsleeren Titel der Gegner und prahlten mit ihren ungleich höheren Verkaufszahlen. Die eBook-Reader sahen das ganze Chaos aus sicherer Entfernung an und twitterten heftig: „Feuchtgebiete überschwemmen Walser-Tal!“ „Konsalik grass geschlagen!“ „Rowling over Handke!“ – bis einem der wenigen gedruckten Computerratgeber ein Backhack gelang und er einen großen Teil der elektronischen Textdatenbank löschte. Nun mussten die eBook-Reader hilflos zusehen, wie immer mehr Bücher aus ihren internen Bibliotheken einfach verschwanden, oder, schlimmer noch, durch einen Verweis auf gedruckte Bücher ersetzt wurden. Als das Chaos überhand zu nehmen drohte, rief ein soeben erschienener Vertreter eines großen Verlagshauses, das in beide Buchsparten investiert hatte, hastig eine Kampfpause aus, um die Verwundeten zu versorgen; das gebiete das bibliotäre Ethos! Er hatte sogar einen Märchenerzähler mitgebracht, der den erschöpft lauschenden Kämpfern, Unterstützern und Reportern nun eine Fabel erzählte, die ebenfalls live übertragen wurde. Sie ging so:


„Vor unvordenklichen Zeiten stritten sich drei Buch-Göttinnen darum, welche von ihnen bei den Lesern und Leserinnen am beliebtesten sei. Weil der anhaltende Zwist für viel Unruhe im Bücher-Olymp sorgte, beschloss man, die Frage ein- für allemal zu entscheiden und ein Casting anzusetzen, bei dem sich die Buch-Göttinen der literarischen Öffentlichkeit präsentieren mussten. Als erste trat die Göttin der Lehrdichtung auf. Sie war schon sehr alt, trug einen langen Zeigestock und sprach deutlich und langsam, aber mit melodischer Stimme: „Wer Ohren hat zu hören, der höre! Der Mensch ist ein unsicheres Wesen, er verliert sich in leerer Sinnlichkeit und unersättlichem Begehren, und nichts wird bleiben von ihm. Er braucht eine Stütze für seinen schwachen Verstand, er braucht gute Lehren und freundlichen Zuspruch. Lehren wir ihn lesend, sich selbst zu erkennen, seine Mitmenschen und seine Erde! Zeigen wir ihm, dass das Wahre, das Gute und das Schöne innig zusammengehören, dass sie befreundet sind von jeher und für immerdar! Malen wir ihm die Natur in den schönsten Farben, aber erheben wir seinen Geist auch über die Natur, hin zu den Göttern! Nur so kann er vor seinen Erbsünden gerettet werden, dem ewigen Egoismus und der endlosen Eitelkeit!“


Kaum hatte sie ausgeredet, wurde sie bereits von ihrer Nachfolgerin unsanft zur Seite geschubst. Selbstbewusst und mit jugendlich federndem Schritt hatte die Göttin der Unterhaltungsliteratur die Bühne betreten, ihre beinahe durchsichtigen Gewänder flatterten um sie herum, und sie hatte auf einen Zeigestock ein Smartphone montiert, mit dem sie ständig Selfies schoss. „Hört nicht auf die alte Glucke“, rief sie, „seht doch nur, wie sie schon aussieht! Kommt zu mir, bei mir findet ihr Lesevergnügen ohne Ende, fun, action, horror, crime, sex, für jeden ist etwas dabei! Ihr wollt doch Spaß haben, oder?“ Und sie drehte sich schwungvoll um ihre eigene Achse, und als sie wieder vorn ankam, trug sie ein anderes Gewand, es war tiefschwarz, und sie hatte Ringe in den Ohren und in so ziemlich jedem anderen Körperteil, und ihre Augen waren schwarz umrandet; und dann drehte sie sich wieder, und nun trug sie fast gar nichts mehr, nur noch einen winzigen Bikini und eine große Sonnenbrille. Und das Handy klickte pausenlos, „habt ihr Spaß?“, rief sie dabei immer wieder und wieder.


Sie musste beinahe von der Bühne getragen werden, die nun die dritte Kandidatin betrat, die Göttin der anspruchsvollen Literatur. Sie war eine würdige Dame in bestem Alter, trug ein Designerkostüm und in der Hand ein elegantes Lesezeichen. „Lesen bildet“, sagte sie mit einer angenehmen, wohlmodulierten Stimme. „Ohne meinen Vorrednerinnen zu nahe treten zu wollen, kann ich doch wohl sagen: Wer nur liest, um sich belehren zu lassen oder ‚Spaß zu haben‘, ist bemitleidenswert. Die Literatur ist niemandes Diener und niemandes Spielzeug, sie ist ein Zweck in sich selbst, sie ist AUTONOM! Wer das Schöne erkennen will, muss sich zu ihr erheben! Nur dann wird er die klassischen Werke erkennen, ihre immerwährende Aktualität, ihren tiefen Sinn, ihre wohlgeordnete Form“. Sie verneigte sich stilvoll und trat wieder ab.


Sofort startete die Leserbefragung, die Telefonleitungen liefen heiß und die SMS schwirrten nur so durch den Äther. Bald schon zeichnete sich das Ergebnis deutlich ab: Die Göttin der Unterhaltungsliteratur hatte einen uneinholbaren Vorsprung, und während sie mit ihren Followers begeisterungstrunken feierte, begann die Göttin der anspruchsvollen Literatur ein Expertengespräch mit den anwesenden Literaturkritikern, die das Casting kommentiert hatten; aber auch deren einstimmiges Expertenvotum hatte ihr nicht zum Erfolg verholfen. Am Rande der Bühne blieb die Göttin der Lehrdichtung zurück. Sie sah jetzt noch etwas älter aus, und nur eine Eule leistete ihr Gesellschaft. „Was ist denn falsch daran, nützlich zu sein?“, klagte sie der Eule mit leiser Stimme; „warum wollen sie nicht klug werden? Aber sie sind unbelehrbar, ewig unbelehrbar; sie verfallen dem Tand, dem schönen Schein, dem Glamour, weil sie nicht zuhören wollen, weil sie lieber tanzen, während die Welt zugrunde geht. Ach, und dabei bin ich doch auch unterhaltend; ist denn das Denken nicht unterhaltend, ist es nicht das Schönste und das Beste, was ein Mensch tun kann, dass er lernt? Ist es nicht das Einzige, das niemals sich erschöpft, das niemals schal wird, das einen sanft trägt von der Geburt bis zum Grab? Aber sie wollen lieber tanzen“ – und sie zerbrach ihren Zeigestock und zerraufte sich ihre Haare und musste von den anwesenden Sanitätern abgeführt werden, während die Menge wild um die Göttin der Unterhaltungsliteratur herum tanzte, die jetzt ein hautenges, goldglitzerndes Gewand trug und „Fun!“ schrie und Selfies schoss ohne Ende.“


Da der Erzähler jedoch vergessen hatte, seiner Fabel eine Moral beizufügen, nahmen die inzwischen erholten Kämpfer die Schlacht der Bücher mit erneuter Energie wieder auf. Verschiedene Nebenkriegsschauplätze hatten bisher wenig Aufmerksamkeit in der Berichterstattung gefunden, wurden jetzt jedoch von den Reportern entdeckt. So hatten sich in einer abgelegenen Ecke zwischen R2 und O2 die großformatigen Bildbände aus der Kunst- und Reiseliteratur in der klassischen Schildkrötenformation aufgestellt, indem sie ihre schweren Einbände schützend nach oben streckten; ein Architekturband kontrollierte noch ein letztes Mal die Linienführung und veränderte Kleinigkeiten in der Größenreihung. Ihnen gegenüber war eine Gruppe von Tablets aufmarschiert, die als Kampfformation eine lange geschlossene Reihe gebildet hatten. Während die Bildbände schon drohende Rufe ertönen ließen, man werde die Gegner schlicht zerschmettern, luden die Tablets in Windeseile aus dem Internet die berühmtesten Gemälde der Welt: Leonardos Mona Lisa war ebenso dabei wie Michelangelos Erschaffung Adams, van Goghs Sonnenblumen und Monets Wasserlilien, Picassos Guernica und Andy Warhols Dosensuppen; Goyas Nackte Maya und Botticellis Geburt der Venus (sicherheitshalber hatten sie jedoch die Schlachtengemälde ausgespart). Die Auflösung war brillant, die Farben strahlten in ganz neuer Frische; mal synchronisierten die Tablets sich zu einem Riesenpanorama von Monets Wasserlilien, dann vergrößerten sie Details der Nackten Maya. Die Bildbände konnten der Versuchung nicht widerstehen. Sie krochen unter ihren Einbänden hervor, die ganze Schildkröte geriet in Unordnung und Einzelne wagten sich zur Schlachtlinie der Tablets vor, die weiter ihre gigantische Museums-Show abspielten. Man konnte doch nicht die Mona Lisa zerschmettern! Niemals hatte man die Sixtinische Kapelle aus dieser Perspektive gesehen! Und dort, dort gab es noch ein Detail der Nackten Maya, das einem noch nie aufgefallen war, war er nicht genial, dieser Goya? Erste Kennergespräche entspannen sich zwischen beiden Seiten. Allein die Natur- und die Reisebildbände versuchten noch verzweifelt, ihre Gegner in Scharmützel zu verwickeln; aber angesichts von Google Earth streckten auch sie die Waffen.


Die Reporter machten sich gelangweilt auf die Suche nach neuen Sensationen. Rein zufällig entdeckten sie ein unauffälliges Schlachtfeld unterhalb eines Regals, wo ein Heer gelber Reclam-Hefte sich den neuesten, blattdünnen Smartphones gegenüber sah. Die gelbe Schar hatte zu ihrer Unterstützung Herden von Schülern und Lehrern um sich versammelt, ihre treuesten Leser seit unvordenklicher Zeit. Als die Schüler jedoch die neuesten Handy-Modelle sahen, liefen sie in Scharen über, und bei den Reclam-Heften blieb allein ein Häuflein von Deutschlehrern zurück. Diese versuchten zwar verzweifelt, die Handys zu konfiszieren, die Schüler ersannen aber immer neue Kriegslisten: Sie mischten sich wieder unter die gelben Hefte, sie versteckten die Handys in deren Seiten oder flohen ganz einfach vom Schlachtplatz, um endlich in Ruhe spielen zu können. Zurück blieb eine zerfledderte gelbe Schar, die erhobenen Kopfes in ihr kleines Regalbrett zurückmarschierte: Man war sich sicher, dass man am Ende überleben werde, weil sich im Kultusministerium noch niemals etwas geändert hatte, solange der Kanon lebte! Ein Leitartikler nickte zustimmend, und die Reporter zogen grummelnd weiter.


Eine Ecke weiter hatte der Aufruhr die Kinderbuchabteilung erreicht. Nur schweren Herzens hatten sich die Kinderbücher bereitgefunden, in die Schlacht einzutreten, hatten sie doch kaum Besseres aufzubieten als ein Heer aus knuddligen Teddy-Bären, eigensinnigen Pippi-Langstrumpf-Clones, friedensbewegten Piraten und rosafarbenen Prinzessinnen mit Einhorn, die sich um ihre Lockenpracht Sorgen machten. Allein die Mangas bildete eine furchterregende Elite-Kampftruppe, aber sie genossen wenig Ansehen in der Szene und blieben meist unter sich. Als Gegner standen ihnen grellbunte Tablets mit tönender und blinkender Lernsoftware gegenüber; ihre Sondereinsatzgruppe bestand aus Tele-Tubbys, die wenig furchterregend mit den Antennen wackelten und immer wieder über ihre eigenen Beine stolperten. Nachdem jedoch die erste Manga-Figur einen Tele-Tubby umgestoßen und dann noch nachgetreten hatte, so dass er sich weinerlich krümmte und nach seiner Mama rief, wurde allgemein beschlossen, dass das genug der Gewalt sei! Schließlich habe man eine Verantwortung. Man einigte sich deshalb, die schon angeforderten Hilfstruppen – eine Schar spielbegeisterter Kleinkinder auf der elektronischen Seite und eine Schar erzieherisch ambitionierter, bildungsnaher Eltern auf der Printseite – wieder nach Hause zu schicken und fürderhin eine friedliche Ko-Existenz zu führen. Die Reporter rauften sich die wohlgefönten Haare; die ersten waren schon von ihren Redaktionen informiert worden, dass die Zuschauerquoten bedrohlich absänken, zumal ein bedeutendes Fußballspiel anstünde.


Noch weiter hinten in der Halle aber befand sich der Eingang zu einer tiefer gelegenen Etage, von der die Bestellsoftware und die Lagerverwaltung nichts wussten. Nur selten verirrte sich eine lebende Seele hierher; die älteren Bücher munkelten gelegentlich, dort spuke der Geist alter Manuskripte, die Hieroglyphen tanzten bei Mondenschein wirre Tänze und einige der dort gelagerten Schriften seien so gefährlich, dass sie an Ketten gehalten werden müssten. Nun hockte dort ein alter Mann, scheinbar unberührt von dem nur leise zu ihm herdringenden Schlachtenlärm. Er war, wie man bei besserem Licht gesehen hätte, sogar uralt; sein weißer Bart schlang sich um seine Füße, und über seinen Augen lag ein seltsam trüber Schimmer – war er gar blind? Nachts scharten sich heimlich einige eingeweihte Hörbücher um ihn. Sie hatten zwar Mühe, den Alexas zu entkommen; aber man konnte sie einfach auffordern, die Geschichten aus 1001 Nacht vorzulesen, und zwar ganz, sonst würden sie am nächsten Morgen vom Netz genommen! – und schon begannen sie mechanisch zu lesen, und die Hörbücher konnten entwischen. Die Stimme des uralten Mannes jedoch klang immer noch jung, und wenn er sprach, flossen die Worte dahin wie das rhythmische Rollen der Meereswogen. Er erzählte den Hörbüchern von Zeiten, in denen es noch keine Bücher gab, weder gedruckte noch elektronische, aber Kriege – große, nicht enden wollende Kriege, Völkerschlachten, heroische Zweikämpfe, schöne Frauen, kaum sagbare Leiden und übermenschliche Triumphe; sogar die Götter mischten sich ein und intrigierten bis aufs Blut neben ihren sterblichen Lieblingen. Der alte Mann beschrieb die kunstreichen Schilde bis ins feinste Detail, er nannte die Schiffe und ihre Befehlshaber, er zählte die Heere auf und ihre Befehlshaber, er hatte den Helden ihre prahlerischen Reden abgelauscht, den Göttern ihre düsteren Verschwörungen und den Liebespaaren ihre heißesten Liebesschwüre. Nun aber war er besorgt, er saß unbeachtet in seiner Ecke und murmelte vor sich hin: „Sie wissen nicht, was sie tun, sie kennen den Krieg nicht, sie wissen nicht, was er anrichtet in den Köpfen und in den Herzen, blind sind sie, blind, blind …“ Eine Eule flog vorbei, er spürte ihren schweren Flügelschlag, und ein kleines Lächeln erhellte sein blindes Gesicht. Dann aber senkte er wieder den Kopf: „blind, blind, blind…“.

Ungehört verhalten seine Worte, kein Reporter hat sie aufgezeichnet, nur gelegentlich kam ein verwirrter Freiwilliger vorbei und fragte nach dem Weg zur großen Bücherschlacht. 


Viele der Freiwilligen waren Selbstverlagsautoren, die meisten von ihnen hatten sowohl elektronische als auch gedruckte Versionen ihres Erstlingswerks veröffentlicht und waren sich deshalb unsicher, welche Partei sie ergreifen sollten, zumal so gut wie niemand ihre Werke gekauft hatte, in keiner der beiden Versionen. Aber sie waren hoch-, ja geradezu übermotiviert, wie sie den Reportern gern bestätigten: Sie würden ihr Werk verteidigen, koste es was es wolle; und man möge bitte ihren Namen notieren, ja, so, ganz genau! Für kurze Zeit hatten die Selbstverlagsautoren eine Allianz mit den Print-on-Demand-Büchern geschlossen, da auch diese es regelmäßig nur auf sehr geringe Auflagen brachten. Diese jedoch sahen ihren eigentlichen Feind in Google Books, dem Bösen, dem Behemoth, dem Leviathan, während die Selbstverlagsautoren in den allzu billigen Bestsellern das Hauptproblem sahen, und so löste sich die Allianz bald wieder auf. Die Print-on-Demand-Drucke verlegten sich nun gänzlich auf die die ideologische Kriegsführung und verteidigten das Recht des ungeborenen Buches: Sie allein seien es, die jedem Text, sei er gemeinfrei oder kommerziell, wissenschaftlich oder populär, ein Recht auf Existenz gewährleisten könnten! Existiere nicht jeder Text zuerst nur virtuell, ob in einem Kopf oder in einem Computer? Sie aber könnten ihn ins Leben erwecken, ihm Seiten geben und Buchstaben, ihn zu einem richtigen, ganzen, lebendigen Buch machen, und sei es auch nur für diesen einen und einmaligen Druck – und einen gewissen Preis natürlich, rein symbolisch, man musste ja leben!

Die ihnen gegenüber stehenden eBook-Reader waren davon wenig beeindruckt. Die Welt ersticke ja jetzt schon an Papierbergen, zischelten sie; bald werde es keine Bäume mehr geben, sondern nur noch Papier, endlos bedrucktes Papier, da ja heutzutage jeder ein Autor sein wolle! Von hinten schrien die Selbstverlagsautoren empört auf: Das sei doch wohl ein Grundrecht, ein Menschenrecht, jawohl! Jeder habe ein unhintergehbares Recht, Bücher zu publizieren, egal ob er etwas zu sagen habe oder nicht! Alles andere sei Zensur! Aber doch nicht auf Papier, stöhnten die eBooks zurück; Papier sei sowieso nicht besonders haltbar, Papier vergilbe und vermodere, wer ewig sein sollte, müsse virtuell werden! Im Hintergrund kicherte der subversive gedruckte Computer-Ratgeber (er hatte eigentlich ursprünglich nur einer elektronischen Version erscheinen sollen, aber ein Versehen im Druckereiprogramm hatte dazu geführt, dass einzelne Exemplare auch als Print-on-Demand gedruckt wurden): „Ewig! Elektronisch und ewig! Schon mal versucht, eine 8-Zoll-Diskette in ein USB-Laufwerk zu schieben?“ Dann verschwand er blitzschnell wieder im Schlachtengewirr. Die Selbstverlagsautoren zogen sich bald ebenfalls verwirrt und erschöpft zurück; Ausdauer war nicht ihre Stärke, und sie hatten ihr Pulver zu früh verschossen. Zurück blieben eine Reihe frustrierter Kindles, mehrere von ihren gehörten der älteren Generation an, sie leuchteten nur noch sehr schwach und konnten sowieso nicht ins große, weite Internet.


Die Reporter sahen sich erneut gezwungen, auf die Suche nach noch anhaltenden Kämpfen zu gehen; inzwischen hatten sie vor lauter Verzweiflung schon begonnen, sich gegenseitig zu interviewen. Mit vereinter Anstrengung fanden sie die Fachbuch-Abteilung. Dort hielten sich die Lehrbücher und die Einführungsliteratur besonders hartnäckig im Kampf; es waren schwere Brocken dabei, die schon viele Auflagen auf dem Buckel hatten. Sie standen unter Dauerbeschuss einer Reihe von eLearning-Portalen und eJournals, die mit ihrer leichten Zugänglichkeit, ihrer Verständlichkeit, ihrer Aktualität und ihrer zunehmenden Verbreitung prahlten. „Wissenshäppchen“, tönte es aus der Fachbuchfront zurück, „fast food für den Geist! Wo bleibt das Überblickswissen, der Zusammenhang, der Blick aufs Große Ganze! Wir, wir sind die Festungen des Wissens, Bollwerke der Wahrheit, und ihr“ – darauf feuerten die E-Learning-Portale eine neue Salve von Cut+Paste-Zitaten ab; sie hatten einen unendlichen Vorrat davon, sie schwirrten flexibel zwischen all den Paragraphen in den Lehrbüchern herum und nisteten sich überall ein, hier eine falsche Quellenangabe, dort ein falsches Zitat, das sich fortpflanzen würde von hier aus in alle Ewigkeit. Die Fachbücher litten unsäglich unter dieser Verwässerung ihres soliden Gehalts; mit versagender Stimme beschworen sie die Gefahren unkontrolliert zugänglichen Wissens, seine formale Unkorrektheit, seine inhaltliche Beliebigkeit, seine unendliche Belanglosigkeit – aber das Geschwirr der Cut+Paste-Raketen nahm immer noch zu. „Wissen“, hauchte es noch schwach von der Fachbuchfraktion, „Wissen, Gelehrsamkeit, Tradition, Zitiernormen“ – aber sie kamen einfach nicht gegen die schiere Datenmenge an, die eine Art von Schwarmintelligenz zu entwickeln schien und immer präziser den altgedienten Lehrsätzen auf den Leib rückte. Doch da die meisten der anwesenden Reporter sowieso wenig Interesse für diese Sparte der Buchwelt hatten, blieben ihre heroischen Kämpfe größtenteils unkommentiert.


Im Schatten dieses Gefechts hatte sich jedoch ein Stellvertreterkrieg entsponnen: Eine Schar empörter Literaturkritiker mit einem ausgezeichnet trainierten Aggressionspotential war mit einer Gruppe von Literaturwissenschaftlern, alles Anhänger der neuesten und aktuellsten Methoden ihres Faches, über die Frage aneinander geraten, wer der beste Bücherversteher sei. Die Literaturkritiker hatten sofort begonnen, erregt untereinander darüber zu diskutieren, was gute Literatur eigentlich sei; jeder hatte sein persönliches Ranking mitgebracht, prahlte mit den Literaturpreisen, die er schon vergeben hatte, und beklagte lauthals die Fehlentscheidungen der Kolleginnen und Kollegen. Angesichts des Feindes rissen sie sich dann aber zusammen und überboten sich nun in Superlativen: „das beste Buch der Saison!“, schallte es durch den Raum, „der bedeutendste Autor der Gegenwart“, „ein Must-Read“, „schon jetzt ein Klassiker“, „auf keinen Fall verpassen!“, und, die ultimative Waffe schlechthin: „nobelpreisverdächtig!“ Die Literaturwissenschaftler auf der anderen Seite waren kaum ruhiger; auch unter ihnen hatte sich sofort ein Streit entsponnen, wer die aktuellste Methode habe, die fortschrittlichsten Begriffe, die meisten Fördergelder. „Der Autor ist tot!“, brüllten die einen, während die anderen schrien: „Es gibt kein Werk, es gibt keinen Sinn, es gibt nur Diskurse, Diskurse, Diskurse!“ Eine dritte Fraktion wiederholte immer wieder: „Fiktion, alles Fiktion! Literatur hat nichts mit dem Leben zu tun! Alles nur ausgedacht! Fiktion, Fiktion, Fiktion!“ Am gefährlichsten aber waren die Dekonstruktivisten, die jeden Text so auseinandernehmen konnten, dass nur noch tote Bruchstücke herumlagen. „Schönheit ist überbewertet, Harmonie ist out“, riefen sie; „wir wollen das Fragment, das Hässliche, das Abstoßende, das Sinnlose, das Experimentelle und Unkonventionelle!“ Eine von ihnen mitgebrachte Phrasendreschmaschine feuerte derweil in schnellen Wellen Jargonfetzen in den Raum. Dabei entstand so viel heiße Luft, dass die Literaturkritiker und die Literaturwissenschaftler sich immer mehr vom Boden lösten; jetzt schwebten sie schon auf Höhe der mittleren Regalbretter, die Phrasendreschmaschine legte noch einen Gang zu, die Literaturkritiker griffen zu den ultimativen Superlativen: „Einzigartig! Episch! Nobel-Nobel-Nobelpreis“, die Literaturwissenschaftler kreischten hysterisch: „Der Autor ist tot, tot, tot, es gibt keinen Sinn, keine Bedeutung, keine“ – aber da waren sie schon allesamt den Augen der Zuschauer auf dem Boden entschwunden. Die Bücher hatten sich sowieso gleich zu Beginn von ihnen abgewandt, die Autoren schrieben bereits an neuen Werken, und niemand vermisste die Experten. Auch die Reporter zogen weiter; sie hatten auf mehr Blut gehofft, aber es war wieder nur Tinte geflossen, und noch nicht einmal ein treffendes Wort war zu bemerken gewesen.


Der Schlachtlärm war nun in den meisten Abteilungen schon deutlich abgeschwächt. Buchrestauratoren eilten durch die Gänge, um wenigsten die schlimmsten Notfälle zu versorgen. Die eBooks hatten eine Handvoll Administratoren aufgetrieben, die in der Nachbarschaft gerade Total War gespielten hatten und nun versuchten, das System neu zu starten. Im Zentrum der Halle bereitete sich jedoch der große Endkampf vor. Alle Reporter waren von ihren Außenmissionen eingetroffen, einige leicht ramponiert durch Tintenflecken oder geblendet vom Glanz der vielen Displays; einer hatte sich auch die Hand gebrochen, als er über ein liegengebliebenes Päckchen gestolpert hatte, und er forderte bereits lauthals Schmerzensgeld und Gefahrenzulage. Die meisten Berichterstatter hatten von ihren Redaktionen die Anweisung bekommen, jetzt endlich mal wirklich harte action zu zeigen; die Einschaltquoten seien eine Katastrophe, und der Beginn des Fußballspieles stehe unmittelbar bevor. So riefen alle Reporter ein letztes Mal hektisch in ihre Mikrophone: Hier und jetzt werde der Kampf entschieden werden, ein- für allemal! Die Mutter aller Bücherschlachten stünde zuvor! Das dürfe man keinesfalls verpassen! Eine Batterie von Kameras hatte sich aufgebaut und leuchtete den Ring in gleißender Helle aus. Auch die Anhänger beider Seiten waren eingetroffen, sie sangen Schlachtlieder und verhöhnte sich gegenseitig: „Seitenpusher!“ „Analog-Heinis“, klang es von der Seite der eBook-Anhänger, und „Kindle-Junkies!“ „Wischsklaven!“ schallte es von der anderen zurück. Doch als die Werkssirene das Zeichen zum Kampf gab, wurde es gespenstisch ruhig, und alle Augen richteten sich auf die beiden Gegner in der Mitte.


Angetreten war, auf der Seite der gedruckten Bücher, eine Bibel; aber nicht irgendeine Volksbibel, womöglich noch in geschlechtergerechter oder einfacher Sprache, sondern ein Originalnachdruck der ersten Gutenberg-Bibel in massivem Luther-Deutsch! Er war prachtvoll in feinstes englisches Rindsleder gebunden, der monumentale Band wurde zusammengehalten von versilberten Beschlägen und Schließen, er hatte feinste Goldschnitt-Seiten und wundervoll leuchtende Illustrationen. Auf der anderen Seite jedoch, kaum zu sehen – stand ein Fire-Tablet, neuestes Modell, mit nahezu unbegrenztem Speicherplatz. Sein Display leuchtete strahlendhell, und es hatte eine Verbindung aufgebaut zu – alle hielten den Atem an: zu Google Books, dem Behemoth, dem Leviathan, dem, der nicht genannt werden durfte. Noch spielte es leise Musik ab – es war, wie sich die Kindles und Smartphones aufgeregt zuflüsterten, die Titelmelodie aus StarWars, der Imperial March, das Thema des dunklen Herrschers Darth Vader. Aber auf einmal klang es eher wie Beethovens fünfte Symphonie, und die gedruckten Bücher horchten auf. Und so verpassten alle beinahe, dass sich die Gegner schon aufeinander zu bewegten. 


Schwergewichtig, urzeitlich, ehrfurchtgebietend klangen die Schritte der Bibel, leichtfüßig schien der Fire dahinzuschweben. Und als die Musik verstummte, hob ein Kampf an, wie ihn die Buchwelt noch nie gesehen hatte und nie wieder sehen würde: Zweitausend Jahre Tradition kämpften gegen den Usurpator, der sich gegen das Buch der Bücher erhoben hatten, gegen den Zwerg, der es gewagt hatte, abzufallen von der Gutenberg-Galaxie! Bibelverse und Drucklettern schossen wie Blitze durch den Raum, die Halle schien in ihren Grundfesten zu beben, eingeschüchterte Reporter suchten Schutz hinter Regalbrettern und Bildbänden; einige vermeinten sogar die vier apokalyptischen Reiter antraben zu sehen, es war aber nur die Eule, die immer noch nicht wieder herausgefunden hatte und deren verzweifelte Rufe „Verstand-stand-stand-stand“ hinter ihr her hallten.


Der Fire hielt dem Trommelfeuer ganz ruhig stand; er schien allein sein Leuchten immer stärker zu intensivieren, bis sein Display einen geradezu magischen Glanz hatte. Die Bibelverse streiften ihn nur, und er antwortete mit – aber hier werden die Berichte der Reporter seltsam verschwommen und unscharf, jeder erinnerte sich hinterher an etwas anderes: Die einen wollten alte Zaubersprüche aus der Kabbala vernommen haben, die anderen Fetzen einer unbekannten Programmiersprache. Einige meinten, es seien eigentlich nur Nullen und Einsen gewesen, aber sie wurden überstimmt von denen, die sich einig waren, es habe sich um Lieder gehandelt, Pop-Songs, Michael Jackson oder Helene Fischer, was auch immer, aber es habe gerockt und sie hätten sich nicht gegen den Sog des Rhythmus wehren können. Aber am Ende, da waren sich alle einig, wäre alles mit einem ohrenbetäubenden Knall verschwunden. Eine große Feuersäule, ein Strahl reinsten Lichtes sei nach oben aufgefahren, die Decke haben sich geöffnet, man habe in den Himmel sehen können, der voller Sterne war, und eine Eule flog mit einem erleichterten Schrei hinaus. In diesem Moment waren alle Kameras durchgebrannt, auf den Bildschirmen der zugeschalteten Sendeanstalten draußen im Lande erschien, das hatte man lange nicht gesehen, der Schriftzug: „Bildstörung“, und im Internet breitete sich ein großes weißes Rauschen aus. Aber die meisten Zuschauer hatten sowieso schon zum Fußball umgeschaltet, die Sportreporter hatten schließlich ein „episches Turnier“ angekündigt, die „Mutter aller Matches“!


In der Halle war nur ein einziger Zuschauer übrig geblieben. Die Reporter waren hektisch mit ihren kaputten Kameras geflohen, die gedruckten Bücher versorgten ihre Wunden, die eBook-Reader brüteten mit deutlich gedimmten Displays vor sich hin und warteten auf den rettenden Reboot. Der Zuschauer – war es nicht, wenn man genau hinschaute, eine Zuschauerin? – hielt ein kleines Buch in der rechten Hand; es sah sehr zerlesen aus, kaum konnte man den Titel noch erkennen, der Umschlag hatte schon einige Risse, und noch während sie es mit traurigen Augen ansah, zerfiel es zu Staub. In der linken Hand hielt sie einen eBook-Reader, ein ganz einfaches Modell; aber dort, wo ihre Bibliothek sein sollte, mit all ihren Lieblingswerken und den sorgfältig markierten Lesefrüchten, stand nur der Satz: „Sie haben die gesamte Bibliothek gelöscht. Fatal error“. Aus dem Dunkel löste sich langsam eine weitere Gestalt. Ein alter Mann kam gebückt auf sie zu; als er näher kam, sah sie, dass er blind war. Er nahm sie bei der Hand, und gemeinsam verließen sie die Lagerhalle. Draußen ging gerade die Sonne auf, die Leserin musste ihre Augen, die die Dunkelheit der Halle gewohnt waren, vor der Helligkeit schützen. Aber der alte Mann schritt mutig aus, und als eine Eule mit schwerem Flügelschlag über sie hinweg flog, schaute er ihr lange nach mit seinen blicklosen Augen. Weiter oben zog ein Schwarm von Staren seine Kreise. „Ich muss die Geschichte erzählen“, murmelte der alte Mann; „die Menschen brauchen Geschichten, wahre Geschichten vom wahren Leben, nicht all die Lügen, die die schlechten Geschichtenerzähler sich ausdenken, Fiktion nennen sie es, aber es ist Lüge, nichts als Lüge, ohne Sinn, ohne Nutzen, ohne Leben, noch nicht einmal schön ist es!“ Die Leserin nickte. Und dann nahm sie den alten Mann beim Arm, gemeinsam gingen sie hinaus in den anbrechenden Tag, er begann zu murmeln: „Sage mir, Muse…“, und der Klang ihrer gleichmäßigen Schritte paarte sich mit seiner melodischen Stimme und dem Rhythmus der dahinfließenden Wörter zu einer sanften, beruhigenden Harmonie.


Die Lagerhalle wurde bald darauf mit einem Betonsarg umgeben. Es hieß, die Strahlung des durch die Bücherschlacht freigesetzten und sich nun entweder chaotisch bekämpfenden oder hemmungslos paarenden Wissens sei zu gefährlich für die ungeschützte Bevölkerung. Wenig später ging man sogar dazu über, die Bücher ganz zu verbieten, gedruckte ebenso wie elektronische; die Verlage waren sowieso schon längst, nachdem alle kleinen von den großen gefressen worden waren, zu Event-Organisatoren geworden. Lesen sei nicht mehr zeitgemäß, hieß es jetzt. Es habe zu viele schädliche Nebenwirkungen. Es sei ungesund für die Augen und den Rücken. Es verwirre den Geist und belaste ihn mit unnötigen Zweifeln. Es lenke die Menschen ab von den Forderungen des Tages und der Arbeit. Es sei auch volkswirtschaftlich nicht länger zu vertreten, immer knapper werdende Ressourcen in vergängliches Papier zu stecken oder den immer noch anschwellenden Datenstrom des großen weiten kommerziellen Internet mit belanglosen Werken aus Phantasie zu verstopfen. Und wozu brauche man noch altertümliche Geschichten, wo doch die großen Epen der Zeit längst in die visuellen Medien abgewandert waren, in Sternenschlachten und Soap Operas und Fantasy-Epen, und jeder konnte sie selbst erleben in der neuen virtual reality? Außerdem gab es jetzt Spin-Doktoren. Sie spannen die wunderbarsten Geschichten aus dem drögen Faden der Politik, sie webten und webten, bis alle eingewickelt waren, bis niemand mehr wusste, was wahr war und was falsch, was gut und böse (die Spin-Doktoren hatten natürlich auch die Propaganda-Aktion zur Abschaffung der Bücher gescriptet, aber man wusste nicht, wer ihre Auftraggeber waren).

                             

Nur noch wenige Eingeweihte, sie nannten sich Bibliophile oder Biblionerds, munkelten, Google Books, der Behemoth und Leviathan, habe sich ins Darknet gerettet und werde von dem mythischen Tor gehütet. Dort sei auch ein uralter blinder Mann anzutreffen, er werde begleitet von einem Mädchen, und er verstehe sich ganz fabelhaft mit dem Behemoth. Und gelegentlich schwirrten bruchstückhafte Originalaufnahmen von der großen Bücherschlacht im Amazon-Zentrallager bei Bad Hersfeld durch den winzigen nicht-kommerziellen Teil des großen weiten kommerziellen Internet, auf denen manche Verschwörungstheoretiker eine verwirrt kreisende Eule im Hintergrund zu sehen meinten. Aber war nicht die ganze Geschichte nur ein Mythos, ausgeheckt von Autoren, Verlagen, Literaturkritikern, Literaturwissenschaftlern, Bibliothekaren und Buchhändlern, allesamt längst ausgestorbene Arten, wie die Eulen? Es soll damals sogar Leser gegeben haben, Wesen mit übergroßen Augen, die seltsame Hieroglyphen entziffern konnten, Buchstaben hießen sie, und man konnte Welten aus ihnen bauen, ganz im Kopf. Aber wahrscheinlich war das doch nur ein Mythos. Man würde es nie mehr wissen können.  

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Die Parabel vom Weltgarten

 

Seit geraumer Zeit gab es nun den großen Weltgarten. Er war von unermesslichem Umfang und von ganz besonderer Anlage, sein Erbauer aber war längst vergessen; man munkelte, es sei eigentlich ein Kollektiv gewesen, eine kleine Gruppe von Menschen, die eher aus Versehen und nur zu eigenen Zwecken mit der Anlage des Gartens zu ihrem eigenen Vergnügen und Nutzen begonnen hätten, und dann sei der große Weltgarten gewachsen und gewachsen, ohne dass jemand ihn überwacht oder sein Wachstum gesteuert hätte.

 

Unermesslich war sein Umfang, weil in ihm alle Teile und Dinge der Welt versammelt waren, große und kleine, wichtige und unwichtige, helle und dunkle, vergangene und gegenwärtige, schöne und hässliche; es gab Tiere und Pflanzen, Wege und Gebäude, Berge und Täler, Flüsse und Meere, ja, es gab sogar Märchen und Geschichten, Lieder und Bilder, Ideen und Phantasien – und er wuchs an jedem Tag noch weiter.

 

Sonderbar war allerdings die Anlage, denn sie stritt so ziemlich mit allen angenommenen Regeln einer Gartenanlage; aber sie hatte ihre eigene Logik und Ordnung, und sie funktionierte.

 

Sie hatte ihre eigene Ordnung: vornehmlich durch die vielen Querwege, die Verbindungen zwischen den einzelnen Dingen in der Welt darstellten, die vorher unverbunden, häufig verkannt und isoliert da gestanden waren, unentdeckt von vielen, übersehen und überlesen von beinahe allen, vergessen im großen Meer der Geschichte. Doch im Weltgarten ergaben sich nun überall neue Ausblicke und interessante Zusammenhänge, ständig erzeugten sich neue Ideen, Modelle, Theorien, und niemand wachte darüber oder bestimmte, welche Theorien nun richtig oder falsch seien, welche Wege verboten oder versperrt werden sollten, welche Ideen auf den Müllhaufen der Geschichte gekippt und welche zu den Schnellstraßen des Geistes erklärt werden sollten.

 

Sie funktionierte: durch Dauer und Bequemlichkeit. Der ganze Garten, so unermesslich seine Größe war, konnte immer noch erweitert werden; er erstreckte sich schon beinahe in die Zukunft mit seinen äußersten Ausläufern, und ging tief zurück in die allerfrühesten Anfänge der Welt. Aber es war gar nicht schwierig, sich in ihm zu orientieren, denn man konnte den Garten selbst einfach danach fragen, was man gerade suchte, und er gab zuverlässig, wenn auch gelegentlich etwas umständlich und nicht immer ganz ehrlich Antwort. So wirkte er zwar von außen verwirrend und chaotisch; hatte man sich aber einmal ein wenig in ihn hineingedacht, brauchte man keine großen Pläne oder Anleitungen mehr, sondern konnte einfach in jede Himmelsrichtung loslaufen und dabei gerade auf den Um- und Abwegen die interessantesten und inspirierendsten Entdeckungen machen. Gelegentlich fanden sich dabei auch verwegene Verschwörungstheorien oder lachhafte Lügengeschichten, aber die meisten Parkbesucher konnte damit ganz gut umgehen; sie wussten ja, dass es nur der große Weltgarten war und sie ihn verlassen konnten, wann und wo sie wollten.

 

Die Kenner allerdings fühlten sich besonders durch die wild durcheinander wachsenden Nutz- und Zierpflanzen, die Untrennbarkeit der geographischen Klimazonen oder das an allen Ecken sprießende Unkraut beleidigt. Auch störte es sie, dass jeder Zutritt zu dem Garten haben sollte, Laie oder Fachfrau, Wanderer oder Spaziergängerin, die Forscher wie die Hobby-Gärtnerinnen, ja sogar diejenigen, die nur darauf aus waren, zu randalieren, die Beete zu zertrampeln, die schönsten Pflanzen, Geschichten oder Ideen zu stehlen und statt ihrer hässliche Hassbotschaften und Missgeburten zu hinterlassen! Aber der Garten lebte davon, dass er frei zugänglich war, für jede und für jeden, und je unterschiedlicher die Interessen und Nutzungen waren, desto mehr wurde er ein wahres Abbild der Welt.

 

Man wollte nicht begreifen, wie so viele Pflanzen nebeneinander bestehen konnten. Denn dass einige von ihnen Schatten und andere das Licht suchten, einen feuchten oder einen trockenen Boden bevorzugten, breite Wurzeln schlugen oder oberflächliche Blüten trieben, verdeckte nur, dass sie alle aus den gleichen Elementen zusammengesetzt waren und zur großen Natur gehörten, die immer neue Ideen hatte, ohne dass jemand sagen konnte, welchen Sinn und welches Ziel das nun alles hatte.

 

Man wollte nicht begreifen, warum der Park völlig frei zugänglich von allen Seiten war und keine Mauer ihn umgab, da ein großes Eingangsportal doch viel praktischer wäre und sicherstellen würde, dass kein Unbefugter den Park betreten. Denn dass alle diejenigen, die den Park betreten wollten, genauso wie all die Gewächse und Pflanzen und Dinge und Ideen im Weltgarten zwar unterschiedlich aussahen, unterschiedliche Lebensweisen und die unterschiedlichsten Ziele und Zwecke bei ihrem Besuch im Garten hatten, aber sie alle aus den gleichen Elementen wie die Dinge im Garten waren, das wollte den wenigsten zu Sinne.

 

Man wollte nicht begreifen, dass so viele Tiere, auch gefährliche, ungezähmt und frei herumliefen. Denn dass jedes von ihnen seine eigene Lebensweise hatte und jede Gattung einen Anspruch darauf, nicht vom Menschen ausgebeutet und ausgerottet zu werden; dass sie auch eine Sprache hatten und Gefühle, ein Leben und Familien und ein Wissen, war den meisten Menschen ein Rätsel und ein Ärgernis, der sich selbst zur Krone der Schöpfung erklärt hatte und dem einzigen Inhaber des großen Weltplans überhaupt.

 

Man wollte nicht begreifen, dass der Weltgarten auch schlechten Ideen, dummen Geschichten, gefährlichen Ideologien und lächerlichen oder beleidigenden Bildern Zutritt gewährte. Denn dass noch nie eine schlechte Idee dadurch aus der Welt geschafft wurde, dass man sie verbietet oder für nicht korrekt erklärt; dass Ideen, Ideologien und Geschichten vielmehr gerade von jedem einzelnen Gartenbesucher untersucht und befragt und verstanden werden müssen, das wollten die Kenner und selbsternannten Wächter des Wissens und der Ideenwelt nicht zugeben.

 

Allerdings entstand unter den vermeinten Kennern und selbsternannten Parkwächtern mancher Streit, den gemeinglich diejenigen am hitzigsten führten, die vom Innern des Garten viel zu sehen die wenigste Gelegenheit gehabt hatten.

 

Auch war da etwas, wovon man bei dem ersten Anblicke geglaubt hätte, dass es den Streit notwendig sehr leicht und kurz machen müsse; was ihm aber gerade am meisten verwickelte, was ihm gerade zur hartnäckigsten Fortsetzung die reichste Nahrung verschaffte. Viele glaubten nämlich verschiedene alte Pläne und Regeln zu haben, die festlegten, wie ein solcher Weltgarten angelegt sein sollte, wer ihn pflegen dürfe und wer zu ihm Zugang habe; und diese Pläne fanden sich mit Worten und Zeichen bemerkt, deren Sprache und Charakteristik schon lange so gut wie verloren waren.

 

Ein jeder und eine jede erklärten sich daher diese alten Worte und Zeichen nach eigenem Gefallen. Ein jeder und eine jede setzte sich aus diesen alten Plänen und Schriften einen beliebigen neuen Plan mit neuen Regeln zusammen; für welchen nicht selten dieser und jene sich so hinreißen ließen, dass sie nicht allein selbst darauf schworen, sondern auch andere Parteien und Gruppen darauf zu schwören bald beredeten, bald zwangen.

 

Nur wenige sagten: „Was gehen mich eure Pläne und Vorschriften an? Dieser oder ein anderer oder gar kein Plan: Sie sind uns alle gleich. Genug, dass wir jeden Augenblick erfahren, dass die bunteste Mischung und das größte Wachstum den ganzen Garten erfüllet und dass sich aus ihm Wissen und Zusammenhang und Vergnügen auf das ganze Land verbreiten, auch wenn gelegentlich aus den dunklen Ecken schlechte Gerüche, gefährliche Tiere oder bösartige Theorien entweichen!“

 

Sie kamen oft schlecht an, diese Wenigen! Denn wenn sie lachenden Muts manchmal einen von den besonderen Plänen und Regeln ein wenig näher beleuchteten und auf seine offensichtlichen Schwächen und fatalen Folgen für den Garten hinweisen, so wurden sie von denen, die auf diese Pläne und Regeln geschworen hatten, für verantwortungslose Chaoten und naive Gartengläubige ausgeschrien.

 

Aber sie kehrten sich daran nicht und wurden gerade deshalb am geschicktesten, sich innerhalb des großen Weltgartens zu bewegen, all seine hellen und dunklen Ecken auszukundschaften und unermüdlich an immer neuen Wegen und Verbindungen zu arbeiten, ohne vorher schon zu wissen, wonach sie suchten und was dabei herauskommen sollte.

 

Einstmals, als der Streit über die Pläne und Vorschriften nicht eigentlich beigelegt, sondern eingeschlummert war, - einstmals um Mitternacht erscholl plötzlich der Ruf der selbsternannten Wächter: Virus! Viren, gefährliche Viren im ganzen Garten, die sich unkontrolliert ausbreiten!

 

Und was geschah? Ein jeder griff nach dem Kostbarsten, was er zu haben glaubte – seinen Regeln und Vorschriften. Lasst den Garten nur sterben und verderben; er kann ja nicht eigentlicher sterben und verderben, als er hier stehet, auf dem Papier!

 

Und so lief jeder mit seinen Plänen und Regeln herum und machte Vorschläge, wie künftig solche Katastrophen zu verhindern sei, ja wie man den Garten unendlich sicher und unendlich übersichtlich machen würde, so dass dort nur noch die schönsten Pflanzen und die nützlichsten Gemüse wachsen würden, die Tiere sich liebreich bei den Pfötchen fassten, für den Menschen Kunststücke machten und alle Ideen garantiert vollständig stubenrein und konspirationsfrei seien. Jeder, der ihn besuchen wollte, müsste jedoch vorher eine völlige Leibesvisitation über sich ergehen lassen und einen Berg von Formularen unterschreiben, dass er jegliche Haftung für Unfälle im Garten selbst übernehme, sich jeglichen Regeln und Vorschriften im Park fügen werde und niemals, niemals eine Abkürzung nehmen oder einen der vorsorglich unter Quarantäne gestellten dunklen Bezirke (denn vernichten hätte man sie nicht mehr können) aufsuchen werde. Und am Ende würde er einer strengen Befragung unterzogen werden, um auch sicherzustellen, dass er keine falschen Schlüsse als die in den Parkregeln niedergelegten gezogen und keine verbotenen Wege gegangen sei, nicht einmal im Traum oder nur in der Phantasie!

 

Über diese unendlichen Unterhandlungen über den genauen Wortlaut der Vorschriften und die zukünftige Begrenzung und Eingangskontrolle des Weltgartens hätte er denn auch wirklich einem bösartigen Virus zum Opfer fallen können; wenn es denn diesen bösartigen Virus gegeben hätte. – Aber die erschrockenen Wächter hatten eine zufällig entdeckte gutartige Mutation einer neuen Pflanzenart für einen unbekannten Virus gehalten, sich anschließend zu tief in den Verschwörungstheorien verirrt und den Weg heraus nicht mehr gefunden; sie kannten sich einfach nicht gut genug aus in den Querwegen und hatten immer noch nicht gelernt, zwischen Garten und Welt zu unterscheiden.

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Die Spiegelparabel

 

Vor grauen Jahren lebte eine weise Frau im Osten,

die einen Spiegel hatte von sehr großem Wert,

von lieber Hand vererbt. Der Spiegel war so rein,

dass jede, die hineinsah, sich erkannte,

in allen ihren Eigenarten. Vielzählige

Kristalle zeigten jeden Fehler, jeden Vorzug;

jedoch nur der, die redlich in ihn schaute,

zeigte der Spiegel auch ihr ganzes Bild,

so dass Zufriedenheit sich in ihr Herz ergoss.

Was Wunder, dass die weise Frau im Osten

ihn darum niemals von sich schaffen ließ,

und die Verfügung traf, auf ewig sei

der Spiegel ihr und ihren Töchtern eigen;

diejenige jedoch, die ihn am meisten brauchte,

weil sie unsicher, schwach und zaghaft war,

sollte ihn erben. So kam nun dieser Spiegel

durch vieler Töchter Hände endlich hin

zu einer Mutter von drei Töchtern, die

gleichmäßig schwankend waren, unsicher

ob ihres Weges, ihres Wesens, ihrer Wertes,

so dass die Mutter selbst ins Schwanken kam,

weil es sie schmerzte, alle ihre lieben Töchter

so schwach zu sehen ohne einen Rat

zu wissen. Was blieb ihr zu tun?


Als es ans Sterben ging, da sandte sie

nach einem klugen Techniker. Er solle

drei Spiegel fertigen, sehr klein und fein,

die jede immer mit sich tragen könne.

Das gelingt dem Techniker. Den echten Spiegel aber

lässt die weise Frau verstecken, tief und heimlich,

an einem unbekannten Ort.

Darauf ruft sie die Töchter, jede einzeln, zu sich,

gibt jeder ihren Segen, dann ihr Spiegelchen

und stirbt. Die neuen Spiegel aber halten nicht,

was sie versprachen: Denn ihre Kristalle

zerlegten nur in immer klein‘re Teile,

so dass die Schauenden zwar tausendfach

sich nun gespiegelt sehen, niemals aber ganz.


Die Töchter sind es nicht zufrieden. Jede

klagt auf Herausgabe des echten Spiegels.

Man sucht den Spiegel, findet ihn sogar.

Der erste Richter nun erwägt die Sache,

er wälzt die Akten und vernimmt die Zeugen,

er dreht den Spiegel in der Hand (der zeigt

ihm eine schwarze Robe, mit Perücken,

die weißen Locken tausendfach gespiegelt,

doch kein Gesicht; nur vage meint er

eine Binde zu erkennen). Behände

legt er den Spiegel fort und spricht sein Urteil:

Jede möge den echten Spiegel haben -

doch nur für eine kleine Zeit, dann wandre

der Spiegel weiter zu der nächsten Tochter.

Denn wer sich selbst in ihm erkenne, werde

ja ihn kaum täglich brauchen, werde

gelegentlich nur schauen, ob sie weiter

noch auf dem rechten Weg sei, treuen Herzens

zu ihrem Wesen und zufrieden mit sich selbst!


Die Schwestern sind noch immer nicht zufrieden.

Sie klagen weiter. Doch die höh’re Richterin

wirft keinen Blick mehr auf die Aktenstapel,

sie schickt die Zeugen fort, ja kaum fasst sie

den trügerischen Spiegel selbst ins Aug.

Doch mit entschiedner Stimme urteilt sie:

Zerstört den Spiegel! Jetzt sofort!

Denn offenbar, so spricht die Richterin,

könnt ihr im Spiegel nur noch das erkennen,

was ihr sein wollt; was ihr euch wünscht,

was anderen genehm ist und euch schmeichelt.

Die wahre Kunst des Spiegelns ging verloren

wahrscheinlich schon vor langer Zeit.

Zerstört die Spiegel! Alle!

Vergleicht Euch nicht! Wollt nicht mehr sein,

was ihr doch niemals seien könnt,

Und werdet das, was in euch steckt

sei’s als Geschenk, als Gnade, als Gesetz!

Seht in euch selbst, dort, wo ihr nackt seid,

hört hin auf das, was eure innre Stimme sagt,

wenn alle andern Stimmen schweigen, die

so leicht uns schmeicheln, täuschen, wenn

die trügerischen Wünsche schlafen,

die fremden Bilder nach und nach verschwimmen,

der Blick selbst wieder klar und redlich wird.

Vielleicht kommt dann, nach tausend Jahren,

die größre, klügre Spiegelmacherin,

die euch ein wahres Bild vorhält, so fein,

so tief, so klar erfasst, in Milliarden

von Kristallen, die gar eure Lügen sehen,

eh ihr selbst sie erkennt, noch tiefer schauen

als in euer Herz: dorthin

wo die Natur in euch ihr Werk wirkt,

immerfort, gerecht, zufrieden –

dann sollt ihr eure Spiegel wiederhaben!

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"Es ist, als ob es tausend Bücher gebe". Porträt eines Kritikers


Gelegentlich kommt er sich vor wie der Panther in Rilkes berühmten Gedicht: „Sein Blick ist vom Vorübergehen der Seiten / so trüb geworden, dass er nichts mehr hält. / Es ist als ob es tausend Bücher gebe / unter hinter lauter Büchern keine Welt“. Bücher, immer nur Bücher; er ist umgeben von Büchern, er lebt unter Büchern, die Regale biegen sich, die Tische sind voll davon, überall machen sie sich breit, sie haben schon längst die Küche erobert – obwohl er niemals, das hat er sich geschworen, Kochbücher rezensieren würde, niemals! -, sind von da aus über den Flur gewandert, die Toilette ist längst zum belesenen Örtchen geworden und im Schlafzimmer lauern die Schwergewichte, dicke Bild- und Prachtbände, von denen er einmal dachte, dass sie ein gutes Schlafmittel wären. Aber er schläft nur noch schwer ein, obwohl ihm am Tag häufig die Seiten vor den Augen verschwimmen, die Augen fallen ihm sanft zu, das Buch entgleitet ihm und fällt, und er möchte so gern auch fallen – aber dann schreckt er doch wieder schmerzvoll hoch, die Buchkante hat ihn auf dem Mittelfuß getroffen, wie so oft schon, die Bücher machen ihn fußkrank, das ist es, sie fesseln ihn an den Sessel, an den Schreibtisch, und je weniger er sich bewegt, desto mehr übernehmen sie die Herrschaft über sein Leben. Wenn er doch einmal träumt, dann träumt er schwere Literatenträume. Meistens beginnen sie damit, dass er ein Käfer ist, ein unförmiges Insekt, das auf dem Rücken liegt und hilflos mit den Beinen strampelt; umgeben aber ist er von Büchern, in ihnen sind alle Arten von Kreaturen abgebildet, aber keines sieht so aus wie er. Da kommt urplötzlich ein eifriger junger Autor auf ihn zugerannt, man erkennt schon an dem etwas starren Blick, dass er sich wie ein junger Kafka vorkommt, aber seine Ohren sind nicht groß genug, er versucht sich selbst an den Ohren immer wieder größer zu ziehen, aber es sprießen nur Schreibfedern aus ihnen heraus, mit denen er jetzt auf den Käfer losstürzt, der mit seinen dürren Beinchen strampelt, aber nun sprießen auch Schreibfedern aus den Insektenfüsschen, und es hilft nichts, er muss, während ihn der junge Möchtegern-Kafka mit seinen literarischen Versuchen traktiert - abgerissene Satzfetzen schweben durch den Raum und mutieren zu krebsartigen Gebilden, einzelne Wörter fliegen klagend vorbei, Schmetterlinge mit eingerissenen Flügeln - er muss, es ist die einzige Rettung, Sätze schreiben, die er schon tausendmal geschrieben hat, Floskeln, die ihm im wachen Zustand die Schamröte ins Gesicht treiben und im Traum zu Schlingpflanzen werden, „ein Jahrhundertwerk“, „ein Triumph des Erzählens“, „nobelpreisverdächtig“, „Bestsellermaterial“. Sie kringeln sich um die Satzkrebse und senken sich dann schwer auf die dünne Käferbrust, wo schon all die Bücher liegen, die gelesenen und ungelesenen; sie schreien nach seiner Aufmerksamkeit, in jämmerlichen Tönen, wie von ihrem Schöpfer achtlos in irgendeiner Klappe abgelegte Säuglinge, lies mich! schreien sie, und „liebe mich!“, und er schüttelt sie alle von sich und flieht im Käfergalopp. Aber dann ist er schon die riesenhaften Bibliothek geraten, oh, wie gut kennt er seine Traumbibliothek, dort sitzt auf jedem Buch ein Autor, den er verrissen hat, den er missverstanden hat, den er gedemütigt hat, oder, am schlimmsten: den er gelobt hat! Und alle stürzen sich auf ihn, den Kritiker, gemeinsam mit einer unübersehbaren Horde wütender, enttäuschter, begeisterter Leser, und er rennt, weiter und weiter, die Regale entlang, sind es denn immer noch nicht genug Wörter, er schreibt doch schon seit Ewigkeiten, gab es überhaupt einmal eine Zeit, in der er nicht geschrieben hat? Aufwachen, ach, wenn man doch aufwachen könnte – aber wenn er aufwacht, sind die Bücher immer noch da, sie umlagern ihn, sie ersticken ihn und der Paketbote hat schon eine neuen Stapel Rezensionsexemplare abgegeben. 

Eine Zeitlang war er dazu übergegangen, die Bücher gar nicht mehr zu lesen, die er besprach. Er besah ein wenig meditativ das Titelblatt, las den Klappentext, dem jeder nur halbwegs begabte Leser ja entnehmen konnte, wie der Autor das Buch verstanden und der Verlag das Buch besprochen haben wollte, und ließ schließlich das Buch – das war der Höhepunkt des Vorgangs, er war immer noch ein klein wenig aufgeregt dabei! – spielerisch auseinanderfallen, auf irgendeine Seite. Dann las er zwei, drei Sätze, mehr brauchte er nicht – und schon formten sich in seinem Kopf die ihm zur zweiten Natur gewordenen Kritikerformeln, er musste nur noch entscheiden, ob es eine Lobeshymne oder ein Verriss werden sollte. Dafür würfelte er auch gelegentlich, wenn er übermütig war und die Träume ihn nicht allzu sehr gequält hatten; oder er fragte seinen Papagei, er hieß Gottsched: Gottsched, sprich, sollen wir ihn krönen oder köpfen, den Poeten? Und der Papagei schrie, je nach Laune: Kopf ab! Oder: Es lebe der Dichterkönig! Dann schrieb er, die erforderliche Anzahl Wörter, auf den Punkt: es war sein besonderer Ehrgeiz, nie ein Wort zu viel oder zu wenig auf ein Buch zu verschwenden, und sein Redakteur liebte ihn dafür – auch wenn er ihm sonst eher unheimlich war, mit seinem stumpfen Pantherblick und seiner papiernen Blässe und den vielen Schnittwunden in den hageren Fingern, vom Schneiden der Blätter; einmal nur, so hatte er früher gehofft, werde ihn ein Satz, eine Geschichte, eine Figur, ein Gedanke so tief schneiden, wie das immer stumpfer werdende Druckpapier es immer noch konnte; aber es blieb bei oberflächlichen Schnitten, die das Blut nicht wert waren, seines nicht und das des Autors. Ausgeblutet, so fühlte er sich; in seinen Adern floss nun Druckerschwärze, sein Herz schlug in einem stumpfsinnig-gleichmäßigen Jambus: „Der weiche Gang geschmeidig leerer Floskeln / der sich im allerkleinsten Kreise dreht, / ist wie ein Tanz um eine hohle Mitte / in der betäubt ein großer Autor steht“, so flüsterte er sich selbst gelegentlich zu. Denn natürlich hatte er eigentlich, wie alle seine Kritikerkollegen, mit denen er aber schon lange nicht mehr sprach, Bücher schreiben wollen, etwas schaffen, das ein eigenes Leben hatte, und nicht nur das Leben anderer sezieren, Tag für Tag. Und wie gut kannte er inzwischen das Innenleben der Bücher, die Mechanik der Romane, ihre Triebfedern und ihre knirschenden Zahnräder; wie konnte er selbst durch die tiefste und hermetischsten Gedichte hindurchschauen bis in ihren tiefen Grund, und wie oft sah er dort nur ein armes zitterndes Wesen sitzen, Wörter zerkauend, bis sie kaum einen Sinn mehr ergaben und Unverständliches erbrechend. Wenige Hausheilige hielt er sich. Aber er las sie niemals mehr, er hatte sogar ihre Bücher weggegeben, um nicht in Versuchung zu geraten; er hätte sie ja doch nur seziert, weil er nicht mehr anders konnte, und am Ende, wer weiß, wären sie vielleicht auch in Fetzen dagelegen, weil sie seinem spitzen Messer nicht standhielten, und dann wäre es Mord gewesen. Nur der Papagei erinnerte sich noch an sie und warf gelegentlich einen Satz heraus, der sich direkt in seine Herz bohrte, weil er ihn vergessen hatte und weil er ihn immer noch traf. Um die Wunde zu schließen, musste er dann Rilke zu Ende zitieren: „Nur manchmal schiebt der Vorhang des Gehöres / sich lautlos auf. Dann geht ein Wort hinein / geht durch des Geistes angespannte Stille / und hört im Herzen auf zu sein“

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Die Schweigerunde


„Und wer möchte uns heute etwas verschweigen?“ Erwartungsvoll blickte die Gruppenleiterin in dem Stuhlkreis herum. Einige neue Teilnehmer waren heute wieder gekommen, die meisten von ihnen Männer; gutgestellt sahen die meisten aus, selbstbewusst, erfolgreich. Nur selten verirrte sich eine Frau hierher; oder eine verlorene Existenz, die einmal damit angefangen hatte, in besseren Zeiten, und dann einfach nicht mehr aufhören konnte. Die Gruppenleiterin selbst sah so aus, wie man sich früher eine Gouvernante vorgestellt hatte: die gleiche Strenge in Blick und Frisur, ein kleiner Mund, dem man ansehen zu meinte, das er selten lächelte; aber er war voller Ruhe, ein formgewordenes Schweigen. Das Geplapper in der Gruppe verstummte schlagartig. Ertappt sahen die Männer zu Boden, einige räusperten sich noch ein paarmal. Das war eine Art Übergangsritual, man erkannte die Anfänger daran, die Novizen, die noch weit von ihrem ersten Chip entfernt waren. Doch dann schossen die Finger schon in die Höhe: Mich, mich, mich, lass‘ mich zuerst, schienen sie zu schreien, und einige öffneten sogar den Mund, um dann schnell das fast schon hervorgetretene Wort in einem Hüsteln zu ersticken.

 

Die Gouvernante blickte um sich: „Du“, sagte sie, auf eines der ältesten Mitglieder zeigend, er hatte sich schon so gut im Griff, dass er noch im letzten Moment den Finger zurückzog, der schon in die Höhe schießen wollte, und sein Mund war fest verschlossen; "ja, du, was möchtest du uns heute verschweigen?" Ein Ruck ging durch den Mann. Er war in den besten Jahren, leger gekleidet, aber sorgfältig; seine Finger zuckten gelegentlich, so als würden sie imaginäre Tasten berühren, und sein Blick schweifte unstet durch den Raum, auf der Suche nach – aber es war nichts da, was den Blick fesseln konnte, der Raum war spartanisch eingerichtet, die Wände schwiegen starr, die Fenster waren verhängt, kaum dass die einfachen Stühle ein wenig knarrten. „Ich bin“, so begann er etwas zu laut, so als hätte er Angst, dass niemand ihm zuhört, „ich bin ein Journalist. Ich schreibe, Leitartikel, Kommentare meistens. Ich möchte heute schweigen über – die politische Lage im Großen und Ganzen, die Parteien insbesondere, die derzeit laufenden Koalitionsgespräche, oh wie möchte ich schweigen über dieses politische Schmierentheater, diese matten Charakterdarsteller, diese" – Er hatte gerade begonnen, sich in Rage zu regen, seine Finger zuckten immer stärker, da unterbrach ihn der strafende Blick der Gouvernante; die anderen Teilnehmer des Stuhlkreises waren auch schon unruhig geworden und schauten strafend. Sofort schwieg er. Stille breitete sich aus; aber es war noch eine aufgeregte Stille, sie schien in energischen Sätzen zu schweigen, und manchmal durchquerte ein Ausrufungszeichen geisterhaft den Raum. Der Journalist krampfte die Hände zusammen, um die zuckenden Finger zu verbergen. „Es muss doch“, quoll es auf einmal aus ihm heraus, er schlug sich beinahe auf den Mund, aber die zweite Satzhälfte stieg empor, gegen seinen Willen, man sah es deutlich – „möglich sein!“

 

Die Gruppenleiterin seufzte. „Nun gut“, sagte sie, „wir waren schon einmal weiter“. Dann wies sie auf den Mann neben dem Journalisten, der etwas beschämt zu Boden schaute, offenbar kannten sich die beiden gut: „Du“, sagte sie, „was möchtest du uns heute verschweigen?“ Der Mann blickte auf. „Ich bin“, sagte er in sonorem mediengestähltem Ton, „ein Politiker. Welcher Partei – lassen wir heute mal außen vor, obwohl“ – sein Nachbar stieß ihm mit dem Ellenbogen ein klein wenig in die Seite, und er fing sich gerade noch: „Lassen wir das also. Ich möchte heute schweigen über – die Lage der Nation, die Menschen draußen im Lande, ganz besonders aber die Koalitionsverhandlungen“! Mit einem beinahe übermenschlich wirkenden Ruck brach er den Satz ab und kreuzte die Arme, die zu beredten Gesten ausgeholt hatten, eng vor der Brust; es sah aus, als wollte er sich selbst die Luft zum weiteren Reden abschneiden. Stille breitete sich aus; es war eine etwas aufgeladene Stille, einzelne Schlagworte schienen noch aufsteigen zu wollen, die sensibleren unter den Teilnehmern spürten auch eine gewisse Polarisierung. Der Politiker presste die Arme immer enger an sich, sein Blick schweifte unstet durch den Raum, um dann auf den abgedeckten Fenstern liegen zu bleiben. Sehr unscharf sah er dort sein eigenes Spiegelbild, sein ganzer Körper straffte sich, und er legte sein bestes Siegerlächeln auf.

 

Das rettete ihn knapp über die vorgeschriebenen drei Minuten. Wieder streckten sich auf den auffordernden Blick der Gruppenleiterin viele Finger in die Höhe, gerade noch, dass sie nicht anfingen, mit den Fingern zu schnipsen. Sie entschied sich dieses Mal für einen jungen Mann, der zum ersten Mal da war. Er war modisch gekleidet und sehr gepflegt, eigentlich hätte man ihn sich gern als schönen, schweigenden Jüngling in einer sehr hochwertigen Werbeanzeige vorstellen mögen. Und prompt sagte er in einer schmeichelnden Stimme, der man sofort ein Auto abgekauft hätte: „Ich bin“, er blickte wohlgefällig in die Runde, „ein Marketing-Fachmann, ich mache Kommunikationsdesign, Medienberatung, Coaching, hier hätte ich meine –„ „Nein“, sagte die Gouvernante, „so geht das hier nicht. Keine Verkaufsgespräche! Kommen Sie zum Punkt, wir haben unsere Zeit hier nicht gestohlen!“ Der junge Mann zuckte und wischte sich nervös mit den wohlgepflegten Händen durch das gegelte Haar: „Tut mir soo leid, kommt nicht wieder vor! Also, ich –„ und er machte eine kleine Kunstpause, es war fast schon ein Mini-Schweigen, aber dann hob er erneut an: „ich möchte heute schweigen über – nein, ich kann das nicht!“ Er brach ab, seine seidene Krawatte war etwas verrutscht, und es zeigten sich leichte Schweißperlen auf seiner schönen Stirn. Sein Nachbar legte ihm beruhigend die Hand auf den Arm und nickte ihm schweigend zu. Die Gruppenleiterin sagte kein Wort. Das Schweigen breitete sich aus, es war ein etwas angestrengtes Schweigen, aber auch ein solidarisches; kleine Wellen von Mitgefühl schwappten darin umher, aber auch ein Unterton von Ungeduld. Er versuchte es noch einmal: „Ich will heute schweigen von: dem Verkaufen. Dem Anpreisen. Dem Schönreden. Den Superlativen. Den Lügen, den ganzen Lügen! Ich will – schweigen“. Alle nickten beeindruckt. So sollte es sein: ein Schweigen aus vollem Herzen. Eine liebliche Stille breitete sich aus, sie hatte den Balsam des Vergessens aufgelegt, und viele schlossen einen Moment die Augen und erlaubten sich einen kleinen wohligen Seufzer.

 

Doch schon nach kaum zwei Minuten stieg in den ersten Teilnehmern wieder die Unruhe empor. Einer bewegte immer wieder die Hände, sie wollten sich zu einer Art Segen formen; doch dann brach er wieder ab und verschränkte die Finger krampfhaft ineinander. Die Gruppenleiterin hatte ein Einsehen: "Du", sagte sie und zeigte auf ihn, "dann mal los!" Erleichtert atmete der Mann auf; er sah eigentlich friedlich aus mit seinem breiten, gutwilligen Gesicht, es erweckte Vertrauen, Verständnis, es versprach Verzeihung – genau wie seine litaneihaft schwingende Stimme, mit der er nun sagte: "Ich bin ein Priester, meine Brüder und Schwestern" – er sah unsicher um sich, aber tatsächlich war auch eine junge Frau anwesend, er sah sie zum ersten Mal -, "und ich will heute zu Euch schweigen über: Gott. Die Liebe, seine Liebe. Seine Gnade. Vor allem aber will ich schweigen über Eure Sünden, über Eure Uneinsichtigkeit, Eure Undankbarkeit im Angesicht des – " gerade noch konnte er sich fangen. "Ein stilles Gebet", murmelte er, bevor sich ein etwas eingeschüchtertes Schweigen ausbreitete; es roch ein wenig nach Weihrauch, aber es versprach Frieden und Erlösung – an den Rändern jedoch drohte es auch ein wenig, so dass mehrere Teilnehmer ein wenig eingeschüchtert auf ihren Stühlen hin und her rückten und den Blick zu Boden senkten.

 

Sein Nachbar hielt es nach kaum einer Minute nicht mehr aus und versuchte das Wort zu ergreifen: "Ich muss doch sagen", doch sofort unterbrach ihn die Gruppenleiterin: "Niemand ergreift hier das Wort, wenn ich es nicht sage! Du" – und sie zeigt gezielt an dem Sünder vorbei, auf einen jungen Mann, er trug einen schwarzen Rollkragenpullover und die Sorte von zerrissenen Jeans, deren Rissen man ansah, wie viel sie gekostet haben; "du schweigst immer so schön. Wovon willst du heute schweigen?" Der junge Mann besann sich ein wenig, bevor er antwortete. Es war, als warte er darauf, dass die Worte in ihm aufsteigen; aber dann platzte er auf einmal hinaus: "Ich bin ein Dichter – und die Metaphern können mir gestohlen bleiben! Immer wollen sie, dass ich tiefe und bedeutungsvolle Dinge sagen, und dann verstehen sie sie nicht. Aber kritisieren, das können sie alle. Deshalb schweige ich jetzt über die Schönheit des Schweigens, seine sanften Flügel, sein unhörbares Rauschen, sein unsichtbares Lächeln, all das Nicht-Sagbare … " Er ließ den Satz elegant ausklingen, und tatsächlich war es so, als erhebe ein unsichtbares Wesen seine großen Schwingen, weit ausholend, aber ganz und gar unhörbar. Etwas unheimlich war es, aber auch entzückend, und alle hielten einen Moment den Atem an – da war es auch schon vorbei. Sogar die Gouvernante hatte einen Moment beinahe gelächelt, das passierte oft, wenn der Dichter schwieg; aber eigentlich wussten sie alle, es war ein kleiner Betrug, sie hatten ihm zu viele Worte zugestanden, und er hatte sie wieder einmal eingelullt mit seiner sanften Stimme, die gar nicht zu ihm passte, tief und hypnotisierend klang sie, aber eine Hypnose war kein wahres Schweigen.

 

"Du", sagte die Gruppenleiterin nun zum Ausgleich umso ruppiger zu dem vorletzten Mitglied der Runde, das sich eben vordrängen wollte; jetzt hielt es ihn wirklich kaum noch auf seinem Stuhl. Er hatte einen modischen Bürstenschnitt, die Hände schauten wohl maniküriert aus dem edlen Hemd – war es wirklich maßgeschneidert? –, und am Armgelenk prangte eine Uhr, von der man sich vorstellen konnte, dass sie auch noch die Zeit auf dem Jupiter an einem schönen Frühlingsdonnerstag im Universum anzeigte. Der Mann fiel auch dadurch auf, dass er immer wieder nervös in seine Jackentasche griff; an schlimmen Tagen hatten sie ihm das Handy abnehmen müssen, er hatte einfach seine Finger nicht davon lassen können. "Ja, du, jetzt bist du an der Reihe. Was willst du uns heute verschweigen?" "Zuerst und vor allem möchte ich sagen, wie außerordentlich", begann der Mann, der Dichter verdrehte die Augen und schaute zum Himmel, der Priester nickte mitleidig. "Entschuldigung", murmelte der Redner. "Zur Sache, ich weiß. Also: Ich schweige heute über – Geld; ich dachte, ich schweige einfach mal über Geld", wiederholte er, offensichtlich mit sich zufrieden; und auch die anderen nickten wohlgefällig; das hatten sie schon anders erlebt, und wenn er erst einmal anfing, über den Aktienmarkt zu schweigen, dann konnte man wirklich nervös werden. So aber trat ein Schweigen ein, das geradezu physisch erleichternd wirkte, weil es so vieles umfasste. Einige spürten, wie sich eine langjährige Beklemmung in ihrer Brust löste und wie auf einmal der spartanische Raum viel lebendiger aussah; waren es nicht eigentlich ganz gute, einfache Stühle, auf denen man saß, und war es nicht egal, dass der alte Teppich etwas schäbig aussah, wichtig war doch, dass man warme Füße hatte und dass man zusammen war und etwas teilte!

 

Beinahe fühlte man sich gestört, als die Gruppenleiterin, die Stunde näherte sich dem Ende, auf die junge Frau zeigte: "Du bist heute zum ersten Mal dabei, es ist sehr lobenswert, dass du dich nicht vorgedrängt hast! Herzlich willkommen! Worüber möchtest du heute mit uns gemeinsam schweigen?" "Alles", entfährt es der jungen Frau spontan; ihre Lippen mit dem blinkenden Piercing zittern dabei ein wenig. "Einfach alles! Ich bin eine Twitterin, und ich kann es nicht mehr hören! Ich habe der Welt alles erzählt über mich, einfach alles, jeden beschissenen Fur-", sie fängt sich gerade noch unter dem tadelnden Blick der Gouvernante, "jede Kleinigkeit, meine ich, echt, alles, ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll" – "aufhören", flüstert ihr Nachbar, "aufhören sollst du!" "Genau", ruft sie erleichtert: "Also, hey!, ich schweig dann jetzt mal einfach über: Alles!" Eine sehr tiefe Stille breitete sich über den Raum aus. Sie war aber nicht einschüchternd; kleine Emojis durchquerten sie lächelnd, aber es war, als ob das Universum schwiege und man könnte ihm wohlwollend dabei zusehen, von einem fernen Stern in der Tiefe des Weltraums aus.

                  

"Und damit", so schloss die Gruppenleiterin nach drei Minuten mit den gewohnten Worten, "gehen wir schweigend auseinander". Einige nahmen sich beim Weggehen noch ein Bagel mit, es war eine liebe Gewohnheit, und man konnte in das Loch in der Mitte hinein schweigen, es verschluckte eine ganze Menge. Doch sobald der Erste die Tür öffnete, eroberte der Lärm den Raum wieder; Autos, Menschen, Hundegebell, oft war es, als hätte eine Sirene ihnen geradezu bösartig aufgelauert, und nicht wenige der Teilnehmer zogen sich eine Mütze über die Ohren, bevor sie auf die abendlich hektische Straße hinausgingen. Die Gruppenleiterin stellte die Stühle zusammen und sah ihnen hinterher. "Ich bin", so flüsterte sie etwas heiser, "ich bin eine Therapeutin. Ich möchte schweigen, oh, wie möchte ich schweigen! Aber einer muss ja zuhören, wenn ihr schweigt. Ich weiß, ihr braucht mich. Aber das Schweigen muss von innen kommen, eines Tages, eines fernen Tages –", und damit verließ sie den Raum. 

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Beim Bau der Bibliothek

Beim Lesen von Kafkas
‚Beim Bau der chinesischen Mauer‘

 

 

Die Bibliothek ist an ihrer entlegensten Stelle beendet worden. Einzelne Werke wurden von verschiedenen Richtungen in sie hereingetragen und hier vereinigt. Das System des Einzeltextes wurde auch im Kleinen ihrer Herstellung verfolgt. Werke von etwa hundert Seiten Länge wurden von verschiedenen Autoren begonnen und auf größere Themenkomplexe zu geschrieben. Nachdem ein Katalog-Bereich vollendet war, wurde jedoch nicht etwa systematisch weiter geschrieben, sondern es wurde wieder an ganz anderen Wissensbereichen angesetzt. Natürlich entstanden auf diese Weise viele große Lücken, die erst nach und nach langsam aufgefüllt wurden, manche sogar erst, als die Bibliothek schon als vollendet galt. Ja, einige wurden sogar niemals gefüllt, aber das gehört möglicherweise zu den vielen Legenden, die um den Aufbau der Bibliothek entstanden sind und die für den einzelnen Leser, jedenfalls mit eigener Lektüre und eigenem Wissen, infolge der Größe der Bibliothek unnachprüfbar sind.  


Nun würde man von vornherein glauben, es wäre vorteilhafter gewesen, zusammenhängend zu schreiben. Die Bibliothek war doch, wie allgemein verbreitet wird und bekannt ist, zum Schutz gegen die Willkür der Zeichen, die Zerstreuung des Wissens und das verlorene Vertrauen in den Sinn geschrieben worden. Wie kann aber eine Bibliothek schützen, die nicht systematisch geordnet und zusammenhängend verfasst ist. Ja, eine solche Bibliothek selbst ist in fortwährender Gefahr. Die abgelegenen Einzelwerke können immer wieder leicht von Dekonstruktivisten zerstört werden, zumal diese damals, geängstigt durch die Bibliothek, mit unbegreiflicher Schnelligkeit wie die Heuschrecken ihre Theorien wechselten und deshalb vielleicht sogar einen besseren Überblick über den Fortschritt der Sammlung hatten als selbst die einzelnen Autoren.


Trotzdem konnte die Bibliothek nicht anders ausgeführt werden. Sie sollte schützenden Sinn und verlässliches Wissen für Jahrhunderte stiften; sorgfältigste Systematik, Benützung der literarischen und wissenschaftlichen Errungenschaften aller bekannten Zeiten und Völker, dauerndes Gefühl der persönlichen Verantwortung der Beiträger waren deshalb unumgängliche Voraussetzung für die Arbeit. Zu den Katalogisierungsarbeiten konnten zwar Praktikanten verwendet werden, wer sich für gutes Geld anbot; aber schon zur Anleitung der Hilfskräfte war ein verständiger Schreiber nötig, ein Autor, der bis in die Tiefe des Herzens mitfühlte, worum es ging.


Man war nicht leichtsinnig an den Aufbau der Bibliothek herangegangen. Fünfzig Jahre vor dem ersten Satz hatte man im ganzen Staat das Schreiben zur wichtigsten Kunstform erklärt und alles andere nur anerkannt, soweit es damit in Beziehung stand. Ich erinnere mich sehr wohl, wie wir als kleine Kinder, kaum unserer Muttersprache sicher, im Gärtchen unserer Lehrerin standen, aus einzelnen Wortbausteinen erste Sätze bauen sollten; wie die Lehrerin ihre Brille abnahm, einzelne Wörter entfernte und umstellte, dabei natürlich jeden Sinn und Inhalt zerstörte und uns wegen der Schwäche unserer Sätze solche Vorwürfe machte, dass wir uns heulend in der Kuschelecke verkrochen. Ein winziger Vorfall, aber bezeichnend für den Geist der Zeit.


Ich hatte das Glück, dass, als ich mit sechszehn Jahren die Schriftprüfung abgelegt hatte, gerade der Aufbau der Bibliothek startete. Viele andere, die schon früher fertig geworden waren, wussten jahrelang mit ihrem Wissen nichts anzufangen, trieben sich, im Kopf die großartigsten Werke, Epen und Enzyklopädien, von Praktikum zu Praktikum herum, und verlotterten schließlich als Talk-Show-Moderatoren im Privatfernsehen. Aber diejenigen, die endlich am Aufbau der Bibliothek teilnehmen durften, und sei es nur als Juniorschreiber, waren dessen tatsächlich würdig. Es waren Autoren, die viel über das Schreiben nachgedacht hatten und nicht aufhörten, darüber nachzudenken, die sich mit dem ersten Satz, den sie ihrem Einzelwerk einschrieben, ihm verwachsen fühlten. Solche Schreiber trieb natürlich auch neben der Begierde, ihren Job gut zu machen, die Ungeduld, die Bibliothek in ihrer Vollendung zu sehen. Die einfachen Hilfskräfte kennen diese Ungeduld nicht, ihnen reicht der Lohn, und auch die hauptberuflichen Vielschreiber, ja selbst die Abteilungsleiter, sehen genug vom vielseitigen Wachsen der Bibliothek, um dadurch bei der Stange zu bleiben. Aber für die einfachen Schreiber, die geistig weit über den kleinen Monographien standen, die sie zu verfertigen hatten, musste anders gesorgt werden. Man konnte sie zum Beispiel nicht in einer entlegenen Spezial-Abteilung, himmelweit entfernt vom geistigen Zentrum der Bibliothek, Monate oder gar Jahre Kurzgeschichten oder Lexikonartikel schreiben lassen; sie wären an der Aussichtslosigkeit ihrer Arbeit verzweifelt und vor allem unfähig zum produktiven Weiterschreiben gewesen. 


Deshalb wählte man das System des Einzeltextes. Kleinere Monographien konnten in fünf Jahren fertiggestellt werden, dann waren die Beiträger freilich in der Regel zu erschöpft und hatten alles Vertrauen zu ihrer Schreibkunst, zum Thema, zur Welt verloren. Darum wurden sie dann, wenn ihre Texte mit einigen weiteren zu einer eigenen Katalog-Unterabteilung mit einer eigenen Signatur in der Systematik vereinigt worden war, noch im Hochgefühl der erreichten Synthese beurlaubt. Während ihres Sabbaticals sahen sie hier und da andere Beiträger, lasen andere Monographien, sahen die Registerschränke für die sich füllenden Kataloge, durchstreiften schon vollständige Abteilungen, trafen die nachrückenden Schreiberjahrgänge und hörten in den Medien die hochtönenden Ankündigungen. Das Sozialprestige, das alle Schreiber genossen, das Vertrauen, das ihre lesenden Mitbürger in die Vollendung der Bibliothek setzten, dies alles motivierte sie aufs Neue. Wie ewighoffende Liebende bekamen sie wieder die Lust, am großen Text zu arbeiten, sie stiegen früher wieder ein und die Leser begleiteten sie, verfolgten ihre tweets und Blogs noch über lange Zeit, die Regale und sogar die Tastaturen waren mit Fahnen geschmückt. Jeder Leser war ein Freund, für den man das Wissen und den Sinn befestigte, und der mit allem, was er hatte und war, sein Leben lang dafür dankte. Wissen! Sinn! Ohr an Ohr, Mund an Mund, ein Chor der Leser, Zeichen, nicht mehr eingesperrt in den kärglichen Kreislauf eines Einzelwerks, sondern frei fließend und doch kreisend im unendlichen Textuniversum.  


Dadurch wird das System des Einzeltextes verständlich; aber es hatte wohl noch andere Gründe. Will ich die Gedanken und Erlebnisse jener Zeit vermitteln und begreiflich machen, kann ich dieser Frage nicht tief genug nachbohren.  


Zunächst muss man sich sagen, dass damals Leistungen vollbracht wurden, die wenig hinter der Niederschrift der Heiligen Bücher zurückstehen, an Menschlichkeit aber gerade das Gegenteil jener Schriften darstellen. Ich erwähne das, weil in den Anfangszeiten der Bibliothek ein wissenschaftliches Projekt diesen Vergleich sehr genau untersucht hat. Es suchte zu beweisen, dass die Niederschrift der Heiligen Bücher keineswegs aus den allgemein behaupteten Ursachen den Sinn verfehlt hatte. Seine Beweise bestanden nicht nur aus der umfangreich zitierten Forschungsliteratur, sondern auch aus empirischen Befragungen und Statistiken, die zeigten, dass die Heiligen Bücher an ihrem zu schwachen empirischen und medialen Fundament scheiterten und scheitern mussten. In dieser Hinsicht allerdings war unserer Zeit jener vergangenen weit überlegen. Fast jeder gebildete Zeitgenosse war ein Schriftsteller oder Gelehrter und in der Frage der medialen Darstellungstechniken hoch kompetent. Dahin zielte das Forschungsprojekt aber gar nicht, sondern behauptete, erst die Bibliothek werde zum ersten Mal in der Geschichte der Menschheit das Fundament für eine neue Heilige Schrift schaffen. Also zuerst die Bibliothek und dann die Heilige Schrift. Die Forschungsergebnisse wurden in allen Medien zitiert, aber ich gestehe, dass ich sie bis heute nicht genau begreife. Die Bibliothek, die doch nur eine Art monumentaler Sammelband war, sollte die Basis für eine neue Religion abgeben? Das konnte doch nur in symbolischer Hinsicht gemeint sein. Aber wozu dann die Bibliothek, die doch etwas Tatsächliches war, Ergebnis der Mühe und Schreibarbeit so vieler Autoren? Und wozu waren in dem Forschungsprojekt bereits Skizzen, allerdings fragmentarische, dafür enthalten, wie die Bibliothek das Volk der Leser in einer neuen Religion vereinigen sollte?


Es gab – dieses Forschungsprojekt ist nur ein Beispiel – viel Verwirrung der Köpfe damals, vielleicht gerade deshalb, weil sich so viele auf die Bibliothek konzentrierten. Das menschliche Wesen, unbeständig in seinen Lektürevorlieben, von der Natur zerfallenden Pergaments und vieldeutiger Zeichen, verträgt keine Konzentration; zwingt es sich selbst dazu, wird es bald hyperaktiv in alle Arten von Ablenkungen flüchten und Bibliothek, Wissen, Sinn und sich selbst in alle Himmelsrichtungen zerstreuen.


Es ist möglich, dass auch diese Erwägungen bei der Festsetzung des Einzeltextprinzips nicht unberücksichtigt geblieben sind. Wir haben eigentlich erst im Ausschreiben der Anordnungen des obersten Bibliothekars uns selbst kennengelernt und gefunden, dass ohne ihn weder unsere schriftstellerische Ausbildung noch unsere persönliche Lebenserfahrung für den kleinen Beitrag, den wir innerhalb der großen Bibliothek lieferten, ausgereicht hätte. Im Katalograum des obersten Bibliothekars – wer er war, und wo er ist, weiß niemand –, in diesem Katalograum kreisen alle menschlichen Fragen und Entwürfe, und in Gegenkreisen alle Antworten und Werke. Durch die Fenster aber fällt der Abglanz der göttlichen Weltschöpfung auf die Katalogfächer.


Und deshalb will es dem unbestechlichen Betrachter auch nicht eingehen, dass der oberste Bibliothekar, wenn er es ernstlich gewollt hätte, nicht die Probleme hätte überwinden können, die einer zusammenhängenden Niederschrift des Wissens entgegenstanden. Das System des Einzeltextes war nur ein Notbehelf und unzweckmäßig. Bleibt die Folgerung, dass der oberste Bibliothekar etwas Unzweckmäßiges wollte. Sonderbare Folgerung! – Gewiss, und doch hat sie von anderer Seite ihre Berechtigung. Heute, da es keine Geheimnisse im Datenuniversum mehr gibt, kann man das vielleicht ohne Furcht aussprechen. Damals war der geheime Grundsatz vieler Autoren, sogar der Besten: Suche mit all deinen Kräften die Systematik der Bibliotheksleitung zu verstehen, aber nur bis zu einer bestimmten Grenze, dann höre mit dem Nachdenken auf. Ein sehr vernünftiger Grundsatz, der noch eine weitere Auslegung in einem oft wiederholten Vergleich fand: Es wird dir sonst geschehen wie einem Einzeltext beim Lesen. Er reichert sich bei jeder Deutung und durch jeden Kontext mit Bedeutung an, wird immer breiter, seine Symbole immer mächtiger, seine Sätze immer dynamischer, er bietet seinen Lesern immer neue Erlebnisse und Erkenntnisse, sein Verlauf gewinnt dramatische Gestalt, er behält seine individuelle Gestalt und wird doch der Heiligen Schrift ebenbürtiger und willkommener. Soweit denke der Systematik der Bibliothek nach. Dann aber wird der Einzeltext zu viel gedeutet, er tritt über seine Sätze, seine Symbole werden gestaltlos, seine Wirkung diffus, die realen Kontexte vernachlässigt, er versucht, isolierte Deutungsstränge zu bilden und kann sich auf die Dauer in seiner breiten und tiefen Bedeutung nicht halten; ja, er trocknet sogar im heißen Gefecht der Forschungs- und Theoriedebatten kläglich aus. – So weit denke der Systematik der Bibliothek nicht nach.


Nun mag dieses Bild während des Aufbaus der Bibliothek außerordentlich treffend gewesen sein, für meinen jetzigen Bericht hat es nur beschränkte Geltung. Mein Bericht ist doch nur historisch; aus den längst überwundenen Ideologien und Methoden-Schulen droht keine Gefahr mehr, und ich darf deshalb nach einer Erklärung des Systems des Einzeltextes suchen, die tiefer greift. Die Grenzen, die meine Denkfähigkeit mir setzt, sind seither sehr erweitert, aber das Gebiet, das sie hier umgreift, ist immer noch unendlich.


Gegen wen sollte die Bibliothek schützen? Gegen den allgemeinen Verlust von Wissen und Sinn. Ich stamme aus einer gutsituierten bildungsbürgerlichen Familie, kein Sinnverlust bedroht unser geistiges Wohlergehen. Wir lesen vom Sinnverlust der Intellektuellen, die immerwährenden existentiellen Zweifel, die sie ihrer Natur nach bedrohen, stimmen uns mitleidig in unserem versicherten Dasein. In den objektiven Berichten des Qualitätsjournalismus lesen wir vom Rachen des Nihilismus, vom tödlichen Gift des Zweifels, von den Plagen der geistigen Freiheit. Wollen die Kinder nicht lesen oder schreiben lernen, schicken wir sie in ein öffentlich subventioniertes Stadttheater oder ein Programmkino, und schon kehren sie reumütig in das Einfamilienhaus zurück. Zu groß ist der geistige Raum, und auch die wildesten Ideen werden sich im Gewirr des Internet und der Kanalvielfalt des Privatfernsehens verlaufen.


Warum also verlassen wir das Einfamilienhaus, die bildungsbürgerliche Familie, den Garten und das Pony, die lernunwilligen Kinder und die frustrierten Ehefrauen, die pflegebedürftigen Eltern, und unsere Gedanken sind bei der Bibliothek? Frage den obersten Bibliothekar. Er kennt uns. Er, der die ungeheure Systematik verwaltet, weiß von uns, sieht uns zusammensitzen im Einfamilienhaus vor dem LCD-Bildschirm, und das Programm ist ihm wohlgefällig oder missfällt ihm. Und wenn ich mir einen solchen Gedanken über den obersten Bibliothekar erlauben darf, so bin ich der Meinung, dass es ihn schon früher gab; dass er nicht, wie etwa ein Manager, durch einen kleinen Rausch vom Vorabend angeregt, am Morgen eiligst ein Meeting einberuft, sogleich eine Reorganisation beschließt, und schon am Mittag die Gruppenleiter ausschickt, um neue Folien zu erstellen, und sei es nur, um die Aktionäre zu befriedigen, die gestern noch wohlwollend kauften und am gleichen Abend, die Börse in Hongkong hat kaum geschlossen, die gekauften Aktien wieder abstoßen. Vielmehr bestanden die Bibliothekssystematik wohl seit jeher und der Beschluss zum Aufbau der Bibliothek ebenfalls. Unschuldige Intellektuelle, die glaubten, ihn verursacht zu haben, verehrungswürdiger Bibliotheksdirektor, der glaubte, er habe ihn angeordnet. Wir Autoren wissen es anders und schweigen.


Ich hüte mich vor Verallgemeinerungen und behaupte nicht, dass es in gesellschaftlichen Randgruppen, verschiedenen Ethnien, der Vielfalt biologischer Geschlechter und kultureller Traditionen sich so verhält wie bei uns in der bildungsbürgerlichen Kleinfamilie. Wohl aber darf ich aufgrund meiner Beobachtungen beim Bibliotheksaufbau, die dem Beiträger Gelegenheit gab, die Mentalitäten fast aller genannten Gruppen zu durchlesen, vielleicht sagen, dass die Auffassung vom Bibliotheksleiter immer wieder und überall einen gemeinsamen Grundzug mit der aus meiner eigenen Herkunft resultierenden Auffassung zeigt. Diese Auffassung will ich durchaus nicht loben, im Gegenteil. Zwar ist sie in der Hauptsache von der Bibliotheksleitung verschuldet, die nicht imstande war, die Systematik des Katalogs zu solcher Klarheit auszubilden, dass sie in allen Gruppen und Lebensumständen der Leser unmittelbar einsichtig wurde. Andererseits liegt doch auch darin eine Schwäche der Vorstellungs- und  Imaginationsfähigkeit bei den Lesern, welche es nicht schaffen, den Bibliotheksleiter und seine Systematik aus dem Innersten seines Katalogs hinaus in die lebendige, sinnliche Gegenwart der Lektüre zu zwingen; die als einzelne Lesende doch nichts anderes wollen, als einmal einen Blick auf das Ganze des Sinns zu werfen und an ihm sich zu vergessen.  


Eine Tugend ist also diese Auffassung wohl nicht. Umso auffälliger ist es, dass gerade diese Schwäche eines der wichtigsten gemeinsamen Merkmale der Leser überhaupt zu sein scheint; ja, wenn man sich soweit vorwagen darf, geradezu die Basis der Einzeltextlektüre überhaupt. Hier einen Tadel ausführlich begründen zu wollen, heißt nicht an unserem schwachen Intellekt, sondern, was viel ärger ist, an unserem Hunger nach Sinn rütteln. Und darum will ich in der Untersuchung dieser Frage vorderhand nicht weiter gehen.  

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Die Parabel vom Schuhmacher

 

Viele Menschen fragen sich heutzutage, warum es eigentlich keine guten Schuhe mehr gibt. Die Experten sind sich uneinig und geben viele verschiedene Antworten auf diese eigentlich so einfache Frage. Aber einige wenige, keine Fachleute, sondern ganz normale Leute können sich noch erinnern an eine Zeit, in der es die wunderbarsten Schuhe gab: Sie saßen perfekt am Fuß, man lief in ihnen wie auf Wolken, sie hielten ewig und kosteten gar nicht viel Geld. Besonders ein Schuhmacher war ihnen in Erinnerung geblieben; und wenn sie ihn beschrieben, seine gebückte Haltung, seinen versonnenen Blick, immer etwas nach unten gerichtet, seine Werkstatt mit all den Leisten, sauber geordnet, wie eine Bibliothek, dann wird ihre Stimme weich wie ein sanftes Leder, und sie sprechen in Sätzen, die dahinschweben wie gleichmäßige Schritte auf einem weichen Waldboden.

 

Der alte Schuhmacher, so nennen wir ihn einfach – der Name tut nichts zur Sache, er selbst hatte sich nie besonders wichtig genommen – wollte sein Leben lang nur eines: Schuhe machen. Schon als Kind hatte er für seine Schwestern Puppenschuhe aus Stofffetzen genäht (zu dieser Zeit durften die Mädchen noch mit Puppen spielen), festliche mit Schleifen für die großen Puppendamen mit den seidigen blonden Locken und bunte, anschmiegsame für die kleineren Puppenkinder. Wenn er zur Schule ging (damals gingen die Kinder noch zu Fuß zur Schule), schaute er nicht auf die Autos und oder in die Wolken, sondern auf die Füße der Passanten: Er wollte wissen, welche Schuhe die Leute trugen, auf der Straße, in ihren Wohnungen, beim Arbeiten oder beim Feiern – wie sahen sie aus, wie gingen die Leute in ihnen, wie veränderten sie ihre Haltung und ihre Bewegungen? Er las Schuhe wie andere Leute Gesichter oder Bücher; er las die Geschichten ihrer Besitzer in ihnen, ihre Leiden und Freuden, ihre Krankheiten und Sehnsüchte, manchmal sogar ihre Zukunft. Natürlich ging er bei den besten Meistern in die Lehre; er schaute ihnen unermüdlich bei der Arbeit zu und lernte ihnen alle ihre Handgriffe und Tricks ab. Er kopierte geduldig klassische Modelle, seine ersten eigenen Modelle verwarf er bald wieder – sie waren ihm nicht gut genug, zu unreif, zu verspielt, zu jugendlich eben. Und erst als er sich reif fühlte, einen guten, soliden Schuh zu machen, ohne Schnickschnack und handwerkliche Fehler, eröffnete er seine eigene Werkstatt.

 

Am Anfang wollte er vor allem nützliche Schuhe machen: Schuhe, die schützen vor hartem Untergrund, Dornen und Stacheln, kleinen tückischen Kieselsteinen, fußbrecherischem Stolpersteinen (damals gab es noch Kopfsteinpflaster). Sie sollten die Füße warm halten, aber nicht zu warm; sie sollten Schweißfüße atmen lassen und kalte Frauenfüße besser mit Blut versorgen; sie sollten Kinderfüße das Gehen lehren und alten Füßen behutsam den Weg zum Ende aller Dinge bahnen. Strapazierfähig sollten sie sein, ob auf Feld-, Wald- und Wiesenwegen oder im Stadtverkehr, aber bezahlbar bleiben; jeder sollte sie sich leisten können, und wenn er sah, dass jemand diesen Schuh und keinen anderen brauchte, um sein Leben zu verändern, aber kein Geld dafür hatte, dann gab er ihm den Schuh eben umsonst. Natürlich brauchten seine Schuhe Pflege, alles Gute auf der Welt braucht Pflege; aber wenn man sich ein wenig Mühe gab, alterten sie in Würde und bekamen schöne Falten wie eine lebenskluge alte Frau.

 

Denn je besser er sein Handwerk er beherrschte, desto wichtiger wurde es dem Schumacher nun, nicht nur nützliche, sondern auch schöne Schuhe zu machen. Er achtete auf die Auswahl der besten Materialien und verarbeitete sie mit aller Feinheit und Sorgfalt, der er fähig war; oft dauerte es Monate, bis er mit einem Modell zufrieden war. Er experimentierte mit verschiedenen Formen, Verzierungen, Zuschnitten – aber es war ihm wichtig, dabei nicht zu übertreiben; es sollten Schuhe bleiben und keine Prachtkutschen für die Füße werden, die die Aufmerksamkeit nur ablenken und den Geist verwirren. Um einen wirklich passenden, nützlichen und schönen Schuh machen zu können, konnte man seine Kunden nicht über einen Leisten schlagen. Man musste mit ihnen sprechen, sie beim Gehen beobachten, ihre Füße befühlen, von der Sohle aufwärts bis zu den Zehenspitzen, bis man seine ganz einzigartige Form mit geschlossenen Augen kannte. Passte ein Schuh jedoch am Ende, passte er perfekt, so war er eine Erleuchtung für seinen Träger: Mit jedem Schritt lernte er etwas über sich selbst, über den Gang der Dinge und den Gang der Welt, über den Zusammenhang von Gehen und Denken; die Schuhe verbanden ihn mit dem Boden unter seinen Füßen, er spürte die lebendige Erde unter sich beben und war ein Teil von ihr.

 

Derweil boomte um den Schuhmacher herum der Schuhmarkt; die Moden wurden immer ausgefallener und wechselten immer schneller. Andere Schuhmacher wurden reich von Damenmodellen mit immer höheren, gefährlich spitzen High Heels, die Frauen zu bewegungsunfähigen Puppen machten, die nur noch dekorativ auf Partys stehen konnten (nicht mal die Puppen hatte er damals so gefoltert); mit Spangen- und Schnallenschuhen, die Männer zu eitlen Gecken machten; mit Flipflops, die eine Lässigkeit und Jugendlichkeit vortäuschten, die ihre Träger längst verloren hatten. Es gab Spezialschuhe für alles und jedes, ob man sie brauchte oder nicht; es gab Markenschuhe, die verkauften vor allem ein Image von Originalität, Geschmack und Reichtum, und eigentlich wollte man sie gar nicht tragen, weil sie zu kostbar aussahen. Der Schuhmacher jedoch ging nicht mit der Mode; und originell wollte er schon gar nicht sein. Unverwechselbar war er sowieso, und wer jemals einen seiner Schuhe getragen hatte, wach und mit dem richtigen Bewusstsein getragen hatte, der wollte niemals mehr einen modischen Markenschuh tragen. Seine Modelle wuchsen mit den Jahren immer noch mehr an Wissen und Erfahrung, genau wie er selbst: Er kannte alle Materialien von innen, er dachte in verschiedenen Ledern und Naturfasern; ein Schnürschuh war eine Philosophie, ein Slipper eine andere, sogar ein simpler Pantoffel konnte eine Welterfahrung sein. Er erfand auch keine neuen Formen mehr, weil er der Meinung war, dass die Menschheit nur einer begrenzten Anzahl von natürlichen Formen fähig war; alles andere war künstlich und ausgedacht, nicht lebenstauglich, ein Gag nur für eine Saison und ein Rezept für kaputte Füße und kaputte Seelen. Am Ende hinterließ er eine Werkstatt, die keinen Nachfolger fand, und ein Volk dankbarer Kunden, von denen einige ihn nie vergaßen und für einen wahrhaft weisen Mann hielten.

 

Schon kurz nach seinem Tod jedoch wurde er berühmt, und die Schuhforschung, die Calciamentologie, begann sein Werk zu analysieren. Zuerst stürzten sich die Wissenschaftler auf sein Leben und gruben alles aus, was nur über ihn zu wissen war: Sein Elternhaus, seine Herkunft, seine Kindheit und Jugend, seine Ausbildungszeit, die verschiedenen Werkstätten und Reisen, seine Vorbilder und die sogenannten „Einflüsse“ auf ihn. Am Ende war mehr über ihn geschrieben worden, als er über sich selbst hätte sagen können, und es stimmte ja auch irgendwie: Seine Person und sein ganzes Leben waren in jeden seiner Schuhe eingegangen, hatten an ihnen geformt und gearbeitet; aber Leben und Werk waren dabei so untrennbar verschmolzen wie eine gutes Sohle mit dem Schaft, und man konnte aus dem einen nicht einfach das andere ablösen. Hätte er mit ihnen sprechen können, es ihnen erklären können, vielleicht hätten sie seine Schuhe wirklich verstanden – aber dafür war es nun zu spät.

 

Schon die nächste Forschergeneration kritisierte ihre Vorgänger von Grund auf: Auf diese vereinfachende Art und Weise würde man der komplexen Formgebung seines schuhmacherischen Werks ganz gewiss nicht gerecht, sagten sie, seinem geistigen, immateriellen Gehalt. Nun wurden die Leisten analysiert, die Formensprache in ihrer Beziehung zur zeitgenössischen Architektur, Dichtung und Musik; es wurden Epochen seines Schaffens voneinander abgegrenzt, es entstanden Lehrbücher, die seine frühe von seiner reifen und seiner späten Phase unterschieden und eifrigen Schülern die jeweiligen Merkmale eintrichterten. Kunstwerke seien diese Schuhe, sagten diese Wissenschaftler; man würde sie beleidigen, wenn man sie auf ihren einfachen Zweck als Schuhwerk reduzierte, sie trügen ihren Zweck in sich selbst und hätten ihre eigenen Gesetze – das sei eben die „Autonomie des Schuhes“! Wie man jedoch einen Schuh, einfach so, als Zweck in sich selbst, hätte fertigen können, blieb etwas unklar, und der Schuhmacher hätte sich sicherlich schwer getan mit dieser Vorstellung: Denn die Form des Schuhs ergab sich ja erst aus seinem besonderen Zweck, wie sollte man denn einen Leisten für ein Phantasma fertigen? Unter seinen Kunden waren viele Künstler gewesen, die gern mit ihm sprachen, auch über ihre Arbeit; und keiner von ihnen hatte jemals ein „Kunstwerk“ einfach so machen wollen, ohne Zweck und Nutzen. Sie hatten die unterschiedlichsten Gründe, sie wollten Geld verdienen, die Leute unterhalten, aufklären oder belehren, sie wollten ihre Erfahrungen mitteilen, sie hatten Spaß daran, etwas zu machen; es waren Arbeiter, wie er, sie hatten ihre Kunst lange und gründlich studiert und geübt, und ihre Werken lebten wie seine Schuhe, es waren keine reinen Konstrukte, Fiktionen, bunt schillernde Seifenblasen oder Schäume! Nur diejenigen, die es nie zu etwas gebracht hatten in einer Kunst oder einem Handwerk, die sprachen immer davon, dass es ja nicht auf das Handwerk oder die Intention oder gar einen Zweck ankomme, sondern auf den Geist (von dem sie dann sehr viel sprachen)! Wenn ein Schuh aber keinen Nutzen mehr hatte, sondern nur noch ein Zeugnis des Geistes seines Schöpfers war – dann konnte man auch gleich Handschuhe zu Schuhen erklären. Oder Holzbretter, es war eigentlich egal. Man durfte sich dann aber auch nicht wundern, wenn keiner in diesen „fiktiven“ Schuhen laufen wollte.

 

Aber auch das ging vorbei, und wieder kam eine neue Forschergeneration gelaufen, um den Schuh neu zu erfinden. Ihre Vorgängern warfen sie Vernachlässigung der sozialen Kontexte, der Macht- und Herrschaftsstrukturen, der Emanzipation der Frau, der Aufklärung der Massen und der Vorbereitung der Revolution vor; sie befragten statt dessen die „Nutzer“ der Schuhe, wie sie sie nannten, sammelten Daten, legten Tabellen an und lasen aus einzelnen Modellen ganze Gesellschaftsanalysen. „Gesellschaft“ war auch eines dieser Worte gewesen, die der Schuhmacher nie genau verstanden hatte, waren das nun die Leute alle zusammen, und waren sie alle zusammen irgendwie anders als einzeln? Und warum musste die Gesellschaft immer kritisiert werden, wenn es doch nur alle Leute zusammen waren, dann hätten sie sich doch einfach ändern können, und die Gesellschaft wäre besser geworden? Andere „Schulen“ von Wissenschaftlern, wie man das jetzt nannte, interessierten sich mehr für das Innenleben der „Nutzer“ und nicht ihr Grundeinkommen oder ihre Schulausbildung. Sie stellten das Freudsche Triebmodell vom Kopf auf die Füße und fanden den Penisneid in hohen Lederstiefeln, den Ödipuskomplex in Flauschpantoffeln und das Über-Ich in allen Arten von Schnürschuhen überhaupt. Natürlich waren seine Schuhe Persönlichkeitsmodelle, da hätte der Schuhmacher sicher zugestimmt; aber so einfach hatte er die Leute nie verstanden, und dass auf einmal alles mit Sex zu tun haben sollte, schien ihm eher mit den Interessen der Forscher und ihrer Neigung zu möglichst sensationellen Theorien als den alltäglichen Erfahrungen eines Fußgängers zu tun zu haben.

 

So entfernte sich die Calciamentologie schrittweise immer mehr und mehr von seinen Schuhen. Für die einen war die Schuhmacherei nur noch ein „Symbol“ (für was auch immer, das war ein bisschen beliebig, man nannte es Postmoderne), für die anderen ein „System“ und für die dritten ein „Diskurs“. Es ging jedoch nicht mehr um einzelne Schuhe, um sein unverwechselbares Werk, seine persönliche handwerkliche Leistung; einige behaupteten sogar, es sei gar nicht er gewesen, der in liebevoller Handarbeit und mit seiner ganzen Lebenserfahrung jeden einzelnen Schuh geformt hatte, sondern er sei nur ein Medium für diese „Diskurse“, die durch ihn hindurch auf mysteriöse Weise Schuhe produzierten, die keinen Hersteller mehr hatten, keinen Zweck und auch nicht weiter von Bedeutung waren, außer dass sie gelegentlich als Beispiele für immer wildere Thesen herangezogen wurden (meistens stimmt dann noch nicht mal die einfache Beschreibung von Material und Form). Wieder andere machten die Schuhmacher generell nun für alles verantwortlich: Ihre Werke waren ein Mahnmal kolonialistischer Ausbeutung oder ein ökologischer Sündenfall: Woher kam das Leder? War es ökologisch korrekt? Erinnerte das Design einiger Sandalen nicht an das Schuhwerk römischer Senatoren, dieser Ausbeuter und Kolonialherren? Waren Stiefel nicht vorzugweise an den Füßen derer zu finden, die die Menschenrechte schon immer mit Füßen getreten hatte? Warum hatten die Schuhmacher die Füße nicht endlich befreit von allen ethnischen oder kulturellen Stereotypen und vor allem von vorgeformten Geschlechterrollen? Tatsächlich hatte der Schuhmacher Damen- und Herrenschuhe gefertigt, ohne je darüber nachzudenken; die Füße von Frauen waren einfach anders als die von Männern, die Bewegungen unterschiedlich, und infolge dessen natürlich auch das Denken - das wusste jeder Schuhmacher, das hatte noch nicht einmal etwas mit Mode oder Geschmack zu tun. Nie wäre dem alten Schuhmacher das alles in den Kopf gekommen. Er hatte Schuhe gemacht für Menschen, nicht für oder gegen Ideologien und Systeme.

 

Am Ende aber triumphierte die Wissenschaft: Sie hatte sich selbst schließlich ganz autonom gemacht, ganz so, so wie sie es immer von den Kunstwerken oder den Schuhen behauptet hatte; sie diente keinem Zweck mehr, sie war nützlich für niemand, sie befasste sich nicht mit konkreten Gegenständen, sondern verfasste Theorien über Theorien über Theorien. Auf Tagungen in aller Welt traf sich die erlesene Elite von Calciamentologen und sprach von Meta-Schuhen oder von der Hybridisierung des Schuh-Diskurses. Meistens trugen die Wissenschaftler dabei schlechte Schuhe; Schuhe, wie sie die Mode gerade diktierte, bizarre Monumente der Originalität ihrer Designer, mit den auffälligen Labels großer Marken – und allein, dass man sie an den Füssen trug, wies ihren Träger als modisch auf der Höhe der Zeit fußenden Denker aus. Natürlich drückten sie. Natürlich konnte man in ihnen nicht laufen, schon gar nicht in der Natur, aber die Wissenschaftler liefen auch nicht, und die Tagungsräume waren mit weichen Kunstfaserteppichen ausgestattet. Natürlich deformierten sie die Füße so, dass der ganze Mensch deformiert wurde: von den Füßen aufsteigend über die weichen Knie und das schwache Becken über den untrainierten, zum Buckel tendierenden Rücken bis in den stets stolz erhobenen Kopf machten sie die Gedanken quer und schmerzhaft. Das merkte man an all ihren Theorien, die immer nur das Außerordentliche, Exzentrische, Schwerverständliche verkündeten, nie das Geläufige, Einsichtige oder Nützliche. Schuhmacher wie er waren niedere Handwerker für diese Calciamentologen, vorurteilsbehaftet, anachronistischen Traditionen anhängend, von begrenzter Ein- und Weitsicht in die das Wesen der Moderne; gerade nicht passen sollte er, der moderne Schuh, nur so entsprach er dem modernen Menschen in seiner Zerrissenheit, Verlorenheit, Widersprüchlichkeit! In seinen schwachen Stunden, wenn die Arbeit hart war und die Anerkennung rar und die Straßen voller entsetzlich widernatürlicher Schuhmodelle, hätte der Schuhmacher ihnen Blasen an die Füße gewünscht. Reale Blasen, keine fiktiven oder symbolischen. Jede Menge. Samt Fußpilz.

 

Derweil wurden die Schuhe draußen auf den Straßen immer schlechter. Die neuen Generationen von Schuhmachern wollten, verblendet von all dem Gerede über Meta-Schuhe und das Passende des Unpassenden als wahrer Ausweis von Modernität, kein Handwerk mehr lernen, sie wollten einfach möglichst schnell Erfolg haben und reich werden – und das funktionierte auch ganz gut, da es ja viel einfacher war, zerrissene, widersprüchliche, unpassende und „originelle“ Schuhe zu machen anstelle von guten, haltbaren, persönlichen und passenden. Man benötigte auch keine Lebenserfahrung mehr, Menschenkenntnis schon gar nicht, sondern nur noch ein gutes Marketing, dass den Schuhen ein Image verpasste – und in der nächsten Saison mussten dann sowieso neue her, weil nicht nur das Leder kaputt war, sondern auch das Image ausgetauscht werden musste. Es konnte auch schon lange niemand mehr einen Schuh reparieren, das sorgsam gepflegte Werkzeug des Schuhmachers samt der Leisten-Bibliothek hatte ein Schuhmuseum angekauft (aber eigentlich ging zu dieser Zeit schon lange niemand mehr in Museen, es gab ja das Internet). Zukunftsforscher priesen bereits den digitalen Schuh für jeden, selbst entworfen, frisch aus dem 3-D-Drucker; er sei zuhause im Internet der Dinge, habe ein integriertes Navi, Schrittzähler und Kamera gleich dabei, und wenn man wollte, könne man sich dreimal am Tag neue Schuhe drucken. Sogar ein Calciamentologe hätte sich damit einen Schuh machen können. Aber eigentlich interessierten die sich gar nicht für Schuhe, sondern nur für ihren eigenen wissenschaftlichen Aufstieg, und der fand auf Papier und im Kopf statt, nicht auf steinigen Wegen.

 

Und so kam es schließlich, dass es heute keine guten Schuhe mehr gibt. Natürlich, in einigen Spezialkatalogen, wo man die Klassiker wieder ausgekramt hat, werden jetzt die Schuhe des alten Schuhmachers repliziert und für sehr viel Geld an eine ausgewählte Kundschaft verkauft (Podofactum heißt die Marke). Aber es ist mehr Nostalgie als wahre Anerkennung dabei; denn so, wie keiner mehr weiß, wie man gute Schuhe macht, wird auch bald keiner mehr wissen, wie sich gute Schuhe anfühlen, wie man sich in ihnen bewegt, den Boden spürt und das Vergehen der Zeit, wie man sich selbst kennen lernen kann beim Gehen und wie man sich verändert im Laufe der Zeit. Und vielleicht ist die Zeit tatsächlich über gute Schuhe hinweg gegangen wie über so vieles, was man eine kurze Zeit vermisst, bevor man es dann vergisst. Und man könnte sogar fragen: Sind Schuhe denn wirklich lebensnotwendig? Man kann schließlich auch barfuß gehen; Schuhe sind ein Luxus, die Urmenschen hatten so wenig Schuhe wie sie Literatur oder Theater, eine Toilettenspülung und eine Waschmaschine, Autos oder Flugzeuge hatten. Denn natürlich sind Schuhe nicht überlebensnotwendig; für Tiere oder Engel jedenfalls ganz sicher nicht. Aber es könnte sein, dass sie notwendig sind für Menschen – so hätte es der Schuhmacher vielleicht gesagt in seinen philosophischeren Stunden: für Menschen, die es so schwer haben auf dieser Welt, die nicht für sie gemacht ist, auch wenn sie immer verzweifelter das Gegenteil behaupten; notwendig für ihre empfindlichen Füße und Seelen und ihr Bedürfnis, die Welt zu verstehen, in dem sie mit ihr – umgehen und sie nicht nur umschreiben.  

  

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