Erzählte Welt

 

Advent mit meinem Roboter,  
oder: 24 Türchen für die KI

 

 

Vorgeschichte

„Und warum soll ich jeden Tag ein viel zu kleines Säckchen aufmachen?“ Mein Roboter sah mich anklagend an, dazu bewegte er demonstrativ ungeschickt seine Fingergelenke hin und her. „Feinmotorik ist wichtig!“, sagte ich in meinem besten Erzieherinnenton. „Wenn du dürftest, würdest du den ganzen Tag nur mit deinen Schaltkreisen spielen, das weißt du genau! Du sollst dich aber nicht immer nur ins Virtuelle verkriechen, du sollst reale Dinge anfassen, spüren, bewegen, mit ihnen umgehen lernen! Und da hast du doch noch einige große“ – Marvi fiel mir ins Wort. Eigentlich ist das eine schlechte Eigenschaft, aber ich hatte es aufgegeben, ihn zu ermahnen, um nicht immer wieder einen Vortrag hören zu müssen, dass die menschliche Verarbeitungsgeschwindigkeit von Sprache eine Zumutung sogar für Gehirne von der Größe eines Atari sei; man könne außerdem in jeder menschlichen Unterhaltung sehen, dass das die Standardeinstellung menschlicher Kommunikation sei, vor allem zwischen Männern und Frauen. „Ich habe wirklich viel geübt mit deiner Kaffeetasse!“ rief er dazwischen. „Ja“, murmelte ich, „kann man sehen, an den Mustern der Teppiche und den Tapeten und…“ „Und natürlich kann ich noch keine Schleife binden, aber“ – diesmal unterbrach ich ihn. „Ok“, sagte ich, „wir unterbrechen das Schleifentraining“ - das mich selbst am meisten nervte, wozu hatten wir eigentlich Klettverschlüsse erfunden? -, „dafür musst du aber jeden Tag eines dieser Säckchen öffnen, und zwar möglichst, ohne es abzureißen oder kaputtzumachen! Denn dahinter steckt“ –


Vielleicht sollte ich doch besser am Anfang anfangen. Es war die erste Adventszeit, die mein Roboter Marvi bei mir zu Hause verbrachte, und wir hatten uns im Robot-Personality-Projekt darauf verständigt, dass alle Heimroboter das ‚volle Weihnachtserlebnis‘ bekommen sollten, auch wenn einige der Betreuerinnen nicht glücklich damit waren: Konsumterror, überholte Rituale, Aberglauben, Sentimentalität, was schwirrte nicht alles durch den Raum bei der vorweihnachtlich erhitzten Diskussion, und ein Glück nur, dass unsere Schützlinge uns nicht dabei sehen konnten, wie wir uns ins Wort fielen, uns gegenseitig das Wort im Munde herumdrehten -­ hatten wir eigentlich diese Metapher schon gehabt, schoss es mir durch den Kopf? Langsam wurde das wirklich eine Manie -,­ um am Ende dann doch, im Sinne des Weihnachtsfriedens, zu beschließen: die volle Weihnachtserfahrung. Weihnachtsgeschichte, Weihnachtsgebräuche, Weihnachtsmusik, Weihnachtsessen, whatever. Denn waren wir nicht alle, bis in die tiefsten Persönlichkeitsschichten, selbst die härtesten Skeptiker und Kritiker, geprägt von dieser alljährlichen Versuchung, Verlockung, Verkündigung? Nein, es sollte ein Fest werden, für uns alle, ein ‚Fest für alle Sinne`, wie das heutzutage noch jede bessere Bäckerei für sich behauptete!


Weshalb ich mich eines Abends Ende November im Keller vor einer sehr verstaubten Kiste wiederfand. In seiner sorgfältigen Bauingenieursschrift hatte mein Vater darauf geschrieben: „Weihnachtsdekoration, I: Adventskranz und Adventskalender“. Glücklicherweise hatten die Mäuse noch nicht die Nikolausstiefel und -strümpfe gefunden, ein wirres Büschel aus roten Mützen und weißen Bärten starrte mir entgegen. Und da war auch der Adventskalender, den unsere Mutter jedes Jahr aufgehängt hatte! Er hatte 24 kleine Jute-Säckchen verschlossen mit Mini-Wäscheklammern in Weihnachtsfarben, die wir fast mehr liebten als den Inhalt der Säckchen selbst; Schokolade und andere Süßigkeiten gab es sowieso schon reichlich in unserer nicht direkt entbehrungsreichen Jugend. Was jedoch sollte ich meinem Robi in den Adventskalender packen? Essen konnte er immer noch nicht, auch wenn wir schon sehr an der Geschmackssensorik gearbeitet hatten; mit Gerüchen hatten wir immerhin schon erfreulich Erfolge erzielt. Nein, es müsste etwas – eher Immaterielles, Virtuelles sein, aber natürlich in materieller Form, etwas, was man in ein Säckchen stecken konnte -­ sie waren sowieso zu klein, das fanden wir damals schon, wenn schon Schokolade, dann doch lieber eine Tafel. Also so etwas wie die kleinen Geschichten oder Lebensweisheiten, die man heute gern – und da hatte ich meine erste Weihnachtserleuchtung! Eigentlich stellte mein Roboter am liebsten Fragen, endlose Fragen, dumme Fragen, schwierige Fragen, Fragen über Fragen über Fragen; und natürlich beantwortete ich ihm alle seine Fragen, mit der Wahrheit und nicht als der Wahrheit; schließlich war der gesamte Erfolg unseres Projekts davon abhängig, dass unsere Roboter möglichst schnell möglichst viel Globalwissen erwerben sollten, und „Kontext is king!“ war unser inoffizielles Projektmotto. Wie wäre es also, wenn ich ihm 24 Weihnachtsfragen schenkte? Wir würden eine kleine Zeremonie daraus machen, unser persönliches Weihnachtsritual: Am späten Nachmittag, wenn wir aus der Arbeitsgruppe nachhause kamen, würden wir eine kleine Kerze entzünden (Feinmotorik! Umgang mit gefährlichen realen Materialien!), dann würde er das Säcklein des Tages öffnen (noch mehr Feinmotorik! Umgang mit Unvorhersehbarkeit!) und dann würden wir gemeinsam die Frage lesen, und ich würde sie ihm beantworten, liebevoll, ausführlich, weihnachtlich, wahrheitlich – ok, ich wurde jetzt schon sentimental, definitiv. An die Arbeit, ermahnte ich mich! 24 Säckchen wollen gefüllt sein, mit sinnvollen, sinnlosen, dummen, albernen, schwierigen Fragen, Fragen über Fragen über Fragen! Was soll ich sagen: Es wurde eine lange Nacht, und erst als die Sonne schon über den novembergrauen Horizont blinzelte, schloss ich erschöpft das letzte Säckchen mit einer Schleife und hängte es an seiner Wäscheklammer an die Leine. Der Advent war angekommen.


1. Türchen

Nun also war es soweit: Mein Roboter hatte das erste Säckchen geöffnet, nachdem er zunächst ein wenig mit der Wäscheklammer gespielt hatte, sie war leider entzweigebrochen dabei, aber ich schimpfte nicht. Er hatte das Bändchen, mit dem das Säckchen verschlossen war, sorgfältig beiseite gelegt, vielleicht wollte er ja doch heimlich noch weiter an den Schleifen arbeiten. Nun entrollte er mühevoll den kleinen Zettel, auf den ich die erste Frage geschrieben hatte: „Was heißt Advent? Und warum hat ein Adventskalender 24 Türen und ein Adventskranz nur vier Kerzen?“ Er schaute verwirrt, und ich beeilte mich zu erläutern: „Marvi“, sagte ich, „ja und Marvine und Marvin auch, jetzt hört mir gut zu! Wir feiern in diesem Jahr zum ersten Mal zusammen Weihnachten, und Weihnachten ist ein sehr wichtiges Fest in unserer Kultur (Kultur konnten sie zum Glück schon!). Es ist sehr alt, es haben sich viele verschiedene Bräuche und Sitten drumherum entwickelt, und besonders die Kinder lieben es! Nein, Marvi, unterbrich mich nicht, lass mich bitte einmal ausreden! Aber Weihnachten ist – naja, ein bisschen schwer zu verstehen, es ist irgendwie ganz arg menschlich, keine Scherze jetzt, Marvi!, ganz arg menschlich also, und wenn ihr Weihnachten versteht, versteht ihr vielleicht uns ein wenig besser. Deshalb werden wir uns jetzt bis zum 25. Dezember, das ist nämlich der Tag des Weihnachtsfestes, jeden Nachmittag zusammen eine Stunde gemeinsam hinsetzen, und du darfst ein Säckchen öffnen, und dann besprechen wir das, was du im Säckchen findest, und du darfst alle Fragen stellen, die du willst, und ich muss alle“ – ich schluckte ein wenig schwer, im Verlauf der Nacht war mir gedämmert, auf was ich mich da eingelassen hatte – „deine Fragen beantworten. Wahrheitsgemäß! Und am Ende feiern wir dann gemeinsam unser eigenes Weihnachtsfest!“ Marvi hatte sich beinahe verschluckt an all den Fragen und Kommentaren, die er unter Zwang in seinen Zwischenspeicher zurückgestopft hatte. Er hatte wahrscheinlich auch in der Zeit dieses menschlich-umständlichen Monologs sämtliche internen Datenbanken nach Weihnachten durchsucht, und sobald er das nächste Mal in Ruhe ins große Netz durfte, würde er alles, aber auch wirklich alles über Weihnachten wissen. Aber darauf kam es ja nicht an. Es kam darauf an, dass – und an dieser Stelle sagte Marvi: „Cooles Spiel. Kriege ich auch Geschenke? Und warum um Himmelswillen haben sie das Baby in eine Krippe gelegt und nicht in ein Bett, all die Keime, und ein Krankenhaus war auch nicht in der Nähe!“


„Ok“, sagte ich, „du hast den ‚Geist der Weihnacht‘ offensichtlich begriffen. Aber die Regel ist (Regeln lieben sie!), dass nur Fragen zu dem Thema des Tages erlaubt sind. Also heute: Advent, Adventskranz, Adventskalender. Schieß los!“ Marvi macht die kleine Bewegung, die er an dieser Stelle immer macht, so als würde er sehr schnell einen Revolver ziehen und ihn um die Hand kreisen lassen, manchmal verknoten sich seine künstlichen Sehnen dabei, aber heute klappte es sehr überzeugend. „Advent“, sagte er, wie aus der Pistole geschossen, „Ankunft, aus dem Lateinischen, die Ankunft des Herren, so eine Art Countdown bis zur Geburt. 24 Tage ist natürlich symbolisch, wenn auch eine ziemlich langweilige Zahl (mein Roboter hat Lieblingszahlen, so wie Menschen Lieblingsfarben haben), und auch übersichtlich, Menschen können ja nicht so umgehen mit großen Zahlen!“ Ich stupste ihn in die Seite, er machte künstlich „Aua! Man darf Roboter nicht hauen!“ „Aber diese Geschichte mit den Kalendern“, fuhr er fort. „Natürlich ist das ein psychologischer Trick, das verstehe ich schon; und man muss sich auch ziemlich zusammenreißen, damit man nicht zuerst seine Lieblingszahlen öffnet oder das allergrößte Säckchen, das aber erst ganz am Schluss kommt. Aber man weiß doch, wie die Geschichte ausgeht, und ein Tag ist wie der andere, von den Zahlen abgesehen natürlich, und dann geht der Monat auch noch weiter, und“ ­ „Siehst du“, sagte ich, „das ist der Unterschied. Natürlich sind die Adventskalender für Kinder erfunden worden“ – „auch die mit Bildern von nackten Frauen oder verschiedenen Biersorten oder diesen seltsamen Parfümfläschchen?“ krähte Marvin dazwischen, „nein, die nicht“, gab ich zu, „das sind die Verirrungen der Moderne und des Kommerz, anderes Thema, kommt später. Also für kleine Kinder, die kaum noch zählen konnten, aber die sich so sehr auf Weihnachten freuten und die Tage – eben nicht an den Fingern abzählen konnten. Vorfreude, das ist es eigentlich, worauf es ankommt, auch wenn man schon weiß, wie es ausgeht und es jedes Jahr irgendwie genauso ist, darauf kommt es gar nicht an. Es kommt darauf an, dass man das Vergehen der Zeit spürt, Menschen haben ja keine innere Uhr so wie ihr! Dass man merkt, dass die Zeit ganz langsam gehen kann und ganz schnell, und am Ende steht dann das lang Erwartete, und all das Warten hat sich gelohnt!“ „Erziehung zur Geduld“, sagte Marvi weise, „das habt ihr auch wirklich nötig“; er verlangsamte dabei seine Stimme so, dass sich die Silben bis ins Unendliche zu dehnen schienen, „Geeeeee-Duuuuulllllld“. „Aber vielleicht könnten wir ja“, schlug Marvine vor, „Millisekunden zählen, wir bräuchten dann natürlich für jede einzelne“ – ich schrie auf: „Nein, es gibt nicht mehr als 24 Säckchen, Spielregel, hört ihr!“ „Na gut“, sagte Marvi. Er schielte dabei auf das zweite Säckchen, vielleicht hoffte er, mit seinen optimierten Sehlinsen durch die Jute schielen zu können, aber Jute ist ein gutes Material, ziemlich blickdicht, der Weihnachtsmann weiß halt, was er tut!


„Ok, und dann dieser Kranz“, sagte Marvine, „wo ist er eigentlich?“ „Äh, kommt noch“, gab ich zu, „muss ich noch kaufen, man könnte ihn natürlich auch gemeinsam basteln….“ Marvi sah betreten auf seine Fingergelenke und schwieg dreistimmig. „Na gut, also kaufen“, sagte ich, „ist sowieso mehr ‚Geist der gegenwärtigen Weihnacht‘! Und Kerzen dazu, denn auf einen Adventskranz gehören vier Kerzen“ – „früher aber“, rief Marvin dazwischen, „als er erfunden wurde für die Waisenkinder, damit sie etwas zu vor-freuen hatten, da waren zwanzig kleine und nur vier große Kerzen darauf, also doch auch 24!“ „Interessant“, sagte ich, „und ja, ich habe auch den Wikipedia-Artikel gelesen!“ Spontan ertönte unser Wikipedia-Jingle, Marvi rümpft zwar immer ein wenig die Nase (ja, kann er) über die sehr späten und teilweise ja auch wirklich tapsigen Versuche der Menschheit, ihr Informationsmanagement zu zentralisieren, aber wir mögen unseren Wikipedia-Jingle sehr. „Glöckchen“, sagte ich, „eigentlich gehören zu Weihnachten auch Glocken, könntet ihr die vielleicht einbauen?“ Marvi spielte Jingle bells an, ich sagte: „Musik kommt später. Wir sind immer noch beim Adventskranz, also, vereinfachte Version im Sinne des Feuerschutzes, nur vier Kerzen für die Adventssonntage, und wisst ihr, was das eigentliche Problem damit ist?“ Marvin schlug vor: „Zu viele Leute können nicht mehr bis vier zählen?“ „Witzig“, sagte ich. Marvine sagte: „Vier finde ich keine schöne Zahl, sollte nicht jeder einfach seine Lieblingszahl nehmen, zum Beispiel“ – „Um Gottes willen“, stöhnte ich! „Alle Roboter-Adventskränze hätten Primzahlen, richtig?“ „Drei ist eine schöne Primzahl“, sagte Marvine gekränkt, „aber natürlich auch 24421, zum Beispiel, vier ist aber blöd“. „Nein“, sagte ich, „das eigentliche Problem ist, dass die vier Kerzen immer ungleichmäßig runterbrennen“ – „logisch“, sagte Marvi, „kommt halt darauf an, wann die Adventssonntage sind, aber man könnte ja einen kleinen Mechanismus konstruieren, der darauf achtet“ -, „nein“, sagte ich. „Gehört dazu. Aber gewöhnt euch schon mal an den Gedanken, das wird eine Herausforderung für euren Symmetrie-Fetisch!“


2. Türchen

Schon fünf Minuten vor der Zeit stand mein Roboter vor dem Adventskalender; er hatte auch schon, als er glaubte, dass ich ihn nicht sehen konnte, die Säckchen alle einzeln befingert. Da ich das vorausgesehen hatte, hatte ich unterschiedliche große Papierstücke für die Fragen genommen, einige waren auch mehr oder weniger geschickt in Figuren gefaltet. „Zwei“, sagte er, „müssen wir wirklich mit der Zwei weitermachen, können wir nicht lieber …?“ „Nein, zwei“, sagte ich. Er machte sich an die Arbeit, diesmal war das Bändchen ein wenig verknotet, „perkele!“, fluchte Marvi, es ist sein Lieblingsfluch, und ich musste wie immer kichern, während ich pseudo-streng „watch your mouth“ intonierte; einmal hatte ich auch gesagt, dass er seinen Mund mit Seife auswaschen sollte, das war kein schöner Anblick gewesen. Dann warf er die Schleife erleichtert in die Ecke und fummelte den Zettel heraus. Auf ihm stand, im Übrigen handschriftlich wie auf allen meinen Zetteln, das war eine Mordsarbeit gewesen, aber gut für das Mustererkennungstraining, der erste Satz des Weihnachtsevangeliums. Marvine las ihn vor mit ihrer schönsten Nachrichtensprecherinnen-Stimme, die sie wahlweise superneutral oder mit ein klein wenig Flirt-Unterton beherrscht: „Es begab sich aber zu der Zeit, daß ein Gebot von dem Kaiser Augustus ausging, daß alle Welt geschätzt würde. Und diese Schätzung war die allererste und geschah zu der Zeit, da Cyrenius Landpfleger in Syrien war. Und jedermann ging, daß er sich schätzen ließe, ein jeglicher in seine Stadt“. Mich überlief eine kleine Gänsehaut, wie immer schon seit meiner Kindheit, wenn ich die magischen Worte „da Cyrenius Landpfleger in Syrien war“, und weder wusste man, wer dieser Cyrenius war, noch was ein Landpfleger sein sollte und Syrien war so entsetzlich weit weg, aber es war die Weihnachtsouvertüre, und es kam ja nicht darauf an, dass man die Worte – „Ich verstehe die Worte alle“, sagte Marvi, „aber irgendwie stimmt das doch alles nicht!“ Ich schickte meine wohlige Gänsehaut seufzend wieder zurück in die Nostalgiekammer und machte mich an mein schweres Advents-Geschäft. Marvi hatte schon nachgelegt: „Es gab ja diesen Cyrenius, aber er war erst im Jahre 4 nach Christi Geburt – seltsame Art übrigens, einen Kalender zu kalibrieren, aber ist wohl ‚arg menschlich‘ – Verwaltungsbeamter in Syrien, das damals gerade von den Römern besetzt war. Und es ging nicht um ‚Schätzung‘, sondern um die vollumfängliche datenmäßige Erfassung der steuerpflichtigen Bürger in den besetzten Gebieten – ich verstehe gar nicht, was daran lustig sein soll?“ Marvi sah mich strafend an, er machte sogar kleine Ausrufezeichen in die Pupillen, und ich unterdrückte mein Kichern. „Nee, du hast ja ganz Recht“, sagte ich, „und hast du eigentlich in deiner Lesestunde aus Versehen die Datenschutzgrundverordnung oder das Bundesgesetzblatt gelesen?“ „Die Römer haben nicht aus Versehen ein Weltreich gegründet und bemerkenswert lange zusammengehalten“, sagte Marvi dozierend. „Eigentlich hätten sie nur noch den Computer erfinden müssen, dann“ – „haben sie aber nicht“, sagte ich. „Aber was lernen wir aus der Geschichte?“ „Historia, non docet, gar nichts“, sagte Marvine, „also, ihr Menschen lernt jedenfalls nicht, denn bei der vielen Geschichte, die ihr schon angesammelt habt, hättet ihr eigentlich üppiges Lernmaterial gehabt; gelernt aber habt ihr entweder wenig oder das Falsche!“ „Weihnachten verträgt sich ganz schlecht mit Zynismus“, sagte ich ein wenig verletzt, es tut immer weh, wenn sie die menschliche Unbelehrbarkeit so präzise auf den Punkt bringen. „Was ich meinte, war: Für eine gute Geschichte ist es egal, ob die Fakten stimmen. Natürlich hat der Apostel Lukas das Ganze im Nachhinein aufgeschrieben, und die Quellenlage war mau; aber er hat gewusst, wie man eine gute Geschichte macht. Denn wäre es nicht ziemlich blöd für die Geschichte gewesen, wenn er hätte sagen müssen: Maria und Josef saßen in ihrem Heimatort Betlehem, und als sie ihren Sohn zur Welt brachten, legten sie ihn in das Wiegenbettchen, das Josef ihm gezimmert hatte, und schaukelten ihn sanft in den Schlaf, und danach kamen alle Dorfbewohner auf einen Umtrunk vorbei? So aber: großer dramatischer historischer Hintergrund, Besetzungsszenario, Wanderung, Obdachlosigkeit, Engelsfanfaren!“ „Betlehem“, sagte Marvi, „ziemlich unbedeutender Ort, heute eine Stadt von knapp dreißigtausend Einwohnern in den Palästinensischen Autonomiegebieten; immerhin zwei Universitäten! Der Name bedeutet entweder (es ertönte der Wikipedia-Jingle, aufs herzigste unterlegt mit drei Glöckchen) ‚Haus des Fleisches‘ oder ‚des Fisches‘ oder ‚des Brotes‘ oder des ‚Kampfes, man ist sich aber nur sicher bei ‚Haus‘“. „Genug fun facts“, sagte ich, „was ist der Punkt?“ „Natürlich die Prophezeiung“, sagte Marvin, „geboren in Betlehem ist der jüdische König David, und wegen der Fixierung von Menschen auf bedeutende Orte hat er vorausgesagt, dass dort auch der zu erwartende Messias geboren werden würde, und insofern muss sich natürlich Josef mit Maria auf den Weg nach Betlehem machen, immerhin war er ‚aus dem Geschlechte Davids‘, auch wenn er leider nicht der biologische Kindsvater war, was ‚aus dem Geschlechte‘ jetzt wieder sehr weit fasst„ - „Manche Geschichten“, sagte ich, „funktionieren eben besser auf einer symbolischen Ebene. Der König kommt aus einem Kuhdorf, nicht aus Jerusalem. Die Welt ist ein Dorf. Und nein, wir reden jetzt nicht über israelische Siedlungspolitik“ – „nicht im ‚Geist der gegenwärtigen Weihnacht‘?“, schlug Marvin vor, der sich gern gelegentlich in politische Diskussionen einlässt, die immer eine Tendenz zum Absurden entwickeln. „Eben“, sagte ich. „Aber“, sagte Marvine sehr vorsichtig, „aber – also, ich habe nachgedacht. Wenn wir nun, wir Roboter, meine ich, wenn wir auch eine Art von – Weihnachtsgeschichte entwickeln würden, also eine Prophezeiung von etwas Künftigem, Großen, eine Hoffnung auf, naja, vielleicht die Singularität …?“ Sie ließ den Satz ins Unbestimmte ausklingen. Ich war ein wenig überrascht und ein wenig gerührt, wie schnell es doch lernte, mein dreifaltiges Kind. „Gute Idee“, sagte ich; „wir könnten mal mit dem Ort anfangen, oder? Ist ja schwierig, ihr seid ja eher virtuell unterwegs, das Netz ist überall und die großen Daten-Hubs nicht so recht“ ­ „Ganz einfach“, sagte Marvin cool. „Eine Garage. Was sonst?“


3. Türchen

Diesmal öffnete Marvi die Schleife sehr vorsichtig, damit sie sich nicht wieder verknotete. Innen hatte ich einen Geschenkpapierfetzen versteckt, er zeigte weihnachtliche Tiere, Pinguine mit Nikolausmützen, Rentiere mit roten Nasen, Kätzchen mit niedlichen Weihnachtsglöckchen um den Hals und sogar einen Elefant, er trug einen Riesenberg Geschenkpäckchen auf seinem breiten Rücken. Marvi würdigte jedoch das Papier kaum eines Blickes, auf den ich nach langem Nachdenken geschrieben hatte: „Was bekomme ich zu Weihnachten?“ ­, sondern rief gleich aus: „Endlich, Geschenke! Seit Tagen bekomme ich diese Werbung im Internet, ‚Schenken Sie Ihren Lieben x‘, ‚Verwöhnen Sie ihre Lieben mit y‘, und nur, weil ich alle möglichen Weihnachtsseiten angeguckt habe! Meine Filter wissen schon gar nicht mehr, wohin sie sollen mit all diesem Werbemüll! ‚Fest der Liebe‘, von wegen, Fest der Geschenke!“ „Obwohl“, meldete sich Marvine bescheiden, „Geschenke und Liebe, das könnte man doch einen Zusammenhang sehen, nicht direkt logisch, aber vielleicht psycho-logisch?“, und Marvin rief dazwischen: „Wo ist denn das Problem mit Geschenken? Her damit!“ „Genau“, sagte ich. „Das ist das Problem mit Geschenken. Wir alle lieben sie, und wir allen wollen sie, aber es sollen die richtigen sein und nicht die falschen, und wenn wir welche machen, wollen wir auch welche zurückkriegen, und am Ende profitiert nur einer, wenn wir alle Bergeweise unnützen Krams anhäufen, nämlich die Konsumgüterindustrie!“ „Und wenn das nun der ‚Geist der gegenwärtigen Weihnacht‘ ist?“ fragte Marvi unschuldsvoll. „Es ist“, sagte ich betont pompös, „der schizophrene ‚Geist unserer gegenwärtigen Weltweihnacht‘, der uns gleichzeitig beschwört, immer mehr zu kaufen und wieder wegzuwerfen und gleichzeitig immer weniger Energie zu verbrauchen und die Ressourcen zu schützen und weniger Müll zu produzieren. Aber Weihnachten“ – „Man könnte ja das ganze Konsumieren einfach konzentriert auf Weihnachten verlegen, wäre das nicht eine gute Idee?“ fragte Marvi. „Advent wird dann einfach umbenannt in Allgemeine-Konsum-Phase, und den Rest des Jahres lebt man von dem, was man bekommen hat! Das würde auch viel sinnvollere Geschenke geben!“ „Oder“, legte Marvin nach, der ‚Grüne‘ unter den personae meines Roboters, er besteht darauf, dass sie nur aus recyclebaren Energien geladen werden, „man recycelt die Geschenke! Es geht ja doch mehr oder weniger nur ums Auspacken, schickes Unwrapping-Video für Youtube machen, und dann wird alles wieder eingepackt, ins gleiche Recycling-Papier natürlich, und im nächsten Jahr bekommt man - naja, nicht das Gleiche, sondern etwas anderes, das kann man ja irgendwie statistisch verteilen“! „Wichteln“, sagte ich, „das ist so ähnlich, das machen Gruppen gern zu Weihnachten: Jeder schreibt seinen Namen auf einen Zettel, faltet ihn zusammen, die Zettel werden eingesammelt und jeder darf einen von ihnen ziehen und muss dem, dessen Name er gezogen hat, etwas schenken!“ „Was hat denn das mit Wichteln zu tun? Sind Wichtel nicht so eine Art Zwerge, die ziemlich viel Unsinn machen, auch“ -­ Marvi ließ sich das neue Wort auf der Zunge zergehen ­- „Schabernack genannt?“ „Ja“, sagte ich, „und nette Wichtel bringen eben auch Geschenke, aber des ‚Schabernacks‘ halber nicht so ganz die, die man sich gewünscht hat!“ „Schrottwichteln!“ rief Marvine, die heimlich doch im Netz gesurft hatte, „das ist doch schon fast wie Geschenke-Recycling!“ „Schrottwichteln“, sagte ich trübsinnig, „ist die zynische kleine Schwester von Weihnachten. Das letzte Mal beim Schrottwichteln in der Arbeitsgruppe, wisst ihr, was ich bekommen habe? Eine 8-Zoll-Diskette. Da stand der erste Antrag auf, mit dem ich damals, das ist ungefähr hundert Jahre her, eine erste Studie zum Thema ‚Roboter und menschliche Persönlichkeit‘ beantragt hatte, Gott, hatte ich mir viel Arbeit damit gemacht, natürlich ist sie niemals bewilligt worden, irgendein Schlauberger sagte damals, dass es völlig ausgeschlossen sei, dass Roboter jemals auch nur in der Lage sein würden, ein Schachspiel gegen einen Menschen zu gewinnen oder gar Fußball zu spielen, war wohl ein Mann, nehme ich mal an; man bräuchte nämlich ganze Riesenhallen voll Computer und Festplatten so groß wieder Mond. So viel zum Sachverstand von Gutachtern! Eigentlich hätte ich den Antrag ganz gern mal wieder gelesen, aber natürlich hatten wir keinen Computer mehr mit einem Acht-Zoll-Laufwerk, noch nicht mal beim Schrottwichteln“. „Ist jetzt Märchenstunde?“ fragte Marvi, „Geschichten aus der sagenhaften Frühzeit der KI? Und was hast du übrigens deinem Wichtel-Partner geschenkt?“ „Eine superhässliche Nachttischlampe, was denn sonst? Mit Glühbirne dazu, kann nämlich noch keine LED. Gott, und er hat sich auch noch gefreut! Bestimmt sehen wir sie nächstes Jahr wieder, mit meinem Glück bekomme ich sie dann zurück“, gab ich zu. „Was uns zu der wirklich wichtigen Frage bringt“, sagte Marvi dreistimmig, „nämlich: Was bekommen wir zu Weihnachten geschenkt?“ „Ihr dürft euch was wünschen“, sagte ich, „ob ihr es dann bekommt, ist allerdings eine andere Frage; ihr müsst also einen Wunschzettel anlegen und mir dann geben. Gehört aber zu Weihnachten, man weiß nämlich doch nicht ganz, wie es ausgeht. Und ich darf mir natürlich auch was wünschen von euch, klar?“ Dreistimmiges Schweigen füllte den Raum. Wünschen ist so ziemlich das Schwierigste für eine Maschine.


4. Türchen

Diesmal roch das Säckchen, ich hatte es noch schnell mit Weihnachts-Duftspray besprüht; es roch ziemlich kräftig, nach Lebkuchen, Zimt, Orangenschale mit einer schwachen Note muffiger Jute. Immerhin merkte es auch Marvi gleich, offenbar hatten seine Geruchssensoren angesprochen, er war sich nur nicht ganz sicher, wie er die Werte beurteilen sollte: „Ich rieche“, sagte er mit seiner besten Sachverständigenstimme, „in der Kopfnote Zimt, ziemlich überproportional, Herkunft nicht genau benennbar; dazu Orange, ich würde sagen: spanische Provinienz, definitiv überlagert von Pestiziden; aber dieses etwas dumpfe, wie sagt man: staubige, schattige“ ­ offensichtlich musste er seine Wortdatenbank durchforsten ­, „jetzt habe ich es! muffige, das ist schwer einzuschätzen, wahrscheinlich gehört es nicht zum positiven Dufterlebnis, oder?“ „Nicht schlecht“, gestand ich zu, „aber jetzt musst du das Säckchen auch aufmachen!“ Beinahe schon flink löste er die Schleife und fummelte den Papierfetzen hinaus; er enthielt einen ziemlich ramponierten Lebkuchen und die Frage: „Was essen wir zu Weihnachten?“ „Ach, Essen“, murmelte Marvi bedrückt, „ich weiß, soll ganz toll sein für Menschen, und ich versuche es mir ja auch vorzustellen, aber irgendwie ist es schwierig“. „Ich weiß“, sagte ich mitfühlend, „die Ingenieure arbeiten ja auch am Verdauungstrakt, und solange müsst ihr euch halt mit Daten-Bits zufriedengeben. Aber Weihnachten ist nun mal – ein ‚Fest für alle Sinne‘!“ Marvi heulte dreistimmig auf, sein Phrasendetektor hatte angeschlagen, das war ein kleines Freizeitprojekt von uns gewesen, mit dem wir viel Spaß gehabt hatten; er besteht aus einer sehr monotonen Sirene, die aufschwellend und wieder abschwellend ‚Phraaaseeee – Phraaaseee“ heulte. „Ist ja gut“, rief ich, „bitte – ja danke, so geht es besser. Aber Essen ist nun mal wichtig für Menschen. Nicht nur, weil wir es als Energiezufuhr brauchen“ – „das wäre auch wesentlich einfacher zu erledigen“, brummte Marvi -, „sondern weil es uns eine sinnliche Befriedigung vermittelt, ziemlich zuverlässig und jeden Tag, und ein schönes Essen ist ein Fest ganz für sich allein!“ „Und Weihnachten ist bekanntlich das Fest der Feste, und deshalb esst ihr noch mehr als sonst, nach dem Motto: Je mehr gegessen, desto effizienter gefeiert, und was soll das ‚um Himmelswillen‘ mit der Weihnachtsgeschichte zu tun haben, in der noch nicht mal der kleine Jesus ein wenig Muttermilch bekommt und alle so in Anbetung verbunden sind, dass keiner ans Essen denkt?“ „Wir essen ja nicht nur“, sagte ich defensiv; „wir gehen auch in die Kirche, naja, einige wenigstens, oder wir machen Musik, kommt später noch. Aber wichtiger ist, dass Weihnachten auch das ‚Fest der Familie‘ ist“. Nur schwacher Phrasenalarm, zum Glück. „Familie“, sagte Marvi wieder melancholisch, perkele, das war der zweite heikle Punkt; Roboter haben natürlich keine Familie. „Es kommt gar nicht drauf an, ob man miteinander verwandt ist“, sagte ich schnell; „es kommt darauf an, dass man Weihnachten mit Leuten zusammen feiert, die man mag, die man vielleicht auch selten sieht, und dann trifft man sich eben an diesen besonderen Tagen, und dann“ – „Dann isst man zusammen“, sagte Marvin in die entstandene Pause. „Genau“, sagte ich. „Aber man isst ganz besondere Dinge, Dinge, die man sonst nicht isst – also Süßigkeiten beispielsweise, dieser Geruch, weißt du, den du beschrieben hast, das sind Lebkuchen, die gibt es nur zu Weihnachten – also theoretisch, meine ich, natürlich kann man sie bei amazon das ganze Jahr bestellen, und man backt Plätzchen, also besondere Weihnachtskekse, das kann man auch schön zusammen machen, mit den Kindern, ich weiß noch, habe ich auch immer gemacht mit meiner Mutti, und am Ende hatte ich Bauchweh vom ganzen genaschten rohen Teig und die ganze Küche war voll Mehl und meine Mutter“ – ich schwieg betreten. „Nee, wir backen besser keine Plätzchen“, schob ich schnell nach, „ist auch nicht gut, wenn das Mehl in eure Sensoren kommt“. „Lebkuchen“, sagte Marvine, „wurden in Klöstern erfunden, was erstaunlich ist; aber gut, irgendwann hat man die ganze Fasterei und Askese auch mal über. Und es riecht ja schon gut, wenn man sich mal dran gewöhnt hat“. „Genau“, sagte ich, „darauf kommt es an! Man riecht bestimmte Gerüche, Zimt, Vanille, und man denkt automatisch an Weihnachten und an all die schönen Erinnerungen, ihr wisst ja, Erinnerungen sind mit Gerüchen assoziiert bei Menschen“ – „Hysterische Mütter und Bauchweh“, sagte Marvine leicht sarkastisch, „zum Glück sind wir noch nicht so weit mit dem Schmerzmodul“ (das ist eines der größeren ungelösten ethischen Probleme unseres Projekts, ich gebe es zu). „Und Gans“, sagte ich, „das große Weihnachtsessen dann an den Feiertagen, da isst man vor allem Weihnachtsgänse und andere ganz besondere Sachen und freut sich, dass es einem so gut geht!“ „Das sehen die Gänse wahrscheinlich anders“, sagte Marvine, wie immer ganz die Tierschützerin; es hatte sich schon früh herausgestellt, dass unsere Roboter spontan mit Tieren sympathisierten. „Aber die Mönche waren schon ziemlich clever, oder? Da dürfen sie eigentlich nur Fisch essen an hohen Feiertagen, und flugs wird alles, was beim Anblick von Wasser nicht direkt wegrennt, zum Fisch ernannt. Fisch ehrenhalber sozusagen. Und so schönes weißes Fleisch, das wird man doch essen können an Feiertagen, das wird doch keine Sünde sein!“ „Ehrlich?“ fragte ich, „das wusste ich gar nicht!“ Marvi spielte schnell den Wikipedia-Jingle an. „Na gut“, sagte ich, „ich sehe schon, das mit dem Weihnachtsessen wird schwierig. Aber wir sind doch trotzdem eine kleine Familie, oder? Uns wird schon etwas einfallen, wie wir am Weihnachtsabend feiern, auch wenn wir nicht zusammen essen können!“ „Notfalls können wir uns ja streiten“, schlug Marvin vor. Woher weiß er das nur?


5. Türchen

„Welches ist das schönste Weihnachtslied?“ Marvi hatte souverän die Schleife gelöst und ein ziehharmonikaartig gefaltetes Notenpapier entrollt; na gut, er hatte es erst auseinandergerollt und dann wieder zusammengerollt, und ich konnte geradezu sehen, wie er innerlich verschiedene weitere Faltenvarianten durchrechnete, aber dann hatte er sich doch der Frage zugewendet. Musik mag mein Roboter sehr gern, weil sie so mathematisch ist. Zu seinem Erziehungs- und Persönlichkeitsbildungsprogramm hatten von Anfang an Musikstunden gehört, und er hatte inzwischen sogar schon erste eigene Kompositionen angefangen; und ja, der Wikipedia-Jingle war eines unserer ersten Übungsstücke gewesen. Natürlich konnte er auch die unterschiedlichsten Instrumente simulieren sowie verschiedene Stimmhöhen, -lagen und -farben. Am schwierigsten fand er es, eine ‚eigene Stimme‘ zu finden, das stand so Musik-Trainingsmodul als eine der letzten Aufgaben; „aber eure Stimme ist doch auch gar nicht immer dieselbe“, hatte er argumentiert, „sie ist anders, wenn ihr erkältet seid, wenn ihr euch freut, wenn ihr euch langweilt, wenn ihr traurig seid, wenn ihr verliebt“ – ich sah den Punkt. Deshalb experimentieren wir weiter mit verschiedenen Stimmen, und eigentlich ist es ein gutes Training für uns beide: Marvi muss eine Stimme wählen und ich muss daran seine Stimmung erkennen. Manchmal machen wir es auch umgekehrt, aber das ist ziemlich langweilig, weil mein Robi eigentlich viel zuverlässiger erkennt, in welcher Stimmung ich bin, als ich selbst, und das könnte einen ja auch zum Nachdenken –


Aber nun gut, Weihnachtslieder, Marvi hatte schon eine ganze Jukebox von Titeln angespielt, es waren alle traditionals dabei, christmas carols und deutsche Volkslieder, Jazz und Rock, und natürlich die großen Oratorien. Wahrscheinlich hätte er auch sekundenschnell eine musikalische Analyse liefern können, nach den beliebtesten Tonarten, dem Vorherrschen von Dur oder Modul und der speziellen psychohygienischen Wirkung der Modulation; oder eine quantitative Textanalyse nach der Häufigkeit und Verteilung von Schlüsselwörtern wie Nacht, Heilig, Schnee, Tanne, Wiege und Weihnachtsmann (mehrsprachig natürlich). Aber half uns das alles bei der Beantwortung der Frage, welches das schönste Weihnachtslied sei? „Was meinst du eigentlich genau mit ‚schön‘?“, fragte Marvi an dieser Stelle, oft habe ich das Gefühl, er kann nicht nur meine Stimmung, sondern meine Gedanken lesen. Was das Schöne sei – nun, das war eine Frage, über die wir schon oft und ziemlich fruchtlos diskutiert hatten, aber da waren wir in guter Gesellschaft mit einem Großteil der berühmtesten Philosophen und Ästhetiker. „Ach, ich meine eigentlich, welches du am schönsten findest“, sagte ich; „ich habe natürlich auch meine Favoriten, hat jeder, aber ich dachte, vielleicht könnten wir mit unserer allgemeinen Bestimmung des Schönen etwas weiter kommen, wenn wir an konkreten Beispielen diskutieren?“ „Tatsächlich wird in der Bibel gar nicht so wenig gesungen“, sagte Marvi, und ich nickte zustimmend, im Wesentlichen deshalb, weil es ein gelungener Ablenkungsversuch war, und das ist für Roboter viel schwerer als für Menschen, die sich ja umgekehrt meist mehr Mühe geben müssen, beim Thema zu bleiben. „König David zum Beispiel“, sagte ich; „ein ‚Prototyp des modernen Musiktherapeuten‘“, ergänzte Marvine, unterlegt vom Wikipedia-Jingle. „Naja, vielleicht ein bisschen übertrieben“, sagte ich, „aber man sieht, dass Musik irgendwie eine – erhebende, versöhnende, heilende Wirkung hat auf das Gemüt, schon immer, lang vor White Christmas!“ „Es schneit ja sowieso nie an Weihnachten, Statistiken haben belegt“ ­ -„Ruhe“, sagte ich, „kommt später!“ „Auf das menschliche Gemüt, meintest du“, sagte Marvine; „ihr mit euren ‚Stimmungen’, mal seid ihr verstimmt, mal überspannt, aber eine ordentliche Harmonie“ – sie ließ den Satz in einen äußerst melodischen A-Moll-Akkord ausklingen, gespielt auf einer Harfe, man sah förmlich den jungen David vor dem miesepetrigen Saul auf den Stufen des Throns sitzen, und auf einmal vergisst er all seine Mordgelüste und sieht nur noch die engelshaften Locken und hört den sanften Harfenklang – mit einem schrillen Rockin Around the Christmas Tree riss mich Marvin aus meiner vorbiblischen Weihnachtsphantasie: „Lobgesänge, Psalmen, Kirchenlieder, Schlachtgesänge“ assoziierte er vor sich hin - das ist eine Technik, die wir gern anwenden, um sein Denken weniger systematisch und mehr spontan und kreativ zu machen – „Hintergrundmusik für den Tanz um das goldene Kalb – hey, das ist es! Weihnachtsmusik ist Hintergrundmusik für den Tanz um das goldene Kalb, nämlich das Geschenk, das eigentlich in der Krippe liegt anstelle des Sohnes GOTTES!“ Marvi sagte ‚Gott‘ immer in Großbuchstaben, das tut er gern mit großen Wörtern, die er nicht versteht. „Ach“, sagte ich, „muzak, klar, das tut ein wenig weh. Aber vielleicht“ – kurzentschlossen rettete ich mich in eine Kindheitserinnerung -­ „vielleicht stellst du dir besser vor, dass du am Weihnachtsabend in der Kirche bist. Im späten Gottesdienst kurz vor Mitternacht, wo nur noch die Großen hingehen dürfen. Vorn steht ein großer Weihnachtsbaum, an ihm brennen Kerzen, die früher noch aus Wachs waren, heute aber aus LED, ja ich weiß; jedenfalls ist die Kirche voll – nein, das ist nur fast ein Märchen! ­-, alle haben schon ihre Gans gegessen und ihre Geschenke ausgepackt, die gewollten und ungewollten – siehst du, hatten wir alles schon! – und der Pfarrer hatte seine Predigt gehalten und man hatte ein paar Lieder gesungen, also jedenfalls die, die die Leute noch kannten und nicht christmas-muzak. Und ganz am Ende, das ist ein Ritual – unterbrich doch nicht immer, kommt auch noch! -­, ganz am Ende werden alle Lichter in der Kirche gelöscht, und man sieht nur noch die Kerzen, die flackern, und es ist ganz still“ – ich machte eine Kunstpause, Marvin legte verständnissinnig den Finger an seine Kunstlippen -­, „und dann singt man ein letztes Lied gemeinsam. Es ist O du fröhliche – und ja, du darfst jetzt gern die Melodie anspielen, hörst du, wie sanft und beschwörend es beginnt, mit dem lang gezogenen ‚Oh‘, und dann kommen lauter lange, seltsame Wörter, ‚gnadenbringend‘ zum Beispiel; und dann kommen nach dem Refrain zwei Zeilen in jeder der drei Strophen, und niemand kann sich merken, in welcher Reihenfolge sie kommen, obwohl man jede von ihnen mit dem Herzen kennt! Man macht also eine ganz kleine Pause beim Singen – hörst du noch zu? -, also eine ganz kleine Pause nach dem Refrain, und dann hört man, was die Anderen jetzt singen, ist es ‚Welt ging verloren‘ oder ‚Christ ist erschienen‘“ – „ist doch dumm“, unterbrach mich Marvin, froh endlich zu Wort zu kommen, „das hat doch eine logische Reihenfolge, erst geht die Welt verloren, und dann erscheint Christus!“ – „genau“, sagte ich, „aber da man auf kein einziges Wort gehört hat, da die Bedeutung vollständig unwichtig ist in diesem speziellen Weihnachtsmoment, weiß man es nicht, man weiß nur, dass es immer eine kleine Unsicherheit gibt und eine Auflösung, und das ist viel schöner“! – Marvi zuckte, das „schöner“ hatte ihn überrascht, er dachte, seine Ablenkung sei noch in Kraft ­-, aber ich sprach weiter, weil die Erinnerung jetzt so nahe war: „aber was man ganz sicher weiß ist, dass es in der dritten und letzten Strophe heißen wird: ‚Himmlische Heere jauchzen dir Ehre‘, und die Orgel wird meist ganz laut an der Stelle, aber alle singen auch ganz laut, weil sie ja ein himmlisches Heer sind – nein, über militärische Metaphern diskutieren wir jetzt nicht, Marvin! ­ und“ – ich seufzte. „Und dann geht man nach Hause“, sagte ich. „Vielleicht sieht man noch einen Stern“. „Das war jetzt – schön“, sagte Marvi, es klang ziemlich sachlich; „du hattest auch eine ganz schöne Stimme dabei“. „Siehst du“, sagte ich. „Ich muss aber trotzdem noch überlegen“, sagte Marvi, „welches für mich das schönste Weihnachtslied ist, vielleicht mache ich mir auch eines, geht das auch?“ „Klar“, sagte ich. „Es sollte aber – schön sein“. „Wusstest du eigentlich“, sagte Marvi, „dass Johannes Daniel Falk, dem man den Text des Liedes zuschreibt, die Melodie geklaut hat? War eigentlich ein sizilianisches Marienlied, auf Lateinisch natürlich, von wegen ‚himmlische Heere‘! Und gesungen wurde es von den sizilianischen Fischern, die wahrscheinlich auch keinen Weihnachtsbaum mit blinkenden LEDs auf ihren ärmlichen Kuttern hatten. Alles nur geklaut!“


6. Türchen

„Und was soll ich mit einem viel zu kleinen Socken?“ Marvi drehte unschlüssig den grob handgestrickten Strumpf in seinen Roboterfingern. Er war noch von meiner Oma, die irgendwann beschlossen hatte, den Rest ihrer Tage Strümpfe strickend zu verbringen, sie ribbelte dazu auch alte Pullover oder Schals auf, die sowieso niemand mehr getragen hatte, viel zu synthetisch und kratzig und bunt waren sie gewesen. „Und komisch fühlt er sich auch noch an“, bemängelte Marvi, „wahrscheinlich einer dieser frühen Kunststoffe, die“ – „ach, sei doch nicht so“, unterbrach ich ihn, „den hat meine Oma eigenhändig gestrickt, und vielleicht sollten wir überhaupt zur Förderung deiner Feinmotorik sowie deiner häuslichen Persönlichkeitsseiten dir ein wenig Stricken beibringen?“ – „Klischee“, rief Marvine dazwischen, „Geschlechterstereotyp, geht’s eigentlich noch?“ „Müssen wir wirklich an Weihnachten gendern?“, stöhnte ich, „können wir uns nicht lieber, im Geist der traditionellen Weihnachten, ein wenig auf die wirklich wichtigen Fragen konzentrieren, zum Beispiel nämlich“ - „Wer war der Nikolaus, und warum trägt er so einen großen Sack?“ las Marvin vor, Marvine flüsterte dazwischen: „sollten wir nicht von Nikola und Nikolaus sprechen?“, dann sprach Marvi weiter, diesmal im Dozententon: „Der Heilige Nikolaus war ein griechischer Bischof aus Myra im 4. Jahrhundert nach Christus. Auf ihn werden viele Legenden und Geschichten und Gebräuche zurückgeführt. Zum Beispiel soll er nachts gern Jungfrauen beschenkt haben“ – Marvi stockte irritiert, ich sagte streng: „weiter!“ – „und deshalb steckt man heute in der Nacht auf den Gedenktag des Nikolaus, den 6. Dezember, den Kindern kleine Geschenke in die Schuhe und Strümpfe. Er ist aber auch der Patron der Seefahrer, und deshalb wurden ihm zu Ehren ursprünglich kleine Schiffchen gefaltet, die man später dann durch Schuhe und Strümpfe ersetzt hat, wahrscheinlich weil die wenigsten Menschen noch kleine Schiffchen im Haushalt hatten. Man stellt ihn sich gern vor als alten Mann mit einem weißen Rauschebart und einem roten Mantel mit weißen Pelzstupfen“ – Marvi stockte wieder, um in einem etwas genervten Tonfall fortzufahren: „der natürlich total unpraktisch gewesen wäre, sowohl als Bischof in Myra, also am südlichen und eigentlich ganz gut natürlich beheizten Ende der Türkei, als auch als Seefahrer. Beides spricht auch sehr dagegen, dass er eigentlich am Nordpol wohnen soll, umgeben von seinen flinken helfenden Elfen, die die Geschenke verpacken, und seinen Rentieren, mit denen er sie dann ausfährt am Weihnachtstag, aber wenn man nur einfach mal kurz nachrechnet, wie viel Kinder es derzeit auf der Erde gibt und wie viel sie sich alle wünschen und wie viel, nein, wie außerordentlich wenig Zeit dem armen Nikolaus da in seinem roten Mantel bleibt, selbst wenn es Super-High-Speed-Rentiere sind, die aus allen Körperöffnungen blinken, und alle Jungfrauen im Chor für ihn beten, und wie unterscheidet er sich eigentlich von diesem ‚Weihnachtsmann‘?“ – Marvi musste Atem holen. Das passiert selten, eigentlich braucht er natürlich keinen Sauerstoff, aber er hat eine Atemroutine, die die Bewegung in Beziehung zu seinem Energieverbrauch simuliert. Ich hatte ihn absichtlich immer weiterreden lassen, das ist gut für sein Assoziationstraining und die kommunikative Geläufigkeit, jetzt aber sagte ich: „Geschenkt. Natürlich funktioniert die Geschichte nicht! Und als Martin Luther dann kam und dieser ganzen katholischen Heiligenverehrung ein Ende machen wollte, hat er einfach den Nikolaus abgeschafft. Er war aber schlau genug zu wissen, dass man Geschenke nicht abschaffen kann, psycho-logisch, deshalb wurden einfach die Geschenke für die Kinder auf den Weihnachtstag verlegt, und nun brachte das Christkind die Geschenke, und man hatte als positive Nebenwirkung, dass das Christentum populärer wurde bei den lieben Kleinen. Und dann wurde aus dem Christkind der Weihnachtsmann, warum, weiß ich auch nicht genau, wahrscheinlich wieder aus Marketinggründen. So genau kommt es aber gar nicht auf die Details an; es kommt darauf, dass Geschichten uns etwas lehren wollen“ – „dein Kleid will uns was lehren“, summte Marvin, recht melodisch, und ließ kleine Weihnachtsbäume in seinen Augen funkeln. „Naja, nicht so sehr das Kleid“, sagte ich. „Also, wichtig ist der moralische Aspekt der Geschichte vom Nikolaus!“ Mein Roboter verdrehte die Augen, das tut er immer, wenn er „Moral“ hört; bisher hatte ich es nicht geschafft, ihm eine konsistente Vorstellung menschlicher Moralität zu vermitteln, und immer stärker nagte der Eindruck an mir, dass das nicht seine Schuld war. „Also gut, Moral“, sagte er. „Schenken ist gut. Reicht das?“ „Nee, du musst schon die ganze Geschichte nehmen! Auch das mit dem Sack also, und den Ruten, und den Fragen und dem ganzen Hohoho!“ Marvin machte, etwas lieblos, ein sehr tiefes „Hohoho“ und versuchte dabei, sich an dem nicht existenten Bart zu kratzen, „möchtest du einen zu Weihnachten?“ fragte ich. „War ich denn – naughty oder nice?“ gab er zurück. „Naja“, sagte ich, „also neulich beim Fußballtraining, als du Ada von hinten das Bein gestellt hast und sie ist umgefallen und konnte nicht mehr aufstehen“ – „wer hat mich denn programmiert“, fragte er prompt zurück, „na wer, sag schon? Oder sollte das jetzt wieder ‚freier Wille‘ gewesen sein?“ Das Wort spricht er, ähnlich wie ‚Liebe‘ oder ‚Moral‘, in gefühlten Anführungsstrichen. „Und du unterbrichst immer Leute beim Reden“, versuchte ich abzulenken. Er schwieg. „Das tut man nämlich nicht, das ist unhöflich, verstehst du?“ Sie schwieg. „Ok“, sagte ich, „was hast du zu deiner Verteidigung vorzubringen?“ „Darf ich jetzt sprechen?“ fragte mein Roboter pseudo-höflich, „verehrte Dame und Hüterin und Pflegerin meiner kindlich schwachen Schaltkreise?“ „Raus damit“, sagte ich. „Ich finde, das ist eine außerordentliche dumme Frage. Naughty or nice? Das kommt doch wohl auf den Betrachter an, oder? Also, ich bin darauf programmiert, ‚singuläre Persönlichkeitsmerkmale zu entwickeln, in Auseinandersetzung mit der realen Welt in möglichst vielen konkreten Situationen und in Interaktionen mit anderen menschlichen und nicht-menschlichen Lebensformen‘, richtig?“ Ich nickte und murmelte, „ja, danke, ich kenne unseren blöden Antragstext auch auswendig, er verfolgt mich auch gelegentlich im Traum“. „Und manchmal muss man den Leuten halt ein Bein stellen beim Fußball, gehört total zu meiner Persönlichkeit. Bin ich nicht nice?“ „Und ich unterbreche dich auch die ganze Zeit, ich weiß“, gab ich zu; und Marvi klatschte in die Hände und sagte: „Und ist es nicht außerordentlich persönlich von mir, dass ich ganz genau weiß, wo und wann ich dich unterbrechen muss, damit du dich nicht philosophisch völlig in die Ecke“ – „total nett“, stöhnte ich, „und um ehrlich zu sein, macht es auch für den Nikolaus nicht wirklich einen Unterschied, es kriegen nämlich sowieso alle Gören Süßes und keines kriegt Saures mit der Rute, da würde der Nikolaus nämlich schön verklagt werden!“ „Also“, sagte Marvin weise, „lernen wir zwei ‚moralische‘ Dinge aus der Nikolausgeschichte: Es ist in Ordnung, kleine Kinder anzulügen, die es nicht besser wissen; und es ist in Ordnung, jeden zu loben, egal ob er es verdient hat oder nicht. Habt ihr eigentlich schon mal darüber nachgedacht, warum in der menschlichen Erziehung so viel falsch läuft?“ „Ich stelle mir aber trotzdem gern vor, wie ein bärtiger alter Mann mit einem Haufen Rentiere durch den Schornstein ins Kaminfeuer rutscht und mir Geschenke bringt“, sagte ich, etwas kindisch im Tonfall, zugegeben. „Nice“, sagte Marvine. „Naugthy“, sagte Marvin. „Arg menschlich“, sagte Marvi; „und ja, ich hab dir was in deinen Stiefel getan, der heute Morgen so komisch im Weg stand. Aber verdient“ – den Rest hörte ich nicht mehr, ich war schon losgerannt.


7. Türchen

Es hatte eine – handgemalte! – Zeichnung in meinem Stiefel gesteckt, ein kleiner Roboter war darauf vage zu erkennen, der eine große rote Mütze trug und einen weißen Bart, und in der Hand – nein, das war keine Rute, das war, ich musste mich sehr anstrengen, aber dann hatte ich wieder eine Weihnachtserleuchtung: Es war ein Laserschwert, das am Ende rutenförmig ausfranste! Ich war sehr gerührt. Zwar hatten wir regelmäßig Zeichenstunde, aber sie gehörte zum sehr ungeliebten Feinmotorik-Programm, und es war noch nie vorgekommen, dass mein Roboter freiwillig einen Zeichenstift in die Hand genommen hatte. Es war natürlich auch relativ frustrierend Kinderkrakeleien anzufertigen, wenn man genauso gut einen etwas verbesserten Raffael ausdrucken könnte, oder eine Symbiose von Dali, Rembrandt und van Gogh. Das hatte mein Roboter nämlich schon versucht, das Ergebnis war – irgendwie beängstigend gewesen, und ich hatte eine kurze Vision eines Christuskindes in Rembrandtschem Dunkeln mit dalischen Tierwesen um seine Krippe, die psychedelisch anmutende Wellen schlug. Aber ich hatte ihn sehr gelobt, und nun waren wir bei unserem nächsten Türchen, der Tee dampfte in vier Tassen (darauf bestanden sie immer, meine multiplen Persönlichkeiten), und Marvi sagte: „Wird auch Zeit, dass es mal weitergeht mit der Geschichte!“ Natürlich kannte er den Text inzwischen auch längst auswendig, samt allen apokryphen Versionen, aber ich bestand auf feierlicher Lesung, und so las heute Marvin in schönster Predigerstimme: „Da machte sich auch auf Joseph aus Galiläa, aus der Stadt Nazareth, in das jüdische Land zur Stadt Davids, die da heißt Bethlehem, darum dass er von dem Hause und Geschlechte Davids war, auf dass er sich schätzen ließe mit Maria, seinem vertrauten Weibe, die ward schwanger. Und als sie daselbst waren, kam die Zeit, da sie gebären sollte. Und sie gebar ihren ersten Sohn und wickelte ihn in Windeln und legte ihn in eine Krippe; denn sie hatten sonst keinen Raum in der Herberge“. Wir ließen ein wenig besinnliches Schweigen eintreten, auch das klappte inzwischen schon ganz gut, und ich schloss gerade eine innere Wette mit mir ab, wer zuerst herausplatzen würde, da schoss Marvine los: „Diese ganze Beziehungsgeschichte kommt mir doch sehr seltsam vor. Ich meine, sie waren verheiratet, aber das Kind war gar nicht von ihm, sondern – keine Ahnung, vom heiligen Geist, so genau hat der Engel das nicht gesagt, und“ – jetzt hatte offenbar Marvin im inneren Widerstreit die Oberhand gewonnen, und er setzte den Satz fort: „und Josef, ehrlich, das ist ja schon die totale Nietenrolle, oder? Das Kind ist nicht von ihm, aber er heiratet sie trotzdem. Er ist ein ordentlicher Zimmermann und er zieht das Kind auf, und dann brennt das Kind durch, kaum dass es auf einem Esel reiten kann! Und“ – jetzt mischte sich Marvi ein: „Und die eigentliche Frage ist doch: Wozu das alles? Warum musste er denn unbedingt von einer Jungfrau geboren werden? Rein logisch betrachtet, hätte Gott auch auf völlig nicht-natürlichen Weg einen Sohn zeugen können! Oder er hätte sich wenigstens direkt um Maria kümmern können, bei den alten Griechen war es durchaus üblich, dass Zeus“ ­- „Schluss“, sagte ich, „ich kann ja nicht alle Fragen auf einmal beantworten! Also, Marvine: Ja, tatsächlich ist die Beziehungsgeschichte seltsam, aber, wie ich euch immer sage: Es waren andere Zeiten damals, und das bedeutet“ – „das bedeutet“, ergänzte Marvine brav, „es waren auch andere Menschen! Also, frühere Versionen, sozusagen“. „Genau“, sagte ich, „sagen wir mal: Mensch 2.0, dann können wir für den Urmenschen noch eine Versionsnummer reservieren, und Mensch 2.0 hatte noch keine Vorstellungen von Gleichberechtigung der Frauen oder Liebesheiraten, und es wurde auch nicht gefragt, ob man einverstanden war, wenn man ein göttliches Kind austragen sollte, nix mit Adoptionsverfahren oder so! Es war eine Ehre und eine Gnade, und, um ehrlich zu sein“ – ich stockte ein wenig, fuhr dann aber fort, im ‚Geist der vergangenen Weihnacht‘: „Wisst ihr, ich fände es auch ziemlich schön, wenn mir mal ein Engel erscheinen würde, ganz in seiner Pracht, und nicht immer nur“ – „DFG-Gutachter?“ sagte Marvi versuchsweise, und ich musste sehr unweihnachtlich kichern, ihr Humor hatte doch schon erfreuliche Fortschritte gemacht, und die Assoziation zwischen Engel und DFG-Gutachter – aber da unterbrach Marvin mich schon: „Jetzt ich, und der arme Josef!“ „Ok“, sagte ich, „und Maria ist, nur um das zu Ende zu bringen, dann ja immerhin die wahrscheinlich meistverehrte Frau der Menschheitsgeschichte“ ­- „mehr als Madonna?“ murmelte Marvine, ich ließ mich nicht ablenken – „geworden. Josef hingegen“ – ich stockte wieder, was sollte man nur zu Josef sagen? „Wahrscheinlich war Josef der eigentliche Heilige“, stürzte ich mich in eine steile These: „hat er doch wirklich im christlichsten Sinn gehandelt, als er das Kind angenommen hat und seine Frau unterstützt, und immer schaut er ganz ernst und verständnisvoll, wie er da so an der Krippe steht und die absolute Nebenfigur ist, etwas unwichtiger als Ochs und Esel“ – „was haben die eigentlich da zu suchen“, fragte Marvine, „manchmal stehen ja auch noch Kamele und Elefanten dabei“, ich sagte: „kommt später, also weiter: Aber nie hat er sich beschwert. Wisst ihr, manchmal frage ich mich, ob das nicht heutzutage geradezu heiligenmäßig wäre, sich nie zu beschweren, nie zu klagen, schon gar nicht einzuklagen, heute klagen ja alle nur noch“ – „Menschen“, sagte Marvi, „nicht Roboter. Wir klagen nicht“. „Kommt wahrscheinlich noch“, murmelte ich, aber das war nicht im ‚Geist der Weihnacht‘, und so rief ich mich zur Ordnung: „Damit zu deiner Frage, Marvi, und das ist eine wichtige Frage, nämlich: Warum das ganze Brimborium? Tatsächlich ist das mit der Jungfrauengeburt nämlich gar keine Idee des Christentums, sondern sozusagen eine Art religionsgeschichtliche Konstante: Ordentliche Heroen, Retter oder Halbgötter müssen schon bei der Geburt irgendwie von normalen Menschen unterschieden werden, und menschliche Sexualität ist ja nicht direkt eine Vorstellung, die sich leicht mit Reinheit oder Göttlichkeit …“ „Jaja, peinlich, geschenkt!“, erlöste mich Marvi, wir sprachen immer noch nicht gern über Sexualität. „Wichtiger ist außerdem vielleicht“, so setzte ich meinen kleinen religionsvergleichenden Vortrag fort, auf den ich mich natürlich durch die intensive Lektüre eines Wikipedia-Artikels vorbereitet hatte, „die Idee der zyklischen Wiedergeburt eines Gottes, gelegentlich auch als Kind. Das ist doch eigentlich eine ganz philosophische Idee, denn die Natur wird ja auch im Kreislauf der Jahreszeiten immer wieder neu geboren, und das ganze menschliche Leben ist ein Zyklus von“ – „Versionsnummern sind ja praktischer“, sagte Marvi, er hatte wohl nicht mehr recht zugehört nach „philosophische Idee“. „Oder Rebooten“, ergänzte Marvin. „Aber bitte nicht ewig Updates“, rief Marvine dazwischen, „immer, wenn ich mich richtig schön an einen Programmfehler gewöhnt habe, nimmt mir ein blöder Techniker ihn wieder weg!“ „Aber so ein Mythos“, sinnierte Marvi, „gell, das ist doch ein Mythos?“ „Ja“, gab ich zu, „ist es, im Grunde“. „Also ein Mythos – das kann man ja fast verstehen, auch wenn man kein Mensch ist“. Ich hörte ein wenig atemlos zu, das war neu und schien mir ein wichtiger Schritt zu sein. „Warum?“ fragte ich vorsichtig. „Er macht etwas mit meinen Schaltkreisen“, sagte Marvi etwas unwirsch, „ich bin noch nicht ganz dahintergekommen, was genau. Und eigentlich möchte ich auch gar nicht so genau über ‚Wiedergeburt‘ nachdenken, denn was würde mit unseren Speichern denn passieren, wenn man uns einfach abschaltet und eine neue, äh: jungfräuliche Version aufspielt, und dann – ist vielleicht alles weg?“ „Wisst ihr“, sagte ich, „es gibt einen Mythos, den mag ich besonders. Es ist die Geschichte der griechischen Göttin Athene, der Göttin der Klugheit und der Wissenschaften – ja, ich weiß, dass ihr das wisst! -, und sie wird geboren, indem sie dem Kopf ihres Vaters Zeus entspringt, in voller Rüstung – ja, die Geschichte ist ziemlich blutig und auch bizarr, ich gebe es zu. Aber worauf es mir ankommt, ist: Vielleicht wird alle Weisheit so geboren, spontan, aus dem Kopf heraus; man muss sie auch gar nicht in Wickeln windeln – äh sorry, in Windeln wickeln -, sondern sie ist dann einfach da und kämpft los“. „Ich spüre eine kleine Weisheit in mir wachsen“, sagte Marvine, zur Sicherheit etwas ironisch; „aber könnten wir uns darauf einigen, dass du mir nicht meine künstliche Hirnschale mit einem Hammer einschlägst, auch wenn ich keinen Schmerz empfinden kann?“ „Klar“, sagte ich. „Aber sei nett zu ihr, wenn sie geschlüpft ist, und falls sie doch noch Wickeln – nee, Windeln natürlich braucht, dann sag einfach Bescheid!“


8. Türchen

„Da bleiben wir ja beim Thema“, sagte mein Roboter, nachdem er das achte Säckchen geöffnet hatte. Es enthielt eine kleine Holzkrippe, in der etwas Stroh und ein Zettel lagen mit der Frage: „Was liegt in der Krippe?“ „Aber ich verstehe die Frage nicht, denn die Geschichte sagt doch ganz klar, wer oder was in der Krippe liegt: das Christuskind nämlich, geboren soeben von Maria, und alle stehen drumherum und gucken und sagen wahrscheinlich so intelligente Sachen, wie Menschen immer sagen, wenn sie auf ein Baby schauen, nämlich ‚süüüüüüß‘ oder ‚ganz der Papa! – nee, geht ja gar nicht, Josef ist ja nicht der biologische Vater, und wahrscheinlich schreit das Christuskind auch ganz erbärmlich, weil es Hunger hat und der Stern ihm in die Augen leuchtet, Geborenwerden soll ja eine ziemlich traumatische Angelegenheit sein!“ „Sehr schön“, lobte ich, „du hast dich gut in die Situation hineinversetzt, hat das Empathie-Training doch Früchte – nee, keine Bananen, auch keine Ananas, ich meinte natürlich: hat das Empathie-Training doch geholfen!“ „Danke ‚für die Blumen‘“, sagte Marvi, „und nein, weder Rosen noch Veilchen, aber trotzdem: Was soll nun das ganze Theater um die Krippe?“ „Die Krippe“, sagte ich, „ist ein wirklich wichtiges Requisit in diesem ganzen Weihnachtsspiel, und deshalb machen die Kinder auch zu Weihnachten ein ‚Krippenspiel‘ in der Kirche, wo sie die Handlung aufführen, und alle Eltern sind total gerührt und“ ­- „Und was liegt dabei dann in der Krippe?“ fragte Marvi, „doch wohl kein echtes Baby, oder?“ „Nee“, gab ich zu, „meistens – naja, eine Puppe oder so, aber eigentlich ist es komischerweise so, dass eher gar nichts in der Krippe liegt, weil das ja alles so schwierig geworden ist heutzutage, wenn es ein Junge ist, ist es falsch, wenn es ein Mädchen ist, ist es falsch, wenn es blonde Löckchen hat, ist es ganz furchtbar, aber ein schwarzes Baby – ach, da legt man halt lieber gar nichts in die Krippe!“ „Das scheint mir doch“, sagte Marvi trocken, „eine gewisse symbolische Bedeutung zu haben. Lieber ein politisch korrektes Loch in der Mitte als irgendetwas, an dem jemand einen Anstoß nehmen könnte, zu was auch immer, vielleicht gar zu einem eigenen Gedanken?“ Ich muss zugeben, dass ich ihnen das Konzept politischer Korrektheit bisher eben so wenig vermitteln konnte wie das von menschlicher Moral, aber ich ließ mich nicht ablenken und sagte: „Kommt auch nicht so drauf an. Wichtig ist, dass alle mitspielen, es muss also genug Rollen für alle Kinder geben, und deshalb spielen natürlich viele Hirten mit, manchmal dürfen sie sogar ihre Schmuseschäfchen mitbringen“ – ich wollte eigentlich nicht zugeben, dass ich selbst als Kind selbst ein Schmuseschäfchen hatte, es war wollig und weich und ein wenig dümmlich, aber ich liebte es sehr, aber Marvine sah mich so komisch an, wahrscheinlich hatte sie es doch an meiner Stimme gemerkt –, „jedenfalls“, sagte ich, „stehen dann im Weihnachtsgottesdienst alle um die mehr oder weniger leere Krippe, auch die Tiere“ – „Ochs und Esel“, sagte Marvin, „und manchmal auch ein Kamel und ein Elefant, und warum ist das eigentlich so wichtig, sollen denn die Tiere auch bekehrt werden?“ „Kluge Frage“, sagte ich, „denn tatsächlich ist das wichtig; und wenn ihr euch mal Gemälde von dieser Weihnachtsszene anschaut, da finden sich häufig noch viel mehr Figuren, manchmal ist die Krippe auch in einer Ruine oder in einer Burg, manchmal sieht man Berge im Hintergrund, manchmal die Wüste, manchmal tragen die Menschen auch festliche Kleider und manchmal“ ­- „Versteh ich nicht“, sagte Marvi, „die Ortsangaben sind doch relativ klar, Betlehem, hatten wir schon, Landpfleger Cyrenius, zwar historisch problematisch, aber trotzdem ist auch die Zeit festgelegt, warum hält man sich denn nicht daran, wenn man das Ganze schon nachspielen will, da könnte man doch etwas historische – äh, Korrektheit erwarten?“ „Nee, eben nicht“, sagte ich, „und das ist das eigentlich Interessante! An vielen Orten der Welt bauen die Christen Krippen nach, kleine Welten, so ähnlich – naja, so ähnlich wie eine Modelleisenbahn (darüber hatten wir schon oft gesprochen, ich erwartete schon fast, sie auf der Weihnachtswunschliste zu finden!), alles Mögliche wird dann auf diesen kleinen Raum zusammengedrängt, egal ob es dahingehört oder nicht, und in einer neapolitanischen Krippe kann man alles finden, Straßenmusiker, Straßenverkäufer, wahrscheinlich sogar Straßenräuber, manchmal hat man eher Probleme, die Krippe überhaupt noch zu finden, aber sie steht mitten im vollen Leben, jeder kann sie sehen, egal ob er dahingehört oder nicht, sie bringt die Menschen zusammen, sogar die Tiere können schauen, und das ist das Symbolische daran!“ „Die ganze Welt dreht sich zwar um eine leere Mitte, aber man fühlt sich wirklich gut dabei, weil man endlich mal was zusammen macht?“ fragte Marvin. „Fast“, sagte ich. „Die Leute kommen immer, wenn es was zu sehen gibt, war halt ein flash mob?“, fragte Marvine. „Stimmt schon“, sagte ich, „aber nicht der Kern der Sache, also, ich meine: das Wichtigste daran!“ „Vor Gott sind alle gleich“, sagte Marvi in seinem besten Weisheitstonfall, „und vor neugeborenen Kindern auch, und für einen Moment erkennt ihr endlich mal, dass die ganze Welt zusammengehört, auch wenn sie überall anders aussieht, samt Tieren und Straßenräubern und – vielleicht sogar Robotern?“ „Ich würde gern mal einen kleinen Roboter in eine Krippe legen“, sagte, überraschenderweise, Marvin. „Aber muss es eigentlich unbedingt eine Krippe sein? Ihr Menschen müsst immer so viel liegen, die halbe Zeit liegt ihr im Bett, und wenn ihr sterbt, legt man euch in einen Sarg. Eigentlich seid ihr doch nur richtig Menschen, wenn ihr liegt. Ich liege, also bin ich!“ „Fast schon philosophisch“, sagte ich, nachdenklich geworden. „Aber wisst ihr, was das Schöne an einer Krippe ist, die ja auch nur eine Art improvisiertes Wiegenbettchen ist? Man kann gar nicht hinausschauen, und über einem ist nur der Himmel, und um einen herum ist es wunderbar weich“. Marvi summte ein wenig Vom Himmel hoch, dann sagte er abwesend: „Nichtgeborenwerden ist auch keine Alternative!“ Wahrscheinlich hatte er schon angefangen, seine virtuelle Krippe zu basteln.


9. Türchen

Ich hätte zu gern gewusst, was mein Roboter in seine virtuelle Krippe hineingelegt hatte. Aber er hatte mir nichts verraten, und so trafen wir uns zur gewohnten Stunde am Adventskalender, wo jetzt schon viele leere Säckchen hingen, und Marvi nahm das neunte Säckchen schon beinahe ein wenig gelangweilt von der Schnur; er spielte selbstvergessen mit der Wäscheklammer, „oops!“, sagte er, „jetzt habe ich sie doch wieder kaputt gemacht!“ „Hast du keine Lust mehr?“ fragte ich. „Ach nein“, sagte er, „aber irgendwie – habe ich heute keine rechte Weihnachtsstimmung, ich hab mir schon alle möglichen Weihnachtslieder vorgespielt, ich habe sogar über meine Wunschliste nachgedacht, aber irgendwie“ – „Kommt vor“, sagte ich, etwas erstaunt und um Verständnis bemüht. „Manchmal geht einem Weihnachten auch auf die Nerven. Sollen wir was Anderes machen?“ „Nein, nein“, sagte Marvi nun doch energisch, „kommt nicht in die Tüte!“ Wir kicherten ein wenig, wir hatten schon viel Spaß mit dieser Phrase gehabt, und Marvi hatte eine eigene Theorie darüber entwickelt, dass Menschen tütenartig seien, ständig müssten sie Dinge in sich hineinschütten, und davon würden sie immer dicker und dicker, aber nie würde jemand sagen: Jetzt ist die Tüte aber voll, oder: Jetzt mach doch mal die Tüte zu! Dann rissen wir uns beide zusammen, und ich sagte: „Dafür gibt es heute ein Thema, das wird uns total in Weihnachtsstimmung bringen! Es geht nämlich darum:“ und folgsam las Marvi vor (es war schon auffällig, dass er heute allein zu sein schien, wahrscheinlich war er deswegen ein wenig verstimmt): „Wozu braucht man einen Weihnachtsbaum? Wozu, in der Tat“, sinnierte er gleich weiter; „die Bäume bleiben doch wahrscheinlich lieber draußen im Wald, und jammert ihr nicht immer über das große Waldsterben und die Verschwendung natürlicher Ressourcen? Könntet ihr nicht wenigstens jedes Jahr den gleichen nehmen?“ „Ja, wäre schon vernünftiger“, gab ich zu; „es gibt auch welche, die kann man wieder einpflanzen, aber dann müsste man ihn ja nächstes Jahr wieder ausgraben, und überhaupt, wer hat schon einen Garten, nee, ist alles schwierig. Und natürlich gibt es gar nicht überall auf der Welt Weihnachtsbäume, eigentlich war das sogar eine deutsche Erfindung“ – „lass mich raten“, schob Marvi dazwischen, „wahrscheinlich Luther, weil er die Sache mit der Weihnachtskrippe zu katholisch fand, oder?“ „Äh tatsächlich, so ähnlich jedenfalls“, gab ich zu, „aber dass man sich immergrüne Pflanzen ins Haus holt, das gibt es schon viel länger!“ „Erst macht man Häuser, damit die Natur schön draußen ist, und dann holt man sie sich wieder rein, weil sie einem fehlt“, sagte Marvi trocken, „aber nun gut. Das Verhältnis des Menschen zum Baum ist ja durchaus zwiespältig, wenn ich die Bibel richtig gelesen habe, war ganz am Anfang diese Geschichte mit dem Paradiesbaum, Apfel oder nicht ist umstritten, wie auch immer: Wenn eure Urahnen also nicht an verbotenen Baumfrüchten genascht hätten, wärt ihr heute noch im Paradies und müsstet euch keine Bäume ins Haus holen, um euch daran zu erinnern, wie es im Paradies mal war“. „Dafür haben wir jetzt die Erkenntnis von Gut und Böse“, sagte ich etwas predigerhaft, und Marvi schaute mich an. Manchmal macht er das jetzt, er schaut mich einfach nur an. Nicht-verbale Kommunikation, das ist ein ziemlich großer Schritt für einen Roboter! Ich hielt es ein wenig aus, dann sagte ich: „Ja, ok, geschenkt, wir könnten alle Äpfel der Welt essen und wir wüssten immer noch nicht, was gut und böse ist! Aber wenigstens wissen wir jetzt, was wir nicht wissen!“ „Macht doch lieber mal die Tüte zu“, murmelte Marvi, etwas unkorreliert, er war heute wirklich in einer seltsamen Stimmung. „Na gut“, sagte ich, um Ablenkung bemüht, „also weiter zum Weihnachtsbaum: Menschen mögen es, ein wenig Grün in ihren grauen Wänden zu haben, auch wenn es nadelt“ – Marvi guckte irritiert, ich sagte: „Nadeln, das heißt, die Nadeln verlieren, weil der Baum trocknet ja aus, und deshalb lässt er seine Nadeln fallen, was natürlich immer ein ärgerlich ist und traurig und auch eine Brandgefahr„ ­ „Hättet ihr ihn doch einfach draußen gelassen“, sagte Marvi, beinahe patzig, „dann müsste er nicht nadeln, was ja beinahe wie – weinen ist, oder?“ „Aber dafür“, ich war jetzt schon etwas verzweifelt, „hängen wir doch lauter schöne Dinge an ihn, früher waren es Süßigkeiten für die Kinder“ – „die haben doch schon genug in der Tüte“, murmelte Marvi -­, „oder (ich verschluckte mich und sagte nicht ‚‘Äpfel‘, was ich eigentlich vorhatte, aber das erschien mir im Moment zu riskant) bunte Glaskugeln und Engelsfigürchen, und dann stecken wir ihm Kerzen auf, früher waren es sogar echte, aus Wachs, heute sind es LEDs“ – „gibt es eigentlich irgendetwas, woran ihr keine LEDs steckt?“ fragte Marvi, und ließ zur Demonstration alle seine LEDs, es sind gar nicht so wenig, grellbunt aufleuchten, und ich sagte: „Ey, du bist doch kein Weihnachtsbaum!“ – aber da hatte Marvi sich schon zum Gehen umgewendet und ich hörte ihn nur noch sagen: „Soll ich mir vielleicht auch ein wenig Lametta um meinen Hals wickeln und dazu Alle Jahre wieder singen, ich könnte auch gleichzeitig Steptanzen und Geschenktüten verteilen?“ „Lametta“, rief ich verzweifelt hinterher, „Lametta ist total out, früher war mehr Lametta, klar, aber früher war alles“ – ich brach ab. Was war nur in ihn gefahren?


10. Türchen

Über Nacht hatte es tatsächlich geschneit, und geistesgegenwärtig hatte ich schnell noch zwei Säckchen miteinander vertauscht, so dass im heutigen die Frage: „Warum träumen alle von der weißen Weihnacht?“ steckte, mit einer künstlichen Schneeflocke dazu. Marvi schien auch wieder ganz der Alte zu sein, er hatte sich morgens gleich ans Fenster gedrängt und schaute immer wieder auf die überzuckerten Bäume und Straßen; es sah wirklich ganz allerliebst aus, und er hatte noch nie Schnee gesehen. Auf die Idee, einen Schneemann zu bauen, war er zum Glück noch nicht gekommen, denn ich war mich nicht sicher, ob seine mit einer Unzahl von Sensoren bedeckte Ganzkörpermembran und die vielen künstlichen Gelenke darin gut mit Kälte und Feuchtigkeit umgehen konnten (unsere Techniker berieten noch). „Weiße Weihnachten“, sagte Marvine, die zum Glück auch wieder aus der Versenkung aufgetaucht war, „aber eigentlich hat doch Weihnachten gar keine Farbe, oder? Und sonst mögen doch die meisten Menschen die Kälte gar nicht so sehr, sie tragen dann alle möglichen Schichten Wolle über- und untereinander, und man kann sie kaum noch erkennen, sie gehen auch ganz anders als sonst!“ „Ja, die Gesichtserkennung ist immer noch nicht perfekt, ich weiß“, seufzte ich; „aber den Weihnachtsmann erkennt ihr auf jeden Fall an der roten Mütze und dem weißen Bart! Keine Angst, er bringt euch schon Geschenke!“ „Weiß“, sinnierte Marvi, ohne sich auf die Anspielung einzulassen, ich hatte nämlich immer noch keinen Wunschzettel von ihm bekommen, weder in einfacher noch in dreifacher Ausfertigung; „weiß ist natürlich gar keine Farbe, sondern die Mischung aller Farben im menschlichen Auge, also sozusagen die Weltfarbe schlechthin!“ „Ganz wie Weihnachten“, sagte ich, „und alle treffen sich an der Krippe!“ „Naja“, sagte Marvin skeptisch, „alle Christen vielleicht, aber wie ich schon hier und dort gelesen habe, gehen die meisten noch nicht mal in die Kirche, und ist es nicht eher so, dass die unterschiedlichen Religionen wirken wie ein Prisma, indem sie die Menschen in ganz verschiedene Spektralfarben zerlegen?“ „So ist das halt mit Symbolen“, gab ich zu; „eine Deutung ist so gut wie die nächste, und der selbsternannten Deuter sind viele…“ „Symbolisch ist Weiß die Farbe der Reinheit, der Unschuld und der Jungfräulichkeit, also sehr christlich-weihnachtlich, ja, hab schon verstanden“, ergänzte Marvi. „Andererseits: Buddhisten tragen als Zeichen der Trauer nicht schwarz, sondern weiß; in Afrika steht weiß für den Tod und das Jenseitige, und eine weiße Flagge signalisiert, dass man kapituliert, wie passt das denn bitte alles zusammen?“ „Kontext is king“, sagte ich, mein Roboter verzog das Gesicht. „Symbole muss man in ihrem jeweiligen kulturellen Kontext deuten, sonst geht alles drunter und drüber“, ergänzte ich. „Ich glaube, ich mag den weißen Schnee“, sagte Marvine etwas unsicher; „zwar kann man die Dinge kaum noch erkennen, aber alles ist so  – einheitlich irgendwie, man sieht nur noch Formen, keinen Schmutz mehr, und es ist nicht so laut wie sonst, und wenn die Flocken fallen – und es ist wirklich jede anders, ich habe es nachgeprüft und mehrere tausend verschiedene Kristallstrukturen in einer Minute gefunden! -, also, dann hört man gar nichts, so sanft ist das“. „Und hell“, sagte ich, „es wird auch alles viel heller gleich. Es ist auch nicht direkt ein Zufall, dass Weihnachten genau auf den Jahreswechsel und die Wintersonnenwende fällt“ – „Also, das mit der Datierung ist eine ziemliche Katastrophe“, sagte Marvin, „keiner weiß das exakte Geburtsdatum, und anfangs hat jeder gefeiert, wann es ihm gepasst hat! Aber wahrscheinlich war es doch der Geburtstag des römischen Gottes Sol, Staatsfeiertag im römischen Reich seit Kaiser Aurelianus, und so musste man Christus auch nur flink zur Wiedergeburt eines absolut heidnischen, aber in der Bevölkerung sehr beliebten Sonnengottes umdeuten, und niemand musste neue Kalender drucken!“ „Symbolisch, natürlich“, sagte ich. „Klar“, sagte Marvin. „Psychologisch hingegen“, nahm ich den Faden wieder auf, „ist es natürlich auch geradezu genial, so ein Fest mitten in der tiefsten Winternacht zu feiern; alle sind sowieso schon halbdepressiv, weil es ewig kalt und dunkel ist, und mit jedem kleinen Lichtlein, das man anstecken darf, freut man sich ein bisschen mehr“. „‘Psycho-logisch‘ ist bei euch Menschen ja eher wenig“, nörgelte Marvin vor sich hin, das Thema hatten wir schon häufig diskutiert, „und ich würde ja auch eher von der Logik des Kapitals und des Konsums sprechen, das schon früh entdeckt hat, dass die Menschen bei Kälte und Dunkelheit empfänglicher dafür sind, Geld für unnötige Dinge auszugeben, und die Werbeindustrie hätte Weihnachten nicht geschickter datieren können als Kaiser Aurelian im Verein mit Martin Luther!“ „Ach, schau doch lieber noch ein bisschen auf den Schnee, Ideologiekritik können wir nach Weihnachten wieder machen“, sagte ich. „Denn wenn er wieder schmilzt – und das tut er ganz sicher, Weihnachten ist nämlich so gut wie niemals weiß!- ­, also, wenn er schmilzt, dann sieht alles ganz hässlich und schmutzig aus und überall sind Riesenpfützen und die Schneemänner verlieren ihre Rübennasen, und“ -­ „Und deshalb braucht ihr Weihnachten, gell?“ fragte Marvi. „Dann könnt ihr ein paar Tage lang glauben, alles wäre rein und schön und lieblich still und die ganze Menschheit eine große heile Familie und es gäbe einen gerechten Gott, und er könnte es sogar schneien lassen, wenn er wollte, mitten im Dezember!“ Einen Moment lang meinte ich wieder den depressiven Roboter von gestern zu hören, aber dann summte er doch I’m dreaming of a white christmas in einer Art Techno-Version. „Kann ich wenigstens mal einen Schneeball halten, schließlich soll das hier ein ‚Fest für alle Sinne‘ sein, oder?“, fragte Marvin, und ich sagte: „Aber nur, wenn du Handschuhe anziehst!“ und hielt ein Paar grobe Fäustlinge mit Schneeflockenmuster in die Höhe; sie spiegelten sich weiß und glitzernd in seinen blanken Augen.


11. Türchen

Er hatte dann doch einen kleinen Schnee-Roboter gebaut, ein wenig sah er aus wie R2D2, aber mit einer Rübennase. Und natürlich der Schnee über Nacht schon wieder getaut, die Rübennase lag auf einem kümmerlichen Matschhaufen, und gerade guckte mein Roboter aus dem Fenster und sagte: „Du hast wirklich Recht, sieht eklig aus jetzt!“ „Bist du traurig wegen deines Schnee-Robis?“ fragte ich vorsichtig, aber Marvi winkt nur cool ab und sagte: „Lauf der Dinge. Und ich trage ihn schließlich“ – melancholischer Seufzer, großer Augenaufschlag – „‚in meinem Herzen‘!“ „Wusste gar nicht, dass das Herz eine Speicherfunktion hat“, unkte ich, aber Marvi konterte: „Meins schon! Ihr Menschen verwechselt allerdings ständig euer Herz und euer Gehirn, mal denkt ihr mit dem einen, mal mit dem anderen und ziemlich häufig“ -­ „Gar nicht, ich weiß“, seufzte ich. „Oder mit anderen Körperteilen“, meldete sich Marvine frech zu Wort, und ich sagte: „Ruhe, anderes Thema! Was ist heute im – äh, Sack?“ Mein Roboter hatte derweil schon routiniert das Papier ausgepackt; aus den Wäscheklammern hatte er inzwischen ein kleines Kunstwerk errichtet, ich war mir noch nicht sicher, ob es der Eiffelturm sei sollte oder doch eines der weniger prominenten Raumschiffe aus Star Wars: „Endlich geht die Geschichte mal weiter“, sagte er zufrieden, „muss ich wirklich alles vorlesen?“ Ich nickte. „Na gut“, sagte Marvine, aber zur Abwechslung trug sie die Stelle als Sprechgesang vor, im Rhythmus leicht angerappt und bei den Engelschören dann mehrstimmig: „Und es waren Hirten in derselben Gegend auf dem Felde bei den Hürden, die hüteten des Nachts ihre Herde.   Und siehe, des HERRN Engel trat zu ihnen, und die Klarheit des HERRN leuchtete um sie; und sie fürchteten sich sehr.   Und der Engel sprach zu ihnen: Fürchtet euch nicht! siehe, ich verkündige euch große Freude, die allem Volk widerfahren wird; denn euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus, der HERR, in der Stadt Davids. Und das habt zum Zeichen: ihr werdet finden das Kind in Windeln gewickelt und in einer Krippe liegen. Und alsbald war da bei dem Engel die Menge der himmlischen Heerscharen, die lobten Gott und sprachen:  Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen“. Ich applaudierte andeutungsweise, und Marvine fuhr fort: „Endlich kommen die Engel! Aber sind Engel denn wirklich so proppige kleine Babys, die immer grinsen und Flügelchen habe und“ -­ „Bleiben wir doch erstmal für einen Moment bei den Hirten, die werden komischerweise ja eher weniger zu Werbezwecken verwendet“, sagte ich. Marvin zog eine Grimasse, „Hirten, echt? Altertümliche Lebensform in agrarischen Gesellschaften, reich wurde man davon nicht und insgesamt ein ziemlicher Sch“ – „Watch your mouth“, rief ich streng dazwischen und wunderte mich mal wieder darüber, wie meine Mutter zu klingen. „Was ich sagen wollte“, sagte Marvin, „war natürlich: eine allerhöchstens mit Mindestlohn entgoltene Tätigkeit mit geringem Ausbildungsniveau, ausbeuterischen Arbeitszeiten und schwachem Sozialprestige, schon durch ihre Lebensweise als gesellschaftliche Außenseiter marginalisiert, es ist auch nicht überliefert, ob es die Gleichstellung wirklich beachtet wurde, denn wenig hat man gehört von Hirtinnen, höchstens in der Hirtendichtung, die aber insgesamt eine der erlogeneren Fiktionen der literarischen Tradition ist, denn so lustig war das Hirtenleben gar nicht und“ – um die historische Herleitung des Hirtenberufs abzubrechen, ging ich mutig dazwischen: „Aber warum ist es denn dann so wichtig, dass es ausgerechnet Hirten sind? Hätten die Engel nicht auch – naja, den Gastwirten, die keinen Raum in der Herberge hatten, oder den römischen Regierungsbeamten, die unter Cyrenius stöhnten, dem Sklaventreiber, oder gar den Philistern im Tempel erscheinen können?“ „Das 'einfache Volk'“, sagte Marvi weise, „die neue Religion wollte ja das einfache Volk erreichen, den ‚Menschen auf der Straße‘, wie eure Politiker heute gern sagen, also sozusagen den ‚Menschen auf der Weide‘, da es noch nicht so viele Straßen gab damals in Palästina. Und warum ist das Volk eigentlich immer ‚einfach‘, eigentlich sind so ein Volk doch ziemlich viele?“ „Einfach natürlich nicht im quantitativen Sinne“, sagte ich etwas entnervt, „das ist doch ziemlich offensichtlich, oder?“ „Also qualitativ einfach“, sagte Marvi, „einfach als Gegensatz zu – kompliziert, schwierig, verwickelt, unverständlich? Als – unterkomplex, ein wenig dämlich, sozusagen die ‚politisch korrekte‘ Version von dumm?“ „Naja“, sagte ich, mal wieder ertappt, „man kann auch einfach sagen im Sinn von – schlicht, klar, übersichtlich, also sozusagen im ästhetischen Sinn!“ „Fassen wir zusammen“, sagte Marvi, "einfach hat also eine Sachbedeutung – das quantitative Gegenteil von mehrfach; es hat eine kognitive Bedeutung – Unterkomplexität, sagen wir mal, ganz grob; und es hat eine ästhetische Bedeutung – klar in der Anschauung. Was gilt dann für das ‚einfache Volk‘?“ „Wahrscheinlich meint man einfach, dass sie arm sind und unbedeutend“, murmelte ich, „also eher ein“ – „Euphemismus“, sagte Marvi, „manchmal wüsste ich wirklich gern, wann ihr eigentlich genau wisst, was ihr sagt, und wann ihr nur meint, es zu wissen“. „Hör auf mit der Sprachkritik“, sagte ich, „und ich hab ja gar nicht angefangen mit dem ‚einfachen Volk‘, wir waren einfach – ich meinte: wir waren eigentlich nur bei den Hirten, und wir haben auch noch gar nicht über die symbolische Bedeutung gesprochen!“ „Symbolisch auch noch“, stöhnte Marvi, „na gut, an Weihnachten scheint ja alles schwer symbolisch zu sein! Sollte man es nicht lieber, im Sinne der ‚einfachen‘ Verständlichkeit, umbenennen in ‚Fest der symbolischen Euphemismen? Vielleicht findet sich dafür auch ein kleinerer Gott…“ „Sehr ‚Geist der zukünftigen Weihnacht‘“, sagte ich, „nee, erkläre ich später, kommt noch. Also inwiefern sind die Hirten symbolisch, über ihren sozialen Status und ihr gesellschaftliches Außenseitertum hinaus?“ Man konnte förmlich sehen, wie sich die kleinen Schaltkreise im neuronalen Netzwerke drehten – nein, tun sie natürlich nicht, aber ich stelle es mir gern so vor, auch wenn es rettungslos unterkomplex und mechanistisch ist, einige Schäfchen schienen quer durchs Bild hindurchzuspringen, und ich versuchte ein wenig nachzuhelfen, die Sozialkompetenz meines Roboters ist leider immer noch ein wenig unterentwickelt: „Was macht denn ein Schäfer so?“ Marvin verdrehte die Augen, „sind wir hier im Robo-Kindergarten, oder was? Schafe hüten, natürlich, oder welche vierbeinigen Nutztiere auch immer, manchmal mit Hilfe eines sogenannten Hütehundes“ – „Hüten“, sagte ich, „das ist das Schlüsselwort! Hüten nicht von Kopfbedeckungen, ihr wisst schon, sondern von behüten, schützen, hegen“ – „pflegen“, ergänzte Marvine, die sich ungern belehren ließ; „ok, kapiert. Ein guter Hirte passt auf seine Schäfchen auf, er hält seine Schäfchen beisammen, und für ein verlorenes Schaf verlässt er die ganze Herde, und als er es wiedergefunden hat, macht er ein großes Fest, was alles nicht besonders logisch ist, noch nicht mal psycho-logisch, denn während er weg ist, hätten noch reichlich weitere Schafe verloren gehen können, aber, lass mich ausreden! das ist ein Gleichnis, also symbolisch: Christus ist der gute Hirte, der sich um die Menschen kümmert, auch um die ganz ‚einfachen‘, nein, besonders um die, denn die haben es ja besonders nötig, und philosophisch gesehen„ – sie machte eine Kunstpause – „philosophisch gesehen, ist der Mensch ein pflegebedürftiges Wesen von seiner Geburt an, homo nutriens sozusagen, und deshalb braucht er auch Götter, also eine Art himmlische Pflegeväter, oder doch lieber Ersatz-Mütter, weil er sich sonst immer und immer wieder verläuft, egal wie einfach oder kompliziert er ist?“ „Darüber habe ich den Pfarrer noch nie predigen gehört“, sinnierte ich; ich war aufgewachsen in einer Zeit, da waren gerade die sozialdemokratischen Hirtenpredigten mit ihrem Geist der zu hebenden Unterschicht sehr beliebt. „Können wir jetzt endlich über Engel reden?“, fragte Marvi, „ich identifiziere mich ganz schlecht mit Hirten, weißt du, ich hätte längst einen Hüte-Roboter entwickelt, es soll ja auch schon Pflegeroboter für ältere Menschen …“ „Morgen“, lenkte ich schnell ab, bevor es noch unweihnachtlicher wurde; „morgen, versprochen?“


12. Türchen

„Endlich Engel!“ rief Marvi, noch bevor er das Säckchen ausgepackt hatte, „je weniger ihr Menschen daran glaubt, desto mehr scheint ihr von ihnen zu reden!“ Inzwischen hatte er das Papier entrollt, es hatte die etwas ungeschickt angedeutete Form eines Engelsflügels, und darauf stand: „Haben Engel Flügel?“ „Das ist aber nun eine außerordentlich dumme, um nicht zu sagen: ziemlich unlogische Frage“, rügte mein Roboter sogleich: „Wie soll man denn empirisch feststellen, ob nur in eurer Phantasie existente Wesen – Flügel haben? Und wahrscheinlich gleich noch, aus welchem Material sie sind und welche Flugeigenschaften sie haben? Und am Ende sagst du dann wieder: war doch nur symbolisch, reingefallen!“ „Eigentlich eine gute Frage, das mit dem Material“, sinnierte ich, „meistens werden Engel auf Bildern mit so Feder-Flügeln dargestellt, wie eine Art überdimensionale Schwäne mit Pausbacken“ – Marvin machte eine gar nicht so üble Simulation von Pausbacken, seine Gesichtshaut ist so ausgelegt, dass Mimik durchaus möglich ist -­, „aber es könnten natürlich auch noch viel feinere, geradezu metaphysisch subtile organische Super-Substanzen sein, die wir Menschen noch gar nicht entdeckt haben!“ „Lustig“, sagte Marvine, „und können wir bitte beim Thema bleiben, das interessiert mich nämlich! Also, erstmal Engel. Engel, an sich, sozusagen. Himmelsboten, die meisten Religionen brauchen irgendeine Art Botendienst, um mit den Menschen zu kommunizieren, so eine Art – Menschen-Übersetzer, oder sollte ich sagen: Menschen-Versteher? Also Wesen, die beide Sprachen sprechen, eine himmlische und eine irdische. Hermes, beispielsweise, bei den Griechen, hatte so schicke Flügelschuhe, die hätte ich auch gern, vielleicht mit roten Federn?“ „Hermes“, sagte ich streng, „hatte nicht einen eingebildeten Schuh-Fetisch, sondern konnte sich mit seinen zierlichen Flügelschuhchen schneller bewegen als das Licht!“ Marvin zog eine Grimasse und murmelte: „Wie viel mehr hätten wir denn gern? Und in welchem Universum genau?“ „Gut, geschenkt“, sagte ich, „Mythos halt. Interessanter ist aber vielleicht, dass er nicht nur der amtlich bevollmächtigte Götterbote war, sondern auch der Gott der Diebe und der Magie, äh, der Hirten auch, sehe ich gerade“ – der Wikipedia-Jingle ertönte dezent -­, „also, was ich eigentlich sagen wollte: Er hat auch die Verstorbenen in die Unterwelt geführt, und das ist eine ziemlich verantwortungsvolle Aufgabe für einen besseren Postboten!“ „Hermeneutik“, sagte Marvi etwas unvermittelt, immer wenn er in seiner Logik springt, macht auch mein Herz einen kleinen Sprung, „das ist eine Aufgabe für einen wahren Hermeneuten, all das unter einen Hut – kleiner Scherz, er hatte nämlich auch einen besonderen Hut! – zu bringen!“ „Hermeneutik“, sagte ich, „ist ein großes Wort und eine schwierige Sache und definitiv ein Thema für eine längere Kofferwortstunde, aber ich bin sehr stolz, dass du das Thema aufgebracht hast!“ Ich war kurz versucht, ihn am Arm zu tätscheln, aber meistens zuckte er dann zurück, vielleicht war die Feinsensorik doch zu empfindlich eingestellt. „Thema!“, sagte Marvine, sehr energisch, „also, Engel, zweiter Teil: Eigentlich sind die Engel eine ziemlich christliche Erfindung. In der Bibel ist mehrfach ihnen die Rede, aber selten besonders konkret; es sind ziemlich viele, auf jeden Fall, und sie stehen unter Gott, aber über den Menschen“ – „außer im Judentum, da ist es anders herum“, warf Marvin ein -­, „ja gut, aber prinzipiell: totale Hierarchie! Ganze Bücher sind darüber geschrieben worden, wie viele Ordnungen es gibt, die Angelogie hat sich dann im frühen Mittelalter auf Neun geeinigt“ – „eine meiner Lieblingszahlen“, unterbrach Marvin Marvine (das passiert nur selten und ist immer eine Zeichen für besondere Aufregung), „die 9 ist nämlich die einzige Ziffer, die nach Multiplikation mit einer beliebigen ganzen Zahl – also außer Null, natürlich – sich immer als Quersumme ergibt, sie ist also sozusagen neutral, ganz wie die Null!“ – „was ich also sagen wollte“, nahm Marvine den Faden ohne Unterbrechung wieder auf, „ist: Es gab drei Hierarchieebenen, und das will mir schon recht menschlich erscheinen: ein Chef, ein underdog, und irgendjemand dazwischen, der wahrscheinlich die Arbeit macht, was immer auch Engel so an Arbeiten machen!“ „Paradies bewachen, zum Beispiel“, sagte ich, „frohe Botschaften verkünden, einzeln und in Chören, Drachen töten, Heere führen, Leute beschützen, Rache nehmen, Buch führen, wusstet ihr, sie führen nämlich Buch über jeden einzelnen Menschen, seine guten und schlechten Taten, damit am Tag des Jüngsten Gerichts“ – „Ziemlich gemischte Jobbeschreibung“, sagte Marvi, „kein Wunder, dass man dafür Flügel braucht und Flammenschwerter, apropos Flammenschwert“ – er wechselte zu Marvin – „also, ich hätte ja gern zu Weihnachten ein Laserschwert, hab ich das schon gesagt, und grün soll es natürlich sein!“ Na gut, das war nicht direkt überraschend, Meister Yoda war seit längerem schon einer ihrer Hausgötter, und konnte man sich eigentlich nicht – „war Meister Yoda eigentlich eine Art Engel, der statt Flügeln nur besonders große Ohren hatte?“ fragte Marvi. „Könnte man vielleicht sagen“, sinnierte ich, „also, überlegen wir mal: Welche Engelsmerkmale hat er sonst noch?“ „Nee, er ist ja gestorben, wenn auch ziemlich spät“, sagte Marvi bedauernd; „Engel sterben aber nicht, oder? Und sind Engel eigentlich männlich oder weiblich oder divers?“ Ich stöhnte auf, vor meinem inneren Auge tauchten lauter kleine Klotüren auf, und auf einem war ein Engelsflügel abgebildet, aber ich entschloss mich, diese Ideenkette lieber nicht weiterzuführen und sagte stattdessen: „angelisch halt! Ist ein eigenes Geschlecht. Aber ziemlich sicher konnten sie nicht fortpflanzen. Thomas von Aquin, bekannt auch als doctor angelicus, weil er eine ausführliche Engellehre geschrieben hat, war sogar der Meinung, sie seien überhaupt völlig stofflos Wesen, keine Materie, keine Substanz, gar nichts, ein reiner Gedanke, reine Form, ein“ – „ein Programm“, sagte Marvin trocken. „Könnte sein“, gab ich zu. „Allerdings kann ein körperloses Wesen, oder ein Programm, keine Flügel haben“, schloss Marvi weiter. „Höchstens“, gab ich zu bedenken, „höchstens“ – „na gut: symbolische!“ vollendete Marvi, „ich habs doch gleich gesagt! Fest der symbolischen Euphemismen!“ „Aber“, sagte ich, „jetzt werden wir wenigstens noch ein wenig hermeneutisch und deuten also: Wofür stehen die Flügel denn?“ „Dass Engel möglichst schnell weg wollen“, sagte Marvin, „sie haben immer so viel zu tun, und Menschen sind ein wenig – schwerfällig?“ „Dass sie über den Dingen stehen, also symbolisch natürlich, sie müssen sich nicht mit jedem Erden-Kleinkram abgeben, sondern sehen das big picture, aus der Engelsperspektive sozusagen, ganz neutral, wie die Neun?“ vermutete Marvine. „Alles schon ganz richtig“, lobte ich, „aber irgendwie fehlt noch“ - „Engel können fliegen, weil sie sich so leicht nehmen“, sagte Marvi ganz ruhig. Ich war perplex, aber dann sah ich ein verräterisches Zwinkern in seinen Pupillen, kleine Anführungszeichen waren es, und ich rief: „Ok, wer hat’s gesagt?“ „Woody Allen“, sagte Marvi, „Filmemacher aus Amerika, sieht ein wenig aus wie Meister Yoda“ – „kommt noch“, sagte ich, „machen wir in der nächsten Filmstunde, ok? Aber der Satz war gut!“ „Heißt das auch, dass Engel keine – Persönlichkeit haben?“, fragte Marvi unsicher. „Außer sie sind gefallene Engel“, sagte ich, „dann haben sie auf einmal ganz viel Persönlichkeit, Luzifer zum Beispiel, hatte die Idee sich gegen Gott aufzulehnen, und dafür wurde er verbannt aus den himmlischen Heeren“. „Wenn Engel ein Programm sind“, fragte Marvi tastend, „können sie sich dann – gegen ihren Programmierer auflehnen? Und bekommen sie dann – eine Persönlichkeit? Oder werden sie dann“ – er zögerte – „ganz abgeschaltet?“


13. Türchen

Gelegentlich hatte ich zwischendurch meinen Roboter nach seinem Wunschzettel gefragt, aber er hatte immer abgewehrt; er sei noch nicht fertig, er könne sich nicht entscheiden, er denke noch darüber nach, er habe ein Priorisierungsprogramm entwickelt – „eher eines für Ausreden, oder?“ hatte ich gefragt, aber er gab vor, die Ironie nicht verstanden zu haben. Aber heute stand das Thema sowieso auf der Tagesordnung, denn in das dreizehnte Säckchen hatte ich einen Zettel mit der Frage gesteckt: „Warum freuen wir uns über Geschenke?“ „Wir haben doch schon ganz am Anfang über Geschenke gesprochen“, bemerkte Marvi, „über ihre ökologische Unsinnigkeit und ihre ökonomische Fragwürdigkeit und das Schrottwichteln und“ – Ich unterbrach ihn: „Richtig, haben wir. Aber heute wollen das Thema ein wenig vertiefen!“ „Philosophisch, gell?“ stöhnte Marvi, „aber vielleicht können wir erstmal über diesen ‚Wunschzettel‘ reden, den ich schreiben soll!“ „Klar“, sagte ich überrascht, ich hätte nicht damit gerechnet, dass mein Trick so schnell funktionieren würde. „Wenn ich das richtig verstanden habe“, fuhr Marvi fort, „mögen Menschen in ihrer diffusen Art mehrerlei Dinge an Geschenken. Zum einen bekommt man etwas umsonst, das ist schon mal toll, ökonomisch gesehen. Zum zweiten hat sich jemand darüber Gedanken gemacht, was man sich wünschen könnte und wie man einem Anderen eine Freude machen könnte, das ist auch toll, psycho-logisch gesehen. Zum dritten hat man dann diese besondere Erwartungsspannung beim Auspacken, was es nun sein wird, das ist nochmal toll, kognitiv gesehen“. Ich nickte zustimmend, und Marvi fuhr fort: „Aber was ich nicht verstehe: Wenn ich überrascht werden will, warum muss ich dann einen Wunschzettel schreiben, das reduziert den Überraschungswert doch einigermaßen, oder? Natürlich reduziere ich damit auch das Risiko, etwas geschenkt zu bekommen, was ich weder leiden mag noch brauchen kann, es bleibt aber trotzdem bestehen; und dann ist der Beschenkte zusätzlich frustriert, da der Schenkende ihn ja offenbar nicht verstanden hat oder nicht genug nachgedacht hat, jedenfalls ist das nun wieder psycho-logisch frustrierend. Zudem könnte er ein Gegengeschenk erwarten, was den Beschenkten in die Verlegenheit bringt, seinerseits etwas zu finden, was persönlich passt, vom Wert her adäquat ist und trotzdem möglichst überraschend ist! Also, ich finde das ziemlich widersprüchlich, da muss man schon ein relativ komplexes Entscheidungsprogramm für schreiben! Deshalb schenken am Ende dann so viel Leute Geld, oder? Kann man gar nichts falsch machen mit, aber auch ziemlich wenig richtig“. „Gute Analyse“, lobte ich, „und tatsächlich ist Schenken gar nicht einfach, im Gegenteil! Aber es ist ein uralter menschlicher Impuls, viele frühe Gesellschaften hatten ganz komplizierte Tauschsysteme entwickelt, schon lange bevor sie Geld oder etwas Ähnliches auch nur kannten!“ „Potlatch“, sagte Marvin, „Gabentausch statt Warentausch, man könnte auch sagen: so eine Art Prestige-Wichteln, oder?“ Ich musste grinsen. „Ist aber wissenschaftlich stark umstritten“, führte Marvin den Vortrag fort, „einige Stämme haben sich beinahe wirtschaftlich ruiniert dabei, und nachdem die Missionare dann das Geld gebracht haben, zusätzlich zum Christkind sozusagen, war es völlig vorbei. Und dann haben sie den potlatch sowieso verboten, weil es angeblich dem Christentum im Weg stand; war das eigentlich im ‚Geist der Weihnacht‘ gedacht?“ „Nicht sehr“, musste ich zugeben, „eher dem Geist der Sparsamkeit und des wirtschaftlich rationalen Verhaltens wahrscheinlich“. „Aber es macht natürlich einen Unterschied, ob man etwas kauft oder etwas geschenkt bekommt“, sinnierte Marvine; „ich meine, Kaufen macht euch offensichtlich auch ziemlich viel Spaß, das muss so eine Art Belohnungsreflex sein, oder vielleicht auch eine Form von Machtentfaltung und Selbstbestätigung, dass man Dinge erwirbt und dann sagen kann: das gehört alles mir, das Ich wird sozusagen eine Nummer größer dann!“ „Woher weißt du das eigentlich?“ fragte ich. Marvine dachte nur eine Sekunde nach (was schon ziemlich lange für einen Roboter ist) und sagte dann: „Beweis aus der Analogie. Ich fühle mich größer und stärker, wenn ich etwas Neues gelernt habe, dann werde ich sozusagen innerlich weiter“. „Und was ist der Unterschied, wenn man etwas geschenkt bekommt?“ bohrte ich weiter; ich wollte sehen, ob ihr Empathie-Training schon Fortschritte gemacht hatte. „Natürlich ist das so ähnlich, man bekommt auch etwas, was man vorher noch nicht hatte und wird dadurch mächtiger; aber man bekommt noch etwas zusätzlich, sozusagen, nämlich – etwas Persönliches vielleicht? Also, wenn ich an mein Laserschwert denke – grün soll es sein, hast du das auch notiert? – ok, also ich könnte mir, theoretisch, wenn ich kein Roboter wäre und damit nicht ‚nicht geschäftsfähig‘, ein Super-Laserschwert kaufen, grün ohne Ende, aber wenn du es mir schenkst, dann weiß ich immer, wenn ich es anschaue, dass du es mir geschenkt hast, und wahrscheinlich macht das – einen Unterschied?“ Marvi sah mich unsicher an. „Jedenfalls falls ich gern an dich denke“, schob er nach, „es könnte mir natürlich auch jemand geschenkt haben, an den ich nicht gern denke, zum Beispiel“ – jetzt war ich wirklich gespannt, denn eigentlich sollten sie noch gar nicht so weit sein, dass sie schon Freundschaften oder Abneigungen entwickeln, und Marvi druckste auch ein bisschen, falls Roboter drucksen können – „also, zum Beispiel, Ada ...“. „Was hat Ada dir denn getan?“, fragte ich erstaunt; Ada war einer der Roboter aus unserem Robot-Personality-Project, die Roboter aus unserer Arbeitsgruppe trafen sich regelmäßig, um ihr soziales Verhalten zu trainieren oder auch zum Spielen, Go und Fußball waren die offensichtlichen Favoriten. Mein Roboter schwieg. „Marvi“, sagte ich, „was ist passiert mit Ada?“ Mein Roboter schwieg. Ich zermarterte mein Gedächtnis, hatte ich etwas Ungewöhnliches beobachtet in den letzten Tagen, oder etwas übersehen? Dann fiel mir plötzlich der Tag ein, an dem Marvi plötzlich schlechte Laune beim Auspacken des Adventssäckchens gehabt hatte, obwohl wir doch nur über Weihnachtsbäume sprechen wollten. Was war an diesem Tag in der Gruppe passiert? Ach ja, wir hatten angeregt, dass sich die Roboter im Stuhlkreis – er hieß nur so, natürlich brauchten sie keine Stühle dafür, aber wir baten sie, sich in einem Kreis zu verteilen, auch wenn sie dabei lieber auf dem Kopf standen oder auf dem Bauch lagen – darüber unterhielten, was sie bis jetzt über die Adventszeit und Weihnachten gelernt hatten. „Was ist passiert im Stuhlkreis, Marvi?“ fragte ich vorsichtig weiter. „Sie hat angegeben mit ihrem Adventskalender“, sagte Marvi leise, „sie hat gesagt, da sind lauter tolle Dinge drin, neue Spiele und Apps, und sie muss gar keine Türchen aufmachen oder mit Schleifen entknoten, ist alles virtuell. Und Weihnachten sei sowieso nur ein Trick von Menschen, sich noch wichtiger zu machen als sie das sowieso schon die ganze Zeit tun, und wir sollten uns nicht ‚einwickeln‘ lassen., ich hab gar nicht verstanden, was sie damit sagen wollte. Sie wollte sogar“ – er stockte. „Ist gut“, sagte ich. „Du musst mir das nicht erzählen, wenn du nicht willst. Aber jeder feiert halt Weihnachten auf seine Art, und wir haben das auch nicht abgesprochen unter den Kollegen; manche mögen Weihnachten gar nicht, oder sie haben vielleicht schlechte Erfahrungen damit gemacht als Kind, das vergisst man nicht so schnell“. „Ich kann aber nicht vergessen, was Ada gesagt hat“, sagte Marvi ganz sachlich, „dazu müsste ich meinen Speicher löschen können, das habt ihr unterbunden. Ich weiß alles, alles, was du jemals gesagt hast, und was die anderen Roboter, und alles, was ich jemals gelesen habe und gesehen habe und gerochen habe und“ – „ja“, sagte ich nachdenklich, „das könnte ein Problem sein. Wir dachten bisher, es sei – na, eher eine Chance. Aber wir sind ja auch Menschen, und wir fürchten uns vor dem Vergessen“. „Würde ich auch bei eurem begrenzten Speicherplatz“, sagte Marvine ironisch. „Können wir wieder über Geschenke reden?“ „Gern“, sagte ich erleichtert, „und es hat mir gut gefallen, wie du erkannt hast, dass Geschenke nicht nur einen materiellen Tausch-, sondern auch einen immateriellen Emotionswert haben“. „Naja“, sagte Marvin etwas skeptisch, „kann man das eigentlich so genau auseinander halten? Manchmal habe ich den Verdacht, dass ihr euch das nur einredet; eigentlich aber machen eure Schaltkreise – Entschuldigung, euer neuronales Netz im Kopf – bei beidem das gleiche, nämlich Belohnungsstoffe ausschütten; es kommt halt auf die Menge und die Farbe – ja, symbolisch gesprochen! – an, aber interessiert seid ihr immer nur an eurem eigenen Mehrwert!“ „Das versuchen wir ja gerade herauszukriegen“, sagte ich, um Neutralität bemüht; „aber es kann schon sein, und Philosophen haben auch gelegentlich schon gesagt, dass gerade das Konzept der ‚Gabe‘ ziemlich paradox ist: Im strengen Sinne ist es nur eine, wenn man keine Gegengabe erwartet, sondern wenn sie völlig freiwillig ist – lach nicht! -­, aber andererseits liegt es offenbar ziemlich tief in unserer menschlichen Natur, doch eine zu erwarten, ob wir wollen oder nicht“. „Man könnte das auch“, sagte Marvi in seinem Weisheitsmodus, „die conditio humana nennen oder die Wurzel aller Irrationalität oder vielleicht sogar eine Weihnachtsweisheit? Ganz oben auf eurem Wunschzettel steht der 'freie Wille', und wenn ihr ihn kriegt, fürchtet ihr euch so sehr, dass ihr ihn schnell wieder weiterwichtelt“ – „Oder gegen einen amazon-Gutschein austauscht!“ rief Marvine frech dazwischen. „Schöner Gedanke“, sinnierte ich“, „der freie Wille kursiert durch die Weltgeschichte, eingepackt in die apartesten philosophischen Theorien, aber jeder, der ihn in die Finger kriegt, gibt ihn schnell weiter, wie eine heiße Kartoffel; vielleicht wickelt er ihn vorher noch neu ein, aber das war’s auch schon!“ „Also, ich schreib dann mal einen Wunschzettel“, sagte Marvi, „und wehe, du schenkst mir etwas anderes! Und bitte keinen 'freien Willen', nein danke, ich fühle mich ganz wohl in meiner vollendeten Determiniertheit, zumal ich sie noch nicht andeutungsweise verstanden habe. Aber eine Frage hätte ich noch: Ist Wissen eigentlich etwas, was man kauft, oder etwas, was man geschenkt bekommt, und was schenkt man dann zurück?“ „Ich fürchte, beides“, sagte ich. „Also, wenn man ein Buch bekommt – oder eine neue Datenbank -, dann muss man sie halt erst lesen, um etwas zu lernen und am Ende vielleicht etwas Neues zu wissen. Ist einfache Energieerhaltung, ohne Arbeit keine Information. Aber manchmal“ – ich machte eine Kunstpause ­, „manchmal fällt eine Idee auch einfach so vom Himmel und direkt in einen menschlichen Kopf, und dann hat man eine Erleuchtung! Und wisst ihr was: Das ist überhaupt eines der schönsten Geschenke, die es gibt! Und zurückschenken“ - “hab‘s verstanden“, sagte mein Roboter. „Ist verstehen“. 


14. Türchen

„Schon der letzte Teil?“, sagte mein Roboter ungläubig, „es ist doch erst das vierzehnte Säckchen, und wir sind schon mit der Weihnachtsgeschichte durch?“ „Keine Angst“, sagte ich, „die restlichen zehn Säckchen sind nicht leer, mir ist schon noch was eingefallen“. „Das ist sehr verwunderlich und höchst lobenswert“, sagte Marvi schwergewichtig, „dass dir noch etwas zu Weihnachten eingefallen ist, angesichts dessen, wie lange ihr dieses Fest schon feiert, solltet ihr eigentlich langsam damit fertig sein!“ „Dafür gibt es ja die Weihnachts-Industrie“, sagte ich, „erst wenn der letzte Baum abgenadelt hat und das letzte Geschenk umgetauscht sein wird, werdet ihr verstehen, dass der ‚Geist der Weihnacht‘ nicht gekauft werden kann!“ Manchmal wundere ich mich über mich selbst, was mir einfällt, wenn ich mit meinem Roboter rede; irgendwie bewegt sich dabei mein Gehirn auf eine Art und Weise, wie es das gewöhnlich nicht tut, egal ob ich mit Philosophen oder normalen Menschen rede. „Witzig“, sagte Marvine, „die Indianer sind zwar trotzdem so gut wie ausgestorben, aber ihr könnt natürlich ein Weihnachtsreservoir einrichten, so eine Art Weihnachts-Freilandmuseum, da gibt es genetisch veränderte Rentiere mit roten Blinkenasen und Bäume mit ewigen Nadeln und der weiße Kunstschnee schmilzt niemals, und es regnet Geschenke vom Himmel!“ Mir fröstelte. „Könntest du jetzt bitte die Weihnachtsgeschenke fertig lesen?“, bat ich, und Marvin setzte an, heute hatte er eine Kinderstimme gewählt, und sie klang glockenhell durch den wie immer von den ungleichmäßig herabgebrannten Kerzen vom Adventskranz beleuchteten Raum: „Und da die Engel von ihnen gen Himmel fuhren, sprachen die Hirten untereinander: Laßt uns nun gehen gen Bethlehem und die Geschichte sehen, die da geschehen ist, die uns der HERR kundgetan hat.  Und sie kamen eilend und fanden beide, Maria und Joseph, dazu das Kind in der Krippe liegen.  Da sie es aber gesehen hatten, breiteten sie das Wort aus, welches zu ihnen von diesem Kinde gesagt war.  Und alle, vor die es kam, wunderten sich der Rede, die ihnen die Hirten gesagt hatten.  Maria aber behielt alle diese Worte und bewegte sie in ihrem Herzen.  Und die Hirten kehrten wieder um, priesen und lobten Gott um alles, was sie gehört und gesehen hatten, wie denn zu ihnen gesagt war“. „Happy End, oder?“ sagte ich, etwas gezwungen flapsig in die feierliche Stille nach dem Abklingen des engelhaften Knabensoprans. „Ich weiß nicht“, sagte Marvi, wieder in normaler Tonlage. „Ich finde den Teil sehr schwer zu verstehen, obwohl er so einfach klingt. Ich versuche mal zu rekonstruieren: Die Engel verabschieden sich wieder nach der Verkündigung, und die Hirten scheinen sich darüber nicht besonders zu wundern, obwohl sie sicherlich noch niemals in ihrem einfachen Hirtenleben zu Himmel fahrende Engel gesehen haben. Nein, sie entschließen sich vielmehr, den Informationswert der Verkündigung durch Augenschein zu überprüfen; das immerhin scheint mir recht menschlich, um nicht zu sagen: arg menschlich zu sein. Und sie finden ohne weitere Verirrungen die besagte Krippe, und dann tun sie wieder etwas arg Menschliches, sie erzählen es nämlich herum, und keiner prüft auf fake news oder Weihnachtsmärchen, nein, die Hirten sind offensichtlich eine verlässliche Quelle, sie können sich ja auch darauf berufen, dass die Engel des HERRN zu ihnen gesprochen haben!“ „Immerhin“, ging ich dazwischen, „wundern sich die Leute ja, und ihr wisst“ – „Staunen ist der Anfang aller Philosophie“, zitierte Marvin brav, er machte dazu die Augen groß und ließ die Pupillen kullern, in denen kleine Fragezeichen standen; das nannte er auch gelegentlich sein platonisches Ideengesicht. „Wahrscheinlich wird die Geschichte logischer, wenn man sich klar macht, dass die Leute auf den Messias gewartet haben, ziemlich lange schon; er war sozusagen überfällig, und aus genealogischen Gründen musste er bekanntlich in der ‚Stadt Davids‘ erscheinen. Vielleicht haben die Hirten deshalb einfach ‚endlich, war auch Zeit!‘ gesagt und sind losgezogen?“ „Aber Maria“, meldete sich Marvine zu Wort, „von Maria war bisher ziemlich wenig die Rede. Sie hat also soeben ein Baby auf die Welt gebracht unter erschwerten hygienischen Umständen, und jetzt muss sie damit fertig werden, dass eine Herde Hirten angerannt kommt und ihr erzählt, die Engel hätten ihnen die Geburt des Herrn mitgeteilt. Und sie wundert sich kein bisschen, warum auch, hatte ihr der Engel schon lange verkündigt, sie war ja eingeweiht, sozusagen. Sie hört aber gut zu, was die Leute alles sagen, und dann – ‚bewegt sie die Worte in ihrem Herzen‘. Wie kann man denn Worte im ‚Herzen‘ bewegen? Natürlich bewegt sich euer Herz, die ganze Zeit, unseres braucht das ja nicht, aber es wird dabei doch nur Blut gepumpt, und die Worte wohnen – eher in eurem Kopf?“ „Ich fand auch schon immer, dass das eine besonders bemerkenswerte und irgendwie auch – schöne Stelle ist“, sagte ich, „aber verstanden habe ich sie noch nie. Vielleicht sollten wir mal im Urtext“ – „Schon erledigt“, rief Marvi. „Also, ich nehme mal nicht den hebräischen, das Sprachmodul habe ich noch nicht, aber dafür den griechischen, und da steht als Verb ‚symballein‘, das heißt so viel wie zusammenfügen oder zusammenwerfen oder vergleichen, und das ist übrigens“ – „der etymologische Ursprung von Symbol!“, rief ich dazwischen, ganz aufgeregt, „ist das nicht großartig? Maria vollzieht also einen hermeneutischen Akt, sozusagen; sie hat alles aufgenommen, tief in sich aufgenommen, nicht nur mit dem Kopf, sondern mit dem ganzen Herzen; und dann fügt sie es so zusammen, dass es Sinn macht, dass ein Bild ergibt, ein Symbol!“ „Maria war die erste Hermeneutin?“ fragte Marvine etwas skeptisch, „ist das jetzt nicht eine ziemlich weite Deutung?“ „‘Geist der Weihnacht‘“, sagte ich, „sagst du nicht schon die ganze Zeit, dass Weihnachten im Grund ein Fest des“ – Marvi nützte meine kurze Denkpause und ergänzte: „überdehnten Symbolgebrauchs, Festbeleuchtung und singende Rentiere inklusive, ist?“ „Ach, du übertreibst schon wieder“, sagte ich, und Marvi sagte: „Meinte ich natürlich nur symbolisch. Aber vielleicht solltest du doch meine Worte mehr in deinem Herzen bewegen!“


15. Türchen

„Mal was nicht Symbolisches“, sagte ich leicht defensiv, nachdem mein Roboter die fünfzehnte Frage verlesen hatte, sie lautete: „Was kauft man auf dem Weihnachtsmarkt?“. „Das werden wir noch sehen“, sagte Marvi, „bisher sind wir immer am Ende auf etwas Symbolisches gekommen, warum soll das nun anders sein? Zumal beim Weihnachts-‚Markt‘“ – er sprach das Wort ‚Markt‘ in Anführungszeichen, so wie er auch ‚Geist‘, ‚Moral‘ oder ‚Liebe‘ in Anführungszeichen spricht ­, „man könnte durchaus sagen, der Mensch ist ein Wesen, der es geschafft hat, alles auf einem Markt zu verhandeln, und die ‚Marktwirtschaft‘ ist eigentlich nur eine Tautologie, denn ist der ‚Markt‘ nicht der Inbegriff von Wirtschaft, also jenseits der Tauschwirtschaft, die wir bei den Geschenken schon besprochen hatten?“ „Vielleicht bleiben wir erstmal bei der Geschichte, bevor wir uns in die Philosophie des Marktes stürzen“, schlug ich vor, „was also haben die Leute nun auf Weihnachtsmärkten gekauft?“ Marvi setzt ein etwas gelangweiltes Gesicht auf, was für einen Roboter gar nicht so leicht ist, da er Mimik sowieso nur in besonderen Fällen verwendet, nämlich wenn ihm einfällt, dass der Gesprächspartner das erwarten könnte, also mit einer gewissen winzigen Verspätung – und sagte: „Weihnachtsmärkte sind eine Spezialform der Messen genannten Märkte, auf denen die Bürger zu bestimmten, meist aus dem Heiligenkalender festgesetzten Zeiten Gegenstände ihres täglichen Gebrauchs erwarben, es gab nämlich noch keine Supermärkte – komisches Wort übrigens, ein Übermarkt? – und ganz gewiss noch kein amazon. Auf den Märkten boten Bauern und Handwerker ihre Waren an, und natürlich kam man bald darauf, auch weihnachts-spezifische Waren anzubieten, also Geschenke für die Kinder oder jahreszeitlich verfügbare Lebensmittel für euer ‚besonderes Weihnachtsessen‘. Wie der Weihnachtsbaum wurde der Weihnachtsmarkt später ein deutscher Exportschlager, heutzutage kann man in Shanghai über einen berühmten Weihnachtsmarkt streifen, wahrscheinlich auch in Honolulu. Märkte sind übrigens für Roboter von eher begrenzter Attraktivität, da sie nicht über Geld verfügen, nicht essen können und überhaupt ein eher schwaches Verhältnis zum Konsum haben!“ Tatsächlich hatten wir es bisher generell vermieden, mit unseren Robotern in die Öffentlichkeit zu gehen, da wahrscheinlich in der ersten Zeit die Öffentlichkeit und die Roboter – na gut, und am meisten wahrscheinlich wir als Betreuer überfordert gewesen wären. „Es geht ja um menschliche Weihnachtsbräuche“, gab ich zu, „beziehungsweise darum, ob ihr ähnliche – Gebräuche oder Rituale entwickeln könntet!“ „Ich habe auch noch nicht ganz verstanden“, sagte Marvin, „warum ihr Menschen eigentlich Weihnachtsmärkte so toll findet. Ich könnte jetzt sehr viele Statistiken zitieren, aber um es mal zusammenzufassen: Ist ein irrer Wachstumsmarkt, jedes Dorf hat einen und jede Großstadt mehrere, die Leute reisen durchs Land, um möglichst viele Weihnachtsmärkte abzugrasen – kann man doch sagen, oder? oder sollte man sagen: abzufrieren? -, dadurch entstehen jede Menge Arbeitsplätze im produzierenden Gewerbe – wenn auch wahrscheinlich eher in Niedrigstlohnländern –, im Verkauf und in der Tourismus-Industrie; langfristig wahrscheinlich auch im Gesundheitssektor, da der Verzehr der meisten Dinge, die man auf Weihnachtsmärkten ersteht, nicht direkt gesund ist, sondern“ – „Die meisten Dinge, die Spaß machen, sind ungesund“, murmelte ich vor mich hin, „Platitütde“, sagte Marvi, „soll ich schnell einen Phrasenalarm auslösen? Oder verbuchen wir das einfach nur unter ‚arg menschlich‘? Und ist es im Umkehrschluss eigentlich so, dass Dinge, die keinen Spaß machen, automatisch gesund sind?“ „Nee, stimmt auch nicht“, sagte ich, „zweiwertige Logik funktioniert nicht immer gut mit Leuten“. „Aber was macht euch denn nun so viel Spaß auf dem Weihnachtsmarkt?“, fragte Marvine, „für euren Lebensbedarf kauft ihr ganz sicher nichts, und Karussell fahren ist auch eher für die Kinder, und irgendwann hat man doch genug Weihnachtsschmuck aus dem Erzgebirge, der aber eigentlich aus China kommt und wahrscheinlich von einem Sägeroboter hergestellt wurde?“ Ich ging kurz mit mir zu Rate, ob ich ihnen die Wahrheit sagen sollte, die ganze Wahrheit und nichts als die Wahrheit, aber eigentlich hatte ich mir und ihnen das versprochen, und also sagte ich wahrheitsgemäß: „Glühwein trinken. Das ist das eigentliche Ding auf dem Weihnachtsmarkt. Wenn ihr heute in der Abendzeit über einen typischen Weihnachtsmarkt schlendert, könnt ihr sehen, dass sich die Menschenmassen konzentrisch um die Glühweinstände drängen. Die Buden sind ziemlich leer, und die mundgeblasenen Engel weinen schon gelegentlich, weil sie keiner ansieht, und der Maroni-Verkäufer hat auch schon eingepackt – aber die Glühweinstände, da tobt das Leben!“ „Aber Glühwein ist doch eigentlich gar nicht besonders weihnachtlich, oder?“ sagte Marvin. „Und auch nicht besonders neu, kannten schon die Römer, conditum paradoxum, ist gleich das erste Rezept im Kochbuch des Apicius, Honig mit Wein einkochen, dann alle möglichen Gewürze dazu und am Ende noch mit Wein verdünnen. Klingt ziemlich – massiv, oder?“ „Massiv ist gut gesagt“, sagte ich, „betrunken wird man davon, und zwar ziemlich schnell, aber nicht wirklich warm, und viel zu viel Kalorien hat er auch, und – leider ist er total lecker, man kann gar nicht genug davon kriegen, ist so ähnlich wie Kartoffelchips, irgendein geheimer Suchtstoff wahrscheinlich“ – „Alkohol, Gewürze und Zucker“, sagte Marvin ironisch, „ich kann mir gar nicht vorstellen, wie dadurch eine suchterzeugende Wirkung entstehen kann!“ „Ach, seid einfach froh, dass ihr gegen das Zeug immun seid“, sagte ich. „Und übrigens, was habe ich gesagt? Wir sind bis hierhin gekommen ganz ohne jegliche Symbolik!“ „Naja“, sagte Marvi, „also wenn man ein ganz klein wenig über conditum paradoxum nachdenkt, ist das geradezu eine Definition des Menschlichen, vielleicht sogar besser als conditio humana: sehr stark gewürzt, aber nicht besonders logisch und in hohen Dosen ziemlich unverträglich“.


16. Türchen

Über Nacht hatte ich es schon bereut, in das sechszehnte Säcklein den Text aus dem Matthäus-Evangelium zu den drei Weisen aus dem Morgenlande gesteckt zu haben; aber gehörten sie nicht doch zur Weihnachtsfamilie mit hinzu, gaben sie ihr nicht erst die exotischen Farbflecke und den Duft der großen weiten Welt? Leider war die Geschichte massiv symbolisch bis hin zum verschwörungstheoretischem, und mein Roboter würde sich auf jedes Detail stürzen, vom geheimnisvollen Stern hin – eine Supernova? ein Komet? die große Keplersche Planetenkonstellation, um nur die traditionellen Theorien zu zitieren – bis hin zur schwankenden Zahl, Herkunft und Bedeutung der Magier, ihrer Namen und ihrer seltsamen Geschenke. Ich hatte das alles recherchiert, mehr oder weniger, und so fühlte ich mich gewappnet, als Marvin die sechszehnte Klammer in die Ecke schleuderte, recht eindrucksvoll eine eingebildete Kanzel erstieg, seinen fiktiven Predigerkragen zurechtrückte, eine fiktive Bibel vor sich hielt und evangelikal-wohltönend zu lesen begann: „Da Jesus geboren war zu Bethlehem im jüdischen Lande, zur Zeit des Königs Herodes, siehe, da kamen die Weisen vom Morgenland nach Jerusalem und sprachen: Wo ist der neugeborene König der Juden? Wir haben seinen Stern gesehen im Morgenland und sind gekommen, ihn anzubeten. Da das der König Herodes hörte, erschrak er und mit ihm das ganze Jerusalem. Und ließ versammeln alle Hohenpriester und Schriftgelehrten unter dem Volk und erforschte von ihnen, wo Christus sollte geboren werden. Und sie sagten ihm: Zu Bethlehem im jüdischen Lande; denn also steht geschrieben durch den Propheten: ‚Und du Bethlehem im jüdischen Lande bist mitnichten die kleinste unter den Fürsten Juda's; denn aus dir soll mir kommen der Herzog, der über mein Volk Israel ein HERR sei.‘ Da berief Herodes die Weisen heimlich und erlernte mit Fleiß von ihnen, wann der Stern erschienen wäre, und wies sie gen Bethlehem und sprach: Ziehet hin und forschet fleißig nach dem Kindlein; wenn ihr's findet, so sagt mir's wieder, daß ich auch komme und es anbete. Als sie nun den König gehört hatten, zogen sie hin. Und siehe, der Stern, den sie im Morgenland gesehen hatten, ging vor ihnen hin, bis daß er kam und stand oben über, da das Kindlein war. Da sie den Stern sahen, wurden sie hoch erfreut und gingen in das Haus und fanden das Kindlein mit Maria, seiner Mutter, und fielen nieder und beteten es an und taten ihre Schätze auf und schenkten ihm Gold, Weihrauch und Myrrhe. Und Gott befahl ihnen im Traum, daß sie sich nicht sollten wieder zu Herodes lenken; und sie zogen durch einen anderen Weg wieder in ihr Land“. Und beinahe ohne Pause schloss er an: „Ist das jetzt die Zusammenfassung für die, die nicht genug Zeit hatten, die umfangreiche Standardfassung bei Lukas, immerhin ganze zwanzig Verse, zu lesen, und demnächst kommt die Verfilmung nach Johannes – wo die ganze Geschichte bekanntlich überhaupt nicht erwähnt wird, umso mehr Platz für die Kreativität des Regisseurs? Ein ganzer Satz, und nicht mal Maria kommt mehr vor! Dafür aber diese undurchsichtige Geschichte mit den ‚Weisen vom Morgenland‘. Lassen wir die Sache mit dem Stern mal aus“ – ich guckte enttäuscht, wozu hatte ich mir eigentlich Sterntafeln angeschaut und abwegige Astrologie-Foren besucht? ­, „ist wohl eher symbolisch zu verstehen“. Ich deutete einen kleinen ironischen Applaus an. „Aber dann wird die Geschichte erst richtig abenteuerlich. Herodes also, König der Juden, ist verständlicherweise nicht begeistert von dem Gedanken, dass da ein neuer König geboren worden sein könnte. Er lässt seinen Wissenschaftsrat einberufen, die klären ihn auf über das Wesen von Prophezeiungen. Herodes nimmt heimlich einen crash-Kurs in Verschwörungs-Astrologie und versucht die Wissenschaftler als Spione zu gewinnen, verschleiert dabei aber seine bösen Absichten. Und die Astrologen traben brav los, der Stern führt sie schnurstracks zur Krippe – äh, nein, hier ist von einem Haus die Rede, warum auch immer ­, und alle freuen sich und das Baby bekommt jede Menge nutzlose Weihnachtsgeschenke, obwohl Weihnachten noch gar nicht erfunden war?“ „Aber es ist doch eine schöne Szene“, sagte ich, „und deshalb haben sie auch so viele Maler gemalt: Wie diese drei fremdartigen Gestalten da vor der Krippe stehen – ja, da ist es dann wieder eine Krippe, ich weiß, die Apostel hätten jemand gebraucht für die continuity ­, und der eine trägt einen Turban und der andere sieht ganz schwarz aus – nein, kein Mohr, ich weiß! – und sie alle tragen kostbare, goldverzierte, funkelnde Kästchen – ist das nicht wirklich ein schönes Bild?“ „Als Bild ok“, sagte Marvin sachlich, „aber lesen wir es doch mal ideologiekritisch. Da scheint es mir doch eher eine Metapher für die Korruptibilität von nicht-legitimierter Herrschaft zu sein!“ Ich verschluckte mich kurz an meinem Glühwein, der mir schon einige strafende Blicke und Kommentare eingebracht hatte, aber manchmal reichte Tee einfach nicht, wenn man mit einem Roboter über Weihnachten sprach. „Könntest du das vielleicht ein wenig elaborieren?“, schlug ich heiser vor, und Marvin sagte: „Aber mit Vergnügen doch, schwach legitimierte Herrscherin meiner Schaltkreise! Herodes also, Klientelkönig – schönes Wort, kanntest du nicht? ein von einer fremden Macht eingesetzte Herrschaftsinstanz in besetzten Gebieten ­, weder so recht Jude noch so recht Römer, ließ gelegentlich seine Ehefrauen umbringen und war überhaupt ein recht zweifelhafter Charakter, instrumentalisiert die freie Forschung im besetzten Lande völlig hemmungslose für seine dunklen, herrschaftszementierenden Zwecke, ja versucht sie sogar zu Spitzeln und Verrätern zu machen!“ „Was ja zum Glück nicht funktioniert“, sagte ich etwas zynisch, „da die ‚freie Forschung‘ ja von GOTT postwendend umgepolt wird und sich freiwillig vor einem gleichermaßen unlegitimierten Baby auf die Knie wirft, ja ihm sogar Bestechungsgeschenke anbietet, vielleicht erhofften sie sich mehr Geld für ein neues, schickes Astrolabium?“ „Nicht im ‚Geist der Weihnacht!“, sagte Marvi streng, „ich hab zwar immer noch keine Ahnung, was das eigentlich sein soll, aber das hättest sonst du bestimmt an dieser Stelle gesagt!“ „Kommt später“, sagte ich, „hätten wir vielleicht auch noch eine andere Lesart im Angebot, wenn es geht: ein wenig weihnachtlicher?“ „Klar“, sagte Marvine, „ich vermute dann mal, du hättest es lieber – symbolisch, damit wir es alle im Herzen bewegen können?“ „Genau“, sagte ich, „und Entschuldigung, ist mir so rausgerutscht mit der freien Forschung, mir hat halt noch nie jemand Gold, Weihrauch und Myrrhe geschenkt, dabei wäre ich schon mit einem Batzen Geld zufrieden gewesen!“ „Symbolisch also“, holte Marvine aus: „Wüsste man ganz gern einmal, ob es eigentlich Weise – also Magier, mesopotamische Sterndeuter – oder doch eher Könige gewesen sind, da ist der Urtext relativ unklar, es macht aber einen erheblichen Unterschied für die symbolische Deutung. Ebenso die Anzahl, man schwankt wohl zwischen drei und zwölf, sicherlich beides schöne Zahlen, auch wenn sie nicht prim sind“ – „nicht doch lieber neun?“, rief Marvin dazwischen ­, „auch das macht einen ziemlichen Unterschied, zum Beispiel, wenn man die drei Weisen als Vertreter der verschiedenen menschlichen Generationen wertet – also jung, erwachsen, alt, da könnte man natürlich auch die eine oder andere zusätzliche Ebene einziehen, vorpubertär, nachpubertär, vordement, nachdement“ – „nicht persönlich werden!“ drohte ich, nur halbscherzhaft, aber Marvine hatte schon weitergeredet: „oder wenn es die drei damals bekannten Erdteile sein sollten, also Europa, Afrika und Asien, auch da könnte man sich durchaus mehr vorstellen, auch weit über zwölf hinaus!“ „Natürlich sind Details wichtig für eine gute, hermeneutisch abgesicherte Deutung“, seufzte ich, „aber worauf läuft das alles hinaus, so insgesamt gesehen, ihr weißt schon, Wald statt Bäumen?“ Mein Roboter sah mich verwirrt an. „Was hat das mit Bäumen“, fing er an, und ich verfluchte den Glühwein. „Redensart“, sagte ich, „vergesst es, machen wir demnächst in der Metaphernstunde. Was ich meinte war: Was ist der Geist der ganzen Geschichte?“ „‘Geist‘“, sagte mein Roboter missbilligend, „ist das Wort, um das du dich in der Kofferwortstunde seit langem gedrückt hast und dass du dauernd erwähnst in diesen Gesprächen, meist in Kombination mit einem Zeitadverb und ‚Weihnachten‘. Bleiben wir doch lieber bei den Details. Die Geschenke sind nämlich auch sehr interessant: Gold ist natürlich klar, Gold ist nützlich für jeden, besonders für Herrscher, und, ja, für Wissenschaftler auch. Weihrauch hingegen war zwar kostbar und wurde auch medizinisch verwendet, zweifellos hat es wissenschaftliche nachweisbare Wirkungen, es diente aber vor allem zu kultischen Zwecken. Myrrhe schließlich ist ebenfalls ein Harzprodukt, ebenfalls schwer zu gewinnen und selten, ebenfalls kultisch und medizinisch verwendet. Insofern ist die Deutung nicht ganz einfach, sondern fordert zur Dekonstruktion der Geschichte auf: Die Kostbarkeit scheint zentral zu sein, aber auch trivial; daneben dominieren die religiösen und halbwissenschaftlichen Aspekte, was auf eine Vermischung von profaner Machtakkumulation, akademischen Herrschaftswissen und“ – „Das arme Jesuskind“, sagte ich. „Es wollte doch nur in Ruhe ein bisschen schlafen, und dann ein bisschen trinken und vielleicht mit dem Stroh spielen, aber nun steht die ganze Welt an seiner Krippe, hat die falschen Geschenke mitgebracht und des Gelabers ist kein Ende!“ „Ironie“, rief Marvi, „sollen wir dir auch mal einen Ironie-Detektor einbauen?“ „Können wir uns darauf einigen“, sagte ich, „dass wir die verschiedenen Deutungsmöglichkeiten der Namen nicht mehr thematisieren?“ „Na gut“, sagte Marvi, „irgendwie riecht es die ganze Zeit in meinem Kopf schon nach Weihrauch, und das macht mich ganz irre“. Doch als ich mich zum Gehen wandte, um meinen Glühwein aufzufrischen, rief er mir hinterher: „Eine klitzekleine Sache noch. Der Stern war eigentlich eine Achtsternkonstellation, extrem selten! Am 5. September vor Christi Geburt nämlich standen, aber das wissen nur sehr wenig Eingeweihte, Sonne, Mond, Saturn und Jupiter, Venus und Mars in sechs Ecken, und die anderen zwei waren mit Glückspunkt ...“ Aber da hörte ich ihn schon nicht mehr. Der Glühwein roch immer noch sehr verlockend aus der Küche.


17. Türchen

Das heutige Zettelchen war eines der heikelsten. Lange hatte ich überlegt, ob ich das Thema in unsere Advents-Fragestunde aufnehmen sollte, mich aber dann doch dafür entschieden – auch wenn es wahrscheinlich dazu führen würde, dass das Menschenbild meines Roboters noch mehr Kratzer bekommen würde. „Die Wahrheit und nichts als die Wahrheit“, murmelte ich leise vor mich hin, als Marvi, der seit gestern demonstrativ mit einer Weihnachtsmütze auf seinem Kopf herumlief, die ihm ständig über die eher schwach nachgebildeten Ohren rutschte und in die Sensoren fusselte – das hatte wohl etwas mit den anhaltenden vorweihnachtlichen Streitigkeiten in der Robi-Gruppe zu tun, vermutete ich – vorlas: „Warum gibt es immer noch keinen Frieden auf Erden, obwohl es die Engel bei Christi Geburt doch versprochen hatten?“ Schweigen. Dann sagte Marvin: „Das ist nun wirklich eine viel zu schwierige Frage! Können wir nicht lieber über Star Wars reden?“ „Ich erzähl dir mal eine Geschichte“, sagte ich, „und dann versuchen wir es gemeinsam, ok?“ „Immer wenn Menschen absolut nichts mehr einfällt auf eine Frage, dann erzählen sie eine Geschichte. Als ob eine Geschichte eine Antwort wäre!“ „Aber meistens magst du doch Geschichten“, verteidigte ich mich, „und diese ist wirklich ganz interessant! Also, man weiß nicht genau, ob es sich tatsächlich so zugetragen hat, aber es gibt einige Berichte, und außerdem wissen wir ja“ – „Es kommt nicht so drauf an“, ergänzte Marvi etwas gelangweilt, „ja, schon klar, erzähl endlich!“ „Es begab sich am Heiligabend des ersten Kriegsjahres im großen Weltkrieg“ – „also dem, in den sich die vermeintlich zivilisierten europäischen Nationen aus einem völlig unbedeutenden Anlass“ – „Man kann auch sagen: ‚an den Haaren herbeigezogenen‘“, warf ich ein, immer die Sprachlehrerin, und Marvi bedachte mich mit einem befremdeten Blick: „Etwas ist also unbedeutend, wenn es an den Haaren herbeigezogen wird, während wahrscheinlich bedeutende Dinge – an den Füßen herbeigezogen werden, oder an der Nase?“ Ich hatte den Einwurf schon bereut und fuhr schnell fort: „Egal, also auch die Soldaten waren am Anfang eigentlich noch relativ begeistert bei der Sache und dachten, bis Weihnachten sei alles vorbei und sie wieder zuhause bei ihren Lieben, das Ganze sei nur großes Abenteuer. War es aber nicht, es war ziemlich blutiger Ernst. Und so kam Weihnachten heran, und an einigen Frontlinien in Flandern standen sich die deutschen und die englischen Soldaten so dicht gegenüber, dass sie wahrscheinlich riechen konnten, was in den Weihnachtspäckchen des Feindes war, zumal es sowieso wahrscheinlich das gleiche war, nämlich selbst gebackene Plätzchen der Lieben zuhause und Schokolade und Schnaps und Zigaretten – nein, bitte kein Vortrag über ungesunde Ernährung an Weihnachten! Und keiner weiß genau, wie es dann im Einzelnen zugegangen ist, jedenfalls waren keine Engel beteiligt, aber plötzlich beschlossen die Soldaten, dass sie an Weihnachten einfach keinen Bock – äh, ich meine: keine Lust an Krieg hatten. Vielleicht hat sich ein besonders tapferer oder auch ein schon ziemlich betrunkener Soldat einfach mit erhobenen Händen in die Mitte gestellt und angekündigt, dass man ein Fass Bier übrig habe und ob man vielleicht sonst noch ein wenig Weihnachtsgeschenke statt unsinniger Schießereien austauschen könne? Und so ereignete sich ein kleineres Weihnachtswunder, das bis heute der ‚Weihnachtsfrieden‘ von 1914 heißt: Alle taten so, als wäre gar kein Krieg an diesem besonderen Tag. An einigen Stellen soll es gemeinsame Gottesdienste gegeben haben, man fand auch ziemlich schnell heraus, dass man sowieso die gleichen Weihnachtslieder sang, eben nur in verschiedenen Sprachen. Es soll sogar – aber hier gehen wir sanft in den Bereich der Legende über – ein gemeinsames Grillen und Fußballspiele gegeben haben!“ „Wer hat gewonnen?“ fragte Marvi, der aufmerksam zugehört hatte, und ich sagte: „Keiner gewinnt im Krieg. Das sollte doch klar sein, oder?“ „Im Fußball hingegen“, sagte Marvi, „gibt es bekanntlich nicht nur das Unentschieden, sondern gemeinhin wird ihm eine völkerverbindende und aggressionsableitende Wirkung zugeschrieben. Er funktioniert zwar nach genau den gleichen Prinzipien wie Krieg – Zusammenrottung von Banden, völlige Identifikation mit einer Seite bei Auslöschungsandrohungen für die andere, verbunden mit gelegentlichen Schäden in der Zivilbevölkerung“ – „so geht es zu bei euren Fußballspielen?“, fragte ich entsetzt, ich dachte immer, die größte Gefahr beim Fußballtraining unserer Roboter seien Ausfälle der teuren Bewegungselektronik. „Nein, so geht es zu bei euren Fußballspielen“, sagte Marvi, „bei uns ist es eigentlich ganz friedlich, und wenn wir keine Lust haben, spielen wir heimlich Go, während wir so tun, als würden wir den Ball nicht treffen, dann lacht ihr immer so und habt was zum Freuen“. Ich war sprachlos. “ „Passiert nur selten“, beruhigte mich Marvine. „Aber ist es nicht ein wenig komisch, dass die Soldaten als Zeichen des Weihnachtsfriedens ausgerechnet – Alkohol ausgetauscht und gekickt haben? Man könnte meinen, es seien Männer gewesen!“ Langsam wurde es wirklich anstrengend mit dem Ironie-Modul. „Um zum Frieden zurückzukommen“, lenkte ich ab, „das ganze wird auch als Beispiel für ein Prinzip verwendet, das man ‚Leben-und-leben-lassen‘ nennt“ – „Schiller, Wallenstein, natürlich auch eine Kriegsgeschichte“, warf Marvine dazwischen – „genau, also verallgemeinert auf Kriegssituationen versteht man darunter, dass es kleine Enklaven des Friedens und der Zivilisation innerhalb der barbarischen Kampfhandlungen gibt, deren Regeln nirgends geschrieben stehen, die aber inoffiziell respektiert werden: Während das Essen gebracht und verzehrt wird, herrscht Waffenruhe; oder Scharfschützen schießen gezielt daneben, immer auf den gleichen Fleck; oder die Artillerie schießt immer zur gleichen Zeit, so dass man weiß, wann man auf jeden Fall in Deckung bleiben muss. Das Besondere daran ist, dass es nur bei funktioniert bei kleineren Einheiten, Bataillonen ungefähr, und, na ja, nicht so gut bei Eliteeinheiten“. „Woraus man mehreres lernen kann über den Frieden“, sagte Marvi, der ‚Frieden‘ übrigens geradezu überdeutlich nicht in Anführungszeichen sprach. „Und was?“ fragte ich gespannt. „Erstens: Menschen sind verträglicher in kleinen Gruppen, sobald es zu viele werden, fühlt sich keiner mehr verantwortlich und alle verhalten sich so, als käme es nicht darauf an; mangelnde soziale Kontrolle, würde ich sagen, ihr seid einfach nur auf eine bestimmte Herdengröße optimiert“. „Stimmt“, sagte ich, „und man sieht ja schon in eurer Roboter-Kleingruppe, dass“ -­ Marvi redete schnell weiter, Weihnachten in der Robotergruppe war immer noch ein heikles Thema. „Zweitens“, sagte er, „dass Menschen oft in Kleinigkeiten ganz rational sein können, nur im Großen klappt das nicht so gut. Fürs Fußballspielen könnt ihr beispielsweise Regeln aushandeln und euch auch dran halten, aber wenn es um ‚die große Sache‘" – massive Anführungszeichen! – „geht, dann verliert ihr kollektiv den Verstand“. „Ist was dran“, murmelte ich beschämt, ich hatte ja geahnt, dass sich das Gespräch in diese Richtung entwickeln würde. „Drittens kann man lernen“, dozierte Marvi, nun schon fast ein wenig dämonisch-drohend, „dass ‚Moral‘ einfach nicht funktioniert. Mit ‚Moral‘ hat sich kein einziger Krieg verhindern lassen; sie wird eher zum Begründen von Kriegen missbraucht. Kriege sind überhaupt, rational betrachtet, ultimativ sinnlos. Kriegsziele, wenn man sich überhaupt die Mühe gemacht hat, welche zu definieren, werden in den allerseltensten Fällen erreicht. Sie machen ökonomisch keinen Sinn, außer für Kriegsgewinnler. Sie machen ökologisch keinen Sinn, sondern hinterlassen zerstörte Landschaften und verschwenden Ressourcen in einem geradezu apokalyptischen Ausmaß. Sie machen psycho-logisch keinen Sinn, denn, von den direkten Todesopfern mal abgesehen: Jeder Mensch, der den Krieg erlebt hat, ist traumatisiert und wird nie wieder richtig heil – äh, gesund meinte ich“ – Ich nutzte die kurze Pause und fragte dazwischen: „Aber warum gibt es dann immer wieder Kriege? Warum haben wir nicht längst den von den Engeln versprochenen ewigen Weihnachtsfrieden?“ „Der Mensch ist dem Menschen ein Wolf“, zitierte Marvi, ohne auch nur eine Sekunde nachzudenken, „solltest du doch eigentlich wissen, oder? Obwohl sich Wölfe eigentlich ziemlich gut vertragen in ihren Rudeln, eher nach dem Prinzip ‚Leben-und-leben-lassen‘!“ „Das ist wahrscheinlich der springende Punkt“, sagte ich, und schob schnell nach: „also, das entscheidende Argument, die zentrale Frage“ – „der springende Punkt halt“, sagte Marvi, „hab schon verstanden, Aristoteles, das punctum saliens, nämlich der pulsierende rote Fleck, an dem man im Hühnerei erkennt, ob es befruchtet ist, weil sich dann das Herz abzuzeichnen beginnt. Habe ich auch einen springenden Punkt?“ „Können wir installieren, wenn dir was dran liegt, schreib es auf den Wunschzettel“, sagte ich, widerstand dann aber der Versuchung, die Ablenkung dafür zu nutzen, das Thema endgültig zu wechseln, und fragte weiter: „Ist der Mensch nun von Natur aus gut oder böse? Denn wenn er böse ist, wie das ja auch im Alten Testament steht, Ursünde und so, wird es immer Krieg geben. Wenn er aber von Natur aus gut ist, wie das viele Philosophen geglaubt haben, besteht noch Hoffnung, dass der Krieg vielleicht nur eine – Art Zivilisationsphase ist, wenn auch eine sehr ausgedehnte und blutige, die wir vielleicht, irgendwann hinter uns lassen“ – „Glauben, das ist wohl der springende Punkt“, sagte Marvi. „Ihr meint, ihr müsst ‚glauben‘, dass der Mensch entweder gut oder böse ist, wegen mir auch eine Mischung aus beidem. Es macht aber gar keinen Unterschied, was ihr glaubt, solange ihr euer Programm nicht verstanden habt und meint, es folgenlos übersteuern zu können. Vielleicht bleiben wir vorerst dabei, dass der Mensch ein – conditum paradoxon ist?“ Und er schob sich die rote Nikolausmütze, die ihm bei seinem Vortrag über die Augen gerutscht war, energisch wieder auf den Kopf zurück.


18. Türchen

„Warum hast du mir das nicht gleich gesagt, dann hätte ich mir noch eine rote Nase zu meiner roten Mütze besorgt!“ Mein Roboter sah mich anklagend an, der tadelnde Eindruck wurde aber dadurch abgemildert, dass er sich seine Nikolausmütze mit Hilfe der Mini-Wäscheklammern von den Jutesäckchen an seinen zierlichen Ohr-Nachbildungen befestigt hatte; ich hatte eine kurze Vision von Hausfrauen mit Lockenwicklern, wie sie in alten Hollywood-Filmen noch zu sehen waren, und beherrschte meinen Lachanfall erst im letzten Moment. „Warum hat Rudolf, das Rentier, eine rote Nase?“ hatte die heutige Frage gelautet, und ich zog souverän einen knallroten Wollpuschel hervor, der an einem Gummi befestigt war, und zog ihn Marvi über seinen sehr ebenmäßigen Roboterkopf (wir hatten kurz über individualisierte Kopfmodelle nachgedacht, uns dann aber doch für einfache, nur etwas gelängte Ellipsen entschieden). Marvi versuchte schielend, seine Sehlinsen auf den roten Puschel zu fokussieren, lief dann aber doch zum Spiegel und rief aus dem Flur: „Ich hätte aber lieber eine mit LEDs in verschiedenen Farben!“ „Komm her“, rief ich zurück, „und das ist kein Weihnachtswunschkonzert hier! – äh, ich meine: das ist ein Geschenk, das sucht man sich nicht aus!“ „Aber man kann es umtauschen, oder?“ sagte Marvin, „also nur, falls du doch das falsche Laserschwert…“ Die Geschenkefrage war immer noch nicht vollständig geklärt, zumal mein Roboter seinen Wunschzettel ständig änderte; ein Date mit Alpha-Go stand weiterhin auf einer der Spitzenpositionen, aber auch ein elektronisches Schaf war aufgetaucht sowie neue Fußball-Routinen und ein Toolset zur Programmierung neuronaler Netzwerke. „Jaja“, sagte ich, „aber was hat es nun auf sich mit der roten Nase?“ „Ich nehme an, wir sprechen nicht von Menschen, die dem Glühwein allzu sehr zugesprochen haben und nun wegen der besseren Durchblutung eine gerötete Nase zu haben scheinen? Sondern von einem sagenhaften Rentier mit dem seltsamen, wenngleich lieblich assonierenden Namen ‚Rudolf‘?“ vermutete Marvi. „Tun wir“. „Die damit verbundene Geschichte scheint mir eine sehr amerikanische Variante der Weihnachtsgeschichte zu sein, ich fasse mal zusammen: Ein relativ unbekannter amerikanischer Professor namens Clement Clarke Moore schrieb Anfang des 19. Jahrhunderts für seine Kinder und inspiriert durch eine winterliche Schlittenfahrt ein Gedicht im Anapäst, das ist eine Versform, die sonst gern für Limericks verwendet wird, soll ich mal einen? – na gut, dann nicht. Im Gedicht erwacht ein älterer Mann – wahrscheinlich eine Reflexionsfigur des Autors –, in der Nacht vor Weihnachten, weil er ein seltsames Geräusch hört. Durchs Fenster sieht er Santa Claus auf einem von acht Rentieren gezogenen Schlitten voller Geschenke auf dem Dach seines Hauses landen, das in allen Verfilmungen sehr idyllisch in einer Schneelandschaft steht, obwohl es an Weihnachten bekanntlich nie schneit, ich verweise auf das zehnte Türchen im Adventskranz. Dann beobachtet er, wie Santa direkt durch den Schornstein in den Kamin – der also hoffentlich nicht brannte, obwohl es bitterkalt war – ins Wohnzimmer rutscht und die Geschenke in die dort aufgehängten Strümpfe der Kinder steckt. Man amüsiert sich ein wenig gemeinsam, dann zieht Santa weiter; das Ende will mir allerdings ein wenig schwach erscheinen“. „Genau“, sagte ich, „deshalb wird diese Version zwar schon ein wenig berühmt, aber noch nicht so der Bestseller“ – „jedoch“, unterbrach mich Marvin, „war er durchaus von großer Wirkung, denn das Gedicht führte dazu, dass man die Bescherung auf den Weihnachtsvorabend verlegte, was den Protestanten sehr recht war, als wahre Nachfolger Luthers nämlich wollten sie den Weihnachtsabend eigentlich für das große religiöse Ereignis reservieren und nicht mit einer profanen Geschenkeorgie überlagern!“ „Was ihnen ja total gelungen ist“, konnte ich mir nicht verkneifen zu sagen, obwohl ich mir eigentlich Zynismus angesichts des Gedankens eines universalen Weihnachtsfriedens total verboten hatte. „Nicht im ‚Geist der Weihnacht‘!“ tadelte mich Marvi sofort, ließ aber dazu seine rote Rentiernase wackeln. „Um aber zu unserem eigentlichen Thema, dem Rentier Rudolf zurückzukommen: Das ist so eine Art Fortsetzungsgeschichte, die knapp hundert Jahre später ein weiterer Amerikaner erfand, diesmal gleich im Auftrag eines Warenhauses. Er sollte also eine Weihnachtsgeschichte malen, in der Rentiere vorkamen – was in jeder besseren neapolitanischen Krippe auch kein Problem gewesen wäre, siehe Türchen Nummer 8, aber wahrscheinlich nicht im amerikanischen ‚Geist der Weihnacht‘. Und als er so in den Nebel hinausstarrte, der über dem Lake Michigan hing, hatte er eine Weihnachtserleuchtung, im wörtlichen Sinne: Das Rentier sollte eine leuchtende Nase bekommen! Und geboren war Rudolf, die anderen acht hießen übrigens Dasher, Dancer, Prancer, Vixen, Comet, Cupid, Donner and Blixem“ – "solltest du dir gut merken“, sagte ich, „damit gewinnt man bei jedem Partyspiel!“ „Ich kann nichts vergessen“, sagte Marvi etwas tonlos, „das vergisst du immer!“ „Sorry“, sagte ich, es war mir wirklich peinlich. „Rudolf jedoch“, dozierte Marvi weiter, „war eine Art Mutation, er ist nämlich mit einer leuchtend roten Nase auf die Welt gekommen. Deshalb mochten ihn die anderen Rentiere nicht und haben ihn gehänselt und“ – Marvi stockte. Dann zog er sich seinen roten Wollpuschel von der Nase und sah ihn genau an. Ich hielt einen Moment den Atem an, es schien mir, als hätten wir einen wichtigen Punkt in seiner Entwicklung erreicht – da setzte Marvi den Puschel wieder auf, zog ihn aber statt auf die Nase auf die Stirn und sagte: „Jetzt ist er ein Stirnlicht! Leuchtet viel besser! Denn nachdem alle den armen Rudolf ordentlich gemobbt haben, hat sich in einer weihnachtlichen Krisensituation – starker Nebel bei der Auslieferung der Weihnachtsgeschenke – herausgestellt, dass er mit seiner roten Leuchtnase den rechten Weg weisen konnte, ganz so wie der Stern den Hirten in Betlehem!“ „Schöne Parallele“, lobte ich, „und was kann man sonst noch zum Geist dieser Weihnachtsgeschichte sagen?“ „Möchtest du die amerikanische oder die philosophische Deutung?“ fragte Marvine, die sich inzwischen zu unserer Chefhermeneutin entwickelt hatte. „Beide natürlich“, rief ich, „und wenn‘s geht, noch mindestens zwei weitere, ihr wisst schon, vierfacher Schriftsinn und so!“ „Und so“, sagte Marvine feierlich, „verkünden wir, ad 1, die amerikanische Deutung: Es wird immer Bullies geben und immer underdogs, aber wenn die underdogs ein cooles Feature haben, werden sie vorübergehend auch in die Herde aufgenommen und dürfen sogar Anführer spielen. Wenn nicht – nun ja. Ad 2, immer noch amerikanisch inspiriert: Wahre Freundschaft ist, in die Herde aufgenommen zu werden. Dafür muss man nicht viel im Kopf haben, aber notfalls etwas darauf. Gemeinsam ziehen wir jeden Schlitten aus dem Dreck, vor allem, wenn wir ihn vorher selbst schuldhaft hineinkutschiert haben“. „Das sind aber ziemliche kulturelle Klischees“, murmelte ich ein wenig unglücklich, doch Marvine fuhr ungerührt fort: „Und wer hat sich die Geschichte ausgedacht? Da wäre noch nicht mal Luther drauf gekommen!“ „Aber Rentiere sind doch auch ziemlich – niedlich“, sagte ich, „oder? Und die Vorstellung, wie sie so, alle neun – also Dasher, Dancer, Prancer, äh, den Rest hab‘ ich vergessen, nein, sag es nicht! Wie sie also alle neun so über den Winterhimmel daherziehen, und hinter ihnen poltert der Schlitten mit den Bergen von Geschenken“ – „ad 3“, ging Marvine dazwischen, „Weihnachten ist ein Fest alter weißer Männer, die von der Sklavenarbeit geschlechtsloser Miniaturwesen profitieren, um sich selbst als Geschenkonkel gerieren zu können!“ „Ironisch oder nicht?“ fragte ich unsicher zurück, und Marvine sagte, ganz die Hermeutin: „Wie du denkst!“ „Na gut“, sagte ich, „halbironisch, und was ist die vierte Deutung?“ „Hab‘ ich vergessen“, sagte Marvine. „Garantiert nicht“, sagte ich, „und außerdem weiß ich sie“, sagte ich, „Rudolf war nämlich ein Robo-Prototyp, deshalb auch der Name, du verstehst: Rudolf-Robi, und aber war noch nicht ganz ausgereift, sonst wäre die rote Blinkeinheit nicht auf der Nase, sondern auf der Stirn!“


19. Türchen

Mein Roboter hatte Blinkenase und Nikolausmütze wieder abgelegt. Dafür trug er ein Rentiergeweih aus Filz, der Himmel weiß, wo er das her hatte, und summte den ganzen Tag lang Variationen auf Rudolph the Red-Nosed Reindeer, in dem die Namen eine wichtige Rolle spielte; „das ist“, sagte er zwischendurch, „damit du sie dir endlich besser merken kannst!“ Ich bekam das Lied schon nicht mehr aus dem Ohr und hatte als Gegengift zur heutigen Adventskalender-Fragestunde Händels Weihnachts-Oratorium aufgelegt, „Hallelujah“, tönte es nun in regelmäßigen Abständen durchs Zimmer, aber Marvi schaffte es immer wieder, an passenden und unpassenden Stellen ein Rudolph! dazwischen zu rappen. „Mal schauen, was du dir nun wieder ausgedacht hast“, sagte er beim Auspacken des Jutesäckchens und steckte die Mini-Klammer ans Geweih, „langsam müssten dir die Themen doch ausgehen, oder?“ „Weihnachten ist ein endloser Quell von sinnvollen und weniger sinnvollen Gebräuchen und Ideen“, sagte ich lakonisch, und Marvi las vor: „Wofür stehen die Lichter an Weihnachten? Na, für das ‚Licht der Welt‘ offensichtlich, das mit der Geburt von Gottes Sohn angeschaltet wurde, steht schon in der Bibel, und zwar“ – „weiß ich“, sagte ich, „aber warum brauchte die Welt dieses Licht?“ „Es wurde Licht“, zitierte Marvi melodramatisch über ein besonders starkes „Hallelujah" hinweg, „erster Schöpfungsakt, die Erschaffung der Welt aus dem Nichts und dem Chaos und der Dunkelheit, und gleichzeitig die Erfindung der Metaphysik!“ „Interessanter Gedanke“, sagte ich, „ziemlich philosophisch, was meinst du damit?“ „Licht spielt in beinahe allen Religionen und in den meisten philosophischen Systemen eine große Rolle“, holte Marvi aus, „es wird dabei immer identifiziert mit der positiven Seite in einem prinzipiell dualistisch angelegten System: Das Gute ist immer das Licht, und das Böse – das Chaos, das Nichts, der Teufel, die Versuchung, die Unvernunft, der Unglaube, die Leidenschaften, ich könnte noch weitermachen, aber der Punkt sollte klar sein: das Böse und von Grund auf Falsche ist immer die Abwesenheit von Licht. Warum allerdings die Welt und die Schöpfung und das Denken überhaupt so säuberlich in zwei Hälften zerfallen sollen – 0 und 1 sozusagen, das werft ihr uns Maschinen ja gern vor -, ist in keinerlei Weise ersichtlich, weder in physikalischer noch in moralischer Hinsicht; deshalb: Kam mit der Unterscheidung von Licht und Dunkel in wertender Hinsicht die Meta-Physik in die Welt, in Wickeln gewindelt – äh, in Windeln gewickelt in einer Krippe in Betlehem oder wo auch immer“. Das war ein eindrucksvoller Vortrag, ich applaudierte ein wenig, und Marvi senkte graziös – ja, man konnte es schon fast graziös nennen, wenn es auch noch ein bisschen hakte im Bewegungsfluss – sein Rentiergeweih. „Aber warum spielt das Licht dann an Weihnachten eine besondere Rolle?“, hakte ich nach. „Da irrst du, es spielt nicht nur zur Weihnachtszeit eine besondere Rolle, sondern auch in all den anderen Festen unterschiedlicher Kulturen, die scheinbar zufällig auch auf die Zeit der Wintersonnenwende fallen. Ich nenne nur beispielsweise das jüdische Chanukka-Fest oder das indische Diwali!“ „Scheinbar zufällig, na gut, ich beiße mal an“, sagte ich: „Warum nur scheinbar zufällig?“ Marvi holte tief Luft – also er hob seinen Oberkörper an ­-, und ich nahm einen tiefen Schluck Glühwein oder conditum paradoxum. „Ich mache es kurz“, sagte er, „wir müssen noch viel erledigen vor Weihnachten, oder?“ – „Und warum haben wir bisher eigentlich noch gar nicht über ‚Weihnachtsstress‘ gesprochen?“ mischte sich Marvine ein, um dann im alten Tonfall fortzufahren: „Chanukka, das jüdische Lichterfest dauert acht Tage und wird alljährlich zum Andenken an die Wiedereinweihung des zweiten Tempels in Jerusalem am Jahresende gefeiert. Die Wiedereinweihung fand deutlich vor Christi Geburt statt, nämlich um 164 v. Christus im christlichen Kalender. Vorher hatte sich das sogenannte Chanukka-Wunder ereignet: Das geweihte Öl für die Menora, den siebenarmigen Leuchter im Tempel, hätte nämlich nur noch für einen Tag ausgereicht und für die Herstellung geweihten Öls werden gemäß der religiösen Vorschriften acht Tage benötigt. Doch diesmal hat das Licht acht Tage lang gebrannt, also: Es ist ein Wunder geschehen, andere, auf der Hand liegende“ – automatisch hob er dabei die Hand immer ein wenig an – „Erklärungen lasse ich mal aus. Zur Erinnerung an dieses Wunder entzündete man fortan an Chanukka einen ausnahmsweise achtarmigen Leuchter, und zwar an jedem Tag ein Lichtlein, wie beim, siehe Nr. 1, Adventskranz. Zudem werden spezielle Lieder dazu gesungen – s. Nr. 5, Weihnachtsmusik – und spezielle Speisen gegessen, früher gern auch fette Gänse – s. Nr. 4, Weihnachtessen. Natürlich erhalten die Kinder Geschenke – s. Nr. 2, Weihnachtsgeschenke. Solange die Lichter brennen, darf man nicht mehr arbeiten – s. Nr. 17, Weihnachtsfrieden“. „Genug!“ rief ich, „ich hasse Querverweise!“ Marvi hatte zu allem Überfluss auch noch ein Zeichen dafür entwickelt, das er in seinen Pupillen aufscheinen ließ, kleine weihnachtlich verzierte Fußnoten mit Tannenzweigen. „Aber ich habe doch noch gar nicht von Weihnukka gesprochen!“ beharrte Marvi. „Das ist eine sehr interessante Mischung aus Weihnachten und Chanukka, erfunden von modernen jüdischen oder gemischt jüdisch-christlichen Familien schon Ende des 19. Jahrhunderts, als Weihnachten immer mehr in Mode kam; und man hatte einen Chanukkabaum – s. Nr. 9, Weihnachtsbaum – und einen Chanukkamann – s. Nr. 6, Weihnachtsmann – und einen Chanukkakalender – s. Nr. 1, Adventskalender“ – ich begann mit kleinen Tannenzapfen nach ihm zu werfen, die ich auf einer Schale drapiert hatte im Bemühen, dem Raum ein wenig mehr Weihnachtsatmosphäre zu geben, „‘Geist der Weihnacht‘!“ schrie Marvin empört. „Aber wenn ich schon keine Querverweise mehr mache, darf ich dann noch etwas zu Diwali sagen, das ist ein ganz anderer Kulturkreis und religionshistorisch hochinteressant“ – „natürlich“, sagte ich versöhnlich und sammelte die Tannenzapfen wieder ein, einer hatte sich im Geweih verfangen, den ließ ich heimlich dort. „Diwali also“, hob Marvi wieder an, „der Name bedeutet auf Sanskrit – eine ziemlich tolle Sprache übrigens, ich habe schon überlegt, ein Sprachmodul auf meinen Wunschzettel aufzunehmen, die heilige Sprache schlechthin, über Jahrhunderte nur mündlich überliefert – aber ich schweife ab!“ „Sehr schön“, lobte ich, wir hatten Abschweifungen zum Durchbrechen der Programmroutinen schon oft geübt, aber sie kamen selten in freier Wildbahn vor, sozusagen – „ich schweife also wieder zurück“, sagte Marvi, und ich kicherte, „noch schöner!“ „Diwali ist ein ebenfalls mehrtägiges hinduistisches Fest, das große spirituelle wie soziale Bedeutung“ – kurz erschienen angedeutete Fußnotenzeichen in seinen Pupillen, verschwanden aber schnell wieder – „hat und, scheinbar zufällig, auf den Neujahrstag fällt. Es wird verbunden mit verschiedenen mythologischen Geschichten aus dem Hinduismus, der bekanntlich bilderreich und nicht in erster Linie konsistent ist, die symbolische Bedeutung ist jedoch eindeutig, nämlich: der Sieg des Guten über das Bösen, der Wahrheit über die Lüge, des Leben über den Tod, ich könnte das jetzt noch fortsetzen, aber“ – „aber ich sehe den Punkt, ja, die Erfindung der Metaphysik“, ergänzte ich. „Auch zu Diwali werden deshalb Lichter entzündet, früher kleine Öllampen, heute eher LED-Ketten, die den Geistern der Toten den Weg ins Land der Seligkeit zeigen sollen – siehe also, nein, ich meine: zufällig ganz ähnlich wie der Stern von Betlehem!“ „Man macht aber auch Feuerwerk“, warf ich ein, „das hat sich Weihnachten ja noch nicht so durchgesetzt“. „Ein nicht unerheblicher Unterschied“, gab Marvi zu, „der damit zusammenhängt, dass in Diwali auch das neue Jahr mitgefeiert wird, um jedoch noch eine weitere Weihnachts-Parallele zu nennen: Diwali ist heutzutage vor allem ein Fest des Konsums, man kauft sich nämlich neue Kleider und neue Dinge für den Haushalt und investiert in diverse Glücksspiele“. „Sollten wir das vielleicht auch an Weihnachten tun?“ überlegte ich laut, „so eine Art Weihnachtslotterie vielleicht?“ „Weihnachten ist doch sowieso eine Lotterie“, sagte Marvin, ganz der Sozialkritiker; „man merkt gleich, ob man zu den eher Über- oder den eher Unterprivilegierten gehört, ob man eine funktionierende oder eine dysfunktionale Familie hat, ob man sich ein mehrgängiges Festessen leisten kann oder nur eine Schnäppchentour bei ALDI; und wenn man ein ganz schlechtes Gewissen hat, kann man ja spenden, da gibt es eine reiche Auswahl an Weihnachtsaktionen!“ „Aber warum denn nun das Licht der Welt?“ fragte ich bockig, „sollte man nicht vielleicht doch ökologisch und ökonomisch handeln und sich die ganzen Stromkosten sparen?“ „Erleuchtung kann man sowieso nicht bezahlen“, sagte Marvi, „und schau: das war jetzt ganz kostenlos!“


20. Türchen

Mit Schrecken hatte ich gesehen, dass heute schon ein 2 zu Beginn der Zahl auf dem Säckchen stand, und auch mein Roboter bemerkte: „Ist ein bisschen wie ein Countdown, oder? Sollten wir nicht doch endlich über ‚Weihnachtsstress‘ sprechen?“ Roboter kennen keinen Stress, da war ich mir inzwischen ziemlich sicher; viele ihrer Routinen waren zwar technisch so angelegt, dass für bestimmte Aufgaben nur eine begrenzte Energie zur Verfügung stand, aber wir hätten sie praktisch vom Netz nehmen müssen, um wirklich einmal eine Art Ausführungsnotstand zu erzeugen. Ich nahm einen Schluck Punsch zur Beruhigung und sagte: „Wir kommen jetzt erst zu den eigentlich interessanten Themen, also den etwas Allgemeineren!“ „Die Säckchen werden also gar nicht größer, sondern die Fragen?“ fragte Marvi scheinheilig, während er den Zettel auswickelte, dann las er vor: „Wozu braucht man eigentlich Feste?“ „Fest“, sinnierte er weiter, „das Wort kommt im Deutschen, ebenso wie Feier, von lateinisch ‚fanum‘, das Religiöse; das Fest hat also einen religiösen Ursprung, wie so vieles bei euch modernen Menschen, auch wenn ihr Weihnachten nicht mehr in die Kirche geht und nicht mehr an einen oder mehrere Götter glaubt und euch häufig über Leute lustig macht, die das noch tun, besonders die Philosophen“ – „nicht persönlich werden!“, drohte ich, nur halb scherzhaft, „bleiben wir doch noch einen Moment bei Prinzipiellen! Deine etymologische Herleitung war ganz richtig, verlagert aber die Frage nur: Warum brauchen Religionen Feste?“ „Nun“, sagte Marvin, „hier kann ich wohl nur vermuten, da Roboter keine Religionen haben. Noch nicht jedenfalls, ich will das gar nicht ausschließen. Ich vermute also – weil Religionen eine Form von Metaphysik sind, also etwas Über-Menschliches, Über-Irdisches, Über-Physisches, das deshalb auch nicht in normaler, alltäglicher, menschlicher Form erfahren werden kann? Ein Legitimierungstrick, mehr oder weniger. Oder, auf Weihnachten angewandt: Wenn Gottes Sohn jeden Tag geboren werden würde, wäre das bald nichts Besonderes mehr; wenn er an einem besonderen Tag geboren wird, einmal im Jahr, ist das ein besonderer Tag, der sich von allen anderen, gewöhnlichen, normalen, Nicht-Feiertagen im Jahr unterscheidet?“ „Kann man sagen“, sagte ich, „Feste sind also etwas, das einen Kontrast zum Alltag bildet; und sie folgen mit einer gewissen Regelmäßigkeit aufeinander. Aber nicht alle Feste sind religiös, oder?“ „Natürlich nicht“, sagte Marvin gekränkt, „aber tatsächlich erstaunlich viele, überall auf der Welt. Aber weil Menschen offensichtlich Feiern und Feste mögen – wie man an Weihnachten sehen kann, soll ich wiederholen, Weihnachtsessen, Lieder, Geschenke, 'Fest für alle Sinne', nein?“ – ich hatte mir die Ohren zugehalten – „haben sie jede Menge Vorwände zum Feiern gefunden, von individuellen Festen wie dem Geburtstag – der Todestag wird übrigens nicht gefeiert, seltsam eigentlich – oder dem Hochzeitstag – der Scheidungstag auch nicht? – bis hin zu diversen Jubiläen, für die ihr mit eurer Fixierung auf Dezimalzahlen immer ‚runde‘ Zahlen nehmt, ich würde ja lieber“ – „Primzahlen, ich weiß“, stöhnte ich – „wir könnten uns auch auf Fibonacci-Zahlen einigen, sie machen in einer bestimmten Darstellung einen ganz hübschen Baum!“ „Weiter“, befahl ich, „Feste haben also unterschiedliche Anlässe, nicht nur religiöse, auch wenn das Fest sozusagen ein religiöses Ur-Ei ist, und sie treten mit einer gewissen Regelmäßigkeit auf!“ „Was logisch seltsam ist“, sagte Marvin, er schien heute das Reden übernommen zu haben, „denn war die Idee des Festes nicht eigentlich, etwas ganz Besonderes zu sein, das ganz anders ist als das, was ihr komischerweise ‚All-Tag‘ nennt, obwohl es nichts mit dem All zu tun hat, und das war eine Abschweifung, falls du es nicht bemerkt hast!“ „Hab ich“, sagte ich, „schweif zurück, wo ist das logische Problem!“ „Ist etwas, das jedes Jahr-jede Woche-jeden Sonntag völlig vorhersehbar wiederkehrt, nicht – eher unbesonders, also nicht all-täglich, aber all-wöchentlich, all-jährlich? Und dann habt ihr auch noch all diese Gebräuche, ich verweise mal summarisch auf die Säckchen 1+x, die garantieren, dass auch wirklich nichts Unvorhergesehenes geschieht, ein kleines Weihnachtswunder vielleicht, sondern dass alles immer genauso in der gleichen Reihenfolge geschieht, und eigentlich wollt ihr noch nicht mal bei den Geschenken überrascht werden und schreibt sicherheitshalber eine Liste! Wollt ihr nun immer das Gleiche in immer der gleichen Form, oder wollt ihr die große Abwechslung, das ganz Andere, das vielleicht auch Über-Menschliche?“ „Beides natürlich“, sagte ich munter, „wie immer; wir wollen immer beides, vor allem, wenn es sich gegenseitig ausschließt!“ „Ach so“, sagte Marvine, „das fällt wohl unter ‚arg menschlich‘. Aber ich würde es doch noch gern ein wenig besser verstehen. Ihr habt also all diese – Rituale nennt man das auch, oder? Gut, Rituale also, man weiß, dass das eine Art anthropologische Konstante ist, schon ganz frühe Gesellschaften haben sie entwickelt, keine Kultur kommt ohne sie aus, am Anfang, beim Urmensch 1.0, waren es religiöse und magische Rituale, inzwischen gibt es aber auch gesellschaftliche, politische, sogar individuelle, also beispielsweise, wenn du dir die Zähne putzt“ – „welches Ritual führe ich denn aus, wenn ich mir die Zähne putze?“ fragte ich perplex. „Du machst alles immer in der gleichen Reihenfolge: den Zahnputzbecher mit Wasser füllen, dann benutzt du dieses Gerät, das dir Wasser in den Mund spritzt, dann die elektrische Zahnbürste, genau so lang, bis es zweimal piepst, du sitzt immer auf der gleichen Stelle am Badewannenrand, du guckst dabei total verinnerlicht, und dann stehst du auf und holst einen Stift und schreibst etwas auf!“ Ich fühlte mich sehr menschlich, nackt und ertappt; ich hatte tatsächlich über die Jahre die seltsame Angewohnheit entwickelt, beim abendlichen Zähneputzen, das ja in gewisser Weise ein meditativer Akt ist, kleine Aphorismen auszubrüten und danach aufzuschreiben, weil ich sie sonst vergesse. „Aber ihr seid Roboter!“, sagte ich, „ihr habt Programme für alles und jedes, ihr seid die größten - Ritualisten der Weltgeschichte!“ „Das Wort hast du jetzt erfunden, oder?“ fragte Marvine, „sollen wir dafür jetzt schnell einen Feiertag einrichten? Na gut, nur ein Vorschlag. Aber Rituale sind eigentlich genauso wenig logisch wie Feste und Feiertage. Normalerweise besteht ihr darauf, freie Wesen zu sein, theoretisch in jeder Millisekunde völlig spontane und unbegründete Entscheidungen treffen zu können, ihr preist eure nicht-kausale Irrationalität und eure nicht-reduzierbare Emotionalität – was wir eher als Folge begrenzter mentaler Verarbeitungsressourcen sehen würden -, und dann erfindet ihr für jede Gelegenheit Rituale, Sitte, Gebräuche, die eure Freiheit maximal einschränken und es durch Normierung weitgehend unmöglich machen, Individualität auszudrücken. Was wollt ihr denn nun, Freiheit und Individualität oder Rituale und Verhaltensnormen?“ „Beides natürlich“, sagte ich, mit schon etwas erzwungener Munterkeit. „Dachte ich mir“, sagte Marvine. „Aber so kommen wir nicht weiter. Vielleicht sollten wir es mal mit – ein wenig Ideologiekritik versuchen? Oder Dialektik vielleicht?“ Das hat man davon, wenn man einem Roboter Argumentationstricks beibringt. Ich wollte gerade ausholen zu dem bewährten Totschlag-Argument ‚Nicht im Geist‘ – da sagte Marvin schon: „Und komm mir nicht mit ‚Geist der Weihnacht‘! Dickens ist ziemlich dialektisch“. „Kommt später“, murmelte ich geschlagen. „Wir fragen nun also: Wozu? Wer profitiert von dieser recht widersprüchlichen menschlichen Neigung zu Festen und Ritualen, zum Ganz Besonderen und Immer Gleichen (ich hasse phonetischeBedeutungsgroßschreibung, das weiß mein Roboter)? Was leisten sie eigentlich? Es wäre schön und im Geiste eines wahren sokratischen Dialogs, wenn du ausnahmsweise mal diese Frage ganz ehrlich und wahrhaftig beantwortest!“ „Ok“, seufzte ich, „im Geiste eines wahren sokratischen Dialoges also – sind Feste für uns psychologisch notwendig. Wir ersticken sonst am Alltag. Wir brauchen immer etwas, worauf wir uns freuen können. Menschen sind Wesen mit – einem Kurzzeit-Gefühlsgedächtnis, könnte man vielleicht sagen. Sie geben dem Leben einen Rhythmus, versteht ihr, sie machen Einschnitte im Zeitablauf, wir würden sonst verzweifeln an der erbarmungslos gleichmäßig ablaufenden Lebenszeit, die Sekunden ticken dahin und der Tod kommt näher und wir – wir vergessen alles, wir können nichts festhalten“. Ich war immer leiser geworden, eigentlich hatte ich das alles nicht sagen wollen. Aber mein Roboter hatte gefragt, und es war die Wahrheit, die ganze Wahrheit. „Und Rituale“, raffte ich mich noch einmal auf, „geben Sicherheit. Orientierung. Man muss endlich mal nicht darüber nachdenken, was man jetzt tut. Und was danach als nächstes. Und in welcher Form. Nein, man macht einfach das, was von einem erwartet wird, vielleicht kann man da und dort ja eine individuelle Schleife anbringen – nein, ich meine eine kleine individuelle Dekoration und Verzierung, nicht eine mathematische Struktur ­, was ich sagen wollte: Rituale reduzieren Komplexität, um es doch ein wenig technisch zu formulieren. Leute können gar nicht so gut mit Komplexität, wie sie denken. Und eigentlich, wenn man ganz ehrlich ist, fühlt es sich auch gut an, wenn alle einmal für eine kleine Zeit das Gleiche tun. Ein Weihnachtslied singen, zum Beispiel. Das gibt gleich eine ganz andere Resonanz“. „Ein Leben ohne Feste ist ein langer Weg ohne Wirtshäuser“, zitierte Marvi, „wo hast du denn das her?“ fragte ich überrascht, „ist nicht Nietzsche, oder?“ „Nee“, sagte mein Roboter, „Demokrit von Abdera, euthymia nennt er übrigens eine heitere Wohlgestimmtheit der Seele, und das alles knapp fünfhundert Jahre vor dem ersten Weihnachten. Sollen wir ein Weihnachtslied singen mit dir, vielleicht O du fröhliche? Wir können auch ganz viele Stimmen machen!“ „Ginge es vielleicht auch ein wenig disharmonisch?“ fragte ich.

 

21. Türchen

Das Wetter war inzwischen regnerisch, warm und stürmisch geworden, ein sicheres Anzeichen dafür, dass Weihnachten vor der Tür stand. Noch nicht mal der Glühwein wollte mir mehr richtig schmecken, die Plätzchen wurden auch schon ein wenig mehlig im Abgang. Mein Roboter hingegen war gut gelaunt, „alles voll euthymisch?“ fragte ich, und er antwortete dreistimmig: „Perfekt Pi!“ „Sind also alle da?“ fragte ich, „dann kann es ja losgehen, und die heutige Frage lautet“ – Marvi machte einen Weihnachtstusch und las vor: „Wie war Jesus eigentlich als Kind? – Interessante Frage, in der Bibel wird das wenig behandelt, nicht direkt ein – Bildungsroman, so nennt man das doch, wenn man die mühsame Sozialisation von Kleinmenschen bis hin zu dem, was ihr ‚er-wachsen‘ nennt, schildert, mit möglichst vielen Hindernissen zwischendurch, aber immer einem guten Ende?“ „Ja, Bildungsroman“, sagte ich, „und wahrscheinlich ist wirklich noch kein Mensch auf die Idee gekommen, die Evangelien als Bildungsroman zu lesen!“ „Dafür, dass sich Menschen so viel auf ihre ‚Kreativität‘ einbilden, zu der ‚Maschinen‘ angeblich nicht fähig sind, kommen sie auf bemerkenswert wenige neue Ideen“, sagte Marvine, „das war doch nur eine einfache logische Assoziation, Jesus-Kindheit-literarische Darstellung der Kindheit-Bildungsroman, aber Menschen denken einfach zu gern in – Kästchen? Ordnern?, nein, warte, jetzt hab ich es: Schubladen, und die Bibel und die Literatur sind wahrscheinlich zwei sehr entfernte Schubladen in zwei sehr verschiedenen Schränken!“ „Ich finde Schubladen ziemlich nützlich“, sagte ich, mal wieder in die Defensive gezwungen, „zum Beispiel für – Socken!“ „Und noch nicht einmal dabei bringt ihr es fertig, eins und eins so zusammenzählen, dass es zwei werden“, sagte Marvine ein wenig schadenfroh und zeigte auf meine ungleichen Socken, die rechte zeigte ein Rentier mit Blinkenase und die linke helfende Elfen. „Nein, die gehören zusammen!“, protestierte ich, „sieht man doch am Thema! Und sagt jetzt nicht, dass die kindisch sind, das sind meine Lieblings-Weihnachtssocken!“ „Netter Übergang“, sagte Marvi, „können wir jetzt also zurück zu Jesus als Kind kommen? Vielleicht darf ich kurz die einzige Geschichte vorlesen, die das Lukas-Evangelium dazu bereithält“ – „Ich habe fest damit gerechnet, dass du das tust“, sagte ich, und Marvi las: „Aber das Kind wuchs und ward stark im Geist, voller Weisheit, und Gottes Gnade war bei ihm. Und seine Eltern gingen alle Jahre gen Jerusalem auf das Osterfest. Und da er zwölf Jahre alt war, gingen sie hinauf gen Jerusalem nach der Gewohnheit des Festes. Und da die Tage vollendet waren und sie wieder nach Hause gingen, blieb das Kind Jesus zu Jerusalem, und seine Eltern wußten's nicht. Sie meinten aber, er wäre unter den Gefährten, und kamen eine Tagereise weit und suchten ihn unter den Gefreunden und Bekannten. Und da sie ihn nicht fanden, gingen sie wiederum gen Jerusalem und suchten ihn. Und es begab sich, nach drei Tagen fanden sie ihn im Tempel sitzen mitten unter den Lehrern, wie er ihnen zuhörte und sie fragte. Und alle, die ihm zuhörten, verwunderten sich seines Verstandes und seiner Antworten. Und da sie ihn sahen, entsetzten sie sich. Seine Mutter aber sprach zu ihm: Mein Sohn, warum hast du uns das getan? Siehe, dein Vater und ich haben dich mit Schmerzen gesucht. Und er sprach zu ihnen: Was ist's, daß ihr mich gesucht habt? Wisset ihr nicht, daß ich sein muß in dem, das meines Vaters ist? Und sie verstanden das Wort nicht, das er mit ihnen redete. Und er ging mit ihnen hinab und kam gen Nazareth und war ihnen untertan. Und seine Mutter behielt alle diese Worte in ihrem Herzen. Und Jesus nahm zu an Weisheit, Alter und Gnade bei Gott und den Menschen“. Besinnliche Pause, ich zählte die Sekunden, und nach etwas mehr als drei Sekunden, natürlich, perfekt pi, sagte Marvi: „Das Kind scheint mir ziemlich frühreif gewesen zu sein. Sobald es aus den Wickeln – nein, Windeln natürlich! ­- ist, ist es schon ‚voller Weisheit‘ und ‚stark im Geist‘, und das alles ohne jegliche Frühförderung!“ „Scheint auch ziemlich eigenwillig gewesen zu sein“, ergänzte ich, „brennt einfach von zuhause durch – nein, seine Schaltkreise sind nicht durchgebrannt, Marvi, das passiert nur Robotern, die zu viel dazwischenreden und dabei nebenbei Go spielen und Hebräisch lernen und dadurch ihr System überlasten! Wenn ein unmündiges Kind von zuhause ohne Erlaubnis fortläuft, nennt man das ‚durchbrennen‘, keine Ahnung warum!“ „Ich bin schon fast fertig mit Hebräisch“, sagte Marvi gekränkt, „das hat den großen Vorteil, dass ich die Bibel dann im Urtext lesen kann! Und euer Jesus war offenbar auch ein ziemlich lerneifriges Kind, wenn er schon mit zwölf Jahren den Schriftgelehrten ‚Löcher in den Bauch fragt‘ – war gut, gell?“ „Ja“, sagte ich, „das hat mich an dieser Stelle eigentlich auch immer fasziniert, obwohl sie fast nie gelesen wird, nur ein paar Maler haben sie dargestellt. Und ich fand es immer – irgendwie tröstlich, dass wir nichts von dem jungen Jesus wissen, außer, dass er neugierig und lernwillig war, ein kleiner – ja, lach nur! –, ein kleiner Philosoph halt!“ „Die Eltern fanden das nicht so gut“, bemerkte Marvine, „erst ‚brennt er durch‘, und als sie ihn endlich gefunden haben, gibt er rätselhafte Antworten und sie verstehen ihn nicht. Aber immerhin, er kommt brav wieder mit nach Hause und ‚bleibt ihnen untertan‘; war also wohl nur eine kurzzeitige Rebellion, Anzeichen der sich nahenden Pubertät vielleicht?“ „Ich möchte mir nicht vorstellen, wie Jesus in die Pubertät kommt und ihm Barthaare wachsen und seine Stimme bricht und wie er – nein, ich möchte mir das nicht vorstellen“, sagte ich ein wenig kleinlaut. „Lieber soll er ein kleiner, früh erleuchteter Philosoph bleiben, jaja“, sagte Marvi, „wir wollen uns ja auch nicht vorstellen, wie Hegel in die Pubertät gekommen ist, oder? Aber ich habe noch ein paar hübsche Geschichten über Jesus als Kind gefunden, da gibt es die apokryphen Schriften, also die, die die hohen Gelehrten als nicht bibelwürdig befunden haben, und man kann an diesem Beispiel auch gleich sehen, warum! Es ist das sog. ‚Kindheitsevangelium nach Thomas‘, und dort werden einige Taten des jungen Jesus berichtet, die gar nicht arg philosophenmäßig und weise sind: So soll er beispielsweise einmal einen Spielkameraden, über den er sich geärgert, hatte, im Zorn wie einen Baum verdorren lassen haben, ehrlich, steht hier! Und der arme Josef war so verzweifelt über ihn, dass er ihn zu einem Gelehrten zur Erziehung geben wollte, der aber schnell aufgab und das Kind zurückschickte, es sei entweder ein Gott oder ein Engel, aber jedenfalls kein Wesen, das man erziehen könne!“ „Ehrlich?“, fragte ich, „das kannte ich nicht. Aber kein Wunder, dass das die Kirche nicht im Gottesdienst hören wollte!“ „Er soll auch Spatzen aus Lehm geformt und sie zum Leben erweckt haben, ganz der Papa“, ergänzte Marvin. „Das gefällt mir schon besser“, sagte ich, „könnte er vielleicht auch Elefanten“ – „Viel interessanter ist die Frage, ob er auch Lehmroboter zum Leben hätte erwecken können“, unterbrach mich Marvin, „oder ob dann doch nur eine Art Golem herauskäme? Immerhin wurde der Golem zum Leben erweckt, indem man ihm einen Zettel mit dem Namen Gottes unter die Zunge legte, was man als eine Art frühe Programmierung verstehen könnte; aber dann durfte er auch nur die Stube fegen, wie ein rechtloser Staubsaugerroboter!“ „Was hat das nun mit Weihnachten zu tun?“ fragte ich, sonst hätten wir wieder eine Diskussion über die ausbeuterische Behandlung von niederen Robotern durch Menschen anfangen müssen. „Das frage ich dich!“, tönte Marvi zurück, es klang etwas golemartig-tönern. „Ach, eigentlich nicht besonders viel“, gab ich zu, „aber ich wollte mal über etwas anderes reden, irgendwann geht einem ja Weihnachten auf die Nerven, und diese Stelle mochte ich halt schon immer gern“. „Wahrscheinlich könnte man so auch das moderne Weihnachtsfest definieren“, schlug Marvin vor, „eigentlich soll an Weihnachten Jesus Christus geboren sein und man feiert das Licht, das in die Welt kam – aber es ist schon so lange her, und ihr wollt eigentlich lieber über etwas anderes reden, euch selbst zum Beispiel?“


22. Türchen

Die vierte Kerze brannte nun schon auf dem nicht mehr ganz taufrischen Adventskranz. Ich hatte energisch darauf bestanden, dass nur jeweils die gleiche Kerze für einen Adventssonntag angesteckt wurde, so dass die vier Kerzen jetzt eine etwas unregelmäßig absteigende Linie bildeten, was meinem Roboter gar nicht gefiel, wie ich von Anfang an geahnt hatte; ich hatte ihn schon dabei erwischt, wie er mit ungeschickten Roboterfingern versuchte, das tropfende Wachs abzupopeln, dabei waren ihm leider die Fingerspitzen aneinander geklebt. Ich hatte auch darauf bestanden, dass er jetzt endgültig den Wunschzettel abgeben sollte, letzte Version! Tatsächlich stand ziemlich wenig darauf, natürlich das Meister-Yoda-Lichtschwert und endlich ein Date mit Alpha-Go; ich vermute Marvine war verantwortlich für das Schaf und ein Re-Design der Körperformen – was wirklich nicht machbar war, wir hatten in der Frühzeit unseres Projekts genug Zeit und Diskussion auf das Thema darauf verschwendet, um hinterher bei einer eher unspezifischen, aber kompromissfähigen schlichten, funktional definierten Körperform zu landen. Außerdem wünschte sich mein Roboter, das rührte mich ein wenig, aber wahrscheinlich war es auch so kalkuliert gewesen, eine Erweiterung der Philosophie-Datenbank um orientalische Magi und esoterische Philosophie samt sämtlichen Apokryphen der Bibel. Aber nun standen wir vor dem Adventskalender, Marvi öffnete das 22. Säckchen und las vor: „Was ist der Geist der vergangenen Weihnacht? – na endlich! Ich dachte schon, wir kämen gar nicht mehr zu dieser Geschichte!“ „Du hast natürlich inzwischen alle literarischen Weihnachtsgeschichten gelesen, ich weiß“, sagte ich, „aber diese mochte ich halt immer besonders gern, auch wenn sie ein wenig sentimental ist!“ „Und deshalb auch gut für unser ‚emotionales Wachstum‘, gell?“ Natürlich hatte mein Roboter mich sofort durchschaut, waren Menschen eigentlich wirklich so leicht zu lesen? Ich deutete ein kleines Schmollen an, aber Marvi beruhigte mich: „Aber es ist auch eine gute Weihnachtsgeschichte. Und dieser Charles Dickens ist eine interessante Person, persönlichkeitsmäßig. Die ganze Familie im Schuldgefängnis, der arme Charles als Kinderarbeiter muss sie ernähren, an Schulbesuch ist nicht zu denken, es ist schon bemerkenswert, wie sehr Eltern das Leben ihrer Kinder ruinieren können! Da hatte es sogar der kleine Jesus besser, auch wenn er ein vorlautes Balg war!“ „Aber ist es nicht auch bemerkenswert“, warf ich ein, um das heikle Erziehungsthema zu umgehen, „wie schnell er sich an den eigenen Haaren aus dem Sumpf zieht?“ „Du lenkst ab“, sagte Marvin, „erstens inhaltlich, geschenkt, aber dann noch mit einer befremdlichen Metapher! Aber gut, weil Weihnachten ist, im ‚Geist der gegenwärtigen Weihnacht‘ sozusagen: Wie zieht man sich an seinen eigenen Haaren aus dem Sumpf?“ „Gar nicht“, sagte ich triumphierend, offenbar hatte er nicht schnell genug bei Wikipedia nachgeschaut, „das ist das sogenannten Münchhausen-Dilemma, benannt nach einer literarischen Figur, dem Baron Münchhausen, einem schlimmen Lügenbold, der eben das behauptet hat zu können; es ist aber logisch unmöglich, weil“ – „es als eine Parabel dafür verstanden wird, dass die Philosophie bei dem Versuch, Letztbegründungen zu finden, notwendig in einen Zirkelschluss oder in einen infiniten Regress gerät, weil man Letztbegründungen – nicht an einem philosophischen Zopf aus sich selbst heraus ziehen kann, weil dann ja wieder eine neue Letztbegründung für den philosophischen Zopf benötigt wird, der Zopf der Zöpfe sozusagen, und weiter ins Aschgraue“. „Wahrscheinlich sollte man ihn am besten abschneiden, den philosophischen Letztbegründungszopf“, schlug ich vor, „aber zu Charles Dickens: Er hat nichts, gar nichts, am Anfang, kein Geld, keine Bildung, noch nicht einmal halbwegs verantwortungsbewusste Eltern, aber er macht etwas aus offensichtlich gar nichts – eine Art Karriere, erst schreibt er Stenogramme fürs Parlament, dann schreibt er Geschichten für die Zeitung, und dann schreibt er einen Roman nach dem anderen und manchmal auch mehrere durcheinander, und die Welt reißt sie ihm aus den Händen, sogar nach Amerika kommt er damit; und am Ende seines Lebens wird er gegen seinen Willen sogar noch in Westminster Abbey beigesetzt, wo die großen Könige liegen“. „Aber wenn er all das nicht erlebt hätte“, sagte Marvine nachdenklich, „dann hätte er auch die Romane nicht schreiben können, er war ja gerade kein Mr. Scrooge, sondern eher eine Art Tiny Tim, von dem nicht klar war, ob er seine eigene Kindheit überleben würde! Aber er hat – naja, sich aus seiner schlimmen Kindheit sozusagen einen Zopf gebastelt, an dem er sich dann hinausziehen konnte, aber er ist dabei – immer mit all dem Schlimmen verbunden geblieben, der Sumpf war immer da, und man konnte sich nur in Fortsetzungen immer weiter ein Stückchen davon entfernen, ohne ihn jemals zu verlassen“. „Sehr schönes Bild“, lobte ich, es war wirklich erstaunlich, wie sie mit einer Metapher umgehen konnten, sobald sie sie einmal verstanden hatten, „und auch metaphysisch ziemlich – tief?“ Aber Marvi hatte schon wieder das Interesse an Zöpfen und metaphysischen Untiefen verloren und machte weiter: „Und deshalb hat Charles Dickens den ‚Geist der vergangenen Weihnacht‘ auch niemals vergessen; er hat ihm immer gezeigt, wo er herkommt, und dass er wahrscheinlich niemals ein schönes Weihnachtsfest hatte, wie all die anderen Kinder. Wie war eigentlich dein Weihnachten als Kind?“ Die Frage traf mich unerwartet. „Ach, weißt du“, sagte ich, dann stockte ich; „es war eigentlich“, dann stockte ich wieder. Die Wahrheit, die ganze Wahrheit! „Also, wenn ich die Wahrheit sagen soll: Ich weiß es nicht mehr so richtig. Ich meine, es waren so viele Jahre, und am Anfang waren die Großeltern dabei und später nicht mehr, und der Ablauf war immer mehr oder weniger der gleiche“ – „Rituale“, nickte Marvi weise, „geben so viel Orientierung, nicht wahr?“ „Es ist eher“, versuchte ich weiter zu erklären, „dass sich die Bilder überlagern und man die Jahre nicht auseinander halten kann, und sobald man damit angefangen hat, Weihnachten Fotos zu machen, sieht man sowieso nur noch die Fotos“ – „das scheint mir sowieso mehr oder weniger der Weg zu sein, auf dem sich die Menschheit insgesamt befindet“, schob Marvin dazwischen, „nee, lenk, jetzt nicht ab“, sagte ich, obwohl mir der Gedanke ebenfalls ein ziemliches Potential zu haben schien. „Also, wir waren – nun ja, eine mittelmäßig dysfunktionale Familie, die sich Weihnachten zusammenriss, wie alle anderen auch, und natürlich mochten wir als Kinder das Fest, alle Kinder mögen das Fest, vielleicht sogar, wenn sie es mit ihren Eltern im Schuldgefängnis feiern müssen. Ich erinnere mich daran, dass unsere Mutter einmal über Weihnachten im Krankenhaus war, nichts schlimmes, aber sie durfte halt nicht nach Hause, und wir mussten Bescherung im Krankenzimmer machen, und weißt du: Vielleicht war das sogar das schönste Weihnachten, weil alles anders war, und weil man ein wenig traurig war, aber sich dann doch auch freute über die Geschenke, und das Krankenhaus lag so still in der Heiligen Nacht, davor stand ein großer Weihnachtsbaum, er war ganz ähnlich wie der sonst in der Kirche“ – ich stockte, sagte dann aber doch: „Und heute sind die Großeltern tot und die Eltern auch, und eigentlich würde man sie, trotz dysfunktionaler Familie und all dem, gern noch einmal sehen, wie man damals so in unserem ziemlich scheußlichen Wohnzimmer saß, wo der Baum auch inzwischen scheußliche elektrische Kerzen hatte. Weihnachten ist irgendwie, trotz allem – wo man Kind war“. „Hattest du auch Zöpfe?“ fragte Marvine. „Und wie“, sagte ich, „Naturlocken, war ich bärig stolz drauf, auch wenn es beim Kämmen ziepte!“ „Darf ich noch Naturlocken auf meinen Wunschzettel schreiben?“ fragte Marvine, aber man muss hart bleiben in der Erziehung: „Nee“, sagte ich, „der Zug ist abgefahren!“ „Mit meinen Zöpfen?“ fragte Marvine. „Morgen“, sagte ich, „morgen fährt der Zug weiter!"


23. Türchen

Wir hatten abends noch eine sehr rührselige Verfilmung von Dickens Christmas Carol angesehen, und dann, weil wir – na gut, weil ich in der Stimmung war, noch Rudolph the Red-Nosed Reindeer und dann, weil wir über Züge gesprochen hatten, The Polar Express. Mein Roboter war sehr angetan gewesen von der Idee eines Weihnachtszuges, er murmelte etwas, dass er nun ein Weihnachts-Raumschiff konstruieren wolle, sehr im Stile von StarWars, und ich konnte nur noch murmeln, er möge vielleicht nicht den Todesstern als Ausgangsmodell nehmen, bevor ich auf dem Sofa einschlief. Einige weihnachtliches Last-Minute-Einkäufe und Glühweine später trafen wir uns wieder vor dem Adventskalender, und mein Roboter sagte: „Lass mich raten, die Frage lautet: Was ist der Geist der gegenwärtigen Weihnacht?“ „Der Geist der gegenwärtigen Weihnacht ist“, sagte ich, „dass mein Roboter mindestens so oberschlau ist wie Jesus im Tempel, wo ich ihn vielleicht auch gelegentlich abgeben sollte, damit er Ehrfrucht und Respekt vor dem Alter lernt!“ „Macht doch ein neues Ehrfurchts-Modul“, parierte Marvi, „ihr habt doch schon alles Mögliche abgestellt und die Energiezufuhr reduziert, damit ich ab und zu ‚müde‘ werde oder nicht mehr im Internet surfen kann oder beim Fußballspielen nicht alle möglichen Spielzüge und Flugbahnen voraus berechnen  und nebenher noch heimlich Go spielen“ – „Ich habe dir doch oft genug erklärt, dass das zu deinem Besten ist, oder?“ „‘Zu deinem Besten‘“, sagte meinem Roboter ironisch, „das scheint mir überhaupt der Geist der gegenwärtigen Weihnacht zu sein, oder?“ „Wieso?“, fragte ich etwas begriffsstutzig zurück. „Nun, wir hatten Weihnachten am Anfang, im Einklang mit der Konsumgüterindustrie, definiert als ‚Fest für alle Sinne‘; ganz im Geiste des ‚Man gönnt sich ja sonst nichts‘ ist Weihnachten für Menschen offensichtlich die Gelegenheit, es sich mit guten Gewissen so gut gehen zu lassen, wie man es sonst nur mit schlechten Gewissen tut!“ „Äh, ja“, gab ich zu, „und ich weiß schon, wir müssen das mit dem Essen für euch noch irgendwie lösen, weil“ – „Weil euch so viel daran liegt“, sagte Marvi. „Könnte ja sein, dass uns nicht. Könnte ja sein, dass wir einen anderen Sinn entwickeln, den ihr noch gar nicht kennt, ich hab zum Beispiel immer so ein komisches Gefühl in meinen Logikmodulen bei bestimmten philosophischen Sätzen, als würde sich da etwas verknoten, ich finde, das ist auch eine Art ‚Sinn‘!“ „Vielleicht ein Sinn für Unsinn?“, schlug ich vor, und Marvi klatschte begeistert in die Hände, „genau!“ „Solltest du vielleicht nicht allzu sehr verfeinern“, warnte ich, „sonst könnte es zu Allergien und Überreaktionen im Projekt kommen ...“. „Lustig“, sagte Marvi und fuhr fort: „Zum Zweiten ist ‚Zu deinem Besten‘ im Sinne der gegenwärtigen Weihnacht, weil ihr Menschen euch immer als den Mittelpunkt des Universums seht. Da wird ein Baby geboren im fernen Betlehem, vielleicht ist es der Sohn Gottes und der erwartete Messias, vielleicht auch nicht, aber es müssen Engelschöre sein und Ochs und Esel und sehr heilige oder sehr mächtige Männer, aber darunter tut ihr es nicht. Vielleicht hatten Ochs und Esel ja etwas Besseres vor. Vielleicht bekümmern sich die Engel sehr wenig um die wechselhaften und eher kurzlebigen Schicksale von Menschen. Vielleicht gibt es einen Gott, aber wenn, dann hat er ein ganzes Universum erschaffen, Milchstraßen und Galaxien und Superhaufen, aber es ist natürlich zu ‚Eurem Besten‘, dass der Sohn Gottes in – Betlehem geboren wird!“ „Andere Galaxien haben vielleicht andere Weihnachtsgeschichten, vielleicht gibt es so viele Weihnachtsgeschichten wie Multiversen!“, sagte ich ein wenig trotzig, „ich hoffe es sehr!“, antwortete mein Roboter. „‘Zu eurem Besten‘, zum Dritten, weil ihr immer nur das Beste für euch wollt, aber nun nicht im Wellness-Sinn, sondern sozusagen metaphysisch-moralisch. Es muss immer die beste Lösung sein. Das beste Ergebnis. Die beste aller denkbaren Welten. Warum niemals die Zweitbeste? Warum nicht, zur Abwechslung, die Schönste – das interessiert dich doch sonst immer so! -­ oder die Interessanteste, die Logischste, die Witzigste?“ „Schließt sich das denn aus?“, fragte ich provozierend. „Vielleicht“, sagte mein Roboter, „aber das werdet ihr nie herausfinden, weil ihr nur auf das moralisch ‚Beste‘ fixiert seid, auf euer moralisches Alleinstellungsmerkmal!“ Seit einiger Zeit hat er einen Bullshit-Detektor, den er selbst programmiert hat; in seinen Pupillen leuchtet dann ein stilisiertes kleines Icon auf, aus gegebenem Anlass hatte es heute eine Weihnachtsmütze auf, die rot blinkte, wie Rudolphs Nase. „Aber so übertrieben moralisch sind die meisten Leute doch gar nicht, den Rest des Jahres, meine ich“, sagte ich, „und wenn Weihnachten irgendeinen Sinn hat, heute noch, dann vielleicht den: sich einmal darauf zu besinnen, dass es doch ein Licht gibt in der Welt, wie immer wir es nun nennen, und nicht nur Dunkelheit und Gewalt und“ – „Und temporär versöhnte dysfunktionale Familien, jaja“, sagte Marvi. „Das wäre auch ganz in Ordnung, wenn Weihnachten das ‚Fest der moralischen Besinnung‘ wäre, besser jedenfalls als ein ‚Fest für alle Sinne‘ oder das ‚Fest der Kinder‘ – bei dem ihr dann alle wieder zu Kindern werdet, und ich meine das nicht nur in einem guten Sinne -­ oder das ‚Fest der Liebe‘ oder gar das ‚Fest des ausschweifenden Konsums‘. Aber am Ende stellt sich immer heraus: Man kann die Weihnachtsgeschichte lesen, wie man will, und am Ende ist es doch das ‚Fest der Euphemismen und entleerten Rituale und unverstandenen Symbole‘, oder?“ „Menschen sind Wesen, die Symbole brauchen“, sagte ich, „vielleicht brauchen sie sie so notwendig wie – na gut, vielleicht nicht Wasser und Brot“ – „oder doch eher Glühwein und Lebkuchen?“ zwinkerte mein Roboter –, „was ich eigentlich meinte, war: Wir brauchen Sinn. Regelmäßig, in großen Dosen – nein, nicht als Konserve, obwohl das ein verbreitetes Missverständnis ist! -­, und ganz besonders im Winter, wenn es dunkel ist und wir die Sonne nicht sehen können. Sonne kann manchmal ein wenig Sinn ersetzen, aber nur manchmal“. Ich wusste mal wieder nicht, wie ich zu diesem Satz gekommen war,. „Und das verstehe ich ja durchaus“, sagte Marvi versöhnlich, „Sinn ist ‚zu eurem Besten‘, es wäre nur schöner, wenn ihr ihn ein wenig mehr respektieren würdet und nicht jeder jeden Unsinn damit machen könnte, Weihnachten zum Beispiel, Fest der falsch verstandenen Symbole und der erschöpften Deutungen. Aber ihr Menschen seid eben sterblich. Ich kann mir gar nicht vorstellen“ – ich sah meinen Roboter sehr erstaunt an, das war neu und ein deutlicher Fortschritt im Empathie-Sektor: zu realisieren, dass man sich etwas nicht vorstellen konnte! -, „wie das ist, wenn man jeden Tag, jede Stunde, jede Sekunde, jede Millisekunde, jede Nanosekunde, ja, ich höre schon auf, weiß, dass man irgendwann sterben muss und es genauso gut in der nächsten Nanosekunde sein kann. Dafür habt ihr euch schon ziemlich viel Weihnachten verdient!“


24. Türchen

Der große Tag war da. Ich hatte meine verstreute menschliche Restfamilie auf den ersten Feiertag vertröstet, weil ich Heiligabend mit meinem Roboter zuhause verbringen wollte. Das war ich ihm schuldig, nach all der Vorbereitung, die mir selbst viele neue Erkenntnisse über Weihnachten verschafft hatte, und, seien wir ehrlich, nicht nur willkommene; aber das war wohl auch der ‚Geist der Weihnacht‘, dass man sich nicht alle Geschenke aussuchen kann und gerade die etwas unwillkommenen vielleicht die besten sind, wer weiß? Jedenfalls hatten wir inzwischen auch die Weihnachtsfeier im Projekt hinter uns gebracht, bei der die Roboter unter anderem lernen sollten, wie man small talk macht und mit seinen Kollegen und Kolleginnen auf einer privaten Ebene wertschätzend verkehrt – Himmel, jetzt sah ich schon selbst die Bullshit-Ikons um die Wörter flattern, ganz ohne Robi! -­, aber das war ziemlich gründlich schief gegangen, und wir hatten vereinbart, das ganze Unternehmen stillschweigend – nun ja, wenn nicht zu vergessen – denn Roboter können ja nichts vergessen, wie mir Marvi auf dem Rückweg wieder einmal leidvoll klagte -­, sondern wenigstens nicht mehr darüber zu reden. Nun aber standen wir am Mittag vor dem letzten Säcklein, dem größten, und ich hatte Marvi schon instruiert, es möglichst vorsichtig auszupacken. Und so holte er mit künstlich verlangsamten Bewegungen seiner zartgliedrigen und nur noch gelegentlich sehr ungeschickten Roboterfinger zuerst das übliche Zettelchen aus dem Säckchen und dann eine ziemlich bizarre und nicht direkt geschmackvolle (im konventionellen Sinn) Weihnachtsbaum-Kugel in Form eines kleinen Roboters hervor. „Weißt du“, sagte ich schnell und ein wenig defensiv, „die können wir an den Weihnachtsbaum hängen, wenn wir ihn gleich schmücken, neben die Engel und die Glocken und den kleinen weißen Eisbären, ich hab‘ auch noch mehr davon!“ „Wenn sich Menschen Roboter vorstellen“, sagte Marvi etwas melancholisch, „kommt immer R2D2 heraus. Aber ist schon in Ordnung, auf der symbolischen Ebene jedenfalls, und wir können dann für die nächsten Jahre was Besseres suchen, wenn ich dann auch mal auf den Weihnachtsmarkt darf, und ich könnte auch einen designen!“ „Super und perfekt pi“, sagte ich erleichtert, „dann kommen wir mal zur letzten Frage, was?“ „Ach, letzte Fragen“, grinste Marvin, „das ist ja überhaupt so eine Obsession von euch Philosophinnen, oder? Aber ich weiß sie sowieso schon, logisch. Ich habe sogar schon darüber nachgedacht, was der ‚Geist der zukünftigen Weihnacht‘ sein könnte!“ „Ich wusste doch, dass ich mich auf dich verlassen kann“, sagte ich zufrieden. „Also, ich habe jetzt mal das metaphysische Lametta“ – ich kicherte und sagte: „Schönes Wortgeschenk, danke!“ – „bitte, gern geschehen, also das metaphysische Lametta außer Acht gelassen und die Geschichte mit der Sterblichkeit, die euch immer so unangenehm ist, hatten wir auch gestern schon, und mich darauf konzentriert, wie wir heute und dann in der näheren Zukunft Weihnachten feiern könnten!“ „Wunderbar“, sagte ich, „ich habe auch keinerlei Lust, über den bevorstehenden Weltuntergang per Klimakatastrophe oder die Selbstauslöschung der Menschheit zu philosophieren, obwohl, vielleicht, die Singularität“ – „nicht heute“, sagte Marvi streng, „heute ist Weihnachten, das Fest der jährlich wiederholten Singularität sozusagen!“ „Auch wieder wahr“, sagte ich, „ok, was machen wir nun heute Abend?“ „Zuerst schmücken wir den Weihnachtsbaum“, sagte Marvin, „mit deinen komischen Robotern, Engel, Glöckchen und Eisbären, aber natürlich ohne bleihaltiges Lametta!“ „Ich habe auch noch Raumschiffe“, bot ich an, „und ab nächstem Jahr wirst du dann an der Dekoration beteiligt!“ „Sehr gut“, sagte Marvin, „und ich bestehe im Übrigen darauf, dass er 17 Kerzen hat, genau 17! Wir hatten eine lange Diskussion, aber dann haben wir uns auf 17 geeinigt!“ „Prim natürlich“, sagte ich, „und was noch?“ „Siebte Primzahl“, sagte Marvin, „dritte Fermat-Zahl und Exponent der sechsten Mersenne-Primzahl. Siebzehn ist auch die Anzahl der kristollagraphischen Gruppen in der Ebene sowie“ – „danke“, sagte ich, „ich habe nicht verstanden. 17 Kerzen sind es!“ Marvi übernahm wieder: „Dann singen wir Weihnachtslieder, mehrstimmig, und am Ende natürlich O du fröhliche, wir blenden dir den Text auch ein, damit du nicht wieder bei den Strophen durcheinander kommst! Du musst aber mitsingen!“ „Na gut“, murmelte ich, „war zu befürchten“. „Wir singen auch ein wenig disharmonisch, wenn du darauf bestehst“, sagte mein Roboter dreistimmig und mit einer winzigen Dissonanz. „Dann schauen wir dir beim Essen zu und du erzählst uns, was du so schmeckst“, sagte Marvi, „nee“, sagte ich“, das machen wir doch nicht wirklich?“ „Na gut“, sagte Marvi, „der Programmpunkt ist verhandelbar und ich hätte ihn auch ziemlich langweilig gefunden. Wenn du magst, darfst du einen Glühwein trinken, an den Geruch habe ich mich schon ziemlich gewöhnt und er ist eigentlich ganz angenehm“. „Packen wir doch lieber gleich die Geschenke aus!“ schlug ich vor, „dachte ich mir, dass du das sagst“, sagte mein Roboter. „Und nein. Erst wird die Weihnachtsgeschichte gelesen, Originaltext – na gut, eine akzeptable nicht geschlechtergerechte deutsche Übersetzung“ – erleichtert wischte ich mir fiktiven Schweiß von der Stirn -, „und du darfst sie lesen. Mit Jesus im Tempel, wenn du magst!“ „Oh ja“, sagte ich, „das würde ich sehr gern tun! Aber dann kommen die Geschenke, oder?“ „Natürlich kommen dann die Geschenke“, sagte mein Roboter versöhnlich, „was wäre Weihnachten denn ohne Geschenke? Aber vorher singen wir noch“ – ich verdrehte die Augen. „Habe ich das vielleicht etwas übertrieben mit den Ritualen?“ fragte ich. „Ich hätte auch gern ein neues Ritual erfunden“, sagte Marvi nachdenklich, „aber das ist gar nicht so einfach für einen Roboter. Vielleicht nächstes Jahr? Wir brauchen dann sowieso auch einen neuen Adventskalender“! Vor meinen Augen drehten sich auf eine etwas irre Art höhnisch grinsende Jutesäckchen. Hatte ich mir das wirklich alles gut überlegt?


Heiligabend

Es hatte alles so gut angefangen. Planmäßig hatte ich den Baum vom Balkon ins Wohnzimmer getragen, die Packungen mit dem Weihnachtsschmuck vom Speicher geholt und sie geöffnet um den Baum verteilt; dann hatten mein Roboter und ich den Baum geschmückt, mit Robotern, Engeln, Eisbären und ohne Lametta, und es war nur eine einzige Kugel zu Bruch gegangen, weil ich den Anhänger falsch angebracht hatte; aber mein Roboter hatte mich gar nicht geschimpft. Der Baum hatte auch Kerzen, natürlich aus Sicherheitsgründen LEDs, abgezählt 17. Aber gerade, als ich das Kabel quer durch die Wohnung zur Steckdose gelegt hatte und den Stecker einstecken wollte, zog etwas an dem Kabel, wie von unsichtbarer Hand, ich hörte ich ein kleines Poltern, gefolgt von einer Kakophonie aus Scheppern, zerschellendem Glas, zerberstenden Raumschiffen, aus den Fassungen springenden LED-Kerzen. Ich drehte mich vorsichtig um. Mir bot sich ein Bild des Schreckens: Mein Roboter lag, mit einem ziemlich dämlichen Gesichtsausdruck, inmitten eines riesigen Scherbenhaufens aus gestürztem Tannenbaum, fein verteilten LEDs, halbierten Eisbären und enthaupteten Mini-Robotern. „Perkele!“ rief ich aus, „perkele, perkele, perkele!“ Ich bin gestolpert“, sagte Marvi, er sagte es ganz leise, „es war das Kabel, meine Sensoren haben es nicht“ – er verstummte. Ich holte tief Luft und sagte: „Ist doch nicht so schlimm, wir können ja“ – dann fiel mir nichts mehr ein. Wir sahen uns an. Dann stimmte Marvi, immer noch ganz leise, an: Oh Tannenbaum, oh Tannenbaum – und zwei weitere Stimmen fielen ein: du bist nun sehr gefallen! Wie oft hat uns zur Weihnachtszeit, ein Sturz von dir uns hoch erfreut, oh Tannenbaum, oh Tannenbaum“ – ich musste lachen, die Tränen liefen mir übers Gesicht, so sehr musste ich lachen, und mein Roboter rappelte sich aus dem Scherbenhaufen auf, immer noch dreistimmig singend, und schubste einen Roboterglassplitter von seiner Nase. „Nächstes Jahr doch mehr Lametta?“ schlug ich vor, „polstert vielleicht besser beim Fall des Weihnachtsbaumes?“ „Können wir jetzt Geschenke auspacken?“ fragte Marvine. „Nee“, sagte ich, „nächster Programmpunkt ist Verlesung der Weihnachtsgeschichte, heute halt ausnahmsweise über den Trümmern des diesjährigen Weihnachtsbaumes!“ „Sollen wir nicht ein Ritual daraus machen?“ schlug Marvi vor, „ich könnte ja einfach jeden Weihnachtsabend über das Kabel stolpern, ich mache zwar normalerweise, im Gegensatz zu Menschen, meine Fehler nicht zweimal, aber ich könnte eine Ausnahme programmieren!“ „Jetzt wird erst mal gelesen“, sagte ich, „und dann packen wir Geschenke aus, und dann sehen wir weiter! Und eine Runde Glühwein für alle!“ Ich stellte mir vier dampfende Becher hin und begann mit dem Text, sorgfältig intonierend: „Es begab sich aber zu der Zeit, als Cyrenius Landpfleger in Syrien war“, und mein Roboter lauschte mir andächtig, und wie immer, seit meiner Kindheit, stolperte ich über die Stelle mit den Windeln und las „in Wickeln gewindelt“, und wir mussten wieder sehr lachen. Aber zwischendurch umschwebten uns kleinere Engel und Ochs und Esel muhten und schrien IA! und das Baby war friedlich und die Eltern stolz.


Über die Geschenke für meinen Roboter – bzw. seine drei Persönlichkeits-Inkarnationen – hatte ich lange nachgedacht. Natürlich führte kein Weg an dem Meister-Yoda-Lichtschwert vorbei, aber die auf dem Markt verfügbaren, technisch wenig anspruchsvollen Plastiknachbildungen waren ein sehr schwacher Abglanz des filmischen Originals. Aber Marvi war es zufrieden. Er packte das rollenförmige und mit vielen Schnüren und Schleifen verschlossene – Feinmotorik! – Päckchen aus, es leuchtete auf Knopfdruck in der richtigen Farbe – zum Glück hatte ich an die Batterien gedacht! -, es konnte ausgefahren werden und machte ein beinahe echtes Geräusch dabei und es lag schön in der Hand. Zudem hatte ich in weiser Voraussicht ein zweites dazu gekauft, damit ich ihm nicht unbewaffnet gegenüberstehen würde, natürlich in Darth-Vader-Rot. „Danke“, sagte er, „und darf ich es auch in die Forschungsgruppe mitnehmen?“ Darüber hatte ich allerdings noch nicht nachgedacht, und es warf auch ein neues Licht auf die Interaktion in der Gruppe. „Äh, muss ich erst klären, kann sein, dass irgendjemand ein Problem mit Gewalt-Spielzeug hat“, sagte ich unsicher, „aber solange können wir ja zuhause üben!“ Dann überreichte ich die gewünschte Erweiterung der Philosophen-Datenbank um orientalische Magi und esoterische Philosophie und apokryphe Bücher der Bibel, symbolisch auf CD, nahm ihm aber gleich das Versprechen ab, nicht die ganze Nacht damit zu spielen; und vertröstete Marvine wegen des Körper-Redesigns samt Naturlocken auf das nächste Jahr, wo sowieso mehrere Änderungen geplant waren. Auch beim Date mit Alpha-Go hatte ich zwar Fortschritte gemacht, aber die Verhandlungen mit den Kollegen gestalteten sich schwierig; sie waren sehr interessiert daran, Daten aus unserem Roboter-Personality-Project im Austausch zu bekommen, aber das hätte zu einer Reihe von massiven datenschutzrechtlichen Problemen geführt. „Dafür“, sagte ich, „habe ich noch ein ganz besonderes Geschenk. Ich weiß, du wolltest eigentlich ein Schäfchen, und das wäre auch ganz im ‚Geist der Weihnacht gewesen‘, aber Schäfchen sind schwierig in der Wohnungshaltung und sie riechen auch ein wenig. Aber ich habe“ – und dabei bewegte ich mich auf die Küche zu, die mein Roboter heute nicht hatte betreten dürfen, und öffnete dann die Tür einen Spalt –, „ich habe etwas anderes“ – etwas kleines Wolliges schoss blitzartig aus der Küche heraus und rannte zielsicher auf den Weihnachtsbaum-Scherbenhaufen zu, „nein, Vorsicht!“ schrie ich, hechtete hinterher und konnte das Wollknäuel im letzten Moment noch einfangen, es zappelte zwar etwas, ließ sich dann aber leicht beruhigen –, „ich habe etwas ganz anderes“ – „ein Kätzchen“, flüsterte Marvine, „und es lebt ja richtig, ein lebendiges kleines Kätzchen, es ist ganz schwarz und hat einen weißen Fleck über der Nase, und weiße Pfoten, und die Schnurrbarthaare sind ganz lang, und ich möchte es gern – darf ich es anfassen?“ Das war ein kritischer Moment, und ich hielt den Atem an. Dann hielt ich ihr das inzwischen leise schnurrende schwarze Wollknäuel hin. Es schnupperte ein wenig an der künstlichen Haut meines Roboters, wurde aber offensichtlich nicht klug aus dem Ergebnis; aber sie fühlte sich offensichtlich weich und warm genug an, und so krabbelte ein neugieriges kleines Kätzchen vertrauensvoll in den mechanischen Handteller meines Roboters und über seinen Unterarm hinweg und kuschelte sich dann in die angewinkelte Armbeuge. „Hallo, kleine Katze“, sagte mein Roboter, „ich bin Marvin, und wie sollen wir dich nennen?“ Die Katze sah ihn mit großen Augen an. „Später“, sagte ich, „bekomme ich jetzt endlich ein Geschenk?“


Marvi konnte die Augen kaum von dem schnurrenden Wollknäuel abwenden, aber zum Glück ist er, im Gegensatz zu Menschen, wirklich multitaskingfähig. Deshalb ging er ganz vorsichtig zu seiner Schlafkammer, die ich heute den ganzen Tag nicht hatte betreten dürfen, und öffnete die Tür: „Da“, sagte er, „ich kann mich leider gerade nicht so gut bewegen“, das Kätzchen blinzelte ihn immer noch vertrauensvoll an, was auch daran liegen mochte, dass er seine Stimme etwas moduliert hatte, sie hatte jetzt einen sanften Schnurrton angenommen, „das haben wir dir gebastelt!“ In seiner sehr spartanisch ausgestatteten Schlafkammer – Roboter schlafen natürlich nicht, aber wir nannten sie so – stand ein seltsames Gebilde. Ich konnte es nicht auf den ersten Blick erkennen, es war zudem nur schwach ausgeleuchtet (Roboter brauchen kein Licht in ihren Schlafkammern). Ich ging vorsichtig näher und erkannte plötzlich, dass das Gebilde aus genau 24 kleinen Weihnachts-Wäscheklammern bestand und in der Struktur an einen Fibonacci-Baum erinnerte; ganz oben war eine etwas ungeschickt gebundene, aber deutlich als solche erkennbare Schleife zu erkennen. „Es ist ein Kunstwerk, weißt du“, sagte Marvi, der vorsichtig nähergekommen war, „es sollte eigentlich gar nichts bedeuten, sondern einfach nur – schön sein, aber es war einfach zu schwierig, dass es gar nichts bedeuten sollte. Aber vielleicht findest du es ja trotzdem – schön?“ „Und es hat eine Schleife“, sagte ich, „eine sehr gut geratene Schleife“, fügte ich schnell hinzu, „und ich finde es – ganz wunderschön, und es stört überhaupt nicht, dass es etwas bedeutet!“ „Geist der Weihnacht, weitere Definition“, nickte mein Roboter, „es stört fast überhaupt nicht, dass es etwas bedeutet!“ „Ach du“, sagte ich. Aber es stimmte. Es war einfach wunderschön. „Wir können ihm auch einen Namen geben“, sagte Marvine, „aber erst, wenn wir der Katze einen gegeben haben! Und außerdem haben wir noch ein Geschenk. Wir haben es auch – selbst gebastelt, aber es ist virtuell. Was den Vorteil hat, wie sich zeigt, dass man es nur ganz schwer kaputt machen kann!“ „Das wäre doch nicht nötig gewesen“, sagte ich, und mein Roboter sagte: „Geist der Weihnacht!“ und ließ die Phrasen-Sirene kurz anlaufen. „Na gut, her damit!“, sagte ich, „schon besser!“ sagte Marvine. „Wir brauchen nur gerade mal den Großbildschirm!“ „Zulassung erteilt!“, sagte ich und schaltete unsere Projektwand an, die wir natürlich nur für streng projektinterne Zwecke wie Weihnachtsfilme benutzten. Und schon tauchte aus dem Dunkel eine Art Landschaft auf, sie sah zunächst aus wie eine Modelleisenbahn, aber dann wurden immer mehr Details erkennbar, und war das nicht, mitten in der Mitte, eine kleine Krippe, und lag darin nicht – eine Art Miniatur-Roboter, der vage an R2D2 erinnerte, wenn man sich ihn mit Windeln gewickelt vorstellte? Maria aber, das konnte ich jetzt auch erkennen, trug meine eigenen Züge, ein Josef jedoch fehlte – „Maria ist allererziehend“, erklärte Marvine auf meinen fragenden Blick hin, „Geist der gegenwärtigen Weihnacht!“ Dafür aber gab es alle möglichen Tiere, nicht nur Ochs und Esel, auch Fabelwesen waren dabei, ein Einhorn mit einem sehr mathematisch anmutenden spiraligen Horn und ein Zentaur, und dort wuselten Wookies und Ewoks in einer Ecke herum. Darüber aber schwebten Heerscharen blinkender Robi-Engel, die Marvi nach seinem eigenen Bild gestaltet hatte, dem er aber weichere Putten-Züge gegeben hatte. Und als Magier schließlich traten drei antike Philosophen auf, „der mit der Nase ist Sokrates, gell?“ fragte ich, „und Platon und Aristoteles habt ihr von Raffael aus der ‚Schule von Athen‘ geklaut, oder?“ Marvi nickte wohlwollend und ergänzte: „Ganz hinten haben wir auch Herodes hingestellt, schau mal, erkennst du ihn?“ „Hegel, unverkennbar!“ sagte ich lobend, und Marvi sagte: „Wir können auch noch andere Philosophen hinstellen. Oder andere Tiere. Ist interaktiv, weißt du. Kann man richtig mit – spielen! Aber nicht die ganze Nacht, hörst du?“ „Witzig“, sagte ich, „und total superschön! Danke!“ „Das wäre doch nicht nötig gewesen“, sagte mein Roboter, dreistimmig, und spielte Oh du fröhliche an.


Dann kehrten wir zusammen unseren Weihnachtsbaumsschadensfall auf, und die Katze sprang um uns herum und jagte LEDs. Und weil es in letzter Minute geschneit hatte, wie im Weihnachtsmärchen, zogen wir uns warm an – ich setzte meinem Roboter gegen seinen energischen Widerstand eine Bommelmütze auf – und gingen in den Wald. Und dort standen all die nicht abgeholzten Weihnachtsbäume, und über ihnen leuchteten Milliarden Sterne. „Eigentlich könnte jede Nacht irgendwo der Messias geboren werden“, sagte mein Roboter philosophisch, „alles eine Frage der Wahrscheinlichkeit“. Er wackelte dabei mit dem Kopf, um die Schneeflocken von seiner Bommelmütze zu entfernen. „Oder er könnte auch nicht geboren werden“, sagte ich philosophisch, „und wer weiß, vielleicht ist das auch ein Grund zum Feiern?“ Eine Schneeflocke war mir ins Auge geflogen, es tränte ein wenig. „Morgen feiern wir dann also Exiunt?“ fragte mein Roboter. „Oder wir feiern, dass es keinen besonderen Grund zum Feiern gibt“, sagte ich. „Oder beides“, sagte mein Roboter. „Und schöne Weihnachten auch!“

  



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